Marla Spivak

Warum Bienen sterben

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Translated by Baerbel Arestov
Reviewed by Tonia David
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So sieht unser Leben mit Bienen aus. Und so sieht es ohne Bienen aus. Bienen sind die wichtigsten Bestäuber von Früchten, Gemüse und Blumen genau wie von Nutzpflanzen wie Alfalfa-Heu, für unsere Hoftiere. Über ein Drittel der weltweit angebauten Pflanzen brauchen Bienen zur Bestäubung.

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Bienen fliegen jedoch nicht nur herum, um unsere Nahrungsmittel zu bestäuben. Sie sind unterwegs, weil sie essen müssen. Alle Proteine, die Bienen zum Leben benötigen, bekommen sie aus Pollen, und alle notwendigen Kohlenhydrate aus Nektar. Sie ernähren sich von Blumen, und auf ihren Flügen von Blume zu Blume, praktisch während eines Einkaufsbummels auf dem heimischen Blumenmarkt, leisten sie ganz nebenbei ihren wertvollen Dienst als Bestäuber. In Teilen der Welt, wo es keine Bienen gibt, oder wo Pflanzenarten angebaut werden, die Bienen nicht anziehen, werden Menschen bezahlt dafür, dass sie die Pflanzen von Hand bestäuben. Diese Menschen übertragen Pollen von einer Blüte auf die nächste mit einem Pinsel. Tatsächlich kommt dieses manuelle Bestäuben gar nicht so selten vor. Tomatenzüchter bestäuben ihre Tomatenblüten oft mit einem kleinen Rüttelgerät. Hier sehen Sie den "Tomatenkitzler" (Lachen). Dies geschieht deshalb, weil sich der Pollen einer Tomatenblüte gut versteckt im männlichen Teil der Blüte, dem Staubbeutel, befindet. Er fällt nur heraus, wenn die Pflanze geschüttelt wird. Hummeln gehören zu den wenigen Bienenarten auf der Welt, die auf der Blüte sitzen und sie gleichzeitig rütteln können. Das tun sie, indem sie ihre Flugmuskeln in einer Frequenz ähnlich der der Note C bewegen. Das heißt, sie rütteln und beschallen die Blüte, und diese lässt ergiebig Pollen herunterrauschen. Er sammelt sich auf dem flauschigen Hummelkörper und sie trägt ihn als Futter nach Hause. Tomatenzüchter setzen nun Hummelvölker zur Bestäubung in ihr Treibhaus, da es wesentlich effizienter für sie ist, auf natürlichem Weg zu bestäuben, und weil so auch qualitativ bessere Tomaten wachsen.

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Es gibt auch andere, vielleicht persönlichere Gründe dafür sich um Bienen zu kümmern. Weltweit gibt es über 20.000 Bienenarten, und sie sind einfach fantastisch. Diese Bienen verbringen den größten Teil ihres Lebens versteckt in der Erde oder in einem hohlen Stamm, und nur sehr wenige dieser wunderbaren Wesen entwickelten ein so hohes Sozialverhalten wie die Honigbienen.

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Honigbienen sind auf eine Art die charismatischen Vertreter von insgesamt gut 19.900 Bienenarten, denn sie besitzen etwas, was ihre Welt für die Menschen anziehend macht. Die Menschen fühlten sich zu Honigbienen hingezogen seit Beginn der Geschichtsschreibung. Der Hauptgrund dafür ist Honig, ein erstaunlicher natürlicher Süßstoff.

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Ich entdeckte die Welt der Honigbienen durch einen glücklichen Zufall. Ich war 18 Jahre alt und gelangweilt, und lieh mir in der Bücherei ein Buch über Bienen aus. Darin las ich die ganze Nacht. Ich hatte nie über Insekten in komplexen Gesellschaftssystemen nachgedacht. Es war, also ob die beste Science-Fiction-Geschichte hier wahr wurde. Aber noch seltsamer waren diese Leute, diese Imker, die ihre Bienen wie eine Familie liebten. Nach dem Buch musste ich mir das mit eigenen Augen anschauen. Ich begann bei einem kommerziellen Imker zu arbeiten, einer Familie in New Mexico, die 2.000 Bienenstöcke besaß. Und seitdem haben mich Bienen nicht mehr losgelassen.

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Honigbienen kann man als Superorganismus bezeichnen. Der Stamm selbst ist der Organismus, der wiederum aus 40.000 bis 50.000 einzelnen Bienenorganismen besteht. In dieser Gesellschaft gibt es keine zentrale Autorität. Keiner ist verantwortlich. Wie sie ihre kollektiven Entscheidungen treffen, wie die Arbeiten zugeordnet und aufgeteilt werden, wie sie sich gegenseitig mitteilen, wo die Blumen sind, ihr ganzes kollektives Sozialverhalten ist überwältigend. Mein persönliches Lieblingsthema, das ich viele Jahre lang studiert habe, ist ihr Gesundheitswesen. Bienen haben ein soziales Gesundheitssystem. In meinem Labor erforschen wir, wie sich die Bienen gesund erhalten. Wir untersuchen zum Beispiel ihr Hygieneverhalten. Manche Bienen sind fähig, kranke Artgenossen zu lokalisieren und sie aus dem Stock zu entfernen. Dadurch bleibt das Bienenvolk gesund. Und in jüngerer Zeit haben wir Harze erforscht, die die Bienen von Pflanzen sammeln. Das heißt, Bienen fliegen zu bestimmten Pflanzen und kratzen dieses extrem klebrige Harz von ihren Blättern, um es zurück zum Stock bringen, wo sie es in die Wabenarchitektur einbauen. Dieses Harz nennen wir dann Propolis. Wir stellten fest, dass Propolis ein natürliches Desinfektionsmittel ist. Es ist ein natürliches Antibiotikum. Es tötet Bakterien, Schimmel und andere Keime, die sich im Bienenvolk befinden, ab. Auf diese Weise wird die Gesundheit und soziale Sicherheit des Bienenvolks gestärkt. Die Menschen wissen um die Kraft von Propolis schon seit biblischen Zeiten. Schon lange entnehmen wir Propolis aus den Bienenstöcken für die Humanmedizin, aber wir wussten nicht, wie gut es für die Bienen ist. Honigbienen haben also diese bemerkenswerten natürlichen Abwehrmittel, die sie gesund erhalten und mit denen sie über 50 Millionen Jahre lang gedeihen konnten.

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Als dann vor sieben Jahren bekannt wurde, dass Bienenvölker in Massen sterben, zunächst in den USA, war klar, dass hier etwas wirklich falsch läuft. Unser kollektives Gewissen sagte uns ganz von Anfang an, dass wir es uns nicht leisten können, Bienen zu verlieren. Was ist also los? Das Bienensterben hat vielfache, ineinandergreifende Ursachen, auf die ich im Einzelnen eingehen möchte. Unter dem Strich können wir sagen, dass das Bienensterben der Spiegel einer blumenlosen Landschaft und eines dysfunktionalen Ernährungssystems ist.

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Da wir über die besten Daten zu Honigbienen verfügen, nehme ich diese als Beispiel. In den Vereinigten Staaten ist eigentlich schon seit dem Zweiten Weltkrieg ein Bienenrückgang zu verzeichnen. In den USA gibt es nur noch halb so viele betreute Bienenstöcke wie 1945. Sehr wahrscheinlich haben wir nur noch ungefähr 2 Millionen Bienenstöcke. Das liegt daran, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg unsere landwirtschaftlichen Gepflogenheiten geändert haben. Wir hörten auf, Gründüngung auszusäen. Wir hörten auf, Klee und Alfalfa anzubauen, die als Naturdünger den Stickstoff im Boden binden. Stattdessen griffen wir zu Kunstdüngern. Klee und Alfalfa sind sehr wertvolle Nahrungspflanzen für Bienen. Und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs benutzen wir Herbizide, um das Unkraut auf unseren Äckern abzutöten. Viele dieser Unkräuter sind Blühpflanzen, die die Bienen zum Überleben brauchen. Und wir haben begonnen, immer größere Monokulturen anzupflanzen. Man spricht heutzutage von "Lebensmittelwüsten", also Stadtvierteln und Gegenden, in denen es keine Lebensmittelläden gibt. Genau die Bauernhöfe, die einst Bienen am Leben erhielten, sind jetzt landwirtschaftliche Lebensmittelwüsten, dominiert von ein oder zwei Pflanzensorten wie Mais und Sojabohnen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir systematisch viele der Blütenpflanzen ausgerottet, die die Bienen zum Überleben brauchen. Diese Monokulturen erstrecken sich aber auch auf Nutzpflanzen wie Mandelbäume, die gut sind für die Bienen. Vor 50 Jahren brachten Imker einige wenige ihrer Bienenvölker zu den Plantagen, damit sie die Bäume bestäuben konnten, aber auch, weil der Pollen der Mandelblüte sehr viele Proteine hat und wirklich gut für Bienen ist. Jetzt haben wir so viele Mandel-Monokulturen, dass der Großteil der Bienenvölker der USA, mehr als 1,5 Millionen Bienenstöcke quer durch das Land transportiert wird, um diese eine Pflanzenart zu bestäuben. Sie werden auf Lastern dorthin transportiert, und sie müssen wieder von dort weggebracht werden, weil die Mandelplantagen nach der Blüte nur noch eine riesige, blumenlose Landschaft sind.

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Bienen sterben seit mehr als 50 Jahren, und wir bauen immer mehr Pflanzen an, für die wir Bienen brauchen. Der Anteil von Pflanzen, die von Bienen bestäubt werden müssen, ist um 300 % angestiegen.

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Und dann die Pestizide. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen wir, Pestizide im großen Maßstab zu verwenden. Dies war notwendig geworden, weil wir mit Monokulturen den Pflanzenschädlingen ein Fest bereitetet hatten. Forscher der Penn State University untersuchten vor kurzem die Pestizid-Rückstände in den Pollenpaketen, die die Bienen als Futter heimtragen. Sie stellten fest, dass jedes Pollenpaket, das die Biene einsammelt, mindestens sechs nachweisbare Pestizide enthält, und zwar sowohl Insektizide als auch Herbizide, Fungizide und sogar inaktive Bestandteile und nicht ausgewiesene Beistoffe, die zur Pestizidformulierung gehören und die giftiger als der aktive Inhaltsstoff sein können. Diese kleine Biene hält uns einen großen Spiegel vor. Wie lange wird es noch dauern, bis Menschen vergiftet werden?

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Eine dieser Insektizidklassen, Neonicontinoide, sind derzeit überall in den Schlagzeilen. Vielleicht haben Sie davon gehört. Es ist eine neue Klasse von Insektiziden. Sie steigen durch die ganze Pflanze hoch, so dass der Schädling, ein blattfressendes Insekt, wenn er frisst, eine tödliche Dosis davon abbekommt. Wenn ein solches Neonic, wie wir es nennen, in hoher Konzentration ausgebracht wird, so wie bei dieser Anwendung auf dem Boden, dann wird so viel des Stoffes durch die Pflanze hochtransportiert und gelangt bis zum Pollen und zum Nektar, dass die Bienen eine so hohe Dosis des Neurotoxins aufnehmen, dass sie nach einigen Zuckungen sterben. In den meisten landwirtschaftlichen Umgebungen und Betrieben wird jedoch nur der Samen mit dem Insektizid benetzt, so dass nur eine kleinere Konzentration in der Pflanze aufsteigt und in den Pollen und den Nektar gelangt. Wenn die Biene diese geringere Dosis aufnimmt, dann geschieht entweder nichts oder die Biene wird vergiftet, verliert die Orientierung und findet vielleicht nicht nach Hause zurück. Hinzu kommt nun, dass es spezifische Bienenkrankheiten und -parasiten gibt. Feind Nummer 1 der Biene ist das hier: Die so genannte Varroa-Milbe, "Varroa-Zerstörer". Es ist ein großer, blutsaugender Parasit, der das Immunsystem der Biene angreift und Viren verbreitet.

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Lassen Sie es mich für Sie zusammenfassen. Ich weiß nicht, wie sich eine Biene fühlt, wenn ein großer, blutsaugender Parasit auf ihr herumkrabbelt, auch nicht, wie sich eine Biene fühlt, die einen Virus hat. Aber ich weiß sehr wohl, wie ich mich fühle, wenn ich einen Virus habe, die Grippe, und ich weiß, wie schwer es mir fällt, mir etwas Gutes zum Essen einzukaufen. Was nun, wenn ich in einer Lebensmittelwüste leben würde? Und wenn ich einen weiten Weg zum Lebensmittelladen zurücklegen müsste? Und wenn ich es geschafft hätte, mich dorthin zu schleppen, würde ich über mein Essen so viel eines Pestizids aufnehmen, eines Neurotoxins, dass ich nicht mehr nach Hause finden würde? Genau das ist gemeint, wenn wir von multiplen und ineinandergreifenden Todesursachen sprechen.

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Das betrifft nicht nur unsere Honigbienen. Alle unsere schönen Wildbienenarten sind bedroht, einschließlich der Hummeln, die die Tomaten bestäuben. Diese Bienen sind die Verstärkung unserer Honigbienen. Sie sind die Bestäubungsversicherung neben unseren Honigbienen. Wir brauchen alle unsere Bienen.

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Was werden wir also tun? Was sollen wir tun angesichts dieses riesigen Bienendesasters, das wir angerichtet haben? Aber die Lage erweist sich als hoffnungsvoll. Es gibt Hoffnung. Jeder von Ihnen kann den Bienen helfen, und zwar auf zwei direkte und einfache Weisen. Pflanzen Sie bienenfreundliche Blumen, und vergiften Sie diese Blumen, dieses Bienenfutter, nicht mit Pestiziden. Schauen Sie im Internet nach, welche Blumen in ihrer Gegend heimisch sind, und pflanzen Sie sie. Pflanzen Sie Blumen an Ihrer Tür, in Ihren Vorgarten, Ihren Rasen, in Ihre Grünstreifen. Setzen Sie sich dafür ein, dass sie in öffentlichen Parks gepflanzt werden, auf Gemeinschaftsplätzen, auf Wiesen. Stellen Sie Ackerland dafür zur Verfügung. Wir brauchen eine schöne Vielfalt von Blumen, die während der ganzen Wachstumssaison blühen, vom Frühling bis zum Herbst. Wir brauchen Straßenränder, an denen Blumen für unsere Bienen wachsen, aber auch für Wanderfalter und Zugvögel und andere wild lebende Tiere. Und wir sollten sorgfältig in Erwägung ziehen, wieder Gründüngungen auszubringen, die unsere Böden nähren und gleichzeitig unsere Bienen. Außerdem brauchen wir eine vielfältige Landwirtschaft. Wir müssen Blühpflanzen und Heckenreihen pflanzen, um die landwirtschaftliche Lebensmittelwüste aufzubrechen. Wir müssen anfangen, das dysfunktionale Ernährungssystem, das wir geschaffen haben, zu verbessern.

13:44

Das sieht vielleicht alles nach einer viel zu kleinen Gegenmaßnahme gegen ein riesiges Problem aus – einfach Blumen pflanzen. Aber wenn Bienen Zugang zu guter Nahrung haben, haben auch wir Zugang zu guter Nahrung dank ihres Bestäubungsdienstes. Und wenn Bienen Zugang zu guter Nahrung haben, können sie besser auf ihre eigenen Abwehrkräfte vertrauen und ihr Gesundheitssystem, auf das sie sich seit Millionen von Jahren verlassen. Das Schöne, wenn wir Bienen so helfen, besteht für mich darin, dass sich jeder von uns ein wenig mehr so verhalten sollte wie in einer Bienen- oder Insektengesellschaft, in der jede einzelne unserer Handlungen zu einer großen Lösung beitragen kann, zu einer emergenten Eigenschaft, die viel größer ist als nur die Summe unserer einzelnen Handlungen. Möge also die kleine Geste des Blumenanpflanzens und deren Freihaltung von Pestiziden der Anstoß für weitreichende Veränderungen sein.

14:49

Danke – im Namen der Bienen.

14:52

(Applaus)

14:56

Chris Anderson: Danke, ich habe nur eine kurze Frage. Gibt es angesichts der letzten Zahlen über das Bienensterben irgendeinen Hinweis auf eine Stabilisierung der Lage? Sind Sie eher von Hoffnung gefüllt oder eher bedrückt?

15:08

Maria Spivak: Naja. Allein in den Vereinigten Staaten verlieren wir durchschnittlich 30 % aller Bienen im Winter. Vor 20 Jahren hatten wir eine Verlustrate von 15 %. Die Lage wird also zunehmend bedenklich.

15:21

CA: Nicht 30 % im Jahr, das... MS: Doch, 30 % im Jahr.

15:24

CA: 30 % jährlich. MS: Aber Imker können Bienenvölker teilen und auf diese Weise ihre Stockzahl erhalten. Einen Teil des Verlusts können sie wiedergutmachen.

15:33

Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt. Wir können es uns nicht leisten, noch viel mehr zu verlieren. Wir schulden all den Bienenzüchtern wirklich unseren Dank. Pflanzen Sie Blumen!

15:42

CA: Danke.

15:43

(Applaus)

Honigbienen gedeihen seit über 50.000 Jahren. In jedem Bienenvolk leben 40 - 50.000 Bienen erstaunlich gut koordiniert und harmonisch zusammen. Warum begann vor sieben Jahren nun dieses massenhafte Bienensterben? Marla Spivak zeigt vier Gründe auf, die mit tragischen Folgen ineinandergreifen. Dies ist nicht nur ein Problem, weil Bienen ein Drittel der weltweiten Kulturpflanzen bestäuben. Kann es sein, dass uns diese unglaublichen Tierchen einen Spiegel vorhalten?

About the speaker
Marla Spivak · Bees scholar

Marla Spivak researches bees’ behavior and biology in an effort to preserve this threatened, but ecologically essential, insect.

Marla Spivak researches bees’ behavior and biology in an effort to preserve this threatened, but ecologically essential, insect.