Elizabeth Blackburn
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Wo beginnt das Ende? Nun, für mich begann alles mit diesem kleinen Kerl. Dieser liebenswerte Organismus — für mich ist er liebenswert — heißt „Tetrahymena“ und ist ein Einzeller. Man kennt ihn auch als Entengrütze. Ja, meine Karriere startete mit Entengrütze.

Es war keine Überraschung, dass ich Wissenschaftlerin wurde. Ich wuchs sehr weit von hier entfernt auf und schon als kleines Mädchen interessierte ich mich brennend für alles Lebende. Ich habe oft hochgiftige Fadenquallen aufgesammelt und für sie gesungen. Zu Beginn meiner Karriere war ich brennend an den fundamentalen Mysterien der grundlegendsten Bausteine des Lebens interessiert. Glücklicherweise wuchs ich in einer Gesellschaft auf, in der Neugier wertgeschätzt wurde.

Für mich war dieses kleine Tetrahymena ein großartiger Zugang zum Objekt meiner Neugierde, den DNA-Bündeln in den Zellen, Chromosomen genannt. Besonders faszinierten mich die Enden der Chromosome — die Telomere. Als ich meine Forschung begann, war nur bekannt, dass sie die Chromosomen schützen. Das war für die Zellteilung äußerst wichtig, aber ich wollte wissen, woraus die Telomere bestehen. Dafür brauchte ich viele davon. Zufälligerweise hat das niedliche Tetrahymena viele kurze lineare Chromosome — etwa 20.000 — also auch viele Telomere. Ich fand heraus, dass diese Telomere aus speziellen Segmenten aus nicht-kodierender DNA an den Kappen der Chromosome bestehen.

Aber hier tut sich ein Problem auf. Wir alle starten unser Leben mit nur einer einzigen Zelle. Sie verdoppelt sich, dann entstehen vier, acht usw. und schlussendlich formen 200 Billiarden Zellen den erwachsenen Körper. Manche Zellen teilen sich tausende Male. Sogar während ich vor Ihnen stehe, füllen die Zellen meinen Körper wieder auf und lassen mich aufrecht stehen. Bei jeder Zellteilung muss die DNA kopiert werden, die ganze kodierende DNA in den Chromosomen, weil sie die lebenswichtigen Anweisungen für die Arbeitsweise der Zellen enthalten. Deshalb halten meine Herzzellen einen stetigen Rhythmus — im Moment arbeiten sie schneller — und meine Immunzellen können Bakterien und Viren abwehren, und unsere Gehirnzellen speichern die Erinnerung an den ersten Kuss und lernen ein ganzes Leben lang dazu.

Aber es gibt beim Kopieren der DNA eine Panne. Es ist einfach eine Gegebenheit des Lebens. Bei jeder Zellteilung und DNA-Duplikation baut sich ein Stück der DNA am Ende ab und sie wird kürzer. Ein Stück der Telomer-DNA. Stellen Sie sich das wie die Schutzkappen Ihrer Senkel vor. Sie verhindern das Ausfransen der Schnürsenkel oder des Chromosoms. Wenn diese Kappe zu kurz wird, fällt sie ab. Dieses abfallende Telomer sendet ein Signal an die Zelle. „Die DNA ist nun ungeschützt.“ Es sendet ein Signal: Zeit zu Sterben. Das war's.

Nein, noch nicht ganz. Es kann noch nicht das Ende sein, weil das Leben auf der Erde immer noch existiert. Also wurde ich neugierig. Wenn solcher Verschleiß unvermeidbar ist, wie sichert Mutter Natur das Überleben unserer Chromosomen?

Erinnern Sie sich an Tetrahymena? Die Zellen von Tetrahymena wurden niemals alt und starben. Ihre Telomere wurden mit der Zeit nicht kürzer. Manchmal wurden sie sogar länger. Etwas anderes war am Werk, und das stand in keinem Biologiebuch. Ich arbeitete also im Labor mit meiner besonderen Schülerin Carol Greider — wir teilten uns später den Nobelpreis für diese Arbeit — wir begannen mit Experimenten und entdeckten etwas Neues. Es war ein vollkommen unerwartetes Enzym, das die Telomere wieder verlängern konnte, also nannten wir es Telomerase. Als wir das Enzym aus den Tetrahymenas entfernten, verkürzten sich die Telomere und sie starben. Dank ihrer reichlichen Telomerase wurden diese Algen nie alt.

Das ist eine unglaublich hoffnungsvolle Entdeckung, die wir als Menschen aus der Entengrütze bekommen. Das liegt daran, dass sich die Telomere menschlicher Zellen beim Altern verkürzen und diese Verkürzung lässt uns altern. Grob gesagt: Je länger Ihre Telomere sind, umso älter werden Sie. Die Verkürzung der Telomere verursacht die Zeichen des Alters. Meine Hautzellen sterben ab und es bilden sich kleine Falten. Die Pigmentzellen sterben auch, die Haare werden grau. Die Immunzellen sterben ab, das Risiko der Erkrankung nimmt zu. Die gesamte Forschung der letzten 20 Jahre identifizierte unter anderem das Telomerabsterben als Grund für Herzkreislauferkrankungen, Alzheimer, einige Krebserkankungen, Diabetes und letztlich die Todesumstände der meisten von uns.

Also müssen wir darüber nachdenken. Was passiert genau? Dieses Absterben — wir altern und fühlen es — eindeutig. Unsere Telomere fallen dem Krieg des Sterbens schneller zum Opfer. Und jene, die sich länger jung fühlen, verlieren langsamer an Telomerlänge und können länger das jugendliche Gefühl genießen. Zusätzlich verringert sich das Risiko für alles, was wir nach dem nächsten Geburtstag fürchten.

OK, das hört sich nach einem Klacks an. Also, wenn meine Telomere beeinflussen, wie schnell ich alt werde; wenn die Telomerase die Telomere wieder erneuern kann, dann muss ich für die ewige Jugend doch nur die Flaschen voll mit ökologischer Fair-Trade-Telomerase kaufen? Super! Problem gelöst.

(Applaus)

Nicht so schnell, es tut mir leid. Ach, so einfach geht es nicht. Es liegt daran, dass die menschliche Genetik uns immer wieder lehrte, dass Menschen mit Telomerase auf des Messers Schneide leben. Vereinfacht: Ja, mit Telomerase aufzufüllen beugt verschiedenen Krankheiten vor, aber gleichzeitig erhöht sich das Risiko für einige schlimme Krebserkrankungen. Selbst wenn es die Telomerase verpackt zu kaufen gäbe, und es gibt dafür einige dubiose Verkäufer im Internet, könnten Sie ihr Krebsrisiko beträchtlich erhöhen. Keine schöne Vorstellung.

Aber sorgen Sie sich nicht. Lustig, wie sich manche jetzt wünschen, auch wie Entengrütze zu sein.

(Lachen)

Auch für uns Menschen ist etwas in der Telomer-Sache zu gewinnen, aber ich möchte eines klarstellen. Es geht nicht um eine enorme Verlängerung der menschlichen Lebensspanne oder Unsterblichkeit. Es betrifft die Gesundheitsspanne. Die Gesundheitsspanne ist die Anzahl ihrer Lebensjahre ohne Krankheiten oder Gebrechen, die produktiven Jahre, in denen Sie das Leben ausgiebig genießen. Das Gegenteil, die Krankheitsspanne, ist die Zeit, in der Sie sich alt, krank und sterbend fühlen. Die wirkliche Frage ist: Wenn ich die Telomerase nicht schlucken kann, habe ich trotzdem Kontrolle über meine Telomerlänge und kann mein Wohlbefinden und meine Gesundheit ohne die Nebeneffekte beeinflussen?

Gehen wir zurück ins Jahr 2000. Ich habe mit höchster Präzision winzige Telomere untersucht — das waren viele glückliche Jahre — als eine Psychologin namens Elissa Epel in mein Labor kam. Sie ist eine Expertin für die Auswirkungen von chronischem Stress auf die körperliche und psychische Gesundheit. Und sie stand in meinem Labor, ironischerweise mit Ausblick auf ein Leichenhaus und —

(Lachen)

und stellte mir eine Frage über Leben und Tod. „Was passiert mit Telomeren von Menschen mit chronischem Stress?“, fragte sie. Sie studierte Betreuer, besonders Mütter von Kindern mit chronischen Erkrankungen, eine Darmerkrankung, Autismus, etc., eine Gruppe unter starkem und chronischem Stress. Ihre Frage änderte mein Denken fundamental. Die ganze Zeit betrachtete ich Telomere als winzige molekulare Strukturen und die Gene, die Telomere kontrollieren. Als Elissa mich auf die Betreuer ansprach, sah ich Telomere in einem ganz anderen Licht. Ich blickte über die Gene und Chromosomen hinaus in das Leben der echten Menschen, die wir erforschten. Ich bin selbst Mutter und in diesem Moment war ich erschlagen von der Realität dieser Frauen, die sich tagtäglich um ein krankes Kind kümmern, und das unter schwierigen Umständen und oft ohne Hilfe. Und diese Frauen sehen oft einfach abgenutzt aus. Könnten ihre Telomere auch abgenutzt sein?

Unsere gemeinsame Neugier wurde bald zur Besessenheit. Elissa wählte für die erste Untersuchung eine Gruppe solcher Mütter aus und wir fragten uns: „Wie lang sind ihre Telomere im Verhältnis zur Anzahl der bisherigen Pflegejahre für ihre chronisch erkrankten Kinder?“ Vier Jahre vergingen und der Tag der Auswertung kam. An diesem Tag sah Elissa unser erstes Diagramm und rang nach Luft. Die Daten folgten einem Muster. Es war genau das Gefälle, das wir befürchteten. Genau auf diesem Bild. Je länger sich eine Mutter in dieser Pflegesituation befand, unabhängig vom Alter, umso kürzer waren ihre Telomere. Und je mehr sie ihre Situation als stressig empfand, umso weniger Telomerase und umso kürzere Telomere hatte sie.

Wir hatten etwas Unerwartetes entdeckt. Je mehr Sie chronisch gestresst sind, umso kürzer sind Ihre Telomere. Daraus folgt eine frühere Krankheitsspanne und möglicherweise sogar ein verfrühter Tod. Unsere Ergebnisse legten nahe, dass die Erfahrungen im Leben und unsere Reaktionen auf diese den Zustand der Telomere beeinflussen können. Die Telomerlänge hängt also nicht nur vom Alter ab. Elissas Frage an mich, als ich sie das erste Mal sah, ging wirklich um Leben und Tod.

Glücklicherweise war auch Hoffnung in unseren Daten enthalten. Uns fielen einige Mütter auf, die trotz jahrelanger Betreuung ihrer Kinder ihre Telomere instand hielten. Bei genauer Betrachtung waren diese Mütter stressresistent. Sie empfanden die Krankheit nicht als tägliche Bedrohung, sondern als Herausforderung. Das ermöglichte uns allen einen sehr wichtigen Einblick. Wir kontrollieren unseren Alterungsprozess bis in die Zellen hinein.

Unsere anfängliche Neugier steckte andere an. Tausende Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen bereicherten die Telomerforschung um ihre Expertise, und die Ergebnisse strömten zu uns. Es entstanden mehr als 10.000 wissenschaftliche Aufsätze, Tendenz steigend. Verschiedene Studien bestätigten unser Resultat schnell: Chronischer Stress ist schlecht für Telomere. Und nun enthüllen viele, dass wir diesen speziellen Altersprozess mehr kontrollieren als je gedacht. Einige Beispiele: Eine Studie der University of California, Los Angeles, über langjährige Betreuer von Verwandten mit Demenz betrachtete deren Telomererhaltungskapazität und fand heraus, dass sie durch tägliche Mediation von nur 12 Minuten innerhalb von zwei Monaten verbessert wurde. Die persönliche Einstellung ist relevant. Wenn Sie gewohnheitsmäßiger Pessimist sind, reagieren Sie auf Stresssituationen wie auf eine Bedrohung. Wenn also Ihr Chef sie sehen will, stellen Sie sich sofort Ihre Kündigung vor. Ihre Blutgefäße verengen sich, das Level ihres Stresshormons Cortisol steigt und es bleibt in diesem Zustand. Diese beständige Cortisol- Hochkonzentration über längere Zeit verringert Ihre Telomerase — nicht gut für Ihre Telomere.

Aber wenn Sie etwas Stressvolles als Herausforderung wahrnehmen, dann durchflutet das Blut Ihr Herz und Gehirn und Sie erleben einen kurzen aber energetisierenden Cortisolgipfel. Und dank Ihrer motivierten Einstellung geht es Ihren Telomeren gut. Also, was sagt uns das alles? Den Telomeren geht es gut und Sie können wirklich beeinflussen, was mit Ihren Telomeren passiert.

Doch unsere Neugier wurde immer stärker und stärker. Wir fragten uns: „Haben auch äußere Faktoren Einfluss auf den Zustand unserer Telomere?“ Wir Menschen sind sehr soziale Lebewesen. Könnten unsere Telomere auch sozial sein? Die Antwort ist aufregend. Schon in der frühen Kindheit beeinflussen emotionale Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, Mobbing und Rassismus alle zusammen die Telomere und die Auswirkung sind nachhaltig. Können Sie sich die Wirkung auf Kinder in Kriegsgebieten vorstellen? Menschen ohne Vertrauen in ihre Nachbarn, die sich in ihrer Umgebung nicht sicher fühlen, haben durchweg kürzere Telomere. Ihre Wohnadresse ist auch für Telomere wichtig. Auf der Kehrseite verbessern starke Gemeinschaften, eine lang anhaltende Ehe und lebenslange Freundschaften den Zustand Ihrer Telomere bedeutend.

Was sagt uns das alles? Einerseits habe ich Einfluss auf meine eigenen Telomere aber auch auf die meiner Nächsten. Die Telomerwissenschaft zeigt, wie verbunden wir alle sind.

Aber ich bin immer noch neugierig. Ich frage mich, welches gemeinsame Vermächtnis wir der nächsten Generation hinterlassen. Werden wir die nächsten jungen Frauen und Männer fördern, die durch ein Mikroskop auf den nächsten Einzeller spähen, das nächste Stückchen Entengrütze? Die neugierig auf die Antwort einer Frage sind, die wir noch nicht kennen und riesige Bedeutung haben könnte? Und vielleicht sind Sie wissbegierig über sich selbst? Da Sie nun Ihre Telomere schützen können, fragen Sie sich, wie Sie diese Jahrzehnte der besseren Gesundheit nutzen wollen? Und da Sie nun auch Macht über die Telomere anderer haben, fragen Sie sich, was Sie anders machen werden? Und da Sie nun von der Macht der Neugier zum Verändern der Welt wissen, wie werden Sie absichern, dass die Welt in Neugier investiert, zum Wohle der Generationen nach uns?

Danke.

(Applaus)