Ruth Chang
7,481,948 views • 14:41

Denken Sie an eine schwierige Entscheidung in naher Zukunft. Vielleicht die Wahl zwischen zwei Berufen — Künstlerin oder Buchhalterin — oder Wohnorten — Stadt oder Land — oder sogar, wen Sie heiraten — Sie könnten Betty heiraten oder Lolita. Es könnte die Entscheidung sein, ob Sie Kinder bekommen, ein kranker Elternteil zu Ihnen ziehen soll, ob Sie Ihr Kind in der Religion erziehen, die Ihr Partner lebt, Sie aber kalt lässt. Oder ob Sie Ihre Ersparnisse einem guten Zweck spenden. Vermutlich dachten Sie bei harten Entscheidungen an etwas Großes, etwas Gewaltiges, etwas, das Ihnen etwas bedeutet. Harte Entscheidungen scheinen ein Anlass zu Qual, Händeringen und Zähneknirschen. Wir verkennen harte Entscheidungen und ihre Rolle in unserem Leben. Harte Entscheidungen zu verstehen, offenbart eine verborgene Kraft, die wir alle besitzen. Was Entscheidungen hart macht, ist die Beziehung der Alternativen. Bei einer leichten Entscheidung ist eine Alternative besser als die andere. Bei einer harten Entscheidung ist eine Alternative besser in einer Hinsicht, die andere in anderer Hinsicht, und keine ist insgesamt am besten. Sie hadern, ob Sie den Job in der Stadt behalten, oder Ihr Leben umkrempeln sollen für eine herausfordernde Arbeit am Land, weil bleiben in einer Hinsicht besser ist, übersiedeln in anderer Hinsicht, und keine der Optionen ist eindeutig am besten. Nicht jede harte Entscheidung hat eine große Tragweite. Angenommen Sie wählen Ihr Frühstück. Sie könnten ein ballaststoffreiches Müsli oder einen Schoko-Donut essen. Die Knackpunkte bei dieser Wahl sind Geschmack und Gesundheitswert. Das Müsli ist besser für Sie, der Donut schmeckt um Welten besser, aber keines ist insgesamt am besten — eine harte Entscheidung. Die Erkenntnis, dass kleine Entscheidungen auch schwierig sein können, kann harte Entscheidungen leichter wirken lassen. Wenn wir uns für ein Frühstück entscheiden können, dann können wir vielleicht auch zwischen Stadtleben oder Job auf dem Land wählen. Wir sollten nicht glauben, dass uns die Wahl schwer fällt, weil wir dumm sind. Nach dem Abitur konnte ich mich zwischen zwei Berufswegen nicht entscheiden — Philosophie und Recht. Ich liebte Philosophie sehr. (Gelächter) Als Philosophin kann man Erstaunliches lernen, und alles vom bequemen Lehnstuhl aus. Aber ich kam aus einer bescheidenen Immigrantenfamilie. Meine Vorstellung von Luxus war ein Sandwich mit Schweinezunge in Gelee als Schulbrot. Daher schien mir die Idee, mein ganzes Leben bloß denkend im Lehnstuhl zu verbringen, der Gipfel an Extravaganz und Frivolität. Also zückte ich meinen gelben Block und zog einen Strich in der Mitte. Ich tat mein Bestes, das Für und Wider jeder der Alternativen abzuwägen. Ich erinnere mich, dass ich dachte: wenn ich bloß wüsste, wie mein Leben in beiden Berufen aussehen würde. Wenn nur Gott oder Netflix mir eine DVD über meine zwei möglichen Berufswege schicken würde, wäre mir alles klar. Ich würde sie nebeneinander vergleichen und sehen, welcher besser ist, und die Wahl wäre leicht. Aber ich bekam keine DVD. Weil ich nicht herausbekam, welche Wahl besser war, tat ich, was viele bei harten Entscheidungen tun: Ich traf die sicherste Wahl. Die Angst, als arbeitslose Philosophin zu enden, ließ mich Anwältin werden. Wie ich herausfand, passte das nicht zu mir. Das war nicht ich. Jetzt bin ich also Philosophin und erforsche schwierige Entscheidungen. Und ich kann Ihnen sagen, die Angst vor dem Unbekannten — die uns bei schweren Entscheidungen stark beeinflusst — beruht darauf, dass wir sie missverstehen. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass bei harten Entscheidungen eine Alternative tatsächlich besser als die andere ist, und wir nur zu dumm sind zu wissen, welche. Weil wir die bessere nicht kennen, können wir gleich die mit geringerem Risiko nehmen. Selbst bei zwei Alternativen mit allen Details nebeneinander kann die Wahl noch immer schwer sein. Schwere Entscheidungen sind nicht wegen uns oder unserer Unwissenheit schwer. Sie sind schwierig, weil es keine beste Wahl gibt. Wenn es keine beste Wahl gibt, wenn die Waage nicht für eine und gegen eine andere Alternative ausschlägt, dann müssen die Alternativen doch gleich gut sein. Vielleicht ist es richtiger zu sagen, dass harte Entscheidungen zwischen gleich guten Optionen gefällt werden. Das kann nicht stimmen. Wenn Alternativen gleich gut sind, müsste man nur eine Münze werfen. Aber es scheint falsch, zu denken, dass man so zwischen zwei Berufen, Wohnorten oder Ehepartnern wählen sollte: Wirf eine Münze. Es gibt noch einen Grund, der nahelegt, dass es bei harten Entscheidungen nicht um die Wahl zwischen gleich guten Optionen geht. Angenommen, Sie müssen zwischen zwei Berufen wählen: Sie könnten Investmentbankerin oder Grafikerin werden. Bei so einer Wahl spielen viele Faktoren eine Rolle: wie spannend die Arbeit ist, das Erlangen finanzieller Sicherheit, Zeit eine Familie zu gründen und so weiter. Vielleicht werden Sie als Künstlerin eine Vorreiterin neuer Formen bildlichen Ausdrucks. Vielleicht werden Sie als Bankerin eine Vorreiterin neuer Formen finanzieller Kunstgriffe. (Gelächter) Stellen Sie sich die zwei Berufe nach Belieben vor, aber so, dass keiner besser ist als der andere. Angenommen, wir machen einen etwas besser. Angenommen, die Bank umwirbt Sie und bietet 500 Dollar mehr Monatsgehalt. Macht das zusätzliche Geld den Bankjob nun besser als den des Künstlers? Nicht unbedingt. Ein höheres Gehalt macht den Bankjob besser, als er war — nur reicht das vielleicht nicht, um das Leben als Banker besser zu machen als das Leben als Künstler. Wenn aber eine Verbesserung in einem der Jobs ihn nicht besser als den anderen macht, dann können die beiden Jobs von vornherein nicht gleich gut gewesen sein. Wenn zwei Dinge eingangs gleich gut sind, und man eines verbessert, dann muss es besser als das andere werden. Bei Alternativen und harten Entscheidungen ist das nicht der Fall. Jetzt haben wir also ein Rätsel. Wir haben zwei Jobs. Weder ist einer besser als der andere, noch sind sie gleich gut. Wie sollen wir also entscheiden? Etwas scheint hier schiefgegangen zu sein. Vielleicht ist die Auswahl selbst das Problem und der Vergleich deshalb nicht möglich. Aber das kann nicht stimmen. Wir wählen ja nicht zwischen zwei Dingen, die man nicht vergleichen kann. Wir wägen doch die Vorzüge zweier Berufe gegeneinander ab — nicht den Vorzug der Nummer Neun gegenüber einem Teller Spiegeleier. Wir können einen Vergleich der Vorzüge zweier Berufe anstellen, und wir stellen ihn oft an. Ich denke, die Verwirrung entsteht durch eine unreflektierte Sicht dessen, was wir als Wert bezeichnen. Unbewusst nehmen wir an, dass Werte wie Gerechtigkeit, Schönheit und Güte wie wissenschaftliche Größen sind — wie Länge, Masse und Gewicht. Nehmen Sie irgendeine vergleichende Frage, die nicht mit Wert zu tun hat. Zum Beispiel die Frage, welcher von zwei Koffern schwerer ist. Es gibt nur drei Möglichkeiten. Das Gewicht des einen ist größer, kleiner oder gleich dem Gewicht des anderen. Eigenschaften wie Gewicht kann man in realen Zahlen ausdrücken — wie 1, 2, 3 und so weiter. Hinzu kommt, es gibt nur drei mögliche Vergleiche zwischen zwei beliebigen realen Zahlen. Eine Zahl ist größer, kleiner oder entspricht der anderen. Nicht so bei Werten. Als Enkel der Aufklärung neigen wir zu der Annahme, wissenschaftliches Denken sei der Schlüssel zu allem Wichtigen in unserer Welt. Aber die Welt der Werte ist anders als die der Wissenschaft. Die Dinge der einen Welt kann man in realen Zahlen ausdrücken. Die der anderen nicht. Wir sollten nicht annehmen, dass die Welt des Ist mit ihren Längen und Gewichten dieselbe Struktur hat wie die Welt des Soll — das, was wir tun sollen. Wenn das, was uns wichtig ist — die Freude eines Kindes, die Liebe für den Partner — nicht in realen Zahlen ausgedrückt werden kann, dann gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass es bei einer Wahl nur drei mögliche Ergebnisse gibt: Eine Option ist besser, schlechter oder ebenso gut wie die andere. Wir müssen eine neue, vierte Relation einführen, die jenseits von besser, schlechter oder gleich beschreibt, was bei harten Entscheidungen geschieht. Ich sage gerne, dass die Alternativen einander ebenbürtig sind. Sind Alternativen einander ebenbürtig, kann es viel ausmachen, welche man wählt. Aber das macht eine Alternative nicht besser als die andere, sondern das heißt, die Alternativen bewegen sich im selben Wertebereich. Sie spielen in derselben Werte-Liga, während die Art des Werts sich deutlich unterscheidet. Deshalb fällt die Wahl schwer. Betrachtet man harte Entscheidungen auf diese Art, offenbart sich etwas, das wir über uns selbst nicht wussten. Jeder von uns hat die Macht, Gründe zu erschaffen. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jede Wahl, vor der Sie stehen, eine leichte Wahl ist. Das heißt, es gibt immer eine beste Option. Gibt es eine beste Option, dann sollte man diese wählen, denn zum Vernünftigsein gehört es, das Bessere statt des Schlechteren zu tun — zu wählen, wozu man den besten Grund hat. In einer solchen Welt hätten wir die besten Gründe, schwarze statt rosa Socken zu tragen, Müsli anstatt Donuts zu essen, in der Stadt statt am Land zu leben, Betty statt Lolita zu heiraten. Eine Welt voller leichter Entscheidungen würde uns zu Sklaven der Vernunft machen. Wenn man darüber nachdenkt — (Gelächter) Es ist verrückt, zu glauben, dass Ihnen Vernunftgründe, die man Ihnen gab, genau die Hobbys diktiert haben, denen Sie heute frönen, genau in dem Haus zu leben, in dem Sie leben, genau die Arbeit zu tun, die Sie tun. Stattdessen waren Sie mit Alternativen konfrontiert, die einander ebenbürtig waren — mit harten Entscheidungen —, und Sie haben eigene Gründe gefunden, dieses Hobby, jenes Haus, diesen Job zu wählen. Wenn Alternativen sich ebenbürtig sind, verstummen die Gründe, die man uns gibt, die uns sagen, ob wir einen Fehler machen, und verraten uns nicht, was zu tun ist. Hier, im Reich der harten Entscheidungen, dürfen wir unsere normative Macht ausüben, die Macht, eigene Gründe zu erschaffen, uns zu der Art von Person zu machen, die das Landleben dem Stadtleben vorzieht. Wenn wir zwischen gleichwertigen Möglichkeiten wählen, sind wir in der Lage, etwas wirklich Bemerkenswertes zu tun. Wir können unser Selbst hinter eine der Optionen stellen. Hier stehe ich. Das bin ich. Ich bin für das Bankwesen. Ich bin für Schokoladen-Donuts. (Gelächter) Diese Reaktion bei harten Entscheidungen ist eine vernünftige Reaktion, aber sie ist nicht geleitet durch Gründe, die man an uns heranträgt. Sie wird getragen von Gründen, die wir selbst erschaffen haben. Wenn wir unsere eigenen Gründe erschaffen, um diese zu Person werden und nicht jene, werden wir voll und ganz die Menschen, die wir sind. Man könnte sagen, wir werden die Autorinnen unseres eigenen Lebens. Wenn wir vor schwierigen Entscheidungen stehen, sollten wir nicht gegen eine Wand rennen und die bessere Option suchen. Es gibt keine beste Alternative. Anstatt da draußen nach Gründen zu suchen, sollten wir hier drin nach Gründen suchen. Wer soll ich werden? Sie könnten beschließen, eine rosa besockte, Müsli-liebende, am Land lebende Bankerin zu sein. Und ich könnte beschließen, eine schwarz besockte, urbane, Donut-liebende Künstlerin zu sein. Wir wir harte Entscheidungen angehen, liegt im Wesentlichen bei uns selbst. Menschen, die ihre normative Macht bei harten Entscheidungen nicht ausüben, lassen sich treiben. Wir alle kennen solche Menschen. Ich rutschte in den Anwaltsberuf hinein. Ich strebte nicht danach, Anwältin zu sein. Ich war nicht fürs Anwalt sein. Leute, die sich treiben lassen, erlauben der Welt, die Geschichte ihres Lebens zu schreiben. Sie lassen Mechanismen von Lob und Bestrafung — ein Kopf tätscheln, Angst, die Leichtigkeit einer Option — bestimmen, was sie tun. Die Lektion in harten Entscheidungen: Überlegen Sie, wofür Sie sich einsetzen können, wofür Sie sein können. Durch die schwierige Entscheidung werden Sie zu genau dieser Person. Anstatt einer Quelle von Qual und Furcht werden schwierige Entscheidungen zu kostbaren Gelegenheiten für uns, um das Besondere am Menschsein zu feiern: dass uns die Gründe, die entscheiden, ob unsere Wahl richtig oder falsch ist, manchmal ausgehen. Hier, wo es um harte Entscheidungen geht, haben wir die Macht, Gründe für uns selbst zu erschaffen, um die einzigartigen Menschen zu werden, die wir sind. Darum sind harte Entscheidungen kein Fluch, sondern ein Geschenk des Himmels. Vielen Dank. (Applaus)