David Katz
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Wir haben uns alle geirrt. Alle. Wir haben uns total geirrt. Das Allerletzte, was wir tun sollten, ist, den Ozean zu reinigen. Das Allerletzte. Sicher gerät eine Riesenladung Plastikmüll in jeder Minute, in jeder Stunde, Tag für Tag in den Ozean. Zahllose Vögel und Tiere sterben, weil sie mit Plastik in Kontakt geraten. Wir erleben eine der schnellsten Aussterberaten aller Zeiten. Plastik ist in der Nahrungskette. Trotzdem stehe ich hier und sage Ihnen, dass wir den Ozean als allerletztes reinigen sollten. Ganz zuletzt.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Küche. Die Spüle läuft über. Wasser läuft über den Boden und sickert in die Wände. Sie müssen schnell denken und Sie sind in Panik: Sie haben einen Eimer, einen Mopp oder eine Saugglocke. Was tun Sie zuerst? Wieso stellen wir nicht das Wasser ab? Es ist doch sinnlos, das Wasser aufzuwischen oder abzuschöpfen, wenn wir nicht zuerst das Wasser abdrehen. Wieso tun wir dasselbe nicht mit dem Ozean? Selbst wenn das "Ocean Cleanup"-Projekt, Recycling-Programme für Strandplastik und sonstige gut gemeinte Projekte, die sich um Ozeanplastik kümmern, zu hundert Prozent erfolgreich wären, wäre das trotzdem nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Unsere Plastikproduktion tendiert dieses Jahr zu über 300 Millionen Tonnen. Fast acht Millionen Tonnen wetteifern, um in den Ozean zu gelangen und sich zu den geschätzten 150 Millionen Tonnen zu gesellen, die schon da sind. Berichten zufolge kommen 80 % des Ozeanplastiks aus Ländern mit extremer Armut. Wenn die Armut Ihr Leben im Griff hat und Sie sich ständig Sorgen um Ihr Essen machen müssen, um Ihre Unterkunft oder Ihre Sicherheit, dann ist Recycling jenseits Ihrer Vorstellungskraft.

Genau das ist der Grund, weshalb ich The Plastic Bank gegründet habe. Wir sind die größte Ladenkette weltweit für die extrem Armen, wo alles im Laden im Tausch gegen Plastikmüll gekauft werden kann. Alles. Schulgeld. Krankenversicherung. Wi-Fi, Handy-Minuten, Strom. Nachhaltige Brennstoffe und höchst effiziente Herde. Und wir möchten immer mehr hinzufügen, das die Welt braucht, aber sich nicht leisten kann.

Unsere Ladenketten in Haiti haben etwas von Gemeindezentren, wo eine unserer Sammlerinnen, Lise Nasis, die Möglichkeit hat, sich durch das Materialsammeln einen Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie von Tür zu Tür geht, die Straßen durchkämmt oder bei Firmen anfragt. Am Ende des Tages bringt sie uns das Material. Wir wiegen es, überprüfen die Qualität und überweisen den Gegenwert auf ihr Konto. Lise hat nun eine regelmäßige, verlässliche Einkommensquelle. Den Gegenwert überweisen wir für sie auf ein Online-Konto. Da es ein Sparkonto ist, dient es als Kapital, womit sie sich Dinge ausleihen kann. Da es online ist, ist sie vor Diebstahl geschützt. Wichtiger noch ist, dass sie einen neuen Selbstwert hat. Selbst das Plastik hat einen neuen Wert. Hm.

Dem von uns gesammelten Plastik geben wir einen Mehrwert. Wir sortieren es, entfernen Etiketten, wir entfernen Deckel. Entweder schreddern wir es oder verpacken es zu Ballen und bereiten es zum Export vor. Es ist nicht anders, als über Diamantwiesen zu laufen. Wenn Lise über Diamantwiesen liefe, aber es keinen Laden, keine Bank gäbe, keine Art, die Diamanten zu verwenden oder einzutauschen, dann wären sie auch wertlos. Lise ist seit dem Erdbeben 2010 auf Haiti verwitwet. Sie hatte weder Obdach noch Einkommen. Mit Hilfe dieses Programms kann Lise das Schulgeld für ihre zwei Töchter bezahlen sowie Schuluniformen.

Das Plastik verkaufen wir. Wir verkaufen es an die Zulieferer großer Marken, wie Marks and Spencer, die in ihren Produkten die Verwendung von sozialem Plastik in Auftrag gegeben haben. Oder Henkel, die deutsche Firma für Verbrauchergüter, die soziales Plastik direkt im Herstellungsprozess verwenden. Wir haben in der Kreislaufwirtschaft den Kreis geschlossen. Wenn Sie jetzt Shampoo oder Waschmittel kaufen, das eine Verpackung aus sozialem Plastik hat, dann tragen Sie indirekt zur Entfernung von Plastik auf dem Weg zum Ozean bei. Gleichzeitig lindern Sie Armut.

Dieses Modell ist absolut reproduzierbar. In São Paulo ermutigt eine Kirche ihre Gemeinde dazu, am Sonntag nicht nur Geld für die Kollekte mitzubringen, sondern auch ihre Recyclingware. Wir bringen die Kirche dann mit den Armen zusammen. Um es noch stärker auszudrücken: Wir könnten eine Moschee in London mit einer verarmten Kirche in Kairo zusammenbringen. Oder wie in Vancouver mit unserem Pfandflaschenprogramm: Jeder Einzelne oder jede Gruppe kann Wertstoffe mit Pfand nun zurückbringen. Statt den Pfand zurückzunehmen, können sie diesen Wert auf das Konto armer Leute weltweit einzahlen.

Wir können unser Recycling verwenden, um Recycler zu unterstützen und zu erschaffen. Eine Flasche, die zu Hause zurückgegeben wird, könnte hundert weitere auf der Welt zu Tage bringen. Oder wie Shell, die Energie-Firma, die in unser plastikneutrales Programm investiert hat. Plastik-Neutralität ist wie Kohlenstoff-Neutralität. Aber Plastik-Neutralität investiert in Recycling-Infrastrukturen, wo noch keine sind. Und sie geben den Armen einen Anreiz, indem sie eine Preiserhöhung bieten. Oder ... wie in den Slums von Manila, wo der kleinste Markt mit einer Waage und einem Telefon nun soziales Plastik als neue Form der Bezahlung nach Gewicht akzeptieren kann. So können sie mehr Kunden anziehen und ihren eigenen sozialen Einfluss vergrößern.

All dem ist gemeinsam, dass soziales Plastik Geld ist. Soziales Plastik ist Geld. Eine global erkennbare und tauschbare Währung, deren Einsatz Armut lindert und zugleich die Umwelt reinigt. Es ist nicht einfach Plastik. Es ist kein recyceltes Plastik, es ist soziales Plastik. Ein Material, dessen Wert durch die Leben der Menschen übertragen wird, die darauf treffen, ob reich oder arm.

Die Menschen haben über acht Billionen Kilogramm Plastik produziert. Das meiste davon ist immer noch als Müll vorhanden. Acht Billionen Kilogramm. Bei einem Wert von circa 50 Cent pro Kilo ist das potentiell ein Wert von vier Billionen Dollar. Ich sehe soziales Plastik als eine Art Bitcoin für die Erde.

(Lachen)

Es ist für alle verfügbar.

Das gesamte Ökosystem wird nun durch eine Online-Banking-Plattform verwaltet und unterstützt, die global einen sicheren, authentischen Transfer ermöglicht. Sie können Ihre Pfandsachen nun in Vancouver oder Berlin einzahlen und eine Familie könnte dafür in den Slums von Manila Ziegelsteine oder Handy-Minuten kaufen. Lise könnte Wertstoffe in der Stadtmitte von Port-au-Prince einzahlen und ihre Mutter könnte Brennstoff oder Geld überall in der Stadt abheben. Die App enthält Belohnungen, Ansporne, Gruppenpreise und Benutzerbewertung. Wir haben aus Recycling ein Spiel gemacht. Wir fügen einer informellen Industrie Spaß und Formalität hinzu. Wir sind in Haiti und auf den Philippinen aktiv. Wir haben Angestellte und Partner für Brasilien ausgewählt. Dieses Jahr gehen wir Indien und Äthiopien an. Wir sammeln hunderte und aberhunderte Tonnen Material. Wir fügen weiter Partner und Kunden hinzu und vergrößern täglich unsere Sammelmengen. Unser Programm mit Henkel hat dazu geführt, dass sie sich zur Verwendung von über 100 Millionen Kilo pro Jahr verpflichtet haben. Das allein bringt hunderte Millionen Dollar in die Hände der Armen in den Entwicklungsländern.

Jetzt können wir also alle Teil der Lösung sein und nicht Teil der Verschmutzung.

Das Säubern des Ozeans mag vergeblich sein. Das ist es vielleicht. Aber vielleicht ist das Verhindern von Ozeanplastik die größte Chance für die Menschheit.

Danke.

(Beifall)