Mihaly Csikszentmihalyi
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Ich bin in Europa aufgewachsen und der 2. Weltkrieg erwischte mich, als ich zwischen sieben und zehn Jahren alt war. Und ich erkannte, wie wenige der Erwachsenen, die ich kannte, in der Lage waren, den Tragödien, mit denen sie im Krieg konfrontiert waren, standzuhalten, und wie wenige von ihnen ein normales, zufriedenes, glückliches Leben weiterführen konnten, nachdem ihr Job, ihr Heim, ihre Sicherheit vom Krieg zerstört worden waren. Da begann ich mich dafür zu interessieren, welche Faktoren ein Leben lebenswert machen. Und als Kind, und als Teenager, versuchte ich mich an Philosophiebüchern und ich beschäftigte mich mit Kunst und Religion und vielen anderen Richtungen, die ich als mögliche Antworten dieser Frage sah. Und durch einen Zufall landete ich endlich bei der Psychologie.

Zu der Zeit war ich in einem Ski-Resort in der Schweiz und hatte kein Geld, um mich zu vergnügen; der Schnee war nämlich geschmolzen und es gab — ich hatte kein Geld fürs Kino, aber ich hatte in der Zeitung — in der Zeitung war eine Präsentation von jemandem angekündigt, an einem Ort, den ich im Zentrum von Zürich gesehen hatte, und es sollte um fliegende Untertassen gehen. Na und ich dachte mir, ich kann nicht ins Kino, da höre ich mir doch wenigstens einen kostenlosen Vortrag über UFOs an. Und der Mann, der an jenem Abend den Vortrag hielt, war sehr interessant. Und er, also eigentlich, anstelle über kleine grüne Männer zu sprechen, sprach er darüber, wie die Psyche der Europäer durch den Krieg traumatisiert worden war und sie nun fliegende Untertassen in den Himmel projizierten, als eine Art — er sprach darüber, wie die Mandalas der uralten Hindu-Religion als eine Art Versuch der Wiederherstellung einer gewissen Ordnung nach dem Kriegschaos in den Himmel projiziert worden waren. Und das erschien mir sehr interessant. Also begann ich nach dem Vortrag, seine Bücher zu lesen. Und das war Carl Jung, von dessen Namen oder Werk ich keine Ahnung hatte.

Dann kam ich in dieses Land, um Psychologie zu studieren und ich versuchte, diese Wurzeln des Glücks zu verstehen. Dies ist ein typisches Ergebnis, das viele Leute vorgelegt haben, davon gibt es viele Variationen. Aber das hier zum Beispiel zeigt, dass circa 30% der Leute, die seit 1956 in den USA an Umfragen teilgenommen haben, sagen, dass ihr Leben sehr glücklich verläuft. Und das hat sich kein bisschen geändert. Wobei das persönliche Einkommen auf einer Skala, die konstant gehalten wurde, um die Inflation zu berücksichtigen, sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt, ja fast verdreifacht hat. Im Grunde werden Sie aber dieselben Resultate vorfinden, nämlich die, dass jenseits eines bestimmten Punktes, der ungefähr ein paar tausend Dollar über der Armutsgrenze liegt, Verbesserungen des materiellen Wohlstands das Glück der Leute nicht zu beeinflussen scheinen. Und es ist zwar so, dass das Fehlen grundsätzlicher materieller Güter zum Unglücklichsein beiträgt, doch das Erhöhen materieller Güter erhöht Glücklichsein nicht.

Demnach konzentrierte sich meine Forschung eher auf - nachdem ich diese Tatsachen herausfand, die auch mit meinen persönlichen Erfahrungen übereinstimmten, versuchte ich zu verstehen, wo im Alltag, in unserer normalen Erlebniswelt, wir uns wirklich glücklich fühlen. Und um einen Anfang zu finden - bei diesen Studien vor 40 Jahren begann ich, mir kreative Menschen näher zu betrachten, erst Künstler, dann Wissenschaftler und so weiter - immer versucht zu verstehen, wieso sie es wert fanden, ihr Leben im Prinzip mit etwas zu verbringen, für das viele von ihnen weder Ruhm noch Reichtum erwarteten, aber was ihr Leben bedeutsam und lebenswert gestaltete.

Dies war einer der führenden Komponisten amerikanischer Musik in den 70ern. Und das Interview war 40 Seiten lang. Aber dieser kleine Auszug ist eine sehr gute Zusammenfassung dessen, was er während des Interviews gesagt hat. Und er beschreibt, wie er sich fühlt, wenn es mit dem Komponieren gut läuft. Und in seiner Aussage beschreibt er es als ekstatischen Zustand.

"Ekstase" bedeutete auf Griechisch einfach nur, etwas zur Seite zu stehen. Und dann wurde es im Prinzip eine Analogie auf einen mentalen Zustand, in dem man empfindet, dass man keine normale Alltagstätigkeit verrichtet. Also ist Ekstase quasi ein Schritt in eine andere Wirklichkeit. Und es ist interessant, wenn Sie mal drüber nachdenken, wie, wenn man über die Zivilisationen nachdenkt, die wir als Höhepunkte menschlicher Errungenschaft betrachten, ob das nun China ist, Griechenland, die Zivilisation der Hindus, oder die Mayas, die Ägypter - was wir über sie wissen, dreht sich um ihre Ekstasen, und nicht um ihren Alltag. Wir kennen die von ihnen erbauten Tempel, also die Orte, wo man hinging, um eine andere Wirklichkeit zu erleben. Wir kennen die Zirkusse, die Arenen, die Theater, das sind die Überbleibsel von Zivilisationen und die Orte, die aufgesucht wurden, damit die Menschen das Leben in einer konzentrierteren, strukturierteren Form erleben konnten.

Nun, dieser Mann muss nicht einen Ort wie diesen aufsuchen, der auch - dieser Ort, diese Arena, die wie ein griechisches Amphitheater gebaut ist - der auch ein Ort der Ekstase ist. Wir sind Teil einer Realität, die sich von der Alltagsrealität unterscheidet, die wir gewöhnt sind. Aber dieser Mann muss nicht dorthin gehen. Er braucht einfach nur ein Stück Papier, auf dem er kleine Markierungen macht, und während er das tut, stellt er sich Töne vor, die bis zu diesem Punkt in dieser Kombination noch nicht existiert hatten. Wenn er also erstmal diesen Punkt erreicht hat, etwas zu schaffen - so wie Jennifer es in ihrer Improvisation tat - eine neue Wirklichkeit - das ist ein Moment der Ekstase. Er betritt diese andere Realität. Und sagt jetzt auch, dass dieses Erlebnis so intensiv ist, dass es sich fast so anfühlt, als existiere er gar nicht. Und das klingt ein bisschen nach einer romantischen Übertreibung. Doch eigentlich ist es unserem Nervensystem unmöglich, mehr als 110 Bits an Informationen pro Sekunde zu verarbeiten. Und um mich zu hören und zu verstehen, was ich sage, benötigen Sie schon circa 60 Bits pro Sekunde. Deswegen kann man nicht mehr als zwei Leuten auf einmal zuhören. Sie können nicht mehr als zwei Leute, die mit Ihnen sprechen, verstehen.

Und wenn man wie dieser Mann so in diesen vollständig einnehmenden Prozess verwickelt ist, etwas neues zu erschaffen, dann hat er nicht genügend Aufmerksamkeit übrig, um zu beobachten, wie sich sein Körper anfühlt, oder die Probleme zu Hause. Er bemerkt noch nicht einmal, dass er hungrig oder müde ist. Sein Körper verschwindet, seine Identität verschwindet aus seinem Bewusstsein, da er nicht über genügend Aufmerksamkeit verfügt; niemand von uns tut das, niemand kann etwas, das viel Aufmerksamkeit benötigt, sehr gut erledigen und zugleich die eigene Existenz wahrnehmen. Also wird die Existenz vorübergehend aufgehoben. Und er sagt, dass seine Hand sich selbst zu bewegen scheint. Ich könnte mir jetzt meine Hand zwei Wochen lang angucken und würde dabei weder Staunen noch Ehrfurcht empfinden, da ich nicht komponieren kann.

Was das im Prinzip heißt, und im Interview auch angedeutet wird, ist, dass dieser automatische, spontane Prozess den er beschreibt natürlich nur jemandem widerfahren kann, der sehr gut trainiert ist und eine Technik entwickelt hat. Und in Sachen Kreativität ist es zu einer Art Binsenwahrheit geworden, dass man nichts erschaffen kann, wenn man seine technischen Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weniger als 10 Jahre eingeübt hat. Ob es Mathematik ist oder Musik - es braucht einfach lange um an einen Punkt zu geraten, an dem man etwas so verändern kann, dass es danach besser ist als vorher. Und wenn das passiert, dann sagt er, die Musik fließt einfach aus ihm raus. Und da alle dieser Leute, die ich interviewt habe - dieses Interview fand vor über 30 Jahren statt - da so viele dieser Leute es als spontanes Fließen ("flow") beschreiben, habe ich diese Art von Erlebnis auch "Flow"-Erlebnis genannt. Und das passiert auf verschiedenen Gebieten.

Zum Beispiel beschreibt ein Dichter es so. Das ist einer meiner Schüler, der einige der führenden Autoren und Poeten der USA interviewte. Und es beschreibt dasselbe mühelose, spontane Gefühl, das man beim Eintreten in diesen Zustand der Ekstase empfindet. Dieser Dichter beschreibt es als das Öffnen einer Tür, die gen Himmel schwebt - eine sehr ähnliche Erklärung derer Albert Einsteins zu seiner Vorstellung über die Kräfte der Relativität, als er versuchte zu verstehen, wie sie funktionierte. Aber es geschieht auch bei anderen Aktivitäten. Das hier zum Beispiel ist ein weiterer meiner Schüler, Susan Jackson aus Australien, die sich mit einigen der führenden Athleten der Welt beschäftigt hat. Und hier sehen Sie in dieser Beschreibung eines olympischen Eiskunstläufers, im Wesentlichen dieselbe Beschreibung des subjektiven Empfindens des inneren Zustands dieser Person. Man nimmt es nicht als automatischen Prozess an, wenn man in die Musik eintaucht und so weiter.

Weiterhin geschieht es, also in dem letzten Buch von mir namens "Good Business" habe ich einige Geschäftsführer interviewt, die von ihrem Umfeld als sehr erfolgreich und zugleich sehr ethisch handelnd, mit großem sozialen Verantwortungsgefühl beschrieben wurden. Man kann erkennen, dass diese Leute Erfolg als etwas definieren, das anderen hilft und einen zur selben Zeit glücklich macht, während man daran arbeitet. Und wie alle diese erfolgreichen und verantwortungsbewussten Chefs sagen: Man kann nicht nur eines dieser Dinge haben, um erfolgreich zu sein. Wenn man einen bedeutungsvollen und erfolgreichen Job möchte - Anita Roddick ist eine dieser Chefinnen, die wir interviewten. Sie ist die Gründerin des Body Shop, des Kosmetikladens, so eine Art Anführer was natürliche Kosmetik betrifft. Es ist eine Leidenschaft, die daher stammt, während der Arbeit das Beste zu geben und im Flow zu sein.

Hier haben wir ein interessantes kleines Zitat von Masaru Ibuka, der zu jener Zeit Sony ohne irgendwelches Geld gründete, ohne ein Produkt - das hatten sie nicht - sie hatten gar nichts, aber sie hatten eine Idee. Und die Idee, die er hatte, war einen Arbeitsplatz zu schaffen, wo Ingenieure die Freude technologischer Innovation empfinden konnten, sich ihrer Mission vor der Gesellschaft bewusst werden konnten und so viel arbeiten konnten, wie sie wollten. Das ist so ungefähr das beste Beispiel, das mir einfällt, wie Flow im Arbeitsbereich funktionieren kann.

Und wenn wir jetzt Forschungen anstellen, wir haben mit Kollegen überall auf der Welt mehr als 8.000 Interviews geführt - das reichte von Dominikanermönchen zu blinden Nonnen, zu Kletterern im Himalaya, bis zu Schäfern der Navajo - denen ihre Arbeit Spaß macht. Und egal, was die Kultur ist, oder die Erziehung, oder alles andere, es gibt sieben Zustände, die zutreffen zu scheinen, wenn eine Person sich im Flow befindet. Es gibt diesen Fokus der, wenn er erst intensiv wird, zu einem Gefühl der Ekstase, einem Gefühl der Klarheit führt, man weiß genau, was man von einem Moment zum nächsten tut, man bekommt unmittelbares Feedback. Man weiß, dass das, was man zu tun hat, auch getan werden kann, auch wenn es schwer sein mag, und das Zeitgefühl verschwindet, man vergisst sich selbst, man empfindet sich als Teil von etwas Größerem. Und sobald diese Voraussetzungen zutreffen, dann wird das Getane wert, für sich selbst getan zu werden.

In unseren Forschungen stellen wir Alltag in diesem einfachen Schema dar. Und wir können ihn sogar sehr genau messen, denn wir geben den Leuten elektronische Pieper, die 10 Mal am Tag losgehen, und immer wenn sie das tun, sagt man, was man gerade tut, was man empfindet, wo man ist und worüber man nachdenkt. Und die zwei Dinge, die wir messen, ist die Herausforderung, die Leute in diesem Moment empfinden, und die Fähigkeiten, derer sie sich in diesem Moment gewiss sind. Also können wir für jede Person einen Durchschnitt festlegen, der das Zentrum des Diagramms ist. Das ist dann das Durchschnittsniveau von Herausforderung und Fähigkeiten, die sich von Person zu Person unterscheiden. Aber in der Mitte hier gibt es so eine Art fixen Punkt.

Wenn wir diesen fixen Punkt kennen, können wir mit ziemlicher Gewissheit hervorsagen, wann man sich im Flow befindet und das wird dann sein, wenn die Herausforderungen überdurchschnittlich sind, ebenso wie die Fähigkeiten. Und vielleicht erledigen Sie ja Dinge ganz anders als andere Leute, aber jede Person hat diesen Flow-Kanal, diesen Bereich hier, das ist der Punkt, wenn man das tut, was man wirklich gern tut, klavierspielen etwa, mit dem besten Freund zusammen sein, vielleicht arbeiten, wenn Arbeit eine Flow-verursachende Tätigkeit für Sie ist. Und dann werden die anderen Bereiche immer weniger positiv.

Erregung ist immer noch gut, da sie eine Überforderung darstellt. Die Fähigkeiten entsprechen nicht dem geforderten Niveau, aber man kann sich recht einfach in den Flow bewegen, indem man einfach etwas mehr Fähigkeiten entwickelt. Also ist Erregung der Bereich, aus dem die meisten Leute lernen, denn dann werden sie aus ihrem Wohlfühlbereich geholt und um diesen wieder zu erreichen - zurück in den Flow zu gelangen - entwickeln sie höhere Fähigkeiten. Kontrolle ist auch immer eine sichere Sache, denn man fühlt sich in ihr wohl, aber nicht sonderlich erregt. Sie ist nicht mehr sehr herausfordernd. Und wenn man aus der Kontrolle heraus in den Flow eintreten möchte, muss man die Herausforderungen erhöhen. Also sind diese beiden Dinge ideale und gegenübergestellte Bereiche, aus denen man Flow einfach erreichen kann.

Die anderen Kombinationen von Herausforderung und Fähigkeiten werden mit weiterem Fortschreiten immer weniger optimal. Entspannung ist nicht schlecht - man fühlt sich noch gut. Langeweile führt mit der Zeit zu Ablehnung und Apathie wird sehr negativ - man empfindet nicht, dass man etwas tut, man verwendet seine Fähigkeiten nicht, es fordert einen nicht heraus. Leider ist das Erleben vieler Menschen von Apathie bestimmt. Den größten Beitrag zu diesem Erleben hat das Fernsehen, den nächsten das Sitzen auf der Toilette. Obwohl Fernsehen manchmal, circa sieben bis acht Prozent der Zeit, in den Flow-Zustand versetzt, aber das geschieht dann, wenn man eine Sendung wählt, die man wirklich sehen möchte, und von ihr Feedback bekommt.

Also ist die Frage, die wir klären müssen - und ich überziehe gerade total - wie man immer mehr des Alltags in diesen Flow-Kanal bewegt. Und das ist die Herausforderung, die wir zu verstehen versuchen. Und einige von Ihnen wissen natürlich, wie man spontan in den Zustand kommt, ganz ohne Hinweise, aber leider wissen es ganz viele Leute nicht. Und auf gewisse Weise ist das unsere Aufgabe. Gut.

Danke.

(Applaus)