Tim Urban
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Mein Hauptfach an der Uni war Politikwissenschaft; ich habe also viele Arbeiten schreiben müssen. Wenn ein normaler Student eine Arbeit schreibt, teilt er die Arbeit wahrscheinlich etwa so auf. Also —

(Gelächter)

vielleicht fängt man etwas langsam an, aber schafft genug in der ersten Woche, dass, wenn man später mehr tut, man alles schafft. Es bleibt im Rahmen.

(Gelächter)

Und ich wollte es genau so machen. Das war mein Plan. Ich würde alles bereithalten, doch dann wurde die Aufgabe ausgegeben und ich tat es ungefähr so.

(Gelächter)

Und das passierte mit jeder einzelnen Arbeit.

Doch dann kam die 90-seitige Abschlussarbeit — eine Arbeit, an der man ein Jahr sitzen sollte. Mein normaler Arbeitsprozess kam dafür nicht in Frage. Das Projekt war viel zu groß. Also plante ich alles und beschloss, es etwa so zu machen. So würde das Jahr aussehen. Ich würde langsam beginnen, mich in den mittleren Monaten steigern und am Ende noch mal eins draufsetzen. Wie eine kleine Treppe. Wie schwer kann es sein, ein paar Stufen zu gehen? Kein großes Ding, oder?

Doch dann passierte etwas Witziges. Diese ersten Monate? Sie kamen und gingen, und ich kam irgendwie zu nichts. Also gab es einen genialen überarbeiteten Plan.

(Gelächter)

Und dann —

(Gelächter)

dann verflogen die mittleren Monate, ohne dass ich wirklich ein Wort schrieb, und so waren wir an diesem Punkt. Dann wurden zwei Monate zu einem, und dieser wurde zu zwei Wochen. Eines Tages wachte ich auf, drei Tage vor dem Abgabetermin, ohne ein Wort geschrieben zu haben. Also tat ich das, was mir übrig blieb: Ich schrieb 90 Seiten in 72 Stunden, arbeitete nicht eine, sondern zwei Nächte durch — kein Mensch sollte zwei Nächte am Stück durchmachen – rannte über den Campus, hechtete in Zeitlupe und schaffte es genau zum Abgabetermin.

Ich dachte, damit wäre alles erledigt. Eine Woche später — ein Anruf, es ist die Uni. Sie fragen: "Ist da Tim Urban?" Ich sage: "Ja." Und sie: "Wir müssen über ihre Arbeit sprechen." Und ich sage: "Okay." Und sie sagen: "Es ist die beste, die wir je gesehen haben."

(Gelächter)

(Applaus)

Das ist nicht passiert.

(Gelächter)

Es war eine sehr schlechte Abschlussarbeit.

(Gelächter)

Ich wollte nur den Moment genießen, wenn alle hier denken: "Dieser Typ ist großartig!"

(Gelächter)

Nein, sie war sehr, sehr, schlecht. Wie auch immer, heute bin ich so ein Blogschreiber-Typ. Ich schreibe den Blog "Wait But Why". Und vor ein paar Jahren beschloss ich, über das Aufschieben zu schreiben. Mein Verhalten hat die Nicht-Aufschieber um mich herum immer verdutzt, und ich wollte den Nicht-Aufschiebern dieser Welt erklären, was den Aufschiebern durch den Kopf geht und warum wir eben so sind. Ich hatte eine Theorie, dass die Gehirne von Aufschiebern tatsächlich anders sind als die Gehirne anderer Menschen. Um das zu testen, ging ich in ein MRT-Labor, das mir erlaubte, sowohl mein Gehirn zu scannen als auch das eines erwiesenen Nicht-Aufschiebers, um sie vergleichen zu können. Ich habe die Scans heute mitgebracht. Ich möchte, dass Sie genau hinsehen, ob sie einen Unterschied bemerken. Wenn man kein Gehirn-Experte, ist es nicht offensichtlich, aber schauen Sie hin, okay? Hier das Gehirn eines Nicht-Aufschiebers.

[Rationaler Entscheider] (Gelächter)

Und — hier ist mein Gehirn.

[Sofortige-Belohnungs-Affe] (Gelächter)

Es gibt einen Unterschied. Beide Gehirne haben einen rationalen Entscheider, doch das Aufschieber-Gehirn hat außerdem einen Sofortige-Belohnungs-Affen. Was bedeutet das für den Aufschieber? Es bedeutet: Alles ist gut, bis das hier passiert.

[Jetzt ist die perfekte Zeit, etwas zu schaffen.] [Nö!]

Der rationale Entscheider trifft eine rationale Entscheidung, etwas Produktives zu tun, aber der Affe mag den Plan nicht, er übernimmt also das Steuer und sagt: "Lesen wir lieber die ganze Wikipedia-Seite über den Nancy-Kerrigan/ Tonya-Harding-Skandal, weil ich mich gerade daran erinnert habe.

(Gelächter)

Dann —

(Gelächter)

dann gehen wir zum Kühlschrank, nachsehen, ob in den letzten 10 Minuten etwas Neues rein kam. Danach fallen wir in eine YouTube-Spirale, die mit Videos von Richard Feynman über Magnete beginnt und viel, viel später damit endet, dass wir uns Interviews mit Justin Biebers Mama ansehen.

(Gelächter)

"All das wird seine Zeit brauchen, deswegen werden wir heute eigentlich gar keine Zeit haben zu arbeiten. Sorry!"

(Seufzer)

Was passiert hier? Der Sofortige-Belohnungs-Affe klingt nicht nach jemandem, der ans Steuer gehört. Er lebt komplett in der Gegenwart, kennt die Vergangenheit nicht, weiß nichts von der Zukunft, und steht nur auf zwei Dinge: Leichtes und Spaß.

Im Tierreich funktioniert das prima. Wenn du ein Hund bist und dein Leben nur mit leichten und spaßigen Sachen verbringst, hast du großen Erfolg!

(Gelächter)

Und für den Affen sind Menschen nur eine andere Tierart. Sie müssen sich ausschlafen, satt essen und fortpflanzen, was zu Stammeszeiten gut funktionierte. Falls Sie es nicht bemerkt haben, wir sind nicht in Stammeszeiten. Wir befinden uns in einer fortgeschrittenen Zivilisation und der Affe weiß nicht, was das ist. Darum haben wir einen weiteren Typen in unserem Kopf, den rationalen Entscheider, der uns Dinge tun lässt, die kein anderes Tier kann. Wir können uns die Zukunft vorstellen. Wir können das große Ganze sehen, können langfristig planen. Und er möchte all das in Betracht ziehen. Und er möchte, dass wir das tun, was genau jetzt sinnvoll ist. Manchmal ist es sinnvoll, Dinge zu tun, die leicht und lustig sind, wie ein Abendessen oder schlafen gehen oder wohlverdiente Freizeit genießen. Dabei gibt es Überschneidungen. Manchmal sind sie einer Meinung. Doch zu anderen Zeiten ist es sinnvoller, Dinge zu tun, die schwieriger und unangenehmer sind, zu Gunsten des großen Ganzen. Und dann haben wir einen Konflikt. Und für den Aufschieber endet der Konflikt oft auf eine bestimmte Weise, bei der er viel Zeit in dieser orangefarbenen Zone verbringt, einem entspannten Ort, komplett außerhalb des sinnvollen Kreises. Ich nenne ihn den dunklen Spielplatz.

(Gelächter)

Der dunkle Spielplatz ist ein Ort, den alle Aufschieber sehr gut kennen. Dort gibt es Freizeitaktivitäten, zu Zeiten, wenn Freizeitaktivitäten nicht vorgesehen sind. Der Spaß auf dem dunklen Spielplatz ist nicht echt, weil er vollkommen unverdient ist, und die Luft ist voll von Schuld, Furcht, Unruhe, Selbsthass — all diese guten Aufschiebergefühle. Die Frage in dieser Situation, mit dem Affen am Steuer, ist, wie der Aufschieber es jemals hinüber in die blaue Zone schafft, einem unangenehmeren Ort, wo die wirklich wichtigen Dinge passieren.

Aber der Aufschieber hat einen Schutzengel — jemand, der ihn von oben beobachtet und auf ihn aufpasst, in seinen dunkelsten Momenten — das sogenannte Panikmonster.

(Gelächter)

Das Panikmonster schlummert meistens, aber erwacht plötzlich, wenn eine Frist abzulaufen oder eine öffentliche Blamage droht, oder ein Karriereschaden oder eine andere schaurige Folge. Aber insbesondere ist es das Einzige, was der Affe fürchtet. In meinem Leben wurde es kürzlich sehr wichtig, da sich die TED-Leute vor etwa 6 Monaten an mich wandten und mich baten, einen TED-Vortrag zu halten.

(Gelächter)

Natürlich sagte ich "Ja". Es war immer mein Traum, mal einen TED-Vortrag gehalten zu haben.

[Ich hielt mal einen TED-Vortrag.]

(Gelächter) (Applaus) Aber mitten in der ganzen Begeisterung schien der rationale Entscheider etwas anderes im Sinn zu haben. Er sagte: "Ist uns klar, was wir gerade akzeptiert haben? Ist klar, was ab morgen passieren muss? Wir müssen uns sofort an die Arbeit machen." Und der Affe sagte: "Richtig, aber lass uns erst Google Earth öffnen und ganz unten in Indien reinzoomen, etwa 60 Meter über dem Boden, und zweieinhalb Stunden hochscrollen, bis wir ganz oben im Land ankommen, um ein besseres Gefühl für Indien zu bekommen."

(Gelächter)

Das taten wir also an dem Tag.

(Gelächter)

Als sechs Monate zu vier wurden, und dann zu zwei und zu einem, entschieden die TED-Leute die Redner zu veröffentlichen. Ich öffnete die Webseite, und da war mein Gesicht, das mich anstarrte. Raten Sie mal, wer wach wurde?

(Gelächter)

Das Panikmonster spielte verrückt und wenige Sekunden später verfielen alle ins Chaos.

(Gelächter)

Und der Affe, der ja Angst vor dem Panikmonster hat, ist — zack — auf dem Baum! Und endlich konnte der rationale Entscheider ans Steuer und ich konnte an dem Vortrag arbeiten.

Das Panikmonster erklärt viele, ziemlich verrückte Arten des Aufschieber-Verhaltens, zum Beispiel, dass jemand wie ich zwei Wochen lang unfähig ist, einen einführenden Satz aufs Papier zu bringen und dann mysteriöserweise die Arbeitsmoral hat, die ganze Nacht aufzubleiben und acht Seiten zu schreiben. Und diese ganze Situation, mit den drei Charakteren — ist das System des Aufschiebers. Es ist nicht hübsch, aber am Ende funktioniert es. Darüber schrieb ich vor ein paar Jahren in meinem Blog.

Als ich das tat, war ich über die Reaktionen verblüfft. Ich bekam buchstäblich tausende E-Mails von den verschiedensten Menschen aus der ganzen Welt, mit den unterschiedlichsten Berufen. Diese Leute waren Krankenschwestern, Banker, Maler, Ingenieure und verdammt viele Doktoranden.

(Gelächter)

Und alle schrieben und sagten dasselbe: "Ich habe das gleiche Problem." Aber was mich umhaute, war der Kontrast zwischen dem unbeschwerten Blogpost und dem Schwermut in diesen E-Mails. Diese Leute schrieben äußerst frustriert darüber, was die Aufschieberei aus ihrem Leben gemacht hatte, was der Affe ihnen angetan hatte. Ich dachte darüber nach und sagte: Wenn das System des Aufschiebers funktioniert, was ist da los? Warum sind all diese Leute an so einem dunklen Ort?

So wie es aussieht, gibt es zwei Arten vom Aufschieben. Alles, wovon ich heute sprach, die ganzen Beispiele, alle hatten Fristen. Und wenn es Fristen gibt, sind die Auswirkungen des Aufschiebens auf eine kurze Zeit begrenzt, da das Panikmonster involviert ist. Die zweite Art des Aufschiebens passiert, wenn es keine Fristen gibt. Wenn man also selbständig Karriere machen will — irgendetwas mit Kunst, als Unternehmer — da gibt es anfangs keine Fristen, weil einfach nichts passiert, nicht bis man losgeht und richtig anpackt, um alles ins Rollen zu bringen. Es gibt auch viele andere wichtige Dinge neben der Karriere, ohne gesetzte Fristen, wie Familienbesuche, Sport treiben, sich um die Gesundheit kümmern, an der Beziehung arbeiten oder eine Beziehung beenden, die nicht funktioniert.

Wenn es für den Aufschieber nur einen Weg gibt, schwierige Dinge zu erledigen — das Panikmonster — ist das ein Problem, da in all diesen Situationen ohne Fristen das Panikmonster nicht auftaucht. Es hat keinen Grund aufzuwachen, daher wird das Aufschieben nicht eingegrenzt, es breitet sich immer weiter aus. Und es ist diese Langzeit-Aufschieberei, die man viel weniger sieht und über die man viel seltener spricht als über die lustige, kurzzeitige, fristbasierte Art. Man erleidet sie meist leise und privat. Sie kann die Quelle für jede Menge Langzeit-Unzufriedenheit und Reuegefühle sein. Deshalb, dachte ich, schreiben mir diese Menschen und deshalb fühlen sie sich so schlecht. Sie klotzen nicht für irgendein Projekt ran. Durch diese Langzeit-Aufschieberei fühlen sie sich manchmal als Zuschauer im eigenen Leben. Sie sind nicht frustriert, weil sie ihre Ziele nicht erreichen; sie sind nicht mal in der Lage, zu beginnen sie zu verfolgen.

Ich las diese ganzen Mails und hatte eine Art Offenbarung — ich glaube, dass es gar keine Nicht-Auschieber gibt. Richtig gehört — ich glaube, alle von Ihnen sind Aufschieber. Nicht jeder ist so durcheinander wie einige von uns,

(Gelächter)

und einige von Ihnen haben auch eine gesunde Beziehung zu Fristen, aber erinnern Sie sich: der Affe ist am gewieftesten, wenn es keine Fristen gibt.

Ich möchte Ihnen eine letzte Sache zeigen. Ich nenne es einen Lebenskalender. Ein Kästchen für jede Woche in einem 90 Jahre langen Leben. Das sind nicht so viele Kästchen, erst recht, da wir schon eine Menge davon verbraucht haben. Wir alle sollten einen langen, intensiven Blick auf den Kalender werfen. Wir müssen überlegen, was wir wirklich aufschieben, weil jeder in seinem Leben irgendetwas aufschiebt. Wir müssen uns des Sofortige- Belohnungs-Affens bewusst bleiben. Das ist eine Aufgabe für uns alle. Und weil hier gar nicht so viele Kästchen sind, sollte man das vielleicht gleich heute tun.

Okay, vielleicht nicht heute, aber …

(Gelächter)

Sie wissen schon. Ziemlich bald.

Danke!

(Applaus)