Nigel Marsh
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Ich denke, ich fange mit einer einfachen Bitte an: Bitte haltet alle für einen Augenblick inne, ihr elenden Schwächlinge, und zieht die Bilanz eures traurigen Daseins. (Lachen)

Nun, das war der Rat, den St. Benedikt seinen recht verdutzten Gefolgsleuten im fünften Jahrhundert gab. Es war der Rat, dem ich zu folgen beschloss, als ich 40 wurde. Bis zu diesem Augenblick war ich der klassische Unternehmenskrieger - ich aß zuviel, ich trank zuviel, ich arbeitete zu hart, und ich vernachlässigte die Familie. Dann entschied ich, dass ich versuchen würde, mein Leben umzukrempeln. Besonders ging es mir dabei um das heikle Thema der Balance zwischen Beruf und Privatleben. Ich stieg also aus dem Arbeitsleben aus und verbrachte ein Jahr zu Hause mit meiner Frau und vier kleinen Kindern. Alles, was ich über die Balance zwischen Beruf und Privatleben in diesem Jahr lernte, war jedoch, dass ich es recht leicht fand, Beruf und Privatleben auszubalancieren, solange ich keine Arbeit hatte. (Lachen) Keine sehr nützliche Fertigkeit, besonders wenn das Geld ausgeht.

Also ging ich wieder arbeiten, und ich habe die sieben Jahre seitdem damit verbracht, die Balance zwischen Beruf und Privatleben zu studieren, mit ihr zu ringen und über sie zu schreiben. Und ich machte vier Beobachtungen, von denen ich Ihnen heute berichten möchte. Die erste ist folgende: Wenn die Gesellschaft irgendeinen Fortschritt in dieser Frage machen soll, brauchen wir eine ehrliche Diskussion darüber. Das Ärgerliche ist jedoch, dass viele Leute viel Blödsinn zur Balance zwischen Beruf und Privatleben sagen. All die Diskussionen über flexible Arbeitszeiten oder lockere Freitage oder Elternzeit dienen nur dazu, dass Kernthema zu verdecken, das darin besteht, dass bestimmte Arbeits- und Karrieremöglichkeiten grundsätzlich unvereinbar damit sind, Tag für Tag sinnvoll in eine junge Familie eingebunden zu sein. Nun besteht der erste Schritt zur Lösung eines Problems darin, die Realität der Situation anzuerkennen, in der man sich befindet. Und die Realität der Gesellschaft, in der wir leben, ist die, dass es Tausende und Abertausende von Menschen da draußen gibt, die ihr Leben im stummen Schrei der Verzweiflung leben, dabei lange, harte Stunden in verhassten Jobs arbeiten, um Dinge kaufen können, die sie nicht brauchen, um Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen. (Lachen) (Applaus) Ich behaupte, freitags in Jeans und T-Shirt zur Arbeit zu gehen, trifft nicht wirklich den Kern der Sache.

(Lachen)

Die zweite Beobachtung, die ich gern festhalten möchte, ist die, dass wir uns der Wahrheit stellen sollten, dass nicht Regierungen und Unternehmen das Problem für uns lösen werden. Wir sollten aufhören, nach draußen zu sehen; es ist an uns als Individuen, das Ruder und die Verantwortung zu übernehmen für die Art von Leben, die wir führen wollen. Wenn Sie Ihr Leben nicht selbst gestalten, wird es ein anderer für Sie tun, und möglicherweise mögen Sie dessen Vorstellung von Balance eben nicht. Besonders wichtig ist es - das kommt doch wohl nicht etwa ins Internet, sonst werde ich gefeuert - es ist besonders wichtig, dass man seine Lebensqualität niemals einem kommerziellen Unternehmen anvertraut. Ich rede dabei nicht nur von den schlechten Unternehmen, den Schlachthäusern der menschlichen Seele, wie ich sie nenne. (Lachen) Ich spreche von allen Unternehmen. Denn kommerzielle Unternehmen sind grundsätzlich dafür bestimmt, so viel aus Ihnen herauszuholen, wie Sie ihnen durchgehen lassen. Das liegt in deren Natur, in ihrer DNS, das ist ihr Geschäft, selbst das der guten, wohlmeinenden Unternehmen. Einerseits ist es zwar wunderbar und aufgeklärt, Arbeitsstätten mit Kinderbetreuung auszustatten. Andererseits ist es auch ein Alptraum: Es bedeutet doch nur, dass Sie noch mehr Zeit im verdammten Büro verbringen. Wir müssen selbst dafür verantwortlich werden, die Grenzen, die wir für unser Leben wollen, zu ziehen und zu schützen.

Beobachtung Nummer drei: Wir müssen umsichtig mit dem gewählten Zeitrahmen umgehen, nach dem wir unsere Balance beurteilen. Ehe ich nach meinem Jahr zu Hause wieder arbeiten ging, setzte ich mich hin und erstellte eine detaillierte, schrittweise Beschreibung des idealen balancierten Tages, den ich anstrebte. Und die sah so aus: Nach einer guten Nachtruhe ausgeruht aufwachen. Sex haben. Mit dem Hund rausgehen. Mit meiner Frau und den Kindern frühstücken. Nochmal Sex haben. (Lachen) Die Kinder auf dem Weg ins Büro an der Schule absetzen. Drei Stunden arbeiten. Zur Mittagszeit Sport mit einem Freund. Weitere drei Stunden arbeiten. Ein paar Kumpels im Pub zum Feierabendbier treffen. Zum Abendessen mit meiner Frau und den Kindern nach Hause fahren. Eine halbe Stunde meditieren. Sex haben. Mit dem Hund gehen. Nochmal Sex haben. Ins Bett gehen. (Applaus) Wie oft, denken Sie, hatte ich wohl einen solchen Tag? (Lachen) Wir müssen realistisch sein. Man kann nicht alles an einem Tag machen. Wir müssen den Zeitrahmen erweitern, nach dem wir die Balance in unserem Leben beurteilen, wir müssen ihn jedoch erweitern, ohne dabei in die "Ich kann noch leben, wenn ich im Ruhestand bin, wenn meine Kinder ausgezogen sind, wenn meine Frau sich hat scheiden lassen, meine Gesundheit mich im Stich lässt und mir weder Freunde noch Interessen bleiben"-Falle zu tappen. (Lachen) Ein Tag ist zu kurz, die Zeit nach der Pensionierung zu lang. Es muss einen Mittelweg geben.

Eine vierte Beobachtung: Wir müssen uns der Balance ausgeglichen nähern. Eine Freundin schaute letztes Jahr bei mir vorbei - sie hat nichts dagegen, dass ich diese Geschichte erzähle - sie kam also vorbei und sagte: "Nigel, ich habe dein Buch gelesen. Und mir wird klar, dass mein Leben vollkommen aus dem Lot ist. Es wird komplett von Arbeit beherrscht. Ich arbeite 10 Stunden am Tag, mein Arbeitsweg dauert zwei Stunden täglich. All meine Beziehungen scheiterten. In meinem Leben ist nichts als Arbeit. Also habe ich beschlossen, mich zusammenzureißen, es in Ordnung zu bringen, und habe mich in einem Fitnessclub angemeldet." (Lachen) Also ich will ja nicht spotten, aber ein fitter Bürohamster mit 10-Stunden-Tag zu sein, ist nicht ausgeglichener, sondern nur angepasster. (Lachen) So schön körperliches Training auch sein mag, das Leben besteht aus mehr. Da ist die intellektuelle Seite, die emotionale Seite und die spirituelle Seite. Und ausgeglichen zu sein, bedeutet aus meiner Sicht, sich all diesen Seiten zu widmen - nicht nur 50 Bauchpressen zu machen.

Aber das kann entmutigend sein. Denn die Leute sagen: "Scheiße Mann, ich hab keine Zeit fit zu werden; willst Du vielleicht auch noch, dass ich in die Kirche gehe und meine Mutter anrufe?" Ich verstehe das, ich verstehe wirklich, wie entmutigend das sein kann. Aber vor einigen Jahren passierte etwas, das mir eine neue Sichtweise erlaubte. Meine Frau, die sich irgendwo hier im Publikum befindet, rief mich im Büro an und sagte: "Nigel, du musst deinen jüngsten Sohn, Harry, von der Schule abholen." Denn sie musste mit den anderen drei Kindern an diesem Abend woanders sein. Also beendete ich meine Arbeit an diesem Nachmittag eine Stunde eher und holte Harry am Schultor ab. Wir gingen in den benachbarten Park, machten Blödsinn auf den Schaukeln, spielten ein paar alberne Spiele. Dann gingen wir den Hügel hinauf zum örtlichen Café und teilten uns eine Pizza zum Abendessen, dann gingen wir den Hügel hinab nach Hause, und ich badete ihn und zog ihm seinen Batman-Schlafanzug an. Ich las ihm ein Kapitel aus Roald Dahls "James und der Riesenpfirsich" vor, brachte ihn zu Bett, deckte ihn zu, gab ihm einen Kuss auf die Stirn, sagte "Schlaf gut, mein Freund", und ging aus seinem Zimmer. Während ich aus seinem Zimmer ging, sagte er: "Paps?" und ich: "Ja?" "Paps, das war heute der beste Tag in meinem Leben." Ich hatte nichts gemacht, ich hatte ihn nicht mit ins Disneyland genommen oder ihm eine Playstation gekauft.

Ich will damit Folgendes sagen: Es sind die kleinen Dinge, die zählen. Ausgeglichener zu sein bedeutet keinen dramatischen Umbruch in Ihrem Leben. Mit der kleinsten Investition an den richtigen Stellen kann man die Qualität seiner Beziehungen und seine Lebensqualität radikal verändern. Es kann meines Erachtens sogar die ganze Gesellschaft verändern. Denn wenn genug Menschen es tun, können wir die gesellschaftliche Definition von Erfolg verändern, weg von der schwachsinnig vereinfachenden Idee, dass der gewinnt, der mit dem meisten Geld stirbt, hin zu einer besonneneren und ausgewogeneren Definition dafür, wie ein gut geführtes Leben aussieht. Und das ist meiner Ansicht nach eine Idee, die Verbreitung verdient.

(Applaus)