Yuval Noah Harari
3,183,658 views • 17:08

Vor 70 000 Jahren waren unsere Vorfahren noch unbedeutende Tiere. Über die prähistorischen Menschen sollte man vor allem wissen, dass sie unwichtig waren. Ihre Auswirkung auf die Welt war nicht viel größer als die einer Qualle, eines Glühwürmchens oder Spechts. Heute beherrschen wir diesen Planeten. Die Frage ist also: Wie haben wir es soweit gebracht? Wie sind wir von unbedeutenden Menschenaffen, die sich in einer Ecke Afrikas um ihre Angelegenheiten kümmerten, zu den Herrschern des Planeten Erde geworden?

Üblicherweise suchen wir auf der individuellen Ebene nach dem Unterschied zwischen uns und allen anderen Tieren. Wir möchten glauben — Ich möchte glauben — dass ich etwas Besonderes an mir, meinem Körper und meinem Gehirn habe, wodurch ich einem Hund, einem Schwein oder Schimpansen weit überlegen bin. In Wahrheit aber bin ich dem Schimpansen auf individueller Ebene beschämend ähnlich. Würden ein Schimpanse und ich zusammen auf einer einsamen Insel ausgesetzt und wir müssten ums Überleben kämpfen, um zu sehen, wer stärker ist, würde ich mit Sicherheit auf den Schimpansen wetten, nicht auf mich. Und das hat nichts mit mir persönlich zu tun. Ich nehme an, würde man einen von Ihnen alleine mit einem Schimpansen auf einer Insel aussetzen, käme der Schimpanse viel besser zurecht.

Der tatsächliche Unterschied zwischen den Menschen und allen anderen Tieren liegt nicht auf der individuellen Ebene, sondern auf der kollektiven Ebene. Die Menschen beherrschen den Planeten, weil sie die einzigen Tiere sind, die flexibel und in großer Anzahl kooperieren können. Es gibt andere Tiere — z. B. die sozialen Insekten wie Bienen, Ameisen — die in großer Anzahl kooperieren können, aber nicht auf flexible Weise. Ihre Kooperation ist sehr starr. Ein Bienenstock kann im Grunde nur auf eine einzige Weise funktionieren. Gibt es eine neue Gelegenheit oder Gefahr, können die Bienen ihr Gesellschaftssystem nicht über Nacht neu erfinden. Sie können zum Beispiel nicht die Königin hinrichten und eine Bienenrepublik oder eine kommunistische Diktatur von Arbeiterbienen gründen.

Andere Tiere, wie die sozialen Säugetiere — Wölfe, Elefanten, Delfine, Schimpansen — können da flexibler handeln und kooperieren, aber nur in kleiner Anzahl, denn Kooperation unter Schimpansen beruht auf dem intimen Wissen des einen über den anderen. Wenn ich ein Schimpanse bin und Sie sind ein Schimpanse und ich möchte mit Ihnen kooperieren, muss ich Sie persönlich kennen. Welche Art Schimpanse sind Sie? Sind Sie ein netter Schimpanse? Sind Sie ein böser Schimpanse? Sind Sie vertrauenswürdig? Wenn ich nichts von Ihnen weiß, wie kann ich dann mit Ihnen kooperieren?

Das einzige Tier, das beide Fähigkeiten vereinen kann, also flexibel zu kooperieren, und das in großer Anzahl, ist der Mensch, der Homo Sapiens. Einer gegen einen, oder 10 gegen 10 — darin sind die Schimpansen wahrscheinlich besser als wir. Stehen sich aber 1 000 Menschen und 1 000 Schimpansen gegenüber, dann gewinnen die Menschen locker, und zwar aus dem einfachen Grund, dass tausend Schimpansen nicht kooperieren können. Beim Versuch, 100 000 Schimpansen in die Oxford Street zu stopfen, oder ins Wembley-Stadion, auf den Tian'anmen-Platz oder den Vatikan, entstünde Chaos, völliges Chaos. Stellen Sie sich mal das Wembley-Stadion mit 100 000 Schimpansen vor. Kompletter Wahnsinn.

Im Gegensatz dazu versammeln sich dort normalerweise zehntausende Menschen und bei uns entsteht üblicherweise kein Chaos. Es bilden sich hochentwickelte und wirksame Netzwerke der Kooperation. Alle großen Errungenschaften der Menschheit über die Geschichte hinweg, sei es der Bau der Pyramiden oder der Flug zum Mond, basieren nicht auf den Fähigkeiten einzelner, sondern auf der Fähigkeit, flexibel in großer Anzahl zu kooperieren.

Nehmen Sie diesen Vortrag, den ich gerade halte: Ich stehe hier vor einem Publikum von etwa 300 oder 400 Leuten, von denen mir die meisten fremd sind. Ich kenne auch kaum die Organisatoren und die Mitarbeiter dieser Veranstaltung. Ich kenne nicht den Piloten oder die Crew des Flugzeugs, das mich gestern nach London gebracht hat. Ich kenne die Leute nicht, die dieses Mikrofon und diese Kameras, die meinen Vortrag aufnehmen, erfunden und gebaut haben. Ich kenne nicht die Leute, die all die Bücher und Artikel, die ich für diesen Vortrag las, geschrieben haben. Und ich kenne bestimmt nicht all die Leute, die diesen Vortrag im Internet irgendwo in Buenos Aires oder in Neu-Delhi anschauen.

Auch wenn wir uns nicht kennen, können wir zusammen Ideen auf globaler Ebene austauschen. So etwas können Schimpansen nicht tun. Selbstverständlich kommunizieren sie, aber Sie werden nie einen Schimpansen antreffen, der zu anderen Schimpansen reist, um einen Vortrag über Bananen, Elefanten oder andere Dinge zu halten, die Schimpansen interessieren könnten. Kooperation ist natürlich nicht immer gut; alle schrecklichen Dinge, die Menschen im Laufe der Geschichte getan haben — und wir haben wirklich Schlimmes angerichtet — all diese Dinge basierten auch auf Kooperation in großer Anzahl. Gefängnisse basieren auf Kooperation, ebenso wie Schlachthäuser und Konzentrationslager. Schimpansen haben keine Schlachthäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager.

Nehmen wir an, ich überzeugte Sie davon, dass wir die Welt beherrschen, weil wir in großer Anzahl flexibel kooperieren können. Dann stellt sich bei einem neugierigen Zuhörer sofort die Frage: Wie genau machen wir das? Warum können nur wir, unter allen Tieren, auf derartige Weise kooperieren? Die Antwort darauf ist unsere Vorstellungskraft. Wir können flexibel mit zahllosen Fremden kooperieren, weil nur wir, von all den Tieren auf dem Planeten, Geschichten erfinden und diese glauben können — solange alle an dieselbe erfundene Geschichte glauben, alle denselben Regeln und Vorschriften, Normen und Werten folgen.

Alle anderen Tiere nutzen ihr Kommunikationssystem nur, um die Realität zu beschreiben. Ein Schimpanse sagt vielleicht: "Schau mal, ein Löwe! Laufen wir weg!" Oder: "Dort drüben wachsen Bananen! Gehen wir rüber und essen welche!" Menschen hingegen nutzen ihre Sprache nicht nur, um die Realität zu beschreiben, sondern auch, um neue Realitäten zu erfinden. Ein Mensch kann sagen: "Sieh mal, es gibt einen Gott über den Wolken! Wenn du nicht tust, was ich dir sage, dann wird dich Gott nach dem Tod bestrafen und zur Hölle schicken." Wenn Sie die Geschichte, die ich erfunden habe, glauben, dann folgen Sie denselben Normen, Gesetzen und Werten und Sie können kooperieren. Das tun nur wir Menschen. Sie können keinen Schimpansen davon überzeugen, Ihnen eine Banane zu geben, indem Sie ihm versprechen: "Nach dem Tod kommst du in den Schimpansenhimmel", (Lachen) "und du bekommst eine Menge Bananen für all deine guten Taten. Also gib mir die Banane." Kein Schimpanse wird diese Geschichte glauben. Nur Menschen glauben solche Geschichten und deshalb beherrschen wir die Welt, wohingegen Schimpansen in Zoos und Forschungslaboren eingesperrt sind.

Vielleicht finden Sie es akzeptabel, dass Menschen im religiösen Umfeld kooperieren, weil sie an dieselben Geschichten glauben. Millionen von Menschen versammeln sich zum Bau von Kathedralen oder Moscheen, oder kämpfen im Kreuzzug oder Dschihad, weil sie alle an dieselben Geschichten über Gott, Himmel und Hölle glauben. Aber ich möchte betonen, dass genau derselbe Mechanismus auch allen anderen Formen der menschlichen Kooperation in großer Anzahl zugrundeliegt, nicht nur im religiösen Umfeld.

Nehmen wir zum Beispiel das Rechtssystem. Die meisten der heutigen Rechtssysteme auf der Welt basieren auf dem Glauben an die Menschenrechte. Aber was sind Menschenrechte? Menschenrechte, genau wie Gott und der Himmel, sind Geschichten, die wir einfach erfunden haben. Sie sind keine objektive Realität; ihre Grundlage ist nicht die Biologie des Homo Sapiens. Nehmen Sie einen Menschen, schneiden ihn auf und schauen hinein, da finden Sie das Herz, die Nieren, Neuronen, Hormone, die DNA, aber Sie werden keine Rechte finden. Die Rechte finden sich nur in den Geschichten, die wir über die letzten paar Jahrhunderte erfunden und verbreitet haben. Es sind vielleicht positive Geschichten, sehr gute Geschichten, aber es sind nur erdachte und erfundene Geschichten.

Das Gleiche gilt für die Politik. Die wichtigsten Faktoren in der modernen Politik sind Staaten. Aber was sind Staaten? Sie zählen nicht zur objektiven Realität. Ein Berg ist eine objektive Realität. Sie können ihn sehen, anfassen und sogar riechen. Aber einen Staat, wie Israel, Iran, Frankreich oder Deutschland — das sind nur Geschichten, die wir erfunden haben und an denen wir stark hängen.

Dies gilt ebenso für die Wirtschaft. Die wichtigsten Akteure in der globalen Wirtschaft sind heute Unternehmen. Viele von Ihnen arbeiten vielleicht heutzutage bei einem Unternehmen wie Google, Toyota oder McDonald's. Aber was genau ist das? Dies bezeichnen Anwälte als Rechtsfiktionen. Es sind von mächtigen Zauberern, die wir Anwälte nennen, erfundene und beibehaltene Geschichten. (Lachen) Und was tun die Unternehmen den ganzen Tag? Meistens versuchen sie Geld zu verdienen. Und was ist Geld? Auch Geld gehört nicht zur objektiven Realität; es besitzt keinen objektiven Wert. Zum Beispiel dieses grüne Stück Papier, die Dollarnote. Schauen Sie sie an — sie hat keinen Wert. Sie können Sie nicht essen, nicht trinken und nicht tragen. Aber dann kamen diese meisterhaften Geschichtenerzähler daher — die großen Banker, die Finanzminister, die Premierminister — und sie erzählen uns eine überzeugende Geschichte: "Sehen Sie dieses grüne Stück Papier? Es ist tatsächlich 10 Bananen wert." Und wenn ich es glaube und Sie es glauben, und alle es glauben, dann funktioniert es auch. Ich kann dieses wertlose Stück Papier mit in den Supermarkt nehmen, einem völlig Fremden geben, den ich zum ersten Mal treffe, und bekomme dafür echte Bananen, die ich wirklich essen kann. Das ist wirklich erstaunlich. Schimpansen würden sich nie darauf einlassen. Natürlich tauschen Schimpansen: "Du gibst mir die Kokosnuss, ich gebe dir die Banane." Das funktioniert. Aber du gibst mir ein wertloses Stück Papier und erwartest, dass ich dir eine Banane gebe? Niemals! Was denkst du, was ich bin? Ein Mensch? (Lachen)

Geld ist in der Tat die erfolgreichste Geschichte, die die Menschen je erfunden haben, weil es die einzige Geschichte ist, an die jeder glaubt. Nicht alle glauben an Gott, nicht alle glauben an die Menschenrechte, nicht alle glauben an den Nationalstaat, aber alle glauben an das Geld und den Dollar. Selbst Osama Bin Laden. Er hasste die amerikanische Politik, die Religion der Amerikaner und die amerikanische Kultur, hatte aber nichts gegen den amerikanischen Dollar. Er hat ihn eigentlich sehr gemocht. (Lachen)

Mein Fazit ist also: Wir Menschen beherrschen die Welt, da wir in einer doppelten Realltät leben. Alle anderen Tiere leben in einer objektiven Realität. Deren Realität besteht aus objektiven Einheiten wie Flüsse, Bäume, Löwen und Elefanten. Wir Menschen leben auch in der objektiven Realität. In unserer Welt gibt es auch Flüsse, Bäume, Löwen und Elefanten. Aber über die Jahrhunderte haben wir auf diese objektive Realität eine zweite Schicht, die erdachte Realität draufgelegt — eine Realität aus erdachten Einheiten wie Staaten, Götter, Geld und Unternehmen. Erstaunlich ist, dass diese erdachte Realität im Verlauf der Geschichte immer mächtiger wurde, sodass heute die mächtigsten Kräfte dieser Welt diese erdachten Einheiten sind. Heute hängt das Überleben von Flüssen, Bäumen, Löwen und Elefanten von den Entscheidungen und Wünschen erdachter Einheiten wie den Vereinigten Staaten, Google, der Weltbank ab — Einheiten, die nur in unserer Vorstellung existieren.

Vielen Dank. (Applaus)

Bruno Giussani: Yuval, du hast ein neues Buch. Nach "Eine kurze Geschichte der Menschheit" gibt es ein neues auf Hebräisch, ist aber noch nicht übersetzt ...

Yuval Noah Harari: Ich übersetze es gerade.

BG: Habe ich das richtig verstanden, im Buch sagst du, die erstaunlichen Durchbrüche, die wir jetzt erleben, verbessern nicht nur möglicherweise unser Leben, sondern sie schaffen auch — und ich zitiere — "... neue Klassen und Klassenkämpfe, so wie die Industrielle Revolution." Kannst du das näher erklären?

YNH: Ja. In der Industriellen Revolution entstand eine neue Klasse, das städtische Proletariat, und vieles der politischen und sozialen Geschichte der letzten 200 Jahre hängt mit diesen Klassen zusammen, den neuen Problemen und Möglichkeiten. Jetzt entsteht eine neue große Klasse von nutzlosen Menschen. (Lachen) Da sich Computer auf immer mehr Gebieten zunehmend verbessern, besteht eindeutig die Möglichkeit, dass die Computer uns in den meisten Aufgaben schlagen und die Menschen überflüssig machen. Dann wird die große politische und wirtschaftliche Frage des 21. Jahrhunderts sein: "Wofür brauchen wir Menschen?", oder zumindest, "Wofür brauchen wir so viele Menschen?"

BG: Gibt es darauf eine Antwort im Buch?

YNH: Zurzeit vermute ich mal, dass wir sie am besten mit Arznei und Videospielen glücklich halten ... (Lachen) aber das hört sich für die Zukunft nicht gerade verlockend an.

BG: Du sagst also im Buch und jetzt hier, dass wir trotz aller Diskussionen über zunehmende Hinweise auf große wirtschaftliche Ungleichheit erst am Anfang des Prozesses sind?

YNH: Also, es ist keine Prophezeiung, ich sehe viele Möglichkeiten vor uns. Eine Möglichkeit ist die Entstehung einer neuen großen Klasse von überflüssigen Menschen. Eine weitere Möglichkeit ist die Aufteilung der Menschheit in verschiedene biologische Kasten, wobei die Reichen zu virtuellen Göttern hochgestuft und die Armen auf das Niveau nutzloser Menschen abgestuft werden.

BG: Ich habe das Gefühl, in ein oder zwei Jahren kommt der nächste TEDTalk. Danke, Yuval, dass du hier warst.

YNH: Danke. (Applaus)