Tristan Harris
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Was heißt es, seine Zeit sinnvoll zu nutzen? Ich verbringe viel Zeit mit Nachdenken darüber, wie ich meine Zeit nutzen sollte. Wahrscheinlich zu viel — fast zwanghaft. Das denken jedenfalls meine Freunde. Aber ich denke, dass ich das muss. Denn es scheint mir, dass meine Zeit gerade oft einfach verrinnt und dass damit auch Teile meines Lebens einfach verrinnen.

Das gilt besonders für kurze Zeitabschnitte, die für sowas draufgehen: Technologie — ich schaue Sachen nach. Ein Beispiel: Wenn diese E-Mail aufblinkt ... Wie viele von Ihnen haben schon solch eine E-Mail erhalten? Ich wurde auf einem Foto markiert. Wenn das hier angezeigt wird, dann muss ich es einfach sofort anklicken. Denn was, wenn ich schrecklich darauf aussehe? Ich muss es also sofort anklicken. Aber ich klicke nicht nur auf "Ansehen". Eigentlich entscheidet der Klick über die nächsten 20 Minuten. (Lachen)

Das Schlimmste ist aber: Ich weiß, dass das passieren wird. Doch auch dieses Wissen hält mich davon nicht ab, immer wieder das Gleiche zu tun. Oder diese Situation: Ich rufe Mails ab und scrolle zur Aktualisierung nach unten. Das Problem ist: Nach 60 Sekunden scrolle ich wieder nach unten. Warum? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

Aber ich verrate Ihnen, warum das so ist. Was meinen Sie, was in den USA mehr einbringt als Filme, Freizeitparks und Baseball zusammen? Spielautomaten. Wie können die so viel einbringen, obwohl mit wenig Geld gespielt wird? Wir spielen mit Münzen. Wie ist das möglich? Es ist so: Mein Handy ist ein Spielautomat. Immer wenn ich auf mein Handy schaue, spiele ich, um zu sehen, was für mich drin ist. Was kriege ich? Jedes Mal, wenn ich Mails abrufe, spiele ich am Automaten und denke: "Was kriege ich"? Wann immer ich Schlagzeilen durchscrolle, spiele ich am Automaten, um zu sehen, was ich als Nächstes kriege. Und das Problem ist: Ich weiß als Designer auch hier genau, wie das funktioniert. Ich kenne die Psychologie dahinter. Mir ist das alles bewusst, aber ich habe keine Wahl, ich werde trotzdem da hineingezogen.

Was also machen wir? Bei Technologie bleibt uns nur die Wahl zwischen "Alles" oder "Nichts". Entweder alles: Man ist immer vernetzt und abgelenkt. Oder nichts. Aber dann fragt man sich: Verpasse ich etwas Wichtiges? Mit anderen Worten, man ist entweder abgelenkt oder in Sorge, etwas zu verpassen. Oder nicht?

Wir müssen wieder echte Wahlmöglichkeiten einführen. Wir wollen Technologie so, dass wir Entscheidungen über unsere Zeit damit treffen können. Und da brauchen wir Hilfe von Designern, denn das alles zu wissen, hilft nicht. Design muss uns helfen. Wie würde das aussehen?

Ein Beispiel, das wir alle kennen: Chat, Kurznachrichten. Nehmen wir zwei Leute. Nancy links arbeitet an einem Dokument. John ist hier rechts. Plötzlich fällt John ein: "Ich muss Nancy um das Dokument bitten, bevor ich es vergesse." Er schreibt sie also an, und ihre Konzentration ist dahin.

Das machen wir alle ständig: Konzentration zunichtemachen — immer wieder. Und das hat ernsthafte Folgen. Denn jedes Mal, wenn wir unterbrochen werden, braucht es im Durchschnitt 23 Minuten, bis wir wieder konzentriert sind. Wir gehen zwei verschiedene Projekte durch, bis wir wieder bei der eigentlichen Aufgabe sind. Forschung von Gloria Mark und Microsoft hat das ergeben. Ihre Forschung zeigt auch, dass es zu schlechten Gewohnheiten kommt. Je mehr Unterbrechungen von außen kommen, desto mehr unterbrechen wir uns auch selbst. Das passiert alle 3,5 Minuten.

Das ist Wahnsinn. Was tun wir dagegen? Nancy und John haben nur die Alles-oder-Nichts-Wahl. Nancy würde gerne offline gehen, aber sie macht sich Sorgen: Was, wenn ich etwas Wichtiges verpasse?

Mit Design lässt sich das Problem lösen. Sagen wir, Nancy ist wieder links, John rechts. John fällt ein: "Ich muss Nancy [um das Dokument bitten]." Nur diesmal gibt Nancy an, dass sie sich konzentriert. Sagen wir, sie schreibt in ein Feld: "Ich will mich 30 Min. konzentrieren" und - zack - Konzentration. Wenn John ihr nun schreiben will, dann kann er das gleich erledigen, denn das muss er, er denkt gerade daran, er muss es erledigen, bevor er es vergisst. Nur diesmal wird die Nachricht zurückgehalten, damit Nancy sich konzentrieren kann. John kann es aber trotzdem erledigen.

Das funktioniert aber nur unter einer Bedingung. Nancy muss Bescheid bekommen, wenn etwas wirklich wichtig ist. Dann kann John sie unterbrechen. Statt ständiger zufälliger oder gedankenloser Unterbrechungen schaffen wir nun bewusste Unterbrechungen.

Wir tun also zweierlei: Wir schaffen Wahlmöglichkeiten für Nancy und auch John. Aber es gibt noch eine zweite, unauffällige Kleinigkeit. Wir ändern die Frage, die wir beantworten. Das Ziel der Nachrichten ist nicht mehr: "Auslegung auf einfaches Versenden von Nachrichten" Das ist bis jetzt das Ziel: Es soll sehr einfach sein, jemanden zu kontaktieren. Wir machen das Ziel tiefgründiger und menschlicher: "Auslegung auf bestmögliche Qualität der Kommunikation", in der Beziehung zwischen zwei Menschen. Wir haben das Ziel also verbessert.

Interessieren sich Designer für all das? Wollen wir darüber sprechen, was tiefere, menschlichere Ziele sind? Dazu eine Geschichte: Vor gut einem Jahr durfte ich ein Treffen mitorganisieren. Es kamen führende Technologiedesigner und Thich Nhat Hanh. Letzterer ist internationaler Vertreter der Achtsamkeitsmeditation. Das Treffen war unglaublich. Stellen Sie sich einen Raum vor: auf der einen Seite Technologie-Nerds auf der anderen Seite lange braune Kutten, rasierte Köpfe — buddhistische Mönche. Die Fragen drehten sich um die wichtigsten menschlichen Werte. Wie sieht die Zukunft der Technologie aus, wenn man sie auf die tiefgründigsten Fragen auslegt, auf menschliche Grundwerte? Das Gespräch ging darum, sich genauer darauf zu konzentrieren, was diese Werte sein könnten. Er machte dabei einen Witz: Statt Rechtschreibprüfung könnte man eine "Mitgefühlsprüfung" machen. Man könnte Wörter markieren, die als grob aufgefasst werden könnten.

Gibt es diese Art von Gespräch wirklich, nicht nur bei Design-Meetings? Die Antwort lautet: Ja. Eines meiner Lieblingsbeispiele dafür ist Couchsurfing. Falls Sie das nicht kennen: Es ist eine Website, die Leute zusammenbringt, die eine Unterkunft suchen, auf einer freien Couch, bei jemandem, der sie anbietet.

Ein tolles Angebot also — was ist wohl das Ziel dahinter? Mit welchem Ziel geht man vor, wenn man bei Couchsurfing arbeitet? Man denkt erst, es geht darum, Gäste zu Gastgebern zu bringen. Oder nicht? Das ist ein gutes Ziel. Aber das wäre wie das erste Ziel von vorhin, wo es nur um das Versenden von Nachrichten ging.

Was ist das tiefere, menschliche Ziel? Sie setzen sich das Ziel, nachhaltige, positive Erfahrungen und Beziehungen zu schaffen, und das zwischen Unbekannten. Das Beste daran kam 2007: Eine Möglichkeit, das zu messen. Das ist unglaublich. Ich erkläre es Ihnen. Bei jedem Design-Ziel braucht man eine entsprechende Maßeinheit, um die Leistung zu beurteilen, um den Erfolg zu messen. Sie machen das so: Zwei Menschen treffen sich. Dann nehmen sie die gemeinsam verbrachten Tage und schätzen die Stunden: Wie viele Stunden hatten die zwei Menschen zusammen? Und nach dieser gemeinsamen Zeit werden beide gefragt: Wie positiv war die Erfahrung? Hatten Sie gute Erfahrungen mit diesem Menschen? Von den positiven Stunden wird die Zeit abgezogen, die auf der Website verbracht wurde. Denn das ist eine zeitliche Investition für die Leute. Warum sollte das als Erfolg zählen? Was dann bleibt, nennen wir "gesteuertes Nettobeisammensein", oder einfach das Netto der geschaffenen "Guten Zeit" — die Nettostunden, die es ohne Couchsurfing nie gegeben hätte.

Können Sie sich vorstellen, wie inspirierend es wäre, auf der Arbeit Erfolg in Form der Nettostunden im Leben der Menschen, die positiv sind und die es ohne Ihre tägliche Arbeit nie gegeben hätte, zu messen? Können Sie sich eine Welt vorstellen, die so funktionieren würde?

Können Sie sich ein soziales Netzwerk vorstellen, das — sagen wir beim Kochen — Erfolg misst, nach Abenden, die organisiert wurden, und nach Kochartikeln, die Sie gerne gelesen haben und davon die Artikel abzieht, die Sie bereut haben, oder die Zeit, die Sie verscrollt haben? Stellen Sie sich ein Berufsnetzwerk vor, das den Erfolg nicht über geschaffene Verbindungen misst oder über versendete Nachrichten, sondern über Stellenangebote, über die die Menschen sich freuten. Davon abgezogen wird die Zeit, die auf der Website verbracht wurde. Stellen Sie sich eine Partnerbörse vor, Tinder oder Ähnliches, wo nicht das Durchklicken gemessen wird — so ist es heute — sondern tiefe, romantische, erfüllende Verbindungen zwischen Menschen — was immer diese darunter verstehen.

Können Sie sich eine Welt vorstellen, die so funktionieren würde, die Ihnen hilft, Ihre Zeit sinnvoller zu nutzen? Dafür wäre auch ein neues System nötig. Sie denken wahrscheinlich, die Internetwirtschaft heute, allgemein die Wirtschaft heute, wird in Zeit gemessen. Je mehr Nutzer, desto mehr Nutzung, desto mehr Zeit, so wird Erfolg gemessen.

Aber dieses Problem haben wir schon gelöst — mit Bio-Produkten. Wir beschlossen, Dinge anders zu bewerten. Es ist eine andere Art von Lebensmitteln, deshalb reicht Preisvergleich nicht. Es ist eine andere Kategorie. Das LEED-Zertifikat war eine Lösung. Da sagten wir: Es ist eine andere Art von Gebäude, die für andere Werte steht, die der Nachhaltigkeit.

Was, wenn wir so etwas für Technologie hätten — etwas, dessen Sinn und Zweck es ist, positive Nettobeiträge zu menschlichem Leben zu fördern, und wenn wir das anders wertschätzen könnten, damit das funktioniert? Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Premium-Regal in App-Stores; Browser, die Sie zu solchen Produkten leiten. Können Sie sich vorstellen, wie aufregend es wäre, solch eine Welt zu schaffen?

Wir können solch eine Welt heute schaffen. An die Führungskräfte: Sie müssen nur ... Nur Sie können einem neuen System Priorität beimessen — ein Messsystem für positive Nettobeiträge für menschliches Leben — und ehrliche Gespräche dazu führen. Das funktioniert vielleicht nicht sofort, aber beginnen wir mit den Gesprächen.

An die Designer: Sie können Erfolg und Design neu definieren. Sie haben vielleicht mehr Macht als viele Leute in Ihrer Organisation, Wahlmöglichkeiten zu schaffen, die uns alle leiten und lenken — vielleicht wie in der Medizin mit dem hippokratischen Eid, der die Verantwortung und Anerkennung, gegenüber dem Patienten ausdrückt. Was, wenn Designer so etwas hätten, was dieses neue Design betrifft?

Und an uns Nutzer: Wir können fordern, dass Technologie so funktioniert. Das scheint vielleicht schwierig. Aber bei McDonalds gab es keinen Salat, bis die Nachfrage da war. Bei Walmart gab es keine Bio-Lebensmittel, bis die Nachfrage da war. Wir müssen diese neue Art von Technologie fordern. Und das können wir. Wenn wir das machen, verwandelt sich die Welt, die nur regiert wird, durch Zeit, die verrinnt, in eine Welt, die durch sinnvoll genutzte Zeit regiert wird.

In so einer Welt will ich leben, und ich möchte dieses Gespräch führen. Beginnen wir jetzt damit.

Danke.

(Beifall)