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Translated by Heike de Weerth
Reviewed by Judith Matz

0:11 Ich möchte etwas beichten, aber zuerst will ich, dass Sie mir etwas beichten. Ich möchte, dass Sie Ihre Hände heben, wenn Sie im letzten Jahr wenig Stress hatten. Irgendjemand? Wie steht es mit einem mittleren Maß an Stress? Wer hat sehr viel Stress erlebt? Ja, ich auch. Aber das wollte ich nicht beichten. Meine Beichte ist: Als Gesundheitspsychologin ist es meine Mission, anderen zu helfen, glücklich und gesund zu sein. Aber ich fürchte, dass das, was ich die letzten 10 Jahre anderen beigebracht habe, mehr Schaden anrichtet als Gutes tut, und es hängt mit Stress zusammen. Jahrelang habe ich erzählt, dass Stress krank macht. Stress erhöht das Krankheitsrisiko, von einer einfachen Erkältung bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Prinzip habe ich Stress zum Feind erklärt. Aber ich habe meine Meinung diesbezüglich geändert und heute möchte ich Ihre ändern. Ich beginne mit der Studie, die mich dazu bewegt hat, meine Einstellung zu Stress zu überdenken. In dieser Studie wurden 30 000 Erwachsene in Amerika über 8 Jahre begleitet, angefangen bei folgender Frage: "Wie viel Stress fühlten Sie sich letztes Jahr ausgesetzt?" Eine andere Frage war: "Glauben Sie, dass Stress gesundheitsschädlich ist?" Und dann wurden öffentliche Sterbeverzeichnisse genutzt, um herauszufinden, wer gestorben war. (Gelächter) Okay. Ein paar schlechte Nachrichten zuerst. Menschen, die im letzten Jahr viel Stress hatten, hatten ein 43 % höheres Sterberisiko. Das stimmte aber nur für diejenigen, die auch glaubten, dass Stress gesundheitsschädlich ist. (Gelächter) Die Leute, die viel Stress durchlebten, dies aber nicht als schädlich ansahen, hatten kein höheres Risiko zu sterben. Tatsache ist, sie hatten das niedrigste Sterberisiko innerhalb der Studie, inbegriffen derer, die vergleichsweise wenig Stress hatten. Jetzt haben die Forscher hochgerechnet, dass in den 8 Jahren, in denen sie die Todesfälle verfolgten, 182 000 Amerikaner vorzeitig starben. Dies aber nicht stressbedingt, sondern aufgrund des Glaubens, dass Stress schädlich ist. (Gelächter) Das sind über 20 000 Todesfälle pro Jahr. Falls diese Schätzung korrekt ist, heißt das, dass der Glaube an Stress als Gesundheitsrisiko in der Liste der Todesursachen Platz 15 einnimmt, allein im vergangenen Jahr in den USA. Dadurch werden mehr Menschen getötet als durch Hautkrebs, HIV/Aids und Mord. (Gelächter) Sie sehen, weshalb diese Studie mich in Panik versetzte. Da habe ich so viel Energie darauf verwendet, zu erzählen, dass Stress gesundheitsschädlich ist. Diese Studie ließ mich folgendes fragen: Kann eine veränderte Einstellung zu Stress Sie gesünder machen? Und hier sagt die Wissenschaft "ja". Eine veränderte Einstellung zu Stress ändert die Reaktion des Körpers auf Stress. Um zu erklären, wie das funktioniert, bitte ich Sie alle, sich vorzustellen, Sie seien Teilnehmer in einer Studie, die Sie unter Stress setzen soll. Der sogenannte Sozialstress-Test. Sie kommen ins Labor und Ihnen wird mitgeteilt, dass Sie eine 5-minütige Rede über Ihre persönlichen Schwächen halten sollen. Sie sollen vor einem Expertengremium sprechen. Und damit Sie den Druck auch spüren, sind grelle Scheinwerfer und eine Kamera auf Ihr Gesicht gerichtet ... ... so ungefähr. Und die Experten wurden geschult, Ihnen entmutigendes nonverbales Feedback zu geben. Etwa so. (Gelächter) Genügend demoralisiert, Zeit für Teil zwei: ein Mathe-Test. Und ohne, dass Sie das wissen, ist der Experimentierende darauf trainiert, Sie zu belästigen. Das machen wir jetzt alle gemeinsam. Das wird lustig. Für mich. Okay. Ich möchte, dass Sie alle rückwärts zählen — von 996 in 7er-Schritten. Das machen Sie laut so schnell Sie können, angefangen bei 996. Los! Publikum: (zählt) Schneller. Bitte schneller! Sie sind viel zu langsam. Stop. stop. stop. stop. Der Herr hat einen Fehler gemacht. Wir müssen alle noch einmal anfangen. (Gelächter) Sie sind nicht so gut damit, oder? Okay, Sie haben jedenfalls einen Eindruck. Wenn Sie jetzt allerdings wirklich in der Studie wären, wären Sie vermutlich etwas gestresst. Ihr Herz würde klopfen, Sie würden schneller atmen, vielleicht in Schweiß ausbrechen. Und normalerweise interpretieren wir solch körperliche Anzeichen als Angst oder Zeichen, dass wir nicht besonders gut mit dem Druck zurechtkommen. Aber wenn Sie sie stattdessen als Zeichen sehen könnten, dass Ihr Körper voller Energie ist, und Sie auf diese Herausforderung vorbereitet? Das ist exakt das, was man Teilnehmern einer Studie an der Harvard-Universität sagte. Bevor sie durch den Sozialstress-Test mussten, wurde ihnen verdeutlicht, dass ihre Stressreaktion hilfreich ist. Dieses klopfende Herz kann einen auf Aktion vorbereiten. Schneller zu atmen ist kein Problem. Das versorgt das Gehirn mit mehr Sauerstoff. Und Teilnehmer, die lernten, ihre Reaktion auf Stress als ihrer Leistung zuträglich zu bewerten, tja, die waren weniger gestresst, weniger ängstlich, zuversichtlicher. Aber der beeindruckendste Fund der Studie war für mich, wie die körperliche Stressreaktion der Probanden sich veränderte. Bei einer typischen Reaktion des Körpers auf Stress erhöht sich die Herzfrequenz, die Adern ziehen sich zusammen. Und das ist einer der Gründe, dass chronischer Stress manchmal mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammengebracht wird. Es ist eben nicht gesund, sich länger in einem solchen Zustand zu befinden. Wenn aber während der Studie die Probanden ihre Stressreaktion als hilfreich einstuften, blieben die Adern entspannt, also so. Das Herz schlug nach wie vor, aber in viel gesünderem Ausmaß. Das sieht sogar sehr so aus wie ein Moment der Freude, des Muts. In einem Leben geprägt von Stress, kann diese eine biologische Änderung den Unterschied ausmachen zwischen einem stress-induzierten Herzinfarkt mit 50 und einem guten Leben bis zum Alter von 90 Jahren. Und genau das ist es, was die moderne Wissenschaft über Stress enthüllt: es ist entscheidend, wie man über Stress denkt. Somit hat sich mein Ziel als Gesundheits-Psychologin geändert. Ich möchte Ihren Stress nicht mehr los werden. Ich möchte, dass Sie mit Stress besser werden. Und gerade eben schon haben wir interveniert. Haben Sie vorhin Ihre Hand gehoben, als ich nach viel Stress fragte, haben wir vielleicht Ihr Leben gerettet. denn — sollte nächstens Ihr Herz vor Stress klopfen, erinnern Sie sich hoffentlich an diese Rede und Sie denken bei sich: Dies ist mein Körper, der mir hilft, die Herausforderung voll zu meistern. Und sollten Sie Ihren Stress derartig wahrnehmen können, wird Ihr Körper Ihnen glauben, und Ihre Stressreaktion wird gesünder sein. Ich habe ja erzählt, dass ich Stress über ein Jahrzehnt verteufelt habe, und davon muss ich mich befreien. Also intervenieren wir noch ein zweites Mal. Ich möchte Ihnen vom unterschätztesten Aspekt der Stressreaktion erzählen. Nämlich der: Stress macht Sie sozial. Um diese Seite von Stress zu verstehen, müssen wir über Hormone sprechen, über Oxytocin. Und mir ist klar, dass Oxytocin bereits so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, wie ein Hormon nur kriegen kann. Es hat sogar einen niedlichen Spitznamen: Schmusehormon, weil es bereits ausgeschüttet wird, wenn man jemanden umarmt. Aber das ist nur ein ganz kleiner Teil, in dem Oxytocin involviert ist. Oxytocin ist ein Neuro-Hormon. Es schärft die sozialen Instinkte des Gehirns. Es hält Sie dazu an, Dinge zu tun, die enge Verbindungen stärken. Oxytocin lässt Sie Körperkontakt suchen mit Freunden und Familie. Es steigert Ihre Empathie. Sie gewähren dadurch auch den Menschen, die Ihnen etwas bedeuten, eher Hilfe und Unterstützung. Es ist sogar der Vorschlag gemacht worden, wir sollten Oxytocin durch die Nase ziehen, um mitfühlender und hilfsbereiter zu werden. Aber es gibt etwas, was die meisten an Oxytocin nicht verstehen. Es ist ein Stress-Hormon. Ihre Hirnanhangdrüse setzt das Zeug frei aufgrund einer Stressreaktion. Es ist genauso Teil der Stressreaktion wie Adrenalin, das Ihr Herz höher schlagen lässt. Und wenn Oxytocin während der Stressreaktion freigesetzt wird, motiviert Sie das, Unterstützung zu suchen. Ihre biologische Stressreaktion lässt Sie jemandem sagen, wie Sie sich fühlen, anstatt es in sich hinein zu fressen. Ihre Stressantwort will sicherstellen, dass Sie wahrnehmen, wenn jemand in Ihrem Leben strauchelt, so dass Sie einander unterstützen können. Wenn das Leben schwer ist, will Ihre Stressantwort, dass Sie umgeben sind von Menschen, die um Sie besorgt sind. Okay, und wie macht uns das Wissen um diese Seite des Stress gesünder? Oxytocin wirkt nicht nur in Ihrem Gehirn. Es wirkt auch in Ihrem Körper und eine seiner Hauptaufgaben dort ist es, Ihr Herz-Kreislaufsystem zu schützen vor den Nebeneffekten des Stress. Es ist ein natürlicher Entzündungshemmer. Es hilft Ihren Blutgefäßen, in Stressphasen entspannt zu bleiben Aber mein Lieblingseffekt ist die Wirkung aufs Herz. Ihr Herz hat Rezeptoren für dieses Hormon und Oxytocin hilft den Herzzellen, sich zu regenerieren, zu heilen nach einem durch Stress verursachten Schaden. Dieses Stresshormon stärkt Ihr Herz und das Tolle ist, dass all diese physischen Nutzen von Oxytocin durch soziale Kontakte verstärkt werden, sowie durch soziale Unterstützung. Wenn Sie also unter Stress Unterstützung suchen, sei es um jemandem zu helfen oder um Hilfe zu suchen, setzt Ihr Körper mehr Oxytocin frei. Ihre Stressantwort wird gesünder und Sie erholen sich schneller vom Stress. Ich finde das fantastisch, dass Ihre Stressantwort einen eingebauten Mechanismus für die Belastbarkeit durch Stress hat und dieser Mechanismus menschliche Verbindungen sind. Ich möchte mit einer weiteren Studie zum Abschluss kommen. Und hören Sie gut zu, denn diese Studie könnte auch ein Leben retten. In dieser Studie wurden ungefähr 1000 Erwachsene in den USA begleitet und sie waren zwischen 34 und 93 Jahre alt. Eingangs der Studie wurde gefragt: "Wie viel Stress hatten Sie im letzten Jahr?" Weiter wurde gefragt: "Wie viel Zeit haben Sie darauf verwendet, Ihre Freunde, Nachbarn oder Menschen in Ihrer Umgebung zu unterstützen?" Und dann wurden für die nächsten fünf Jahre öffentliche Verzeichnisse geprüft, um zu sehen, wer starb. Okay, zuerst die schlechten Nachrichten. Für jedes besonders stressige Erlebnis, wie etwa finanzielle Schwierigkeiten oder familiäre Krise, erhöhte sich das Sterberisiko um 30 %. Aber — und ich hoffe, Sie erwarten bereits ein Aber — aber das stimmte nicht bei jedem. Menschen, die mehr Zeit darauf verwendeten, sich um andere zu kümmern, zeigten überhaupt kein höheres Risiko, aufgrund von Stress zu sterben. Helfen schaffte Belastbarkeit. Und so sehen wir wieder,

12:00 dass die schädigenden Effekte durch Stress auf Ihre Gesundheit nicht unvermeidbar sind. Wie Sie denken und wie Sie handeln, kann Ihr Erleben von Stress aber ändern. Sobald Sie Ihre Stressreaktion als hilfreich empfinden, schaffen Sie eine Biologie des Mutes. Und wenn Sie unter Stress den Kontakt zu anderen suchen, können Sie Belastbarkeit schaffen. Jetzt würde ich nicht unbedingt nach stressigeren Erlebnissen in meinem Leben fragen. Aber die Wissenschaft hat mir zu einer völlig neuen Wertschätzung von Stress verholfen. Stress ermöglicht uns einen Zugang zu unserem Herz. Das mitfühlende Herz, welches Freude und Sinn findet in der Verbindung mit anderen. Und ja, das pochende Herz, das so hart arbeitet, um uns Kraft und Energie zu liefern. Wenn Sie sich entscheiden, Ihren Stress derart anzusehen, werden Sie nicht nur besser mit ihm umgehen, sondern auch eine ziemlich grundlegende Aussage machen. Sie sagen, Sie trauen es sich zu, mit den Herausforderungen des Lebens klarzukommen. Sie erinnern sich daran, dass Sie nicht alleine damit fertig werden müssen. Danke Ihnen. (Applaus) Chris Anderson: Das ist ziemlich erstaunlich, was Sie uns sagen. Es scheint mir erstaunlich, dass unsere Einstellung zu Stress einen derartigen Unterschied in der Lebenserwartung machen kann. Wie lässt sich das ausweiten auf einen Ratschlag, z. B. wenn jemand eine Wahl über seinen Lebensstil macht zwischen, z. B. einem stressigen und einem weniger stressigen Job. Macht es etwas aus, welchen Weg Sie wählen? Ist es genauso vernünftig, den stressigeren Job zu nehmen, so lange man daran glaubt, dass man es schaffen kann? KM: Ja, und eins wissen wir sicher. Den Sinn zu suchen ist besser für die Gesundheit, als Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Das halte ich also für die beste Entscheidungsgrundlage. Das Sinnstiftende im Leben zu finden und dann darauf zu vertrauen, dass man den folgenden Stress verarbeiten kann. CA: Herzlichen Dank, Kelly, das ist ziemlich cool. KM: Danke. (Applaus)