Julian Treasure
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Die menschliche Stimme: Das Instrument, das wir alle spielen. Vermutlich der mächtigste Klang der Welt. Nur sie vermag Kriege zu beginnen oder „Ich liebe dich” zu sagen. Trotzdem erleben viele, dass man ihnen nicht zuhört. Warum passiert das? Wie können wir so kraftvoll reden, dass wir die Welt verändern?

Es gibt ein paar Gewohnheiten, die wir ablegen müssen. Zu Ihrer Unterhaltung habe ich hier die 7 Todsünden der Rhetorik versammelt. Diese Liste ist zwar nicht vollständig, aber diese sieben sind recht häufig und können uns allen passieren.

Erstens: Tratschen, schlecht über jemanden reden, der nicht anwesend ist. Keine gute Angewohnheit, und wir wissen nur zu gut, dass tratschende Leute fünf Minuten später über uns tratschen werden.

Zweitens: Verurteilen. Wir alle kennen Leute, die das machen, und es ist sehr schwierig zuzuhören, wenn man weiß, dass man beurteilt und für unzureichend befunden wird.

Drittens: Negativität. Das kann schnell passieren. Meine Mutter wurde in ihren letzten Jahren sehr negativ. Eines Tages sagte ich zu ihr: „Heute ist der 1. Oktober”, und sie sagte: „Ich weiß, ist das nicht furchtbar?” [Gelächter] Es ist schwer zuzuhören, wenn jemand so negativ ist.

Eine andere Form der Negativität ist das Beschweren. Das ist die große Kunst in Großbritannien, unser Nationalsport. Wir beschweren uns über das Wetter, den Sport, Politik, über alles, aber tatsächlich ist es ein virales Elend. Es verbreitet weder Sonnenschein noch Leichtigkeit in der Welt.

Ausreden. Wir alle kennen diesen Typen. Vielleicht tun wir das alle. Manche werfen mit Schuld nur so um sich. Sie wälzen sie auf ihre ganze Umgebung ab und tragen keine Verantwortung. Auch das macht es schwer zuzuhören.

Zum sechsten Punkt von sieben: Ausschmückungen, Übertreibungen. Das erniedrigt manchmal unsere Sprache. Wenn ich etwas sehe, dass wirklich der Hammer ist, wie nenne ich es? [Gelächter] Aus dieser Übertreibung wird natürlich eine Lüge. Wir hören nicht gerne zu, wenn wir wissen, dass wir belogen werden.

Zu guter Letzt: Dogmatismus, das Verwechseln von Tatsachen und Meinungen. Wenn diese beiden Dinge verschmelzen, steht man im Gegenwind. Jemand bombardiert Sie mit Meinungen, als ob es Tatsachen wären. Auch hier ist es schwierig zuzuhören.

Das sind die 7 Todsünden der Rhetorik. Das sind Dinge, die wir vermeiden müssen. Aber kann man dieses Thema auch positiv angehen? Ja. Ich behaupte, dass es vier mächtige Grundpfeiler gibt, Fundamente, auf die wir aufbauen können, sodass unsere Rede schlagkräftig ist und etwas verändert. Glücklicherweise ergeben sie ein Wort [im Englischen]. Es lautet „Hail” und hat eine große Bedeutung. Ich rede nicht vom Hagel [engl. "hail"], der einen am Kopf trifft. Ich meine damit, jemandem begeistert zuzustimmen, die Art, wie unsere Worte aufgenommen werden, wenn wir uns daran halten.

Wofür also stehen sie? Vielleicht erraten Sie es. H [honesty] - Ehrlichkeit: etwas korrekt, klar und deutlich sagen. A - Authentisch sein steht dafür, dass man einfach man selbst ist. Ein Freund beschrieb es als zur eigenen Wahrheit stehen, was ich eine schöne Beschreibung finde. Das I steht für Integrität, d.h., das zu tun, was man sagt, und jemand sein, dem man vertrauen kann. Und das L steht für Liebe. Ich meine nicht romantische Liebe, sondern Menschen etwas Gutes wünschen. Zunächst, weil wir vielleicht keine absolute Ehrlichkeit wollen, wie z.B.: "Wie furchtbar sehen Sie heute aus?" Vielleicht ist das unnötig. Verbunden mit Liebe ist Ehrlichkeit großartig. Wenn man jemandem Gutes wünscht, ist es sehr schwer, ihn gleichzeitig zu verurteilen. Ich bin noch nicht mal sicher, ob das dann überhaupt geht. Also „hail”.

Es ging jetzt also darum, was wir sagen, und das ist auch wichtig. Genauso wichtig ist, wie man es sagt. Sie haben einen großartigen Werkzeugkasten. Dieses Instrument ist unglaublich und trotzdem wird er nur von wenigen Menschen geöffnet. Aus diesem Werkzeugkasten möchte ich Ihnen ein paar Dinge zeigen, die Sie vielleicht mitnehmen und damit experimentieren möchten. Das wird Ihre Rede kraftvoller machen.

Die Tonlage beispielsweise. Falsetto ist meist wenig hilfreich, aber es gibt noch eine Ebene dazwischen. Ich gehe nicht ins Detail — das machen Stimmtrainer — aber man kann seine Stimme verorten. Rede ich durch meine Nase, hören Sie es; wenn ich hier zum Hals gehe, wo viele die meiste Zeit über sprechen. Aber wenn Sie Volumen haben wollen, müssen Sie bis runter in die Brust. Hören Sie den Unterschied? Wir wählen Politiker mit tiefen Stimmen — das ist wirklich so — weil wir Tiefe mit Macht assoziieren und mit Autorität. Soweit zur Tonlage.

Nun zur Klangfarbe. Wie sich Ihre Stimme anfühlt. Wir bevorzugen Stimmen, die reich, glatt, warm sind, wie heiße Schokolade. Wenn das nicht auf Sie zutrifft, ist das nicht das Ende, denn das kann man trainieren. Auf zum Stimmtrainer. Man kann viel erreichen und mit Atmung, Haltung und Übungen die Klangfarbe verbessern.

Dann kommt der Satzrhythmus. Das ist der Singsang, die Metasprache, mit der wir Bedeutung vermitteln. Sie ist der wichtigste Träger von Bedeutung im Gespräch. Wer nur in einer einzigen Tonlage spricht, dem hört man nicht zu. Wenn Sie gar keinen Rhythmus haben. Daher kommt das Wort "monoton". Dazu kommt wiederholende Prosodie, wenn jeder Satz wie eine Frage endet, obwohl es sich um eine Aussage handelt. (Gelächter) Wenn man das ständig macht, schränkt es die Möglichkeit als Kommunikationsmittel ein, was ich sehr schade finde. Gewöhnen wir es uns also ab.

Tempo. Ganz begeistert sage ich etwas sehr, sehr schnell, oder ich sage es langsam, um etwas zu betonen, und die Steigerung davon ist unser alter Freund, das Schweigen. An ein bisschen Stille in einer Rede ist nichts verkehrt, oder? Wir müssen Pausen nicht mit "Ähm" füllen. Stille kann sehr wirkungsvoll sein.

Tonhöhe geht oft mit Tempo einher, um Erregung auszudrücken, aber es geht auch so: Wo sind meine Schlüssel? Wo sind meine Schlüssel? Die Bedeutung variiert ein wenig, je nachdem, wie ich es sage.

Und zu guter Letzt: Lautstärke. Lautstärke zeigt meine Begeisterung. Hoffentlich habe ich niemanden erschreckt. Ich kann Sie auch zum Zuhören bewegen, indem ich sehr leise werde. Manche Leute reden wie Marktschreier. Versuchen Sie das zu vermeiden. Mit diesem Kreischen anderen Leuten ihren Lärm aufzudrängen, ist rücksichtslos und taktlos. Nicht nett.

Das alles ist natürlich entscheidend, wenn Sie eine wichtige Aufgabe haben. Das könnte ein Bühnenauftritt sein und vor Menschen zu reden. Es könnte auch ein Heiratsantrag sein, die Bitte um eine Gehaltserhöhung, eine Hochzeitsrede. Wenn es etwas Wichtiges ist, sind Sie es sich schuldig, sich diesen Werkzeugkasten anzuschauen, und die Maschine, die damit laufen soll, und keine Maschine läuft gut, ohne aufgewärmt zu werden. Wärmen Sie ihre Stimme auf.

Das möchte ich Ihnen gerne zeigen. Würden Sie bitte alle kurz aufstehen? Ich zeige Ihnen die sechs Aufwärmübungen, die ich vor jeder Rede mache. Machen Sie diese Übungen vor jedem wichtigen Gespräch. Erstens: Arme hoch, tief einatmen, und mit einem Seufzer ausatmen, so: ahhhh. Noch einmal: Ahhhh, sehr gut. Jetzt wärmen wir unsere Lippen auf, und dazu machen wir ba, ba, ba, ba, ba, ba, ba, ba. Sehr gut. Und jetzt brrrrrrrrrr, wie damals als Kind. Nun sollten Ihre Lippen aufgewacht sein. Ihre Zunge macht nun übertrieben la, la, la, la, la, la, la. Wunderschön. Richtig gut. Und dann rollen Sie noch ein R. Rrrrrrr. Das ist wie Champagner für die Zunge. Wenn ich nur eins zur Wahl hätte, dann würde ich die "Sirene" machen. Es beginnt mit "wiii" und wird zu "oooh". Das "wi" ist hoch, das "oh" ist tief. Es geht also wiiiieeeooooh, wiiiieeeooooh.

Fantastisch. Der Beifall gehört Ihnen. Setzen Sie sich, danke. (Applaus)

Machen Sie dies vor Ihrer nächsten Rede.

Ordnen wir das Ganze richtig ein. Darin liegt eine wichtige Erkenntnis. An diesem Punkt stehen wir, richtig? Wir reden nicht besonders gut mit Leuten, die nicht zuhören, inmitten von Lärm und schlechter Akustik. Ich habe darüber auf dieser Bühne in verschiedenen Phasen geredet. Wie sähe die Welt aus, wenn wir kraftvoll zu Leuten sprächen, die bewusst zuhörten, noch dazu in einer geeigneten Umgebung? Um einen größeren Zusammenhang aufzubauen, wie sähe die Welt aus, wenn wir Klang bewusst kreieren und bewusst konsumieren würden, und unsere Umgebung auf den Klang abstimmen würden? Das wäre eine Welt, die schön klingt, und wo Verständnis die Norm wäre, und das ist eine Idee, die begeistern sollte.

Vielen Dank.

Danke. (Applaus)