Taiye Selasi
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Letztes Jahr ging ich auf meine erste Lesereise. In 13 Monaten bereiste ich 14 Länder und hielt über 100 Vorträge. Jede Lesung in jedem Land begann mit einer Einführung und jede Einführung begann leider mit einer Lüge: "Taiye Selasi kommt aus Ghana und Nigeria", oder "Taiye Selasi kommt aus England und den Staaten." Immer wenn ich diesen einleitenden Satz hörte, egal welches Land genannt wurde — England, USA, Ghana, Nigeria — dachte ich: "Aber das ist nicht wahr." Ja, ich bin in England geboren und in den USA aufgewachsen. Meine Mutter, in England geboren und in Nigeria aufgewachsen, lebt derzeit in Ghana. Mein Vater wurde an der Goldküste, einer britischen Kolonie, geboren, wuchs in Ghana auf und lebte über 30 Jahre im Königreich Saudi-Arabien. Aus diesem Grund wurde ich auch als "multinational" vorgestellt. "Aber Nike ist multinational", dachte ich, "ich bin ein menschliches Wesen."

Eines Tages, mitten auf der Reise, besuchte ich Louisiana, ein Museum in Dänemark, wo ich die Bühne mit dem Autor Colum McCann teilte. Wir sprachen über die Rolle von Lokalität beim Schreiben, als mir plötzlich klar wurde: Ich bin nicht multinational. Ich gehöre keiner Nation an. Wie könnte ich einer Nation angehören? Wie kann ein Mensch einem Konzept entstammen? Diese Frage hatte mich seit zwei Jahrzehnten beschäftigt. Aus Zeitungen, Lehrbüchern, Unterhaltungen hatte ich gelernt, von Ländern zu sprechen, als wären sie ewige, einzigartige und natürlich vorkommende Dinge, aber ich fragte mich, ob die Aussage, ich käme aus einem Land, nahelegt, das Land wäre etwas Absolutes, ein fester Punkt in Raum und Zeit, eine Konstante — aber ist es das? Zu meinen Lebzeiten sind Länder verschwunden — Tschechoslowakei; aufgetaucht — Osttimor; gescheitert — Somalia. Meine Eltern kamen aus Ländern, die bei ihrer Geburt nicht existierten. Für mich war ein Land — ein Ding, das entstehen, sich erweitern, schrumpfen kann — kaum die Basis, um einen Menschen zu verstehen.

Daher war die Entdeckung des souveränen Staates eine enorme Erleichterung. Was wir Länder nennen, sind im Grunde Ausformungen souveräner Staatlichkeit, ein Konzept, das erst vor 400 Jahren in Mode kam. Als ich das zu Beginn meines Studiums in Internationalen Beziehungen lernte, fühlte ich eine Art Welle der Erleichterung. Meine Ahnung wurde bestätigt. Die Geschichte war real, Kulturen waren real, aber Länder waren erfunden. In den folgenden 10 Jahren versuchte ich, mich neu zu definieren oder zu "entdefinieren", meine Welt, meine Arbeit, meine Erfahrung, jenseits der Staatslogik.

2005 schrieb ich den Essay "Was ist ein Afropolit" und entwarf eine Identität, die Kultur über ein Land stellte. Es war aufregend, wie viele Leute meine Erfahrung nachvollziehen konnten, und lehrreich, wie viele andere mir mein Selbstgefühl nicht glaubten. "Wie kann Selasi behaupten, aus Ghana zu sein", fragte eine Kritikerin, "wenn sie noch nie erlebt hat, wie demütigend es ist, mit einem ghanaischen Pass ins Ausland zu reisen?"

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich genau, was sie meinte. Meine Freundin Layla ist in Ghana geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern sind Ghanaer libanesicher Abstammung in dritter Generation. Layla spricht fließend Twi und kennt Accra wie ihre Westentasche, aber als ich sie vor Jahren kennenlernte, dachte ich: "Sie ist nicht aus Ghana." Für mich kam sie aus dem Libanon, obwohl sie ganz offensichtlich all ihre prägenden Erfahrungen in einer Vorstadt Accras gemacht hatte. Wie meine Kritiker stellte ich mir ein Ghana vor, in dem alle Ghanaer braune Haut hatten oder keinen britischen Pass besaßen. Ich war in die begrenzende Falle der Formulierung "aus einem Land stammen" getappt — das Privilegieren einer Fiktion — ein einzelnes Land — über die Realität — der menschlichen Erfahrung. Im Gespräch mit Colum McCann an jenem Tag fiel endlich der Groschen. "Alle Erfahrung ist lokal," sagte er. "Jede Identität ist Erfahrung", dachte ich. "Ich gehöre keiner Nation an", verkündete ich auf der Bühne. "Ich bin einem und zugleich vielen Orten verbunden."

"Taiye Selasi ist aus den USA", stimmt nicht. Ich habe keinen Bezug zu den Vereinigten Staaten, zu keinem der 50 wirklich. Meine Beziehung besteht zu Brookline, der Stadt, in der ich aufwuchs; mit New York City, wo ich zu arbeiten begann; mit Lawrenceville, wo ich Thanksgiving verbrachte. Was die USA für mich zum Zuhause macht, ist weder mein Pass noch mein Akzent, sondern die ganz besonderen Erfahrungen und die Orte, an denen ich sie machte. Trotz meines Stolzes auf die Kultur der Ewe, auf die Black Stars und meine Liebe zum ghanaischen Essen hatte ich nie einen klaren Bezug zur Republik Ghana. Meine Beziehung besteht zu Accra, wo meine Mutter lebt, wo ich jedes Jahr hinfahre, mit dem kleinen Garten in Dzorwulu, wo mein Vater und ich stundenlang reden. Diese Orte formen meine Erfahrung. Meine Erfahrung bestimmt meine Herkunft.

Was wäre, wenn wir statt "Wo sind Sie her?" fragen würden: "Welchen Orten fühlen Sie sich verbunden?" Das würde uns viel mehr darüber sagen, wer wir sind und wie ähnlich wir uns sind. Sie sagen mir, Sie sind aus Frankreich, und was sehe ich, eine Reihe Klischees? Adichies gefährliche einzige Geschichte: der Mythos der französischen Nation? Sagen Sie mir, Sie sind Fez und Paris verbunden, oder besser, Goutte d'Or, und ich sehe zahlreiche Erfahrungen. Unsere Erfahrung bestimmt, woher wir sind.

Welchen Orten sind Sie also verbunden? Ich schlage einen dreistufigen Test vor. Ich nenne ihn "die drei Rs": Rituale, Relationen [Beziehungen], Restriktionen.

Denken Sie zuerst an Ihre täglichen Rituale, welche das auch sind: Kaffee machen, zur Arbeit fahren, Pflanzen ernten, Gebete sprechen. Welche Arten von Ritual sind das? Wo finden sie statt? In welcher Stadt oder welchen Städten der Welt kennen Ladenbesitzer Ihr Gesicht? Als Kind verrichtete ich ziemlich gängige Vorstadt-Rituale in Boston, mit Änderungen für die Rituale, die meine Mutter aus London und Lagos mitbrachte. Wir zogen im Haus die Schuhe aus, wir waren Älteren gegenüber stets höflich, wir aßen langsam gegartes, scharfes Essen. Im verschneiten Nordamerika waren unsere Rituale aus dem globalen Süden. Bei meinem ersten Besuch in Delhi oder in Süditalien war ich schockiert, wie sehr ich mich zu Hause fühlte. Die Rituale waren vertraut. "R" Nummer eins: Rituale.

Denken Sie jetzt an Beziehungen ... Menschen, die Ihren Alltag bestimmen. Mit wem sprechen Sie mindestens einmal pro Woche, entweder persönlich oder über FaceTime? Schätzen Sie es realistisch ein; ich spreche nicht von Facebook-Freunden. Ich spreche von Leuten, die Ihr wöchentliches emotionales Erleben formen. Meine Mutter in Accra, meine Zwillingsschwester in Boston, meine besten Freunde in New York: Diese Beziehungen sind Heimat für mich. "R" Nummer zwei, Relationen [Beziehungen].

Wir fühlen uns den Orten verbunden, wo wir unsere Rituale und Beziehungen leben. Aber wie wir uns an diesen Orten fühlen, hängt teilweise von unseren Einschränkungen ab. Mit Einschränkungen meine ich: Wo kann man leben? Welchen Pass besitzen Sie? Hält Sie an Ihrem Wohnort z. B. Rassismus davon ab, sich ganz zu Hause zu fühlen? Oder hält Bürgerkrieg, eine schlecht funktionierende Regierung, Inflation Sie davon ab, dort zu leben, wo Sie die Rituale Ihrer Kindheit erlebten? Dieses R ist am wenigsten sexy, weniger poetisch als Rituale und Beziehungen, aber die Frage führt über "Wo sind Sie jetzt?" hinaus zu "Warum sind Sie nicht dort?". Rituale, Beziehungen und Restriktionen.

Nehmen Sie ein Blatt Papier, verwenden Sie die 3 Wörter als Spaltenüberschriften und füllen Sie dann diese Spalten so ehrlich wie möglich aus. Ein ganz anderes Bild von Ihrem Leben im lokalen Kontext, von Ihrer Identität als eine Reihe von Erfahrungen, könnte sich ergeben.

Versuchen wir es. Ich habe einen Freund namens Olu. Er ist 35 Jahre alt. Seine Eltern, in Nigeria geboren, kamen durch Stipendien nach Deutschland. Olu wurde in Nürnberg geboren und lebte dort bis zu seinem 10. Lebensjahr. Als seine Familie nach Lagos zog, studierte er in London und kam dann nach Berlin. Er reist gerne nach Nigeria — mag das Wetter, das Essen, die Freunde — aber er hasst die dortige politische Korruption. Woher stammt Olu?

Ein anderer Freund von mir heißt Udo. Er ist auch 35 Jahre alt. Udo wurde in Córdoba geboren, im Nordwesten Argentiniens, wo seine Großeltern aus einem Teil Deutschlands einwanderten, der jetzt zu Polen gehört. Udo studierte in Buenos Aires und kam vor 9 Jahren nach Berlin. Er reist gerne nach Argentinien — mag das Wetter, das Essen, die Freunde — aber er hasst die dortige Korruption in der Wirtschaft. Woher stammt Udo? Mit seinem blonden Haar und seinen blauen Augen könnte Udo Deutscher sein, aber er hat einen argentinischen Pass und braucht ein Visum, um in Berlin zu leben. Dass Udo aus Argentinien stammt, hat vor allem mit der Geschichte zu tun. Dass er mit Buenos Aires und Berlin verbunden ist, hat mit seinem Leben zu tun.

Olu sieht wie ein Nigerianer aus und braucht ein Visum, um Nigeria zu besuchen. Er spricht Yoruba mit einem englischen Akzent, und Englisch mit einem deutschen. Zu behaupten, er wäre "kein echter Nigerianer", leugnet aber seine Erfahrung in Lagos, die Rituale, die er in der Kindheit eingeübt hat, seine Beziehungen zu Familie und Freunden.

Obwohl Lagos eines seiner Zuhause ist, fühlt sich Olu dort immer eingeschränkt, nicht zuletzt, weil er schwul ist.

Sowohl er als auch Udo werden durch die politischen Verhältnisse der Länder ihrer Eltern gehindert, dort zu leben, wo einige ihrer bedeutendsten Rituale und Beziehungen stattfinden. Zu sagen, Olu sei aus Nigeria und Udo aus Argentinien, lenkt von ihrer gemeinsamen Erfahrung ab. Ihre Rituale, Beziehungen und Restriktionen sind dieselben.

Wenn wir fragen: "Woher sind Sie?", nutzen wir natürlich eine Abkürzung. Es ist einfacher "Nigeria" zu sagen, als "Lagos und Berlin", und mit Google Maps können wir immer reinzoomen, von einem Land zu einer Stadt zu einem Viertel. Aber das ist nicht der Punkt. Der Unterschied zwischen "Woher sind Sie?" und "Mit welchen Orten sind Sie verbunden?" liegt nicht in der Exaktheit der Antwort; es geht um die Absicht der Frage. Die Sprache der Nationalität durch die der Lokalität zu ersetzen, bringt uns dazu, unseren Blick darauf zu richten, wo das wirkliche Leben stattfindet. Sogar beim glorreichsten Ausdruck von Nationszugehörigkeit, dem Weltcup, haben wir Nationalmannschaften aus multi-lokalen Spielern. Als Maßeinheit für menschliche Erfahrung funktioniert ein "Land" nicht richtig. Deshalb sagt Olu: "Ich bin Deutscher, aber meine Eltern kommen aus Nigeria." Das "aber" in dem Satz entlarvt die Starrheit dieser Einheit, eine fixierte und erfundene Einheit stößt auf eine andere. "Ich bin Lagos und Berlin verbunden", deutet sich überlagernde Erfahrungen an, verschmelzende Schichten, die nicht geleugnet oder entfernt werden können. Man kann mir meinen Pass nehmen, aber nicht meine Erfahrung. Die trage ich in mir. Ich stamme daher, wo immer ich hingehe.

Um es deutlich zu sagen, ich sage nicht, dass wir Länder abschaffen sollten. Vieles spricht für die Nationalgeschichte, noch mehr für souveräne Staaten. Kultur existiert in Gemeinschaften und Gemeinschaft im Kontext. Geografie, Tradition, kollektives Gedächtnis: diese Dinge sind wichtig. Ich stelle die Vorrangstellung in Frage. All die Vorstellungen auf meiner Tour begannen mit dem Bezug zu einer Nation, als würde das Wissen, aus welchem Land ich komme, dem Publikum sagen, wer ich bin. Wonach suchen wir wirklich, wenn wir jemanden fragen, woher er kommt? Was sehen wir eigentlich, wenn wir die Antwort hören?

Hier ist ein Vorschlag: Im Grunde stellen Länder Macht dar. "Woher sind Sie?" Mexiko, Polen, Bangladesch — weniger Macht. USA, Deutschland, Japan — mehr Macht. China, Russland — nicht eindeutig.

(Gelächter)

Möglicherweise spielen wir unbewusst ein Machtspiel, besonders im Kontext von Vielvölkerstaaten. Wie jeder kürzlich Immigrierte weiß, ist die Frage "Woher sind Sie?" oder "Woher kommen Sie wirklich?" ein Code für "Warum sind Sie hier?".

Dann gibt es die Schriften des Gelehrten William Deresiewicz über amerikanische Elite-Colleges. "Studenten denken, dass in ihrem Umfeld Vielfalt herrscht, wenn einer aus Missouri und ein anderer aus Pakistan kommt — auch wenn alle ihre Eltern Ärzte oder Banker sind."

Ich stimme ihm zu. Einen Studenten Amerikaner und einen anderen Pakistaner zu nennen, um von einer vielfältigen Studentenschaft zu reden, verkennt die Tatsache, dass die Studenten alle aus demselben Milieu stammen. Gleiches trifft auf das andere Ende des wirtschaftlichen Spektrums zu. Ein mexikanischer Gärtner in L.A. und eine nepalesische Haushälterin in Delhi haben hinsichtlich der Rituale und Restriktionen mehr gemeinsam, als die Nationalität andeutet.

Mein größtes Problem damit, aus Ländern zu stammen, ist die Vorstellung einer "Rückkehr". Ich werde oft gefragt, ob ich vorhabe nach Ghana "zurückzukehren". Ich reise jedes Jahr nach Accra, aber ich kann nicht nach Ghana "zurückgehen". Nicht, weil ich dort nicht geboren wurde. Mein Vater kann auch nicht zurück. Das Land, in dem er geboren wurde, existiert nicht mehr. Wir können nie an einen Ort zurückgehen und ihn unverändert vorfinden. Irgendwo wird sich immer irgendetwas ändern, vor allem wir selbst. Menschen.

Schließlich sprechen wir über die menschliche Erfahrung, eine berühmt-berüchtigte, ungeordnete Angelegenheit. Beim kreativen Schreiben verrät Lokalität Menschlichkeit. Je mehr wir über den Ort des Geschehens wissen, seine Eigenheiten und Beschaffenheit, umso menschlicher fühlen sich die Figuren an und man hat mehr Bezug zu ihnen. Der Irrglaube an eine nationale Identität und dessen Vokabular bringt uns dazu, uns in widersprüchliche Kategorien einzuordnen. Tatsächlich sind wir alle multi — multi-lokal und vielschichtig. Unsere Unterhaltungen mit der Anerkennung dieser Komplexität zu beginnen, bringt uns näher zusammen, nicht weiter auseinander. Wenn ich das nächste Mal vorgestellt werde, würde ich gerne die Wahrheit hören:

"Taiye Selasie ist ein Mensch, wie jeder hier. Sie ist keine Weltbürgerin, sondern eine Bürgerin von Welten. Sie ist in New York, Rom und Accra zu Hause."

Danke.

(Applaus)