Eddy Cartaya
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Wie viele von euch waren schon mal in einer Höhle? Ein paar, alles klar. Bei einer Höhle denken die meisten an einen Tunnel durch festes Gestein. Die meisten Höhlen sind wirklich so. In dieser Hälfte des Landes sind die meisten Höhlen aus Kalkstein. Wo ich herkomme, sind die meisten Höhlen aus Lavagestein, weil es dort sehr viele Vulkane gibt. Doch die Höhlen, über die ich sprechen möchte, sind komplett aus Eis, genauer gesagt aus Gletschereis, das sich an der Seite des höchsten Bergs im Staat Oregon bildet, am Mount Hood.

Portland, Oregons größte Stadt mit über 2 Millionen Einwohnern, liegt nur 1 Stunde Fahrt von Mount Hood entfernt. Das Aufregendste für einen Höhlenforscher ist die Entdeckung einer neuen Höhle und der erste Mensch zu sein, der hinein geht. Das Zweitaufregendste ist es, als Erster eine Karte der Höhle zu erstellen. Da heute so viele Menschen wandern, ist es recht schwer, neue Höhlen zu finden. Wir waren also sehr aufgeregt, als wir in Sichtweite von Oregons größter Stadt drei neue Höhlen fanden und erkannten, dass sie noch nicht erkundet oder kartografiert waren. Wir waren wie Astronauten, weil wir Dinge sahen und Orte betraten, die niemand je zuvor gesehen oder betreten hatte.

Was ist also ein Gletscher? Wer Schnee gesehen oder angefasst hat, weiß, dass er sehr leicht ist, weil er hauptsächlich aus Luft und winzigen Eiskristallen besteht. Drückt man Schnee zu einem Schneeball zusammen, wird er ziemlich klein, hart und dicht. Auf einem Berg wie Mount Hood mit über 6 m Schnee im Jahr wird die Luft aus dem Schnee gepresst und nach und nach bildet sich so hartes blaues Eis. Jedes Jahr schichtet sich mehr Eis auf. Irgendwann wird es so schwer, dass es durch sein eigenes Gewicht den Berg herunterrutscht, als ein sich langsam bewegender Fluss aus Eis. Wenn das so geformte Eis anfängt sich zu bewegen, ist das dann ein Gletscher mit eigenem Namen. Diese Höhlen haben sich im Gletscher Sandy gebildet. Jedes Jahr fällt neuer Schnee auf den Gletscher. Er schmilzt im Sommer. Kleine Rinnsale bilden sich entlang des Eises und schmelzen sich einen Weg hinab durch den Gletscher. So entstehen verzweigte Höhlen, manchmal tief bis zum Felsuntergrund hinab. Das Verrückte an Gletscherhöhlen ist, dass sich jedes Jahr neue Tunnel bilden. In den Höhlen tauchen Wasserfälle auf oder verändern ihre Position. Warmes Wasser bohrt sich von der Oberfläche des Eises hinab, und warme Luft von unterhalb des Berges steigt auf, gelangt in die Höhlen und lässt die Decken schmelzen und höher werden. Aber das Seltsamste an Gletscherhöhlen ist, dass sich die Höhlen insgesamt bewegen, weil sie in Eisblöcken von der Größe einer Kleinstadt liegen, die langsam den Berg hinabgleiten.

Das ist Brent McGregor, mein Partner bei der Höhlenerforschung. Wir erforschen seit langer Zeit Höhlen und waren auch lange Bergsteiger, aber keiner von uns hatte je eine Gletscherhöhle erforscht. 2011 sah Brent ein YouTube-Video über ein paar Wanderer, die auf einen Höhleneingang gestoßen waren. Davon gab es keine GPS-Koordinaten und wir wussten nur, dass es am Gletscher Sandy war. In jenem Juli gingen wir zum Gletscher und fanden einen großen Riss im Eis. Wir mussten Schnee- und Eisanker bauen, damit wir uns in die Höhle abseilen konnten. Hier schaue ich in die Gletscherspalte am Eingang. Am Ende fanden wir einen riesigen Tunnel, der den Berg unter tausenden Tonnen von Gletschereis hinaufführte. Wir folgten der Höhle etwa 800 m, bis wir an ihr Ende kamen. Mit Hilfe unserer Messgeräte konnten wir auf dem Rückweg eine 3D-Karte der Höhle erstellen.

Wie kartografiert man eine Höhle? Höhlenkarten sind nicht wie Wander- oder Straßenkarten, weil es Schächte und Löcher auf sich überschneidenden Ebenen gibt. Um eine Höhlenkarte zu erstellen, muss man in der Höhle alle paar Meter Messstationen aufbauen und mit einem Laser die Distanz zwischen den Stationen messen. Mit Kompass und Neigungsmesser bestimmt man die Richtung, in die die Höhle führt, die Neigung des Bodens und der Decke. Falls ihr Trigonometrie lernt, diese Art Mathematik ist sehr nützlich, um solche Karten zu erstellen, denn man kann Höhen und Distanzen bestimmen, ohne selbst dort zu sein. Je mehr ich Höhlen kartografierte und studierte, umso nützlicher war die Mathematik, die ich in der Schule noch gehasst hatte. Wenn die Messungen fertig sind, gibt man alle Daten in den Computer ein und sucht sich jemanden, der gut zeichnen kann. Der entwirft eine Karte, die in etwa so aussieht. Sie zeigt die Passage in der Vogelperspektive und auch in der Profilansicht, wie die Ansicht eines Ameisenbaus. Wir nannten die Höhle "Snow Dragon" [Schneedrachen], weil sie wie ein großer im Schnee schlafender Drache war. Als im Sommer mehr Schnee vom Gletscher schmolz, fanden wir mehr Höhlen und erkannten, dass sie alle verbunden waren.

Als der "Snow Dragon" kartografiert war, entdeckte Brent unweit davon diese neue Höhle. Der Innenraum war mit Eis bedeckt, also brauchten wir große Spikes, sogenannte Steigeisen, um beim Herumgehen nicht auszurutschen. Diese Höhle war unglaublich. Das Eis an der Decke leuchtete blau und grün, da das Tageslicht von hoch oben durch das Eis schien und alles erleuchtete. Wir verstanden nicht, wieso diese Höhle so viel kälter als der "Snow Dragon" war, bis wir an ihr Ende gelangten und herausfanden warum. Da war ein riesiger Schacht, Gletschermühle genannt, der ca. 40 m bis an die Oberfläche des Gletschers reichte. Kalte Luft von der Bergspitze strömte in die Höhle hinab und durch sie hindurch und ließ alles in der Höhle gefrieren. Wir waren vom Fund des Schachts so begeistert, dass wir im Januar zurückkehrten, um als erste die Höhle zu erforschen. Es war draußen so kalt, dass wir in der Höhle schlafen mussten. Hier sieht man unser Camp auf der linken Seite im Eingangsraum. Am nächsten Morgen kletterten wir aus der Höhle und wanderten zur Spitze des Gletschers, wo wir unsere Ausrüstung anlegten und uns zum ersten Mal abseilten. Brent nannte diese Höhle "Pure Imagination" [Reine Fantasie], weil alles dort schöner war, als wir es uns vorstellen konnten.

Was ist außer echt coolem Eis noch in diesen Höhlen? Da lebt nicht viel, weil es dort sehr kalt ist und Schnee jedes Jahr den Eingang zur Höhle über 8 Monate lang verdeckt. Aber es gibt da echt coole Dinge. Im Wasser leben seltsame Bakterien, die Steine essen und verdauen, um ihre eigene Nahrung für ein Leben unter dem Eis herzustellen. Letzten Sommer sammelten Forscher Wasser- und Eisproben, um zu sehen, ob unter dem Eis sogenannte extremophile Mikroorganismen leben, winzige Lebensformen, die sich lebensfeindlichen Bedingungen angepasst haben, ähnlich wie das, was man im Polkappeneis auf dem Mars zu finden hofft. Eine weitere coole Sache ist, dass Samen und Vögel, die auf dem Gletscher landen und sterben, vom Schnee begraben werden,

langsam immer tiefer im Eis versinken und Teil des Gletschers werden. Wenn sich Höhlen bilden und durch das Eis hinauf schmelzen, fallen diese Objekte von der Decke herab auf den Boden, wo wir sie dann finden. Dies ist z. B. ein Tannensamen, den wir gefunden haben. Er war über 100 Jahre im Eis eingefroren und jetzt fängt er an zu sprießen. Diese Stockentenfeder wurde über 540 m tief hinten im "Snow Dragon" gefunden. Diese Ente starb vor langer Zeit auf dem Gletscher und ihre Feder schaffte es durch 30 m Eis herunter, bevor sie schließlich in die Höhle fiel. Dieser schöne Quartzkristall wurde auch tief im "Snow Dragon" gefunden.

Brent und ich können noch immer kaum glauben, dass diese Entdeckungen eigentlich ganz in unserer Nähe lagen, versteckt, und nur darauf warteten entdeckt zu werden. Wie schon gesagt, die Vorstellung in unserer geschäftigen Welt etwas zu entdecken, scheint nur noch im Weltraum möglich, doch das stimmt nicht. Jedes Jahr werden neue Höhlen entdeckt, die noch niemand betreten hat. Es ist also nicht zu spät für euch, selbst ein Entdecker zu werden. Ihr müsst nur dazu bereit sein, dort zu suchen, wo die Menschen nicht oft hingehen und die Augen und den Verstand schärfen, um Entdeckungen zu erkennen, wenn ihr sie seht, denn sie könnten ganz in eurer Nähe sein.

Vielen Dank.

(Applaus)