Erik Brynjolfsson
1,346,767 views • 11:56

Wachstum ist nicht tot.

(Applaus)

Lassen Sie uns die Geschichte vor 120 Jahren beginnen, als Amerikas Fabriken begannen, ihre Arbeiten zu elektrifizieren und sich die zweite industrielle Revolution entzündete. Das Erstaunliche ist, dass sich die Produktivität in diesen Fabriken nicht gesteigert hat — in dreißig Jahren. Dreißig Jahre. Das reicht, um eine ganze Generation Manager in Rente zu schicken. Die erste Welle von Managern ersetzte einfach ihre Dampfmaschinen mit elektrischen Motoren, aber sie gestalteten keine neuen Fabriken, um die Flexibilität der Elektrizität auszunutzen. Es fiel der nächsten Generation zu, neue Arbeitsprozesse zu gestalten, dann stieg auch die Produktivität, häufig verdoppelte oder verdreifachte diese sich sogar.

Elektrizität ist das Beispiel einer Technologie für den allgemeinen Nutzen, wie die Dampfmaschine davor. Technologien für den allgemeinen Nutzen treiben meistens das ökonomische Wachstum, weil sie zahlreiche ergänzende Erfindungen freisetzen, wie Glühbirnen und, ja, die Umgestaltung von Fabriken. Gibt es eine Allzweck-Technologie unserer Ära? Klar. Es ist der Computer. Aber die Technologie allein ist nicht genug. Technologie ist nicht gleich Schicksal. Wir gestalten unsere Schicksale. Und so wie die früheren Generationen von Managern ihre Fabriken umgestalten mussten, werden wir unsere Organisationen neu erfinden müssen und sogar unser gesamtes Wirtschaftssystem. Wir sind nicht so gut in dieser Aufgabe, wie wir es sein sollten. Wie wir in einem Moment sehen werden, ist mit unserer Produktivität alles in Ordnung, aber sie hat sich losgelöst von den Arbeitsplätzen, und das Einkommen des normalen Arbeitnehmers stagniert. Diese Probleme werden manchmal fehldiagnostiziert als das Ende der Innovation, aber sie sind tatsächlich die Wachstumsschmerzen von dem, was Andrew McAfee und ich "Das neue Zeitalter der Maschinen" nennen.

Schauen wir uns einige Daten an. Hier ist also das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Menschen in Amerika. Da sind ein paar Beulen im Verlauf, aber im großen und ganzen könnte man an diese Linie ein Lineal anlegen. Dies ist eine Log-Skala. Das, was so aussieht wie stetiges Wachstum, ist tatsächlich eine Beschleunigung in realen Werten. Und hier ist die Produktivität. Sie sehen hier eine kleine Verlangsamung in der Mitte der 70er Jahre, aber die Produktivität entspricht ziemlich genau der der zweiten industriellen Revolution, als Fabriken lernten, ihre Arbeitsgänge zu elektrifizieren. Nach einiger Verzögerung beschleunigte sich die Produktivität wieder. Vielleicht wiederholt sich Geschichte nicht, aber manchmal reimt sie sich. Heute ist die Produktivität auf einem Allzeithoch, und trotz der großen Rezession wuchs sie in den 2000ern schneller als noch in den 90er Jahren, den tosenden 90ern, die schneller als die 70er oder 80er waren. Sie wächst schneller als noch während der zweiten industriellen Revolution. Und das hier sind nur die Vereinigten Staaten. Global gesehen ist alles noch besser. Weltweit sind Einkommen schneller gewachsen in den letzten zehn Jahren als jemals zuvor in der Geschichte. Wenn überhaupt, untertreiben diese Zahlen tatsächlich unseren Fortschritt, denn im neuen Maschinen-Zeitalter geht es mehr um die Schaffung neuen Wissens, als nur der körperlichen Produktion. Es geht um Geist, nicht Substanz, Gehirn, nicht Muskeln, Ideen, nicht Dinge. Das schafft ein Problem für Standard-Metriken, da wir immer mehr Sachen kostenlos bekommen, wie Wikipedia, Google, Skype. Und wenn sie ihn im Web veröffentlichen, sogar diesen TED-Talk. Aber Zeugs kostenlos zu bekommen, ist eine gute Sache, richtig? Natürlich ist es das. Aber so messen Ökonomen nicht das BIP. Null Preis heißt null Bedeutung in den BIP-Statistiken. Den Zahlen nach ist die Musikindustrie nur noch halb so groß wie vor 10 Jahren. aber ich höre mehr und bessere Musik als je zuvor. Ich wette, dass auch Sie das tun. Insgesamt schätzt meine Forschung, dass den BIP-Zahlen über 300 Milliarden Dollar pro Jahr fehlen, auf Grund freier Waren und Dienstleistungen im Internet. Schauen wir in die Zukunft. Es gibt einige superschlaue Menschen, die behaupten, wir hätten das Ende des Wachstums erreicht. Aber um die Zukunft des Wachstums zu verstehen, müssen wir Vorhersagen über die zugrunde liegenden Antreiber des Wachstums machen. Ich bin optimistisch, denn das neue Maschinen-Zeitalter ist digital, exponentiell und kombinatorisch. Wenn Güter digital sind, können sie in perfekter Qualität kopiert werden. Fast ohne jegliche Kosten. Und sie können praktisch sofort geliefert werden. Willkommen in der Wirtschaft des Überflusses. Aber die Digitalisierung der Welt hat noch einen dezenteren Nutzen. Messungen sind das Lebenselixier der Wissenschaft und des Fortschritts. Im Zeitalter der großen Daten können wir die Welt auf Weisen messen, wie es uns vorher nicht möglich war. Zweitens ist das neue Computer-Zeitalter exponentiell. Computer werden schneller besser als alles jemals zu vor. Die Playstation eines Kindes hat heutzutage mehr Power als ein militärischer Supercomputer von 1996. Aber unsere Gehirne sind für eine lineare Welt ausgelegt. Infolgedessen überrumpeln uns exponentielle Trends. Ich habe meine Studenten gelehrt, dass Computer nicht in allem gut sind, wie ein Auto durch den Verkehr zu bringen. (Gelächter) So ist es. Das sind Andy und ich, grinsend wie Verrückte, weil wir gerade die Route 101 in einem, ja, fahrerlosen Auto entlanggefahren sind. Drittens ist das neue Maschinenzeitalter kombinatorisch. Aus Sicht von Stagnationisten brauchen Ideen sich auf. So wie niedrig hängende Früchte. Aber in Wahrheit schafft jede Innovation Bausteine für noch weitere Innovationen. Hier ist ein Beispiel. In nur wenigen Wochen hat ein Student in seinen ersten Semestern eine App geschrieben, die letztlich 1,3 Millionen Nutzer erreicht hat. Er konnte das so einfach tun, weil er sie auf Facebook aufgebaut hat, und Facebook wurde auf das Web gebaut, und dieses wurde auf das Internet gebaut, und so weiter und so fort. Einzeln betrachtet, wären digital, exponentiell und kombinatorisch an sich bereits Richtungswechsler. Setzt man sie zusammen, sehen wir eine Welle erstaunlicher Durchbrüche, wie Roboter, die Fabrikarbeiten verrichten oder so schnell wie Geparden rennen oder in einem einzigen Satz so hoch wie ein Hochhaus springen. Wussten Sie, dass Roboter sogar Katzentransporte verändert haben? (Gelächter) Aber die vielleicht wichtigste Erfindung ist das maschinelle Lernen. Schauen Sie sich IBMs Projekt "Watson" an. Diese kleinen Punkte hier, das sind alle Gewinner aus der Quiz-Show "Jeopardy". Anfangs war Watson nicht sehr gut, aber er verbesserte sich mit einem Tempo schneller als jeder Mensch. Und kurz nachdem Dave Ferrucci meiner Klasse am MIT dieses Diagramm zeigte, schlug Watson den "Jeopardy"-Weltmeister. Mit sieben Jahren ist Watson immer noch irgendwie in seiner Kindheit. Vor kurzem ließen die Lehrer ihn unbeaufsichtigt im Internet surfen. Am nächsten Tag begann er, Fragen mit Obszönitäten zu beantworten. Verdammt. (Gelächter) Aber Watson reift schnell. Er wird für Aufgaben in Call-Centern getestet und er versteht sie. Er bewirbt sich um finanzwirtschaftliche, juristische und medizinische Arbeiten und bekommt einige von ihnen. Ist es nicht ironisch, dass genau in dem Moment, in dem wir intelligente Maschinen bauen — vielleicht die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit — manche Leute behaupten, Innovation würde stagnieren? Wie bei den ersten beiden industriellen Revolutionen werden sich die Auswirkungen des neuen Maschinen-Zeitalters frühestens in einem Jahrhundert gänzlich zeigen. Aber sie sind atemberaubend. Bedeutet das, dass wir nichts zu befürchten haben? Nein. Technologie ist nicht gleich Schicksal. Produktivität ist auf einem historischen Höchststand, aber jetzt haben weniger Menschen Arbeitsplätze. Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr Reichtum als je zuvor geschaffen, und dennoch ist das Einkommen der meisten Amerikaner gefallen. Dies ist die große Entkopplung der Produktivität durch Beschäftigung, des Wohlstands durch Arbeit. Es ist nicht verwunderlich, dass Millionen von Menschen durch die große Entkopplung desillusioniert worden sind? Aber wie zu viele andere auch missverstehen sie die grundlegenden Ursachen. Technologie rast voran, und sie lässt mehr und mehr Menschen zurück. Heute können wir eine Routineaufgabe herannehmen, sie in eine Reihe maschinenlesbare Anweisungen kodieren und sie dann millionenfach ausführen lassen. Ich habe vor kurzem ein Gespräch gehört, das diese neue Wirtschaftslehre widerspiegelte. So ein Typ sagte: "Nein, ich benutze den H&R-Block nicht mehr. TurboTax tut alles, was meine Steuerberater getan haben, aber es ist schneller, billiger und genauer." Wie kann ein Facharbeiter mit einer $39-Software konkurrieren? Er kann es nicht. Heute haben Millionen von Amerikanern eine schnellere, billigere und genauere Steuerberatung. Und den Gründern von Intuit ist es dabei ziemlich gut gegangen. Aber 17 Prozent der Steuerberater haben keine Arbeitsplätze mehr. Das ist ein Mikrokosmos dessen, was vor sich geht. Nicht nur bei Dienstleistungen und Software, auch in Medien und Musik, den Finanzen und der Fertigung, im Handel und dem Gewerbe — Kurzum, in jeder Branche. Menschen rennen gegen die Maschine an, und viele von ihnen verlieren das Rennen. Was können wir tun, um gemeinsamen Wohlstand zu erzeugen? Die Antwort ist nicht zu versuchen, die Technologie verlangsamen. Anstatt gegen die Maschinen anzutreten, müssen wir lernen, mit der Maschine anzutreten. Das ist unsere große Herausforderung. Das neue Computer-Zeitalter kann auf einen Tag vor 15 Jahren datiert werden, als Gary Kasparov, der Schach-Weltmeister, gegen Deep Blue spielte, einen Supercomputer. Die Maschine hat an diesem Tag gewonnen und heute kann ein Schachprogramm, das auf einem Mobiltelefon läuft, einen menschlichen Großmeister schlagen. Es wurde so schlimm, dass, als man ihn fragte, welche Strategie er gegen einen Computer anwenden würde, der niederländische Großmeister Jan Donner antwortete: "Ich würde einen Hammer mitbringen." (Gelächter) Aber heute ist kein Computer mehr Schach-Weltmeister. Aber auch kein Mensch, denn Kasparow organisierte ein Freestyle-Turnier bei dem Teams aus Mensch und Computer zusammenarbeiten konnten. Das Siegerteam hatte keinen Großmeister, es hatte auch keinen Supercomputer. Was sie hatten, war eine bessere Zusammenarbeit. Und sie zeigten, dass ein Team aus Mensch und Computer in Zusammenarbeit jeden Computer oder jeden allein arbeitenden Menschen schlagen kann. Mit der Maschine anzutreten schlägt gegen die Maschine anzutreten. Technologie ist nicht gleich Schicksal. Wir gestalten unser Schicksal. Vielen Dank. (Applaus)