Dan Dennett
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Wie viele Kreationisten haben wir hier im Raum? Wahrscheinlich keine. Ich glaube, wir sind alle Darwinianer. Und doch ist vielen Darwinianern etwas bange, sie würden gern Grenzen sehen für die Reichweite des Darwinismus. Also, ok, Spinnennetze – klar, das sind Produkte der Evolution. Das World Wide Web – nicht so sicher. Biberdämme, ja. Hoover-Damm, nein. Was, glauben sie, hindert die Produkte der menschlichen Erfindungsgabe daran, selbst Früchte vom Baum des Lebens zu sein, und daher, in gewissem Sinn, evolutionären Regeln zu folgen? Und doch widerstrebt es den Menschen interessanterweise, evolutionäres Denken auf Denken, unser Denken, anzuwenden.

Daher werde ich ein bisschen darüber sprechen, immer im Hinterkopf, dass viel auf dem Programm steht. Sie spazieren also im Wald oder auf einer Wiese und sehen eine Ameise, wie sie einen Grashalm hochklettert. Sie klettert bis zur Spitze, fällt, und sie klettert und fällt und klettert – sie versucht, ganz oben auf dem Grashalm zu bleiben. Was macht diese Ameise? Wozu macht sie das? Welche Ziele will sie erreichen, indem sie auf diesen Grashalm klettert? Was hat sie davon? Und die Antwort ist: Nichts. Die Ameise hat nichts davon. Nun, warum tut sie es dann? Ist ihr vielleicht was über die Leber gelaufen? Ja, das kann man so sagen. Es ist ein kleiner Leberegel. Das ist ein kleiner Wurm im Gehirn. Es ist ein parasitärer Gehirnwurm, der in den Magen eines Schafs oder einer Kuh gelangen muss, um seinen Lebenszyklus fortzuführen. Lachse schwimmen flussaufwärts, um zu ihren Laichgründen zu gelangen, und Leberegel kapern eine Ameise, kriechen ihr ins Gehirn und fahren sie einen Grashalm hinauf wie einen Jeep. Die Ameise hat also nichts davon. Das Gehirn der Ameise wurde entführt von einem Parasiten, der das Hirn infiziert, und selbstmörderisches Verhalten verursacht. Ziemlich gruselig.

Nun, kann einem Menschen Ähnliches passieren? All das passiert natürlich zugunsten von etwas anderem als der eigenen genetischen Fitness. Nun, vielleicht ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Islam „Hingabe“ bedeutet, oder „Unterwerfung des Eigeninteresses unter den Willen Allahs“. Es sind also Ideen, nicht Würmer, die unsere Gehirne entführen. Behaupte ich nun, dass die Gehirne einer beträchtlichen Minderheit der Weltbevölkerung von parasitären Ideen entführt worden sind? Nein. Viel schlimmer. Es ist die Mehrheit. (Lachen) Es gibt viele Ideen, für die gestorben wird. Freiheit, wenn Sie aus New Hampshire kommen. (Lachen) Gerechtigkeit. Wahrheit. Kommunismus. Viele Menschen haben ihr Leben für den Kommunismus gelassen, und viele für den Kapitalismus. Und viele für den Katholizismus. Und viele für den Islam. Das sind nur einige der Ideen, für die Menschen sterben. Sie sind ansteckend.

Gestern sprach Amory Lovins über „ansteckende Repetitis“. Das war als Schimpfwort gemeint. Das ist unreflektierte Technik. Nun sind die meisten kulturellen Ideen, die sich verbreiten, nicht brillantes, neues, kreatives Denken. Sie sind ansteckende Repetitis. Und wir sollten versuchen, eine Theorie darüber zu entwickeln, so dass wir die Bedingungen der Infektion verstehen können. Die Träger arbeiten hart daran, diese Ideen auf andere zu übertragen. Ich selbst bin Philosoph, und zu den Risiken unseres Berufs gehört es, dass uns die Leute nach dem Sinn des Lebens fragen. Und Sie müssen eine Art Autoaufkleber haben, Sie müssen eine Antwort parat haben. Also hier ist meine.

Das Geheimnis des Glücks ist: Finde etwas, das wichtiger ist als du selbst, und widme ihm dein Leben. Jetzt, wo das „Jahrzehnt des Ichs“ hinter uns liegt – tun die meisten von uns genau das. Die eine oder andere Ideologie hat unsere biologischen Imperative in unserem Leben einfach ersetzt. Sie sind unser Summum Bonum. Es geht nicht mehr darum, möglichst viele Enkel zu haben. Das ist ein tiefgreifender biologischer Effekt. Es ist die Unterordnung des genetischen Interesses unter andere Interessen. Und keine andere Spezies tut irgendetwas Vergleichbares.

Nun, was sollen wir darüber denken? Es ist einerseits ein biologischer Effekt, und zwar ein sehr großer. Unverkennbar. Welche Theorien wollen wir also heranziehen, um ihn zu untersuchen? Nun, viele Theorien. Aber wie könnte etwas sie zusammenfassen? Die Idee der replizierenden Ideen; Ideen, die sich replizieren, indem sie von Hirn zu Hirn wandern. Richard Dawkins, den Sie später noch hören werden, erfand den Ausdruck „Meme“ und formulierte die erste wirklich klare und anschauliche Version dieser Idee in seinem Buch „Das egoistische Gen“. Jetzt stehe ich hier und rede über seine Idee. Sie sehen also, es ist nicht seine Idee. Ja, er hat damit angefangen. Aber jetzt gehört sie allen. Und er ist nicht dafür verantwortlich, was ich über Meme sage. Ich bin dafür verantwortlich, was ich über Meme sage.

Tatsächlich glaube ich, dass wir alle nicht nur für die beabsichtigten Wirkungen unserer Ideen verantwortlich sind, sondern auch für ihren wahrscheinlichen Missbrauch. Es ist also, wie ich glaube, Richard und mir wichtig, dass diese Ideen nicht missbraucht werden. Sie können leicht missbraucht werden. Darum sind sie gefährlich. Und es ist ein echter Vollzeitjob, die Menschen, die Angst vor diesen Ideen haben, daran zu hindern, sie zu karikieren und unlautere Ziele damit zu verfolgen. Also müssen wir weiterhin hart daran arbeiten, um die Missverständnisse richtig zu stellen, damit sich nur die gutartigen und nützlichen Varianten unserer Ideen verbreiten. Aber das ist ein Problem. Wir haben nicht viel Zeit, und daher werde mich kurz fassen, weil noch viele andere Dinge gesagt werden müssen.

Lassen Sie mich also betonen: Meme sind wie Viren. Das ist es, was Richard damals, 1993, sagte. Sie denken vielleicht: „Aber wie kann das sein? Ein Virus ist immerhin – Materie! Woraus besteht ein Mem?" Gestern hat Negroponte über virale Telekommunikation gesprochen, aber – was ist ein Virus? Ein Virus ist eine Nukleinsäurekette mit einer Gesinnung. (Lachen) Das heißt, es hat etwas an sich, das dafür sorgt, dass es sich besser repliziert als die Konkurrenz. Und das ist auch das, was ein Mem ist: ein Informationspaket mit einer Gesinnung. Woraus besteht ein Mem? Woraus bestehen Bits, Mama? Nicht aus Silikon. Sie bestehen aus Information, und können in jedem physischen Medium transportiert werden. Woraus besteht ein Wort? Manchmal, wenn Leute fragen: „Existieren Meme?“, frage ich: „Existieren Wörter? Gehören Wörter zu Ihrer Ontologie?“ Falls ja, sind Wörter Meme, die ausgesprochen werden können.

Dann gibt es all die anderen Meme, die nicht ausgesprochen werden können. Sie sind verschiedene Spezies von Memen. Erinnern Sie sich an die Shaker [Sekte]? Einfache, schöne Möbel? Und natürlich sind sie inzwischen im Wesentlichen ausgestorben. Und einer der Gründe dafür ist, dass unter den Glaubenssätzen des Shakertums auch der ist, dass man keusch leben solle. Nicht nur die Priester. Jeder. Es ist also nicht überraschend, dass sie ausgestorben sind. (Lachen) Aber das ist nicht die eigentliche Ursache für ihr Aussterben. Sie konnten so lange überleben zu einer Zeit, als es noch keine sozialen Sicherungsnetze gab. Und es gab viele Witwen und Waisen, Menschen, die eine Zuflucht brauchten. Und so hatten sie einen ständigen Nachschub an Konvertiten. Sie konnten immer weiter machen. Prinzipiell hätte es immer so weiter gehen können. Mit vollkommener Keuschheit auf Seiten der Wirte. Die Idee pflanzt sich fort durch das Missionieren anstatt über die genetische Linie.

So können die Ideen weiterleben, obwohl sie nicht genetisch weitergegeben werden. Ein Mem kann gut gedeihen, obwohl es sich auf die genetische Fitness negativ auswirkt. Immerhin war das Mem des Shakertums im Wesentlichen ein sterilisierender Parasit. Es gibt noch weitere Parasiten, die ihren Wirt sterilisieren. Es ist Teil ihres Plans. Sie brauchen kein Bewusstsein, um einen Plan zu haben.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nur auf eine der vielen Implikationen der memetischen Anschauungsweise lenken, die ich empfehle. Zu mehr fehlt mir leider die Zeit. In Jared Diamonds wunderbarem Buch „Arm und reich“ [„Guns, Germs and Steel“] schreibt er darüber, wie es eher die Keime waren, und nicht Gewehre und Stahl, die halfen, die neue – westliche – Hemisphäre und den Rest der Welt zu erobern. Als europäische Forscher und Reisende in die Welt zogen, brachten sie Viren und Bakterien mit sich, gegen die sie im Wesentlichen immun geworden waren, die sie zu tolerieren gelernt hatten über Hunderte und Tausende von Jahren des Zusammenlebens mit domestizierten Tieren, von denen diese Pathogene stammten. Und diese Pathogene haben die eingeborenen Völker einfach ausgelöscht, denn diese waren keineswegs immun dagegen.

Und wir tun es wieder. Wir tun es dieses Mal mit toxischen Ideen. Gestern sprachen einige Leute – Nicholas Negroponte und andere – über all die wundervollen Dinge, die geschehen, wenn sich unsere Ideen ausbreiten, dank all der neuen Technologien überall auf der Welt. Und ich stimme dem zu. Es ist zum größten Teil wundervoll. Aber unter all diesen Ideen, die sich dank unserer Technologie unweigerlich in der ganzen Welt verbreiten, sind viele toxische Ideen. Nun, dies wurde schon vor längerer Zeit erkannt. Sayyid Qutb ist einer der Gründungsväter des fanatischen Islams, einer der Ideologen, die Osama bin Laden inspirierten. „Man muss sich nur ihre Filme anschauen, ihre Modenschauen, Schönheitswettbewerbe, Tanzsäle, Weinbars und Fernsehkanäle.“ Meme.

Diese Meme breiten sich überall auf der Welt aus und löschen ganze Kulturen aus. Sie löschen Sprachen aus. Sie löschen Traditionen und Gebräuche aus. Und das ist nicht unsere Schuld, ebenso wenig, wie wenn unsere Viren Menschen zerstören, die keine Immunität entwickelt haben. Wir sind immun gegen all den Müll, der an den Rändern unserer Kultur herumliegt. Wir sind eine freie Gesellschaft, also lassen wir Pornografie und solche Dinge einfach zu. Sie sind wie eine leichte Erkältung. Sie sind keine große Sache für uns. Aber wir sollten erkennen, dass sie für viele Menschen in der Welt eine große Sache sind. Und wir sollten uns dessen sehr bewusst sein, wenn wir unsere Erziehung und unsere Technologie verbreiten, dass wir vor allem die Vektoren von Memen sind, die von den Wirten vieler anderer Meme richtigerweise als tödliche Bedrohung für ihre bevorzugten Meme angesehen werden – für die Meme, für die sie bereit sind zu sterben.

Nun, wie können wir jetzt die guten von den schlechten Memen unterscheiden? Das ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft der Memetik. Memetik ist moralisch neutral. Und so sollte es auch sein. Sie ist kein Ort für Hass und Zorn. Wenn Sie einen Freund hatten, der an AIDS gestorben ist, dann hassen Sie HIV. Aber um dem Virus zu begegnen, sollten Sie Wissenschaft betreiben und versuchen, moralisch neutral zu verstehen, wie und warum es sich verbreitet.

Verstehen Sie die Fakten. Verstehen Sie die Implikationen. Wir können uns immer noch moralisch ereifern, sobald wir die Fakten haben und damit die beste Handlungsweise herausfinden können. Und wie bei Viren sollten wir auch hier nicht versuchen, sie zu vernichten. Man wird die Viren niemals vernichten. Was man jedoch tun kann, ist, gesundheitspolitische Maßnahmen zu fördern, damit sich eine Avirulenz entwickeln kann. Das wird zur Ausbreitung von relativ gutartigen Mutationen der toxischsten Varianten beitragen. Meine Zeit ist um, also haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.