John Searle
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Ich werde über das Bewusstsein reden. Warum das Bewusstsein? Seltsamerweise ist es ein vernachlässigtes Thema, in der Wissenschaft und in der Philosophie.

Aber warum ist das seltsam? Es ist der wichtigste Aspekt unseres Lebens aus einem sehr einfachen, logischen Grund: Bei Bewusstsein zu sein, ist eine notwendige Bedingung für alles Wichtige in unserem Leben. Sie interessieren sich für Wissenschaft, Philosophie, Musik, Kunst etc., dann ist es nicht gut, wenn Sie ein Zombie oder im Koma sind. Das Bewusstsein ist entscheidend. Zweitens: Wenn Leute sich dafür interessieren ‒ und das sollten sie auch ‒ neigen sie dazu, entsetzliche Dinge zu sagen. Selbst wenn sie nichts Entsetzliches sagen und wirklich ernsthaft Forschung betreiben, geht es nur langsam voran. Es sind nur winzige Fortschritte.

Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, dachte ich, es sei ein überschaubares Problem in der Biologie. Diese Gehirnstecher sollen schleunigst herausfinden, wie es im Gehirn funktioniert. Ich ging zur Universität von Kalifornien und sprach dort mit den besten Neurobiologen. Sie waren ungeduldig, so wie Wissenschaftler oft sind, wenn man ihnen peinliche Fragen stellt. Aber am meisten hat mich getroffen, dass mir einer von ihnen, ein sehr bekannter Neurobiologe, in Verzweiflung sagte: „Auf meinem Gebiet ist es okay, sich für das Bewusstsein zu interessieren, aber man sollte sich zuerst eine Festanstellung sichern.“

Ich arbeite jetzt schon sehr lang daran. Ich denke, jetzt bekommt man wahrscheinlich eine Festanstellung, wenn man an diesem Thema arbeitet. Das wäre ein echter Schritt nach vorne.

Aber warum gibt es diese seltsame Abneigung und Feindseligkeit gegen das Bewusstsein? Für mich ist es eine Kombination zweier Eigenschaften unserer intellektuellen Kultur, die gerne denkt, dass sie im Gegensatz zueinander stehen, aber eigentlich teilen sie gemeinsame Annahmen. Eine Eigenschaft ist die Tradition des religiösen Dualismus: Das Bewusstsein ist nicht Teil der physischen Welt. Es ist Teil der spirituellen Welt. Es ist Teil der Seele und die Seele ist nicht Teil der physischen Welt. Das ist die Tradition von Gott, der Seele und der Unsterblichkeit. Laut einer anderen Tradition steht es im Gegensatz dazu, nimmt aber die schlimmste Annahme an. Diese Tradition besagt, dass wir bloß wissenschaftliche Materialisten sind: Das Bewusstsein ist nicht Teil der physischen Welt. Entweder existiert es gar nicht oder es ist etwas anderes, ein Computerprogramm oder irgendetwas, aber auf keinen Fall Teil der Wissenschaft. Dann begann eine Auseinandersetzung, die mir Bauchschmerzen bereitete. Und so lief sie ab. Die Wissenschaft ist objektiv, das Bewusstsein ist subjektiv. Daher kann es keine Wissenschaft des Bewusstseins geben.

Diese Zwillingstraditionen lähmen uns. Es ist sehr schwer, von diesen Zwillingstraditionen loszukommen. Es gibt nur eine einzig echte Botschaft in diesem Vortrag: Das Bewusstsein ist eine biologische Erscheinung wie Fotosynthese, Verdauung, Mitose ‒ all diese biologischen Erscheinungen ‒ wenn Sie das einmal akzeptieren, dann lösen sich die meisten, nicht alle, schwierigen Probleme über das Bewusstsein einfach in Wohlgefallen auf. Ich stelle Ihnen einige davon vor.

Wie versprochen erzähle ich Ihnen etwas über die unfassbaren Dinge, die über das Bewusstsein gesagt wurden. Erstens: Das Bewusstsein existiert nicht. Es ist eine Illusion, wie der Sonnenuntergang. Sonnenuntergänge und Regenbögen sind wissenschaftlich bewiesene Illusionen. Somit ist das Bewusstsein auch eine Illusion. Zweitens: Vielleicht existiert es, aber dann ist es etwas anderes, ein Computerprogramm im Gehirn. Drittens: Das einzig Existierende ist das Verhalten. Es ist beschämend, wie viel Einfluss der Behaviorismus hatte, aber dazu später mehr. Viertens: Vielleicht existiert das Bewusstsein, aber es wird nichts verändern. Wie könnte Spiritualität etwas bewegen? Wenn mir jemand das erzählt, dann denke ich, du willst sehen, wie Spiritualität etwas bewegt? Dann sieh hin. Ich entscheide, bewusst meinen Arm zu heben, und der verdammte Arm tut es. (Lachen)

Außerdem sagen wir nicht: „Es ist ein bisschen wie das Wetter in Genf. An manchen Tagen geht er hoch und an manchen Tagen nicht.“ Nein. Er geht immer hoch, wenn ich das verdammt noch mal will.

Okay. Ich sage Ihnen, wie das möglich ist. Ich habe Ihnen noch keine Definition gegeben. Sie können das nicht machen, wenn Sie keine Definition geben. Die Leute sagen immer, das Bewusstsein sei schwer zu definieren. Ich denke, es ist ziemlich einfach, wenn man versucht, es nicht wissenschaftlich auszudrücken. Wir sind noch nicht bereit für eine wissenschaftliche Definition, also hier eine vernünftige Definition. Das Bewusstsein besteht aus all diesen Zuständen des Gefühls, der Empfindung oder des Sich-Bewusstseins. Es beginnt am Morgen nach einem traumlosen Schlaf und geht den ganzen Tag, bis Sie wieder einschlafen, sterben oder auf andere Art das Bewusstsein verlieren. Träume sind eine Art Bewusstsein nach dieser Definition.

Das ist die vernünftige Definition. Das ist unser Ziel. Wenn Sie nicht darüber reden, reden Sie nicht über das Bewusstsein.

Sie denken: „Also wenn es das ist, dann ist das ein schreckliches Problem. Wie kann so etwas als Teil der realen Welt existieren?“

Wenn Sie jemals einen Philosophiekurs besucht haben ‒ das ist das berühmte Körper-Geist-Problem. Hier gibt es auch eine einfache Lösung. All unsere Bewusstseinszustände werden ohne Ausnahme von grundlegenden neurobiologischen Prozessen im Gehirn verursacht und als ausgereifte Prozesse oder Systemeigenschaften wiedergegeben. Es ist genauso geheimnisvoll wie die Flüssigkeit des Wassers. Die Flüssigkeit ist kein Extra-Saft, die die H2O-Moleküle herausspritzen. Es ist ein Zustand, in dem sich das System befindet. So wie sich das Wasser in einem Gefäß von flüssig zu fest verändern kann, abhängig vom Verhalten der Moleküle, so kann Ihr Hirn vom Zustand des Bewusstseins in den Zustand der Bewusstlosigkeit übergehen, abhängig vom Verhalten der Moleküle. Das berühmte Körper-Geist-Problem ist so einfach.

Okay? Aber jetzt kommen wir zu schwierigeren Fragen. Lassen Sie uns die genauen Eigenschaften des Bewusstseins untersuchen, sodass wir etwas zu diesen vier Einwänden sagen können.

Erstens: Es ist real und nicht abzuleiten. Sie können es nicht loswerden. Die Unterscheidung zwischen Realität und Illusion ist die Unterscheidung zwischen dem, wie die Dinge uns bewusst sind und wie sie wirklich sind. Es scheint ‒ ich mag den französischen „arc-en-ciel“ (Regenbogen) ‒ es scheint, als wäre ein Bogen im Himmel oder die Sonne ginge über den Bergen unter. Es scheint uns bewusst zu sein, aber eigentlich geschieht es nicht. Aber bei der Unterscheidung zwischen dem, wie die Dinge uns bewusst sind und wie sie wirklich sind, kann man für das Bewusstsein selbst keine Unterscheidung machen, denn was das Bewusstsein selbst angeht: Wenn es Ihnen bewusst erscheint, dass sie bei Bewusstsein sind, dann sind sie bei Bewusstsein. Wenn ein paar Experten zu mir kommen und sagen: „Wir sind die besten Neurobiologen und wir haben Sie untersucht, Searle, und wir sind überzeugt, dass Sie kein Bewusstsein haben, Sie sind ein sehr ausgeklügelter Roboter“, dann denke ich nicht, „Vielleicht haben sie recht?“ Keinen Moment denke ich daran. Descartes hat vielleicht viele Fehler gemacht, aber damit hatte er recht. Man kann nicht an der Existenz des eigenen Bewusstseins zweifeln. Das ist die erste Eigenschaft des Bewusstseins. Es ist real und lässt sich nicht ableiten. Sie können es nicht loswerden, indem Sie es als eine Illusion ausweisen, sowie es bei anderen herkömmlichen Illusionen gemacht wird.

Die zweite Eigenschaft ist diejenige, die uns Ärger eingebracht hat, nämlich, dass all unsere Bewusstseinszustände diesen qualitativen Charakter haben. Es gibt etwas, da hat man Lust, Bier zu trinken, aber man hat keine Lust, die Steuererklärung zu machen oder Musik zu hören, und dieses qualitative Gefühl erzeugt automatisch die dritte Eigenschaft, dass Bewusstseinszustände per Definition subjektiv sind. Sie existieren nur durch die Erfahrung einiger Menschen oder Tiere, ein Teil erfährt sie. Vielleicht können wir eine Maschine mit Bewusstsein bauen. Da wir aber nicht wissen, wie unser Gehirn es macht, sind wir dazu noch nicht in der Lage.

Eine weitere Eigenschaft ist, dass es in einheitlichen Bewusstseinsfeldern vorkommt. Ich bin mir nicht nur der Menschen vor mir, dem Klang meiner Stimme und dem Gewicht meiner Schuhe gegen den Boden bewusst, sondern sie kommen mir als Teil eines einzigen großen Bewusstseinsfeldes vor, das sich nach vorne und hinten erstreckt. Das ist der Schlüssel zum Verständnis der enormen Kräfte des Bewusstseins. Bis jetzt konnten wir noch nicht so einen Roboter bauen. Die Einschränkung der Robotik kommt davon, dass wir nicht wissen, wie man einen Roboter mit Bewusstsein baut, also haben wir keine Maschine, die das kann.

Die nächste Eigenschaft nach diesem sagenhaften einheitlichen Bewusstseinsfeld ist, dass es kausal in unserem Verhalten agiert. Ich habe Ihnen das Handheben wissenschaftlich vorgeführt, aber wie ist das möglich? Wie kann ein Gedanke in meinem Gehirn materielle Objekte bewegen? Ich sage es Ihnen. Wir wissen es nicht ganz genau, aber wir kennen die Grundlage der Antwort. Eine Sequenz von Neuronen wird abgefeuert und diese machen Halt, wo sich das Acetylcholin in den axonalen Endplatten der Motoneuronen absondert. Tut mir leid wegen der philosophischen Fachbegriffe, aber wenn es in den axonalen Endplatten der Motoneuronen abgesondert wird, geschehen viele wunderbare Dinge in den Ionenkanälen und der verdammte Arm bewegt sich. Denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Das ein und dasselbe Ereignis, meine bewusste Entscheidung meinen Arm zu heben, beinhaltet eine Beschreibung, bei der es all diese emotionalen und spirituellen Qualitäten gibt. Es ist ein Gedanke in meinem Gehirn, aber gleichzeitig ist es damit beschäftig, Acetylcholin abzusondern und alle möglichen anderen Dinge zu tun, während es sich seinen Weg vom motorischen Zentrum zu den Nervenfasern im Arm bahnt. Das sagt uns, dass unser bewährter Wortschatz zur Diskussion dieser Themen völlig überholt ist. Ein und dasselbe Ereignis besitzt eine Beschreibung, die einerseits neurologisch und andererseits mental ist. Für ein einziges Ereignis. Das ist das Gesetz der Natur. So ist es möglich, dass das Bewusstsein kausal funktioniert.

Mit diesem Wissen werden wir noch einmal die verschiedenen Eigenschaften des Bewusstseins durchgehen und auf diese vier Einwände antworten.

Erstens: Das Bewusstsein existiert nicht, es ist eine Illusion. Das haben wir schon beantwortet. Das interessiert uns nicht mehr. Die zweite hatte schon immer und hat noch immer einen unglaublichen Einfluss: „Wenn das Bewusstsein existiert, ist es etwas anderes. Es ist ein digitales Computerprogramm im Gehirn und um Bewusstsein zu schaffen, müssen wir nur das richtige Programm finden. Ja, vergesst die Hardware. Jede Hardware geht, solange sie ergiebig und stabil genug ist, um das Programm auszuführen.“

Wir wissen, dass das falsch ist. Wer überhaupt an Computer gedacht hat, kann verstehen, dass es falsch ist, weil Berechnungen als Symbolmanipulation definiert sind, üblicherweise durch Nullen und Einsen, aber andere Symbole tun es auch. Sie bekommen einen Algorithmus, den Sie in einem binären Code programmieren können; das ist der wesentliche Charakter eines Computerprogramms. Aber wir wissen, dass das rein syntaktisch, symbolisch ist. Das menschliche Bewusstsein besteht aus mehr. Es hat zusätzlich zur Syntax einen Inhalt. Es hat Semantik.

Dieses Argument habe ich vor 30 ‒ ich möchte nicht darüber nachdenken ‒ vor mehr als 30 Jahren gemacht, aber es impliziert ein tiefgreiferendes Argument, das ich Ihnen kurz vorstellen will: Das Bewusstsein schafft eine beobachterunabhängige Realität. Es schafft eine Realität von Geld, Eigentum, Regierung, Heirat, CERN-Konferenzen, Cocktail-Partys und Sommerferien, und all dies sind Kreationen des Bewusstseins. Ihre Existenz ist beobachterunabhängig. Für die im Bewusstsein wirkenden Kräfte ist es relativ, dass ein Stück Papier Geld oder eine Menge von Gebäuden eine Universität ist.

Stellen Sie sich selbst die Frage über Berechnungen mit Computern. Sind sie absolut wie Kraft, Masse und Schwerkraft? Oder sind sie beobachterabhängig? Einige Berechnungen mit dem Computer sind intrinsisch. Ich addiere zwei und zwei und bekomme vier. Das geschieht, ganz gleich, was alle denken. Aber wenn ich es mit meinem Taschenrechner ausrechne, ist das einzige intrinsische Phänomen die elektronische Schaltung und ihr Verhalten. Das ist das einzig absolute Phänomen. Der Rest ist unsere Auslegung. Berechnungen mit Computern hängen von unserem Bewusstsein ab. Entweder eine im Bewusstsein wirkende Kraft führt die Berechnung mit dem Computer durch oder er hat eine maschinelle Komponente, die eine rechnerische Auslegung zulässt. Das heißt nicht, dass Berechnungen mit Computern willkürlich sind. Ich habe viel Geld für diese Hardware ausgegeben. Wir bringen ständig die Objektivität und Subjektivität als Eigenschaften der Realität und als Eigenschaften der Ansprüche durcheinander. Das Fazit dieses Teils meines Vortrags ist: Sie können eine völlig objektive Wissenschaft nehmen, in der sie objektive wahre Behauptungen aufstellen über einen Bereich, dessen Existenz subjektiv ist und im menschlichen Gehirn aus subjektiven Gefühlszuständen oder Gefühlen oder Wahrnehmungen besteht. Der Einspruch, dass es keine objektive Wissenschaft des Bewusstseins gäbe weil es subjektiv und Wissenschaft objektiv ist, ist ein Wortspiel. Es ist ein schlechtes Wortspiel mit Objektivität und Subjektivität. Sie können objektive Behauptungen über einen Bereich mit subjektiver Existenzweise aufstellen, denn das ist es, was Neurologen machen. Sie haben Patienten, die tatsächlich Schmerzen erleiden, und sie versuchen es, objektiv zu betrachten.

Ich habe versprochen, alle Behauptungen zu widerlegen und ich habe nicht mehr viel Zeit, aber lassen sie mich noch ein paar widerlegen. Ich sagte, Behaviorismus ist eine dieser Peinlichkeiten unserer intellektuellen Kultur, weil er ganz einfach zu widerlegen ist. Ihr geistiger Zustand ist mit Ihrem Verhalten identisch? Denken Sie an die Unterscheidung zwischen einem Gefühl des Schmerzes und der Ausführung von Schmerzverhalten. Ich führe jetzt kein Schmerzverhalten vor, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich im Moment keine Schmerzen habe. Es ist ein offensichtlicher Fehler. Warum haben sie ihn gemacht? Ihr Fehler war es ‒ wenn Sie in der Fachliteratur darüber lesen, sehen Sie es immer wieder ‒ zu denken, wenn man die nicht abzuleitende Existenz des Bewusstseins akzeptiert, dass man die Wissenschaft aufgibt. Man gibt 300 Jahre menschlichen Fortschritts, menschlicher Hoffnung und alles andere auf. Ich möchte Ihnen Folgendes mitgeben: Das Bewusstsein muss akzeptiert werden als eine grundlegende biologische Erscheinung, ebenso sehr Teil der wissenschaftlichen Analyse wie auch jede andere Erscheinungen in der Biologie oder auch den anderen Teilen der Wissenschaft.

Vielen Dank.

(Applaus)