Martin Pistorius
2,290,494 views • 14:08

Angenommen Sie könnten nicht sagen: "Ich bin hungrig", "Ich habe Schmerzen", "Danke" oder "Ich liebe dich". Im eigenen Körper gefangen zu sein — einem Körper, der nicht auf Befehle reagiert; umgeben von Menschen, und dennoch absolut allein; hoffend, man könnte hinausreichen, um sich zu verbinden, trösten, teilzuhaben; das war 13 Jahre lang meine Realität.

Die meisten denken nie übers Sprechen, über Kommunikation, nach. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken.

Die ersten 12 Jahre meines Lebens war ich ein normaler, fröhlicher, gesunder kleiner Junge. Dann änderte sich alles. Ich erkrankte an einer Hirninfektion. Die Ärzte waren nicht sicher, was es war, aber sie behandelten mich, so gut sie konnten. Dennoch ging es mir zunehmend schlechter. Schließlich verlor ich die Fähigkeit, meine Bewegungen zu kontrollieren, Augenkontakt herzustellen und zuletzt meine Fähigkeit zu sprechen.

Als ich in der Klinik war, wollte ich unbedingt nach Hause. Ich sagte zu meiner Mutter: "Wann heim?" Das waren die letzten Worte, die ich mit meiner eigenen Stimme sprach. Am Ende versagte ich bei jedem Bewusstseinstest. Meinen Eltern wurde erklärt, ich sei so gut wie nicht da — ein menschliches Gemüse, mit der Intelligenz eines 3 Monate alten Babys. Meinen Eltern sollten mich nach Hause nehmen und es mir bequem machen, bis ich sterbe.

Das Leben meiner Eltern, eigentlich unser ganzes Familienleben, drehte sich ganz darum, mich zu pflegen, so gut sie es konnten. Ihre Freunde entfernten sich. Aus einem Jahr wurden zwei, aus zwei wurden drei. Es schien als würde die Person, die ich einmal war, anfangen zu verschwinden. Die LEGO-Steine und Elektro-Bauteile, die ich als Junge liebte, wurden weggelegt. Ich wurde aus meinem Zimmer in ein praktischeres verlegt. Ich war ein Geist geworden, eine verblasste Erinnerung eines Jungen, den Menschen einst kannten und liebten.

Währenddessen begann mein Gehirn sich selbst zusammenzuflicken. Allmählich kam mein Bewusstsein wieder zurück. Aber keiner bemerkte, dass ich wieder zum Leben erwacht war. Ich nahm alles wahr, genau wie jede normale Person. Ich konnte alles sehen und verstehen, aber es gab keine Möglichkeit, das irgendjemand wissen zu lassen. Meine Persönlichkeit war in einem scheinbar stummen Körper begraben, ein deutlich sichtbarer, lebhafter Geist versteck in einem Kokon.

Schlagartig traf mich die krasse Erkenntnis, dass ich den Rest meines Lebens in mir eingesperrt wäre, komplett alleine. Ich war gefangen, nur mit meinen Gedanken als Begleiter. Ich würde nie gerettet werden. Niemand wäre zärtlich zu mir. Ich würde niemals mit einem Freund reden. Niemand würde mich je lieben. Ich hatte keine Träume, keine Hoffnung, nichts worauf ich mich freuen konnte, jedenfalls nichts Angenehmes. Ich lebte in Angst, und, um es offen zu sagen, wartete auf den Tod, um endlich erlöst zu werden. Ich dachte, ich würde einsam in einem Pflegeheim sterben.

Ich weiß nicht, ob es wirklich möglich ist in Worten auszudrücken, wie es ist, nicht kommunizieren zu können. Die Persönlichkeit scheint in einem dichten Nebel zu verschwinden, und alle Gefühle und Wünsche werden in einem eingeschnürt, erstickt und gedämpft. Das Schlimmste war für mich die komplette Machtlosigkeit. Ich existierte einfach nur. Man befindet sich an einem sehr düsteren Ort, denn irgendwie ist man verschwunden. Andere Menschen bestimmten jeden Aspekt meines Lebens. Sie bestimmten, was ich aß und wann. Ob ich auf der Seite lag oder in meinem Rollstuhl festgeschnallt wurde. Ich verbrachte oft meine Tage vor dem Fernseher, Wiederholungen von "Barney" schauend. Wahrscheinlich weil Barney so fröhlich und munter ist und ich es überhaupt nicht war. Das machte alles noch schlimmer.

Ich war völlig machtlos, etwas an meinem Leben zu ändern oder daran, wie die Menschen mich wahrnahmen. Ich war ein stiller, unsichtbarer Beobachter dessen, wie sich die Menschen verhielten, wenn sie dachten, niemand sähe zu. Leider war ich nicht nur ein Beobachter. Ohne die Möglichkeit zu kommunizieren, wurde ich zum perfekten Opfer: ein hilfloses Objekt, scheinbar ohne Gefühle, an dem Menschen ihre dunkelsten Begierden auslebten. Über 10 Jahre missbrauchten Menschen, die mit meiner Pflege betraut waren, mich körperlich, verbal und sexuell. Im Gegensatz zu dem, was sie dachten; ich nahm alles wahr. Als es zum ersten Mal geschah, war ich schockiert und voller Unglauben. Wie konnten sie das mit mir machen? Ich war verwirrt. Womit hatte ich das verdient? Ein Teil von mir wollte weinen und ein anderer Teil wollte kämpfen. Schmerz, Trauer und Wut erfüllten mich. Ich fühlte mich wertlos. Es gab keinen, der mich tröstete. Aber keiner meiner Eltern wusste, was passierte. Ich lebte in Panik, wissend, dass es immer wieder passieren würde. Ich wusste nur nie wann. Ich wusste nur, dass ich nie mehr derselbe sein würde. Einmal hörte ich Whitney Houston singen: "Egal, was sie mir nehmen, meine Würde können sie mir nicht nehmen." Und ich dachte bei mir: "Willst du wetten?"

Vielleicht hätten meine Eltern es herausfinden und mir helfen können. Aber die Jahre andauernder Pflege, alle 2 Stunden aufzustehen, um mich zu wenden, kombiniert mit ihrer Trauer um den Verlust ihres Sohnes, hatten ihren Tribut von meiner Mutter und meinem Vater gefordert. Nach einer weiteren hitzigen Diskussion zwischen meinen Eltern, in einem Moment der Verzweiflung, drehte meine Mutter sich zu mir und sagte mir, ich solle sterben. Ich war schockiert, aber als ich über ihre Worte nachdachte, erfüllte mich enormes Mitgefühl und Liebe für meine Mutter, dennoch konnte ich nichts daran ändern.

Es gab viele Momente, in denen ich aufgab, in einen dunklen Abgrund sinkend. Ich erinnere mich an einen besonderen Tiefpunkt. Mein Vater ließ mich alleine im Auto zurück, während er kurz etwas im Laden kaufte. Ein zufälliger Fremder ging vorbei, sah mich an und lächelte. Ich werde nie wissen, warum, aber diese einfache Geste, dieser flüchtige Moment von menschlichem Kontakt, veränderte, wie ich mich fühlte, brachte mich dazu, weitermachen zu wollen.

Meine Existenz litt unter Monotonie — eine Realität, die oft kaum zu ertragen war. Alleine mit meinen Gedanken konstruierte ich komplexe Fantasien über Ameisen, die über den Boden liefen. Ich lernte, die Zeit zu bestimmen, indem ich die Position der Schatten las. Indem ich mir merkte, wie sich die Schatten im Tagesverlauf bewegten, wusste ich, wie lange es noch dauerte, bis ich abgeholt und nach Hause gebracht würde. Meinen Vater durch die Tür kommen zu sehen, um mich abzuholen, war der beste Moment meines Tages.

Mein Geist wurde ein Werkzeug, das ich nutzen konnte, um entweder zuzumachen, um vor der Realität zu fliehen oder um einen riesigen Raum zu schaffen, den ich mit Fantasien füllen konnte. Ich hoffte, meine Realität würde sich ändern und jemand würde sehen, dass ich wieder zum Leben erwacht war. Aber ich war weggespült worden, wie eine Sandburg, die zu nah an den Wellen gebaut war, und an meiner Stelle war die Person getreten, die die anderen in mir sahen. Für manche war ich Martin, eine leere Hülle, ein Dahinvegetierender, der strenge Worte, Ablehnung und sogar Missbrauch verdiente. Für andere war ich ein tragischerweise hirngeschädigter Junge, der zu einem Mann herangewachsen war. Jemand, zu dem sie lieb waren und für den sie sorgten. Im Guten oder Schlechten, ich war eine leere Leinwand, auf die man verschiedene Versionen meiner selbst projizieren konnte.

Es brauchte jemand neues, um mich auf andere Art zu sehen. Eine Aromatherapeutin fing an, einmal die Woche ins Pflegeheim zu kommen. Ob durch Intuition oder ihre Beachtung von Details, die andere nicht bemerkten, gelangte sie zur Überzeugung, dass ich verstand, was gesagt wurde. Sie drängte meine Eltern, mich von Experten testen zu lassen, in unterstützter und alternativer Kommunikation. Und innerhalb eines Jahres nutzte ich Computerprogramme zum Kommunizieren. Es war beglückend, aber manchmal auch frustrierend. Ich hatte so viel Worte in mir, und ich konnte es nicht abwarten ... Manchmal sprach ich mit mir selbst, einfach weil ich es konnte. In mir hatte ich ein aufmerksames Publikum und ich glaubte, indem ich meine Gedanken und Wünsche äußerte, würden andere mir auch zuhören.

Aber als ich mehr zu kommunizieren begann, bemerkte ich, dass es nur der Anfang davon war, eine neue Stimme für mich zu erschaffen. Ich wurde in eine Welt geworfen, in der ich mich nicht zurecht fand. Ich ging nicht mehr ins Pflegeheim und schaffte es, einen Job zu bekommen, wo ich Fotokopien machte. Das mag einfach klingen, aber es war unglaublich. Meine neue Welt war wirklich aufregend, aber oft ziemlich überwältigend und beängstigend. Ich war wie ein ewiges Kind — so befreiend es oft war, so kämpfte ich doch damit. Ich lernte auch, dass es für viele, die mich seit langem kannten, unmöglich war, von ihrer Vorstellung von Martin abzurücken. Während jene, die ich gerade kennenlernte, sich abmühten, über das Bild eines stummen Mannes im Rollstuhl hinauszusehen. Ich merkte, dass einige Menschen mir nur zuhörten, wenn es mit dem übereinstimmte, was sie von mir erwarteten. Andernfalls wurde es nicht beachtet und sie taten, was sie für richtig hielten.

Ich erkannte, dass wahre Kommunikation mehr ist, als eine Botschaft physisch zu vermitteln. Es geht darum, einer Botschaft Gehör und Respekt zu verschaffen. Dennoch liefen die Dinge gut. Meine Körper wurde langsam stärker. Ich hatte einen Computerjob, den ich liebte, und bekam sogar Kojak, den Hund, von dem ich jahrelang geträumt hatte.

Trotzdem sehnte ich mich danach, mein Leben mit jemandem zu teilen. Ich starrte einmal aus dem Fenster, als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam und dachte, wie viel Liebe ich in mir trug und niemanden, dem ich sie geben konnte. Gerade als ich mich damit abfand, den Rest meines Lebens Single zu bleiben, traf ich Joan. Sie ist nicht nur das Beste, was mir jemals passiert ist, sie half mir auch, meine eigenen Fehlvorstellungen über mich anzuzweifeln. Joan sagte, sie hätte sich über meine Worte in mich verliebt. Aber nach allem, was ich durchgemacht hatte, konnte ich immer noch nicht den Glauben abschütteln, dass niemand wirklich über meine Behinderungen hinaussehen und mich so akzeptieren könnte, wie ich bin.

Es fiel mir auch schwer zu verstehen, dass ich ein Mann war. Das erste Mal, als jemand mich als Mann bezeichnete, erstarrte ich. Ich wollte herumschauen und fragen: "Wer, ich?" Das änderte sich alles mit Joan. Wir haben eine unglaubliche Verbindung und ich habe gelernt, wie wichtig es ist, offen und ehrlich zu kommunizieren. Ich fühlte mich sicher und es gab mir Vertrauen, offen zu sagen, was ich dachte. Ich fühlte mich wieder vollständig — ein Mann, der Liebe verdiente.

Ich begann mein Schicksal neu zu formen. Ich ergriff auf der Arbeit öfter das Wort. Ich setze gegenüber meinen Mitmenschen mein Bedürfnis nach Unabhängigkeit durch. Ein Kommunikationsmittel zu erhalten, änderte alles. Ich nutzte die Kraft der Worte und des Willens, um Vorurteile herauszufordern, von denen um mich herum und von mir selbst.

Kommunikation macht uns menschlich, sie ermöglicht es uns, uns auf tiefster Ebene mit allen um uns herum zu verbinden, unsere eigenen Geschichten zu erzählen, Wünsche, Bedürfnisse und Begierden auszudrücken oder die von anderen zu hören, indem wir zuhören. Durch all das, weiß die Welt, wer wir sind. Wer sind wir also ohne das?

Wahre Kommunikation erhöht das Verständnis und schafft eine fürsorglichere und mitfühlendere Welt. Einst wurde ich als lebloses Objekt wahrgenommen, ein hirnloses Phantom eines Jungen in einem Rollstuhl. Heute bin ich so viel mehr. Ein Ehemann, ein Sohn, ein Freund, ein Bruder, ein Geschäftsinhaber, ein hochausgezeichneter Absolvent, ein begeisterter Hobby-Fotograf. Meine Fähigkeit zu sprechen, hat mir all das gegeben.

Es heißt, Taten zählen mehr als Worte. Aber ich frage mich: Tun sie das? Unsere Worte, egal wie wir sie kommunizieren, sind genauso mächtig. Ob wir die Worte mit unseren eigenen Stimmen sprechen, sie mit unseren Augen tippen oder sie jemandem non-verbal kommunizieren, der sie für uns spricht, Worte sind eines unserer mächtigsten Werkzeuge.

Ich bin durch eine furchtbare Dunkelheit zu Ihnen gekommen, herausgezogen von fürsorglichen Seelen und durch Sprache selbst. Dass Sie mir heute zuhören, bringt mich noch weiter ins Licht. Wir leuchten hier zusammen. Eine schwierige Hürde der Kommunikation ist für mich, dass ich manchmal schreien will und andere Male einfach ein Wort des Dankes flüstern will. Es klingt alles gleich. Aber wenn Sie mögen, stellen Sie sich bitte das folgende Wort so herzlich wir möglich vor.

Danke.

(Applaus)