Marina Abramović

Kunst aus Vertrauen, Verletzlichkeit und Verbundenheit schaffen

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Translated by Ina Brachmann
Reviewed by Christina Eberhart
0:17

Gehen wir jetzt ... in der Zeit zurück. Es ist 1974. Irgendwo auf der Welt ist eine Galerie. Eine junge Frau, 23 Jahre alt, steht in der Mitte eines Raums. Vor ihr ist ein Tisch. Auf dem Tisch befinden sich 76 Objekte: zum Vergnügen und für Schmerzen. Zu den Objekten gehören ein Glas Wasser, ein Mantel, ein Schuh, eine Rose. Aber auch ein Messer, eine Rasierklinge, ein Hammer und eine Pistole mit einer Kugel. Die Anweisungen besagen: "Ich bin ein Objekt. Sie können alles auf dem Tisch an mir verwenden. Ich übernehme die Verantwortung — auch für meinen Tod. Sie haben sechs Stunden Zeit."

1:34

Der Anfang dieser Performance war einfach. Menschen gaben mir das Glas Wasser zu trinken. Sie gaben mir die Rose. Aber sehr bald schon nahm ein Mann die Schere und zerschnitt meine Kleider. Dann stach mir jemand mit den Rosendornen in den Bauch. Jemand schnitt mir mit der Rasierklinge in den Hals und trank das Blut. Die Narbe habe ich noch immer. Die Frauen sagten den Männern, was sie tun sollen. Die Männer haben mich nicht vergewaltigt, weil es nur eine normale Eröffnung war, und alles öffentlich war, und sie ihre Frauen dabei hatten. Sie trugen mich herum, legten mich auf den Tisch und legten das Messer zwischen meine Beine. Jemand nahm die Pistole mit der Kugel und drückte sie an meine Schläfe. Eine andere Person nahm die Pistole. Sie begannen sich zu streiten.

2:29

Sechs Stunden waren vergangen. Ich ... fing an, auf das Publikum zuzugehen. Ich sah schrecklich aus. Ich war halbnackt, blutüberströmt und Tränen liefen mir über das Gesicht. Alle flüchteten, sie liefen einfach weg. Sie konnten die Begegnung mit mir als menschlichem Wesen nicht zulassen. Dann ... geschah Folgendes: Ich ging ins Hotel. Es war zwei Uhr morgens. Und ... ich betrachtete mich im Spiegel und da war ein graues Haar. Gut. Bitte nehmen Sie Ihre Augenbinde ab.

3:21

Willkomen in der Welt der Performance. Zunächst müssen wir klären, was eine Performance ist. So viele Künstler, so viele verschiedene Erklärungen. Meine Erklärung ist ganz einfach. Eine Performance ist eine geistige und körperliche Konstruktion, die der Künstler zu einer bestimmten Zeit an einem Ort vor einem Publikum vorführt. Dann kommt es zum Energie-Dialog. Das Publikum und der Künstler gestalten das Stück zusammen. Der Unterschied zwischen Performance und Theater ist riesig. Im Theater ist das Messer kein Messer und das Blut ist nur Ketchup. Bei der Performance ist Blut das Material und die Rasierklinge oder das Messer sind die Instrumente. Es geht um das Hier und Jetzt in Echtzeit. Eine Performance kann man nicht proben, weil viele Dinge nicht wiederholt werden können — niemals. Wichtig ist, die Performance ist ... Wissen Sie, alle Menschen haben Angst vor einfachen Dingen. Wir haben Angst vor dem Leiden wir haben Angst vor dem Schmerz, wir fürchten uns vor der Sterblichkeit. Und ich führe diese Ängste vor einem Publikum auf. Ich nutze Ihre Energie, und mit dieser Energie kann ich meinen Körper an die Grenzen bringen. Dann befreie ich mich von diesen Ängsten. Ich bin Ihr Spiegel. Wenn ich das für mich tun kann, können Sie es für sich auch tun.

4:57

Von Belgrad, wo ich geboren wurde, bin ich nach Amsterdam gegangen. Ich mache seit 40 Jahren Performances. Dabei habe ich Ulay getroffen. In ihn habe ich mich sogar verliebt. Wir haben 12 Jahre zusammengearbeitet. Das Messer, die Pistolen und Kugeln verwandelte ich in Liebe und Vertrauen. Um auf diese Art zusammenzuarbeiten, muss man einander komplett vertrauen. Denn dieser Pfeil zielt auf mein Herz. Das Herz schlägt und Adrenalin wird ausgeschüttet. Es geht um Vertrauen, totales Vertrauen in einen anderen Menschen.

5:38

Unsere Beziehung dauerte 12 Jahre. Wir haben sowohl mit männlicher als auch weiblicher Energie gearbeitet. Wie jede andere Beziehung ist auch unsere zu Ende gegangen. Wir haben uns nicht wie normale Menschen angerufen, um zu sagen: "Es ist vorbei." Wir gingen auf die Chinesische Mauer, um uns zu verabschieden. Ich startete am Gelben Meer und er in der Wüste Gobi. Jeder von uns ging drei Monate und 2 500 Kilometer. Die Berge machten es besonders schwierig. Das Klettern, die Ruinen. Wir mussten durch die 12 chinesischen Provinzen gehen. Das war, bevor China 1987 geöffnet wurde. Wir haben es geschafft, uns in der Mitte zu treffen, um uns zu verabschieden. Damit war unsere Beziehung beendet.

6:27

Meine Sichtweise auf das Publikum hat sich jetzt komplett geändert. Ein sehr wichtiges Stück, was ich zu jener Zeit machte, war "Balkan Baroque". Das war zur Zeit des Balkankrieges. Ich wollte sehr starke, kraftvolle Bilder schaffen. Bilder, die jedem Krieg zu jeder Zeit entsprechen könnten. Der Balkankrieg ist mittlerweile beendet. Doch es gibt immer Krieg, irgendwo. Hier wasche ich zweieinhalbtausend leblose, große, blutige Kuhknochen. Blut läßt sich nicht abwaschen, Kriege können nicht reingewaschen werden. Ich wasche also sechs Stunden, sechs Tage Kriege aus diesen Knochen. Es schien unmöglich ... ein unerträglicher Gestank. Etwas bleibt im Gedächtnis.

7:11

Die eine, die mein Leben wirklich verändert hat, war die Performance im MoMA, die ich gerade gemacht habe. Ich sagte zum Kurator: "Ich werde nur auf einem Stuhl sitzen, und es gibt einen leeren Stuhl, der davor steht. Menschen aus dem Publikum können so lange wie sie wollen dort sitzen." Der Kurator sagte zu mir: "Das ist lächerlich, das ist New York. Der Stuhl wird leer bleiben. Niemand hat Zeit, vor Ihnen zu sitzen."

7:37

(Lachen)

7:38

Aber ich werde drei Monate sitzen. Ich sitze jeden Tag, acht Stunden. Zu den Öffnungszeiten — und Freitags 10 Stunden, wenn das Museum geöffnet ist. Ich bewege mich nicht. Ich habe den Tisch entfernt und ich sitze noch immer. Das hat alles verändert. Diese Performance mag vor 10 oder 15 Jahren ... nichts geändert haben. Aber das Bedürfnis der Menschen, etwas Anderes zu erfahren, das Publikum war nicht länger die Gruppe ... Die Beziehung war eins-zu-eins. Ich habe diese Menschen beobachtet. Sie kamen und saßen vor mir, sie mussten stundenlang warten, um dorthin zu gelangen, um sich schließlich zu setzen.

8:15

Und was passierte? Sie werden von den anderen Menschen beobachtet. Sie werden fotografiert, von der Kamera gefilmt, von mir beobachtet und können sich nirgendwo, außer in sich selbst, verstecken. Das macht den Unterschied. Es gab so viel Schmerz und Einsamkeit, so viele unglaubliche Dinge, wenn man in die Augen der Anderen schaut. Im Blick eines völlig fremden Menschen, mit dem man nie vorher gesprochen hat. Alles Mögliche passierte. Als ich nach drei Monaten aufstand, verstand ich. Ich bin nicht mehr dieselbe. Ich verstand, dass ich eine sehr wichtige Aufgabe habe, dass ich diese Erfahrung kommunizieren muss, mit allen.

8:55

So entstand die Idee eines Instituts für immaterielle darstellende Kunst. Das Nachdenken über Immaterialität ... Performance ist zeitbasierte Kunst, ganz anders als Malerei. Das Gemälde an der Wand hängt auch am nächsten Tag dort. Eine verpasste Performance lebt nur in Ihrer Erinnerung oder in den Erzählungen anderer. Sie aber haben das Ganze verpasst. Sie müssen dort sein. Ich denke, wenn wir über immaterielle Kunst sprechen, ist Musik die höchste ... die absolut höchste von allen, weil sie am wenigsten materiell ist. Danach kommt Performance und dann alles Andere. Das ist meine subjektive Sicht.

9:33

Das Institut wird in Hudson, im Bundesstaat New York, sein. Wir versuchen es mit Rem Koolhaas umzusetzen. Es ist ganz einfach. Wenn Sie die Erfahrung wollen, müssen Sie mir Ihre Zeit schenken. Bevor Sie das Gebäude betreten, müssen Sie einen Vertrag unterschreiben, dass Sie sechs Stunden dort verbringen. Sie müssen mir Ihr Versprechen geben. Es ist etwas so Altmodisches. Wenn Sie Ihr eigenes Versprechen nicht halten und vorher gehen — das ist nicht mein Problem. Die Erfahrung dauert aber sechs Stunden. Danach erhalten Sie ein Zertifikat. Das können Sie einrahmen und aufhängen.

10:09

(Lachen)

10:10

Das ist die Orientierungshalle. Das Publikum kommt herein und muss zuerst Laborkittel anziehen. Es ist wichtig, den Schritt vom Beobachter zum Experimentierenden zu machen. Dann gehen Sie zu Ihrem Schließschrank

10:25

und geben Ihre Uhr, Ihr iPhone, iPad, Ihren Computer und alle digitalen, elektronischen Geräte ab. Zum ersten Mal haben Sie nun freie Zeit für sich selbst. Technologie selbst ist nicht falsch, nur unser Umgang mit ihr ist falsch. Wir verlieren die Zeit, die uns gehört. An diesem Institut bekommen Sie Ihre Zeit zurück.

10:46

Wie machen Sie das? Zuerst gehen Sie langsam und werden dann langsamer. Sie gehen zurück zur Einfacheit. Nach dem langsamen Gehen lernen Sie, Wasser zu trinken — ganz einfach Wasser trinken, vielleicht eine halbe Stunde lang. Dann gehen Sie in die Magnetkammer. Dort erfahren Sie Magnetströme an Ihrem Körper. Danach gehen Sie in die Kristallkammer. Nach der Kristalkammer gehen Sie in die Blickkontaktkammer. Nach der Blickkontaktkammer gehen Sie in eine, in der Sie sich hinlegen. Die drei Grundpositionen des menschlichen Körpers: Sitzen, Stehen, Liegen, und das langsame Gehen. Es gibt auch eine Klangkammer. Nachdem Sie all das gesehen haben, sind Sie mental und physisch bereit, sich etwas länger Dauerndes anzusehen, etwas zur immateriellen Kunst. Das kann Musik, eine Oper, ein Theaterstück sein. Es kann ein Film, ein Video oder Tanz sein. Sie gehen zu den bequemen Sesseln, denn Sie fühlen sich wohl. Die bequemen Sessel transportieren Sie zu dem Ort, an dem Sie die Darbietung sehen werden. Wenn Sie einschlafen, was gut möglich ist, weil es ein langer Tag war, werden Sie zum Parkplatz transportiert.

11:55

(Lachen)

11:56

Sie wissen ja, Schlaf ist sehr wichtig. Auch beim Schlafen erfahren Sie Kunst. Auf dem Parkplatz bleiben Sie für eine bestimmte Zeit. Danach gehen Sie einfach zurück, um mehr von dem, was Sie sehen möchten, zu sehen oder um mit Ihrem Zertifikat nach Hause zu gehen.

12:14

Bis jetzt ist das Institut noch virtuell. Im Moment gestalte ich gerade mein Institut in Brasilien, dann in Australien und dann hier in Kanada und überall. Es dient dazu, eine einfache Methode zu erfahren: Sie gehen zurück zur Einfachheit Ihres eigenen Lebens. Reis zählen ist eine andere Sache.

12:34

(Lachen)

12:36

Auch mit Reiszählen kann man leben. Wie zählt man sechs Stunden lang Reis? Das ist äußerst wichtig. Sie erfahren die ganze Palette, von Langeweile bis Ärger und sind schließlich komplett enttäuscht, dass sich der Reis nicht zählen ließ. Und dieser unglaubliche innere Frieden, den Sie fühlen, wenn die erfüllende Arbeit beendet ist — oder Sandkörner in der Wüste zählen. Oder in kompletter Stille sein ... Sie tragen Kopfhörer, mit denen Sie nichts hören und nur da sind ohne Geräusche, Stille mit anderen Menschen erfahren, ganz einfach Stille.

13:13

Wir tun immer die Dinge, die uns gefallen im Leben. Deshalb ändern Sie sich nicht. Sie tun Dinge im Leben ... es passiert nichts, wenn Sie immer dasselbe tun. Mit meiner Methode erfahren Sie Dinge, vor denen Sie sich fürchten; Dinge, die Sie nicht kennen; sie begeben sich auf neues Territorium, wo niemand vorher war.

13:34

Dazu gehört auch das Scheitern. Ich denke, Scheitern ist wichtig. Wenn Sie experimentieren, können Sie auch scheitern. Wenn Sie sich nicht trauen, können Sie auch nicht scheitern. Sie wiederholen sich letztlich immer und immer wieder. Ich denke, die Menschheit muss sich genau jetzt ändern. Die einzig nötige Veränderung ist die auf persönlicher Ebene. Sie müssen die Veränderung selbst vornehmen. Denn der einzige Weg, das Bewusstsein zu ändern und die Welt um uns zu verändern, ist bei sich selbst anzufangen. Es ist so leicht, zu kritisieren, was anders ist, was sich geändert hat, und nicht richtig ist. Korrupte Regierungen und Hunger in der Welt. Und da sind die Kriege ... das Töten. Was wir aber auf persönlicher Ebene tun ... Wie können wir einen Beitrag leisten?

14:23

Sehen Sie Ihren Nachbarn an, den / die Sie nicht kennen. Sehen Sie ihm / ihr ganze zwei Minuten in die Augen, genau jetzt?

14:32

(Unruhe im Publikum)

14:37

Ich möchte nur zwei Minuten Ihrer Zeit. Das ist nicht viel. Atmen Sie langsam, blinzeln Sie nicht und seien Sie unbefangen. Entspannen Sie sich. Sehen Sie einfach einem völlig Fremden in die Augen, in seine / ihre Augen.

14:54

(Stille) Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.

15:36

(Beifall)

15:44

Chris Anderson: Vielen Dank. Ich danke Ihnen.

Marina Abramović verschiebt mit ihrer Kunst die Grenze zwischen Publikum und Künstler mit dem Ziel, deren Bewusstsein zu erweitern und persönliche Änderungen zuzulassen. Mit ihrer bahnbrechenden Arbeit, "The Artist is Present" [Der Künstler ist präsent] (2010) saß sie ihrem Publikum auf einen Stuhl gegenüber, acht Stunden pro Tag ... mit eindrucksvollen, bewegenden Ergebnissen. Ihre mutigste Arbeit könnte aber noch kommen ... in Gestalt eines Instituts, das sich dem Experimentieren und einfachen, bewussten Handlungen widmet. "Es ändert sich nichts, wenn Sie die Dinge immer auf dieselbe Weise tun", sagt sie. "Meine Methode ist, Dinge zu tun, vor denen ich mich fürchte, die Dinge, die mir unbekannt sind. Auf diese Weise begebe ich mich auf völlig unbekanntes Territorium."

About the speaker
Marina Abramović · Performance artist

In her performances she’s been cut, burned, and nearly shot — but Marina Abramović's boldest work yet is a gargantuan institute dedicated to transformation through art.

In her performances she’s been cut, burned, and nearly shot — but Marina Abramović's boldest work yet is a gargantuan institute dedicated to transformation through art.