Lera Boroditsky
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Ich spreche zu Ihnen mithilfe von Sprache, weil ich das kann. Das ist eine dieser magischen Fähigkeiten, die wir Menschen besitzen. Wir können sehr komplizierte Gedanken miteinander austauschen. Jetzt gerade bilde ich Laute mithilfe meines Mundes, während ich ausatme. Ich erzeuge verschiedenste Töne, die Schwingungen in der Luft verursachen. Diese Luftschwingungen wandern zu Ihnen, treffen auf Ihre Trommelfelle, und Ihr Gehirn wandelt die Vibrationen in Ihrem Trommelfell in Gedanken um. Hoffentlich.

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Ich hoffe, das passiert. Aufgrund dieser Fähigkeit sind wir Menschen in der Lage, unsere Ideen über weite Strecken von Raum und Zeit zu schicken. Wir können Wissen von einem Geist zum anderen übermitteln. Ich kann Ihnen jetzt eine bizarre Idee in den Kopf setzen. Ich könnte sagen: "Stellen Sie sich eine Qualle vor, die durch eine Bibliothek tanzt und über Quantenmechanik nachdenkt."

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Wenn in Ihrem Leben bisher alles normal gelaufen ist, hatten Sie diesen Gedanken wohl noch nicht.

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Aber jetzt habe ich Sie darauf gebracht, und zwar durch Sprache.

Natürlich gibt es nicht nur eine, sondern weltweit etwa 7.000 Sprachen. Sie alle unterscheiden sich voneinander auf vielerlei Art und Weisen. Manche Sprachen haben unterschiedliche Laute, unterschiedliches Vokabular oder auch eigene Strukturen, ganz wichtig, eigene Strukturen. Da fragt man sich doch: Formt unsere Sprache unser Denken? Das ist eine uralte Frage. Menschen spekulieren darüber schon ewig. Der römisch-deutsche Kaiser Karl der Große sagte: "Eine zweite Sprache zu haben ist wie eine zweite Seele zu haben." Das heißt ganz klar: Sprache bildet Realität. Andererseits ließ Shakespeare seine Julia sagen: "Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften." Also bildet Sprache vielleicht doch nicht die Realität.

So ging das jahrtausendelang hin und her. Aber bisher gab es dazu keine Daten, die uns bei der Entscheidung halfen. Seit Kurzem forschen mein Institut und andere Institute weltweit daran. Jetzt haben wir wissenschaftliche Daten, um dieser Frage nachzugehen.

Hier einige meiner Lieblingsbeispiele. Ich beginne mit einem Fall aus einer Gruppe australischer Ureinwohner, die ich studieren konnte: das Volk der Kuuk Thaayorre. Sie leben in Pormpuraaw, am westlichen Rand von Kap York. Das Interessante an Kuuk Thaayorre ist: Man benutzt dort keine Wörter wie "links" oder "rechts", sondern verwendet für alles Himmelsrichtungen: Nord, Süd, Ost, und West. Mit "alles" meine ich wirklich "alles". Man würde etwa sagen: "Oh, da ist eine Ameise an deinem südwestlichen Bein." Oder: "Schiebe deine Tasse mal etwas nach Nordnordost." Auf Kuuk Thaayorre begrüßt man sich folgendermaßen: "Wohin gehst du?" Und die Antwort sollte sein: "Nach Nordnordost, weit weg. Und Du?"

Stellen Sie sich vor, Sie gehen so Ihrer Wege, und jedem, den Sie treffen, müssten Sie sagen, in welche Richtung Sie gehen.

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Man könnte sich ziemlich einfach orientieren, nicht wahr? Denn man käme gar nicht über das "Hallo" hinaus, wenn man die genaue Richtung nicht weiß. Tatsächlich können sich Menschen mit so einer Sprache sehr gut orientieren, besser, als man es Menschen für gewöhnlich zutraut. Wir dachten, Menschen seien schlechter als andere Lebewesen, und hatten biologische Ausreden wie: "Wir haben halt keinen Magnet im Schnabel oder in den Schuppen." Nein: Wenn es durch Sprache und Kultur antrainiert ist, geht das tatsächlich. Manche Menschen auf der Welt können sich extrem gut orientieren.

Um uns mal klar zu machen, wie sehr wir uns davon unterscheiden, bitte ich Sie, kurz die Augen zu schließen und nach Südosten zu zeigen.

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Augen zu lassen und zeigen. Okay, Augen wieder aufmachen. Ich sehe, Sie zeigen hierhin, dahin, dorthin, dahin ... Ich weiß die Richtung selber nicht —

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Sie waren nicht gerade hilfreich.

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Fazit: Mit der Genauigkeit war es hier nicht weit her. Kognitive Fähigkeiten unterscheiden sich von Sprache zu Sprache enorm: Eine gebildete Gruppe wie diese hier weiß nicht, wo hinten und vorne ist. Aber in einer anderen Gruppe könnte mir das jeder Fünfjährige sagen.

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Es gibt auch große Unterschiede in unserer Zeitauffassung. Hier einige Bilder von meinem Großvater in unterschiedlichem Alter. Jemand, der Englisch spricht, würde die Bilder in dieser Reihenfolge sortieren: von links nach rechts. Das liegt an der Schreibrichtung. Wenn Sie Hebräisch oder Arabisch sprechen, würden Sie sie andersherum sortieren, von rechts nach links.

Was würden die Kuuk Thaayorre tun, die eben erwähnten Ureinwohner? Sie sagen nicht "links" oder "rechts". Ich gebe Ihnen einen Hinweis. Wenn sie nach Süden schauen, sortieren sie von links nach rechts. Wenn sie nach Norden schauen, sortieren sie von rechts nach links. Wenn sie nach Osten schauen, kommt die Zeitachse auf sie zu. Wie lautet das Schema? Immer von Ost nach West. Für sie steht Zeit nicht in Relation zum Körper, sondern zur Landschaft. Wenn ich mich also dahin wende, verläuft die Zeit so, und wenn ich mich dorthin wende, verläuft sie so. Ich stehe so, und sie verläuft so — reichlich egozentrisch von mir, die Zeitrichtung an mir festzumachen, wenn ich mich drehe. Die Kuuk Thaayorre verankern die Zeit in der Landschaft. Es ist eine völlig andere Art der Zeitauffassung.

Hier noch ein cleverer Trick: Wenn ich frage, wie viele Pinguine das sind, dann wette ich, Sie gehen so vor: "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht." Sie zählen. Sie weisen jedem eine Zahl zu und die letzte Zahl ist die Anzahl der Pinguine. Diesen kleinen Trick haben Sie schon als Kind gelernt. Sie lernen die Zahlenreihe auswendig und wie man sie anwendet. Ein linguistischer Trick. Nicht jede Sprache kennt so etwas. Denn in manchen gibt es keine exakten Zahlwörter. In manchen Sprachen gibt es kein Wort für "sieben" oder für "acht". Mehr noch, ihre Sprecher zählen überhaupt nicht und sie tun sich schwer mit exakten Mengenangaben. Wenn ich Sie etwa bitte, so und so viele Pinguine mit derselben Menge Enten zu vergleichen, können Sie das durch Zählen erledigen. Aber wer diesen linguistischen Trick nicht kennt, kann das nicht.

Sprachen teilen auch das Farbspektrum unterschiedlich ein — die visuelle Welt. Einige haben sehr viele Wörter für Farben, andere nur wenige, "hell" und "dunkel". Sprachen ziehen auch die Grenzen zwischen den Farben unterschiedlich. Auf Englisch gibt es etwa ein Wort für "blau", und das deckt alle Blautöne hier auf dem Bildschirm ab, aber auf Russisch gibt es nicht nur eins. Sprecher des Russischen müssen zwischen hellblau, "goluboy", und dunkelblau, "siniy", unterscheiden. Russen haben also lebenslange Erfahrung damit, diese zwei Farben sprachlich zu trennen. Testen wir, wie gut Menschen diese Farben unterscheiden können, sehen wir, dass Russen diese sprachliche Grenze rascher überschreiten. Sie können schneller zwischen hell- und dunkelblau unterscheiden. Schauen wir uns das Gehirn an, wenn es Farben wahrnimmt — z.B. wenn hellblau langsam in dunkelblau übergeht: Wer zwei Wörter für hellblau und dunkelblau hat, reagiert überrascht, wenn die Farben von hell nach dunkel wechseln, nach dem Motto: "Oh, hier hat sich etwas grundlegend geändert", wogegen das Gehirn von Englischsprechern, das hier keine klare Trennung macht, nicht überrascht ist, denn es ändert sich ja nichts Grundlegendes.

Sprachen zeigen allerlei strukturelle Eigenheiten. Hier eine meiner liebsten. Viele Sprachen haben ein grammatisches Genus: Jedem Nomen ist ein Genus zugewiesen, oft maskulin oder feminin. Die Genera sind nicht überall gleich. So ist die Sonne im Deutschen feminin, im Spanischen aber maskulin. Beim Mond ist es umgekehrt. Kann das einen Unterschied im Denken der Menschen machen? Stellen die Deutschen sich die Sonne irgendwie weiblicher vor und den Mond irgendwie männlicher? Genau so ist es. Bittet man Deutsche und Spanier, z.B. eine Brücke zu beschreiben, wie diese hier — "Brücke" ist auf Deutsch zufälligerweise feminin und auf Spanisch maskulin — sagen Deutsche eher, Brücken seien "schön" oder "elegant", benutzen also stereotyp feminine Wörter. Dagegen bezeichnen Spanier sie eher als "stark" oder "lang", solche maskulinen Wörter.

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Sprachen beschreiben auch Ereignisse unterschiedlich. Nehmen wir ein Ereignis wie dieses, einen Unfall. Auf Englisch kann man sagen: "Er hat die Vase zerbrochen". Auf Spanisch etwa würde man eher sagen: "Die Vase ist zerbrochen" oder "Die Vase hat sich zerbrochen." Wenn es ein Unfall war, sagt man gar nicht, wer es getan hat. Auf Englisch kann man ziemlich befremdliche Sachen sagen wie: "Ich habe meinen Arm gebrochen." In vielen Sprachen kann man das so nicht formulieren, außer man ist ein Spinner, der es darauf absieht, sich den Arm zu brechen — und es dann schafft. Bei einem Unfall würde man eine andere Konstruktion benutzen.

Das hat Konsequenzen. Sprecher verschiedener Sprachen achten auf verschiedene Dinge, je nachdem, wie es deren Sprache erfordert. Zeigen wir denselben Unfall Englischsprechern und Spanischsprechern, merkt sich der Englischsprecher, wer es getan hat, weil man auf Englisch sagt: "Er war's; er hat die Vase zerbrochen", während Spanischsprecher eher vergessen, wer es war, wenn es ein Unfall war, und sich dafür eher merken, dass es ein Unfall war. Sie merken sich eher die Absicht. Zwei Leute sehen dasselbe Ereignis, sind Zeugen desselben Delikts, aber erinnern sich nachher an unterschiedliche Details. Das hat natürlich Auswirkungen auf Zeugenaussagen, und auch auf Anklage und Strafe. Ich zeige Englischsprechern etwa, wie jemand eine Vase zerbricht, und sage: "Er hat die Vase zerbrochen" statt "Die Vase ist zerbrochen". Obwohl Sie es selbst auf Video beobachten können, das "Vergehen" an der Vase mitansehen können, wählen Sie eine härtere Strafe; Sie machen stärkere Vorwürfe, wenn ich sage: "Er hat sie zerbrochen" statt "Sie ist zerbrochen". Sprache steuert, wie wir Ereignisse beurteilen.

Ich habe jetzt ein paar Beispiele gegeben, wie grundlegend Sprache unser Denken formen kann, und das auf mannigfaltige Weise. Sprache hat also großen Einfluss, etwa was Raum und Zeit betrifft, wo Menschen für Raum und Zeit komplett verschiedene Orientierungsrahmen anlegen. Sprache kann tiefgreifende Auswirkungen haben, wie wir bei Mengenangaben gesehen haben. Wenn man in einer Sprache zählen kann, wenn es Zahlwörter gibt, öffnet das die Tür zur Welt der Mathematik. Wer nicht zählen kann, kennt keine Algebra und kann nichts von dem tun, was nötig ist, um einen Saal wie diesen zu konstruieren oder diese Sendung aufzuzeichnen. Dieser kleine Trick mit den Zahlen ist das Sprungbrett in eine ganze Erkenntniswelt.

Der Einfluss von Sprache beginnt zudem sehr früh, wie wir bei den Farben gesehen haben. Es sind ganz simple, elementare Sinnesentscheidungen. Sie werden permanent tausendfach getroffen, doch Sprache drängt sich dazwischen und mischt bei diesen Mini-Entscheidungen unserer Wahrnehmung mit. Sprache hat weitreichende Auswirkungen. Das mag beim grammatischen Genus etwas lächerlich anmuten, doch anderseits betrifft das grammatische Genus alle Nomen. Sprache formt also Ihre Vorstellung von allem, was mit einem Nomen bezeichnet werden kann. Das ist ganz schön viel.

Und am Ende ging es darum, wie Sprache Dinge einstuft, die uns persönlich wichtig sind: Konzepte wie Anklage, Strafe oder Zeugenaussagen, alles wichtige Dinge in unserem Alltag.

Das Schöne an linguistischer Vielfalt ist, dass sie uns vor Augen führt, wie erfinderisch und anpassungsfähig der menschliche Verstand ist. Er hat nicht nur eine Sinneswelt, sondern 7.000 erschaffen — es gibt 7.000 Sprachen auf der Welt. Und wir können mehr erschaffen — Sprache ist natürlich etwas Lebendiges, das wir zurechtfeilen und unseren Bedürfnissen anpassen können. Tragischerweise geht immer mehr dieser linguistischen Vielfalt verloren. Pro Woche stirbt eine Sprache aus, und Schätzungen zufolge haben wir in hundert Jahren die Hälfte aller Sprachen verloren. Und noch viel bedenklicher ist, dass gerade fast unser ganzes Wissen über Verstand und Gehirn des Menschen auf Studien mit englischsprachigen amerikanischen Studenten basiert. Da bleibt natürlich der Großteil der Menschheit außen vor. Unser Wissen über den Verstand ist unfassbar begrenzt und einseitig, unsere Wissenschaft hat hier Nachholbedarf.

Ich möchte mit einem letzten Gedanken schließen. Ich erzählte, dass Sprecher anderer Sprachen anders denken, aber es geht natürlich nicht darum, wie Menschen anderswo denken. Es geht um Ihr Denken. Es geht darum, dass Ihre eigene Sprache Ihr Denken formt. Und das ermöglicht Ihnen, zu fragen: "Warum denke ich so, wie ich denke?", "Wie könnte ich anders denken?", und auch: "Was für Gedanken will ich hervorbringen?"

Vielen Dank. (Applaus)