Enrique Peñalosa
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Mobilität ist eine ganz besondere Herausforderung in den großen Städten der Entwicklungsländer, da sie, im Gegensatz zum Gesundheitswesen, dem Bildungswesen oder der Wohnungssituation, eher schlechter wird, wenn die Gesellschaft reicher wird. Dieses Model ist ganz eindeutig nicht nachhaltig. Wie die meisten Probleme in Entwicklungsländern ist Mobilität keine Frage des Geldes oder der Technologie, sondern der Gleichstellung, der Gerechtigkeit. Auf Grund der großen Ungleichheit in Entwicklungsländern ist es zum Beispiel schwer zu erkennen, dass im Hinblick auf das Transportwesen nicht die Stadt weit entwickelt ist, in der sogar die armen Menschen Autos fahren, sondern die, in der sogar die Reichen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Oder Fahrräder: In Amsterdam zum Beispiel benutzen mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Fahrräder, obwohl die Niederlande ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als die Vereinigten Staaten haben. In den Städten der Entwicklungsländer herrscht ein Konflikt um Geld, um Subventionen von der Regierung. Wenn mehr Geld in Autobahnen investiert wird, steht natürlich weniger Geld für Wohnungsbau, Schulen und Krankenhäuser zur Verfügung. Es gibt auch einen Konflikt um Raum. Es gibt Konflikte um Raum zwischen denen, die ein Auto haben und denen, die keines haben. Die meisten von uns akzeptieren heute, dass Privateigentum und Marktwirtschaft die beste Möglichkeit darstellen, um die meisten Ressourcen unserer Gesellschaft zu verwalten. Das Problem hierbei ist jedoch, dass in einer Marktwirtschaft eine ungleiche Einkommensverteilung herrschen muss, damit sie funktioniert. Manche Menschen müssen mehr, andere weniger verdienen. Manche Unternehmen sind erfolgreich. Andere gehen bankrott. Mit welcher Art von Gleichstellung können wir also heute in einer Marktwirtschaft rechnen?

Ich denke, es sind zwei Arten, die beide viel mit Städten zu tun haben. Die erste Art ist Gleichstellung im Hinblick auf die Lebensqualität, vor allem für Kinder. Alle Kinder sollten, abgesehen von Zugang zu offensichtlichen Dingen wie Gesundheitsvorsorge und Bildung, die Möglichkeit haben, Grünflächen, Sportplätze und Schwimmbäder zu nutzen oder Musikunterricht zu erhalten. Die zweite Art der Gleichstellung könnte man als "demokratische Gleichstellung" bezeichnen. Der erste Absatz in jeder Verfassung lautet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Das ist nicht nur Poesie, sondern ein Prinzip mit viel Potential. Wenn es wahr ist, müsste etwa ein Bus mit 80 Fahrgästen auch das Recht auf 80 Mal so viel Platz auf der Straße haben, wie ein Auto mit nur einer Person darin.

Wir sind so sehr an Ungerechtigkeit gewöhnt, dass wir sie manchmal nicht sehen, obwohl sie sich genau vor unserer Nase befindet. Vor noch nicht einmal hundert Jahren durften Frauen nicht wählen und es schien ganz normal. Genau so normal wie es heute ist, einen Bus im Straßenverkehr zu sehen. Als ich Bürgermeister wurde und das demokratische Prinzip umsetzte, dass das Wohl vieler wichtiger ist als die Interessen eines Einzelnen, dass ein Bus mit 100 Menschen auch das Recht auf hundert Mal so viel Platz auf der Straße hat wie ein Auto, haben wir ein Massentransportsystem eingeführt, das darauf basiert, dass Busse eigene Spuren haben. Wir nannten das System TransMilenio, damit es mehr Sexappeal hat. Es ist auch ein wunderbares Zeichen der Demokratie, wenn Busse an teuren Autos vorbei fahren, die im Verkehr feststecken. Es stellt die Demokratie auf beinahe bildliche Weise dar. Es geht hier auch nicht nur um Gleichstellung. Man braucht dazu keinen Doktortitel. Ein Komitee aus 12-Jährigen würde in zwanzig Minuten darauf kommen, dass der begrenzte Raum auf Straßen am effizientesten mit Busspuren genutzt wird. Busse sind nicht sexy, aber sie sind die einzige Möglichkeit, Massenbeförderung in allen Bereichen der schnell wachsenden und sich schnell entwickelnden Städte einzuführen. Außerdem haben sie ein großes Fassungsvermögen. Z. B. das Bussystem in Guangzhou befördert zu einem Bruchteil der Kosten mehr Fahrgäste als alle U-Bahnlinien in China, abgesehen von einer Linie in Peking.

Wir haben nicht nur um Platz für Busse gekämpft, sondern auch um Platz für Menschen, und das erwies sich als noch schwieriger. Städte sind der Lebensraum der Menschen, und wir Menschen sind Fußgänger. So wie Fische schwimmen, Vögel fliegen oder Hirsche springen müssen, so müssen wir laufen. Es gibt einen wirklich großen Konflikt, wenn wir über Städte in Entwicklungsländern sprechen, und zwar zwischen Fußgängern und Autos. Hier sehen Sie ein Bild von unzureichender Demokratie. Diese Bild zeigt, dass Fußgänger Bürger dritter Klasse sind, wohingegen diejenigen in Autos Bürger erster Klasse sind. Im Hinblick auf die Transportinfrastruktur sind es nicht Autobahnen oder U-Bahnen, die den Unterschied zwischen fortgeschrittenen und rückständigen Städten ausmachen, sondern gute Bürgersteige. Hier wurde eine Überführung gebaut, die wahrscheinlich recht nutzlos ist, und sie haben den Bürgersteig vergessen. Dies ist auf der ganzen Welt der Fall. Nicht einmal Schulkinder sind wichtiger als Autos.

In meiner Stadt, Bogotá, haben wir einen schweren Kampf ausgefochten. Wir wollten den Platz von Autos beschränken, die seit Jahrzehnten auf den Bürgersteigen geparkt hatten, wir wollten Menschen den Raum schaffen, der die Würde des menschlichen Daseins reflektiert, und zugleich auch geschützte Fahrradwege bauen. Lassen Sie mich zuerst sagen, dass ich davor schwarze Haare hatte. (Gelächter) Außerdem wurde ich während dieses Vorhabens beinahe abgesetzt. Es war ein sehr schwieriger Kampf. Doch nach einem schweren Kampf gelang es uns schließlich, eine Stadt zu gestalten, die Respekt für die menschliche Würde widerspiegelt, die zeigt, dass Fußgänger genau so wichtig sind wie diejenigen, die Autos haben. In der Tat ist es überall eine wichtige ideologische und politische Aufgabe, die wichtigste Ressource einer Stadt zu verteilen: den Platz auf der Straße. Man könnte unter einer Stadt Öl oder Diamanten finden, und das wäre immer noch nicht so wertvoll wie der Platz auf der Straße. Wie teilt man diesen Platz also zwischen Fußgängern, Fahrrädern, öffentlichen Verkehrsmitteln und Autos auf? Es geht hier nicht um ein technologisches Problem und wir sollten immer daran denken, dass in keiner Verfassung das Recht auf einen Parkplatz verankert ist, wenn wir diese Aufteilung vornehmen.

Vor 15 Jahren, als es noch keine Fahrradwege in New York, Paris oder London gab, haben wir bereits 350 Kilometer geschützte Fahrradwege gebaut und auch das war ein schwieriger Kampf. Ich denke, dass geschützte Radwege nicht einfach nur eine nette architektonische Besonderheit sind. Sie sind ein Recht, genau so wie Gehwege, es sei denn, man ist der Meinung, dass nur motorisierte Menschen ein Recht auf sichere Fortbewegung haben, ohne das Risiko, getötet zu werden. Und genau so wie Busspuren, so sind auch geschützte Fahrradwege ein eindeutiges Zeichen für Demokratie, denn sie zeigen, dass ein Bürger auf einem 30-Dollar-Fahrrad genau so wichtig ist wie ein Bürger in einem 30.000-Dollar-Auto.

Wir befinden uns an einem einzigartigen Zeitpunkt in der Geschichte. In den nächsten 50 Jahren wird die Hälfte der Städte gebaut, die es im Jahr 2060 geben wird. In vielen Städten in den Entwicklungsländern werden innerhalb der nächsten fünf Jahrzehnte mehr als 80 oder 90 Prozent der Städte gebaut, die auch noch 2060 existieren werden.

Doch dies ist nicht nur der Fall in den Städten der Entwicklungsländer. In den Vereinigten Staaten müssen zum Beispiel in den nächsten 40 bis 50 Jahren über 70 Millionen neue Unterkünfte gebaut werden. Das sind mehr Häuser, als es heute in Großbritannien, Frankreich und Kanada zusammen gibt Außerdem bin ich der Meinung, dass unsere heutigen Städte ernstzunehmende Fehler haben und dass andere und bessere Städte gebaut werden könnten.

Was stimmt nicht mit unseren heutigen Städten? Nun ja, wenn wir heute in einer beliebigen Stadt einem dreijährigen Kind, das gerade das Sprechen lernt, sagen: "Achtung, Auto!", dann wird das Kind erschrecken und zwar aus gutem Grund, denn jedes Jahr werden weltweit mehr als 10 000 Kinder von Autos getötet. Seit 8000 Jahren gibt es Städte und Kinder konnten einfach rausgehen und spielen. Tatsächlich ist es so, dass es vor kurzem, um 1900, noch keine Autos gab. Autos gibt es erst seit weniger als hundert Jahren. Sie haben die Städte komplett verändert. Im Jahr 1900 wurde zum Beispiel in den Vereinigten Staaten niemand von Autos getötet. Nur 20 Jahre später, zwischen 1920 und 1930, wurden in den Vereinigten Staaten fast 200 000 Menschen von Autos getötet. 1925 allein wurden beinahe 7000 Kinder in den Vereinigten Staaten von Autos getötet. Wir könnten also andere Städte bauen. Städte, in denen Menschen wichtiger sind als Autos, in denen Menschen mehr Platz zugestanden wird als Autos, Städte, die den verwundbarsten Bürgern, wie etwa Kindern und älteren Leuten, großen Respekt zollen.

Ich werde Ihnen ein paar Dinge vorschlagen, die meiner Ansicht nach Städte viel besser machen würden und die in den neuen Städten, die jetzt gerade erst geschaffen werden, sehr leicht einzuführen wären. Hunderte Kilometer an sogenannten Greenways, die kreuz und quer in alle Richtungen durch die Städte führen. Kinder, die raus in eine sichere Umgebung gehen. Sie könnten Dutzende Kilometer auf diesen ungefährlichen, wunderbaren Wegen gehen, die eine Art Fahrradstraße darstellen. Bitte stellen Sie sich Folgendes vor: Eine Stadt, in der jede zweite Straße nur für Fußgänger und Fahrradfahrer ist. In den Städten, die neu gebaut werden, wäre dies nicht besonders schwer. Während meiner Zeit als Bürgermeister von Bogotá schafften wir es in nur drei Jahren, 70 km an Fahrradstraßen zu bauen, und das in einer der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt. Und dies verändert die Art und Weise, wie die Menschen leben, sich bewegen, die Stadt genießen. Auf diesem Bild sehen Sie eine sehr arme Gegend, wo es einen großartigen Fußgänger- und Fahrradweg gibt und die Autos noch immer im Schlamm stehen. Natürlich würde ich diese Straße gern für Autos asphaltieren. Doch was kommt zuerst? 99 Prozent der Menschen dort haben kein Auto. Aber sehen Sie, wenn eine Stadt gerade erst gebaut wird, dann ist es sehr einfach, diese Art Infrastruktur mit einzubauen. Die Stadt wächst um sie herum. Natürlich ist dies nur ein kleiner Einblick in etwas, das noch sehr viel besser sein könnte, wenn wir es nur erschaffen, und es verändert die Lebensweise.

Die zweite Zutat, die das Problem der Mobilität lösen würde, das vor allem in Entwicklungsländern eine große Herausforderung ist, ist sehr günstig und einfach: Der Bau von Hunderten an Kilometern von Busspuren. Busse und Fahrräder und Fußgänger. Auch dies wäre eine sehr kostengünstige Lösung, wenn es von Anfang an durchgeführt würde. Eine günstige, angenehme Transportmöglichkeit mit natürlichem Sonnenlicht.

Doch leider ist die Realität nicht so schön wie meine Träume. Durch privaten Grundbesitz und hohe Grundstückspreise haben alle Städte in den Entwicklungsländern viele Elendsviertel. In meinem Land, Kolumbien, waren beinahe die Hälfte aller Häuser in der Stadt anfangs illegale Siedlungen. Natürlich ist es sehr schwierig, in solchen Gegenden Massenbeförderung einzusetzen oder Fahrräder zu benutzen. Doch selbst die legalen Siedlungen wurden an den falschen Orten gebaut, nämlich sehr weit weg von den Stadtzentren, was es unmöglich macht, regelmäßig günstige, öffentliche Transportmittel bereit zu stellen. Lateinamerika ist die Region, die als letztes umstrukturiert wurde, und als Lateinamerikaner empfehle ich den Ländern, die noch urbanisiert werden, voller Respekt und Leidenschaft — 1950 war Lateinamerika zu 40 Prozent, 2010 zu 80 Prozent urbanisiert — ich würde den Regierungen der asiatischen und afrikanischen Länder, die erst noch urbanisiert werden, wie zum Beispiel Indien, das nur zu 33 % urbanisiert ist, raten, alles Land um die Städte herum aufzukaufen. So könnten die Städte an den richtigen Stellen wachsen mit den richtigen Raumaufteilungen, mit den Parkanlagen, mit den Greenways, mit den Busspuren.

Die Städte, die wir in den nächsten 50 Jahren bauen, werden in der Zukunft für die Lebensqualität und sogar das Glück von Milliarden von Menschen ausschlaggebend sein. Was für eine großartige Gelegenheit für jetzige und zukünftige Führungskräfte, vor allem in den Entwicklungsländern. Sie können in der Zukunft für Milliarden Menschen ein besseres Leben schaffen. Ich bin mir sicher und sehr optimistisch, dass sie bessere Städte bauen werden, als wir es uns in unseren wildesten Träumen vorstellen können.

(Applaus)