Christopher Ryan
2,196,055 views • 14:02

Ich werde kurz abschweifen und Chris hier ziemlich nervös machen, indem ich das Publikum involviere. Also gut. Sind Sie dabei? Ja. Ja. Also gut.

Ich würde Sie nun bitten Ihre Hand zu heben, wenn Sie je ein heterosexuelles Paar beim Sex gehört haben. Das könnten die Nachbarn sein, Hotelzimmer, Ihre Eltern. Entschuldigung. Okay. So ziemlich alle. Jetzt heben Sie bitte die Hand, falls der Mann dabei lauter war als die Frau. Ich sehe einen Herrn hier. Es zählt nicht, wenn Sie es selbst waren. (Lachen) Seine Hand ist unten. Und eine Dame. Okay. Die neben einem lauten Herrn sitzt.

Was sagt uns das jetzt? Es sagt uns, dass Menschen Geräusche machen, wenn sie Sex haben, und es ist allgemein die Frau, die dabei lauter ist. Das bezeichnet man als weibliche Kopulations-Vokalisierung, falls Sie es genau wissen wollen. Ich hätte das nicht einmal erwähnt, aber jemand hat mir gesagt, dass Meg Ryan vielleicht hier ist, und sie ist die allerberühmteste weibliche Kopulationsvokalisiererin. Also dachte ich, darüber sollten wir sprechen. Wir kommen ein bisschen später darauf zurück.

Zu Beginn möchte ich erwähnen, dass Menschen nicht von Affen abstammen, auch wenn Sie etwas anderes gehört haben. Wir sind Affen. Wir sind mit Schimpansen und Bonobos viel enger verwandt als der afrikanische Elefant mit dem indischen Elefant, wie Jared Diamond in einem seiner frühen Bücher erläutert hat. Unsere Verwandtschaft mit Schimpansen und Bonobos ist viel enger als die von Schimpansen und Bonobos zu allen anderen Primaten — Gorillas, Orang-Utans und so weiter. Wir sind also sehr eng mit ihnen verwandt, und Sie werden sehen, dass auch in unserem Verhalten eine gewisse Verwandtschaft besteht. Die Frage, die ich heute stelle, und der ich heute gemeinsam mit Ihnen nachgehen möchte, ist die: Welche Art von Affe sind wir in Bezug auf unsere Sexualität? Seit den Tagen Darwins gibt es etwas, das Cacilda und ich als Standarderzählung der menschlichen sexuellen Evolution bezeichnen, und die kennen Sie alle, auch wenn Sie nichts dazu gelesen haben. Die Idee ist, dass, als Teil der menschlichen Natur, und zwar seit dem Entstehen unserer Spezies, Männer sozusagen das weibliche Reproduktionspotenzial gepachtet haben, indem sie die Frauen mit gewissen Gütern und Leistungen versorgt haben. Darunter verstehen wir generell Fleisch, Zuflucht, Status, Schutz und ähnliche Dinge. Und die Gegenleistung der Frauen war Treue, oder zumindest ein Treueversprechen. Damit begeben sich Männer und Frauen in eine gegensätzliche Beziehung. Der Geschlechterkrieg ist laut dieser Sichtweise in unsere DNA eingebaut. OK? Cacilda und ich dagegen haben argumentiert, dass diese ökonomische Beziehung, diese gegensätzliche Beziehung, in Wahrheit ein Ergebnis der Landwirtschaft ist, die frühestens vor etwa 10 000 Jahren entstanden ist. Anatomisch gesehen gibt es den modernen Menschen seit etwa 200 000 Jahren, wir sprechen also über 5 Prozent, wenn überhaupt, von unserer Zeit als moderne, individuelle Spezies. Vor der Landwirtschaft, vor der landwirtschaftlichen Revolution, lebten Menschen — das ist wichtig zu verstehen — in Jäger-Sammler-Gruppen, die, ganz egal wo auf der Welt, durch etwas charakterisiert sind, was Anthropologen als strengen Egalitarismus bezeichneten. Sie teilen nicht nur vieles, sie verlangen, dass Dinge geteilt werden: Fleisch, Zuflucht, Schutz, alle diese Dinge, die Frauen angeblich als Gegenleistung für ihre sexuelle Treue erhielten, so stellt sich heraus, werden in diesen Gesellschaften weitgehend miteinander geteilt. Ich behaupte dabei nicht, dass unsere Vorfahren edle Wilde waren und ich sage ebenfalls nicht, dass moderne Jäger-Sammler edle Wilde sind. Ich sage aber, dass dies ganz einfach der beste Weg ist, um Risiken in diesem Kontext zu mindern. Darüber gibt es unter Anthropologen keine Diskussion. Cacilda und ich haben dieses Teilen lediglich auf die Sexualität ausgeweitet. Wir argumentieren also, dass die menschliche Sexualität sich im Grunde, bis zur Landwirtschaft, als ein Weg entwickelt hat, um diese komplexen, flexiblen sozialen Systeme und Netzwerke aufzubauen und zu erhalten, in denen unsere Vorfahren sehr gut waren, und das ist der Grund, warum unsere Spezies so gut überlebt hat.

Das ist jetzt unangenehm für manche Menschen, deshalb muss ich in diesen Vorträgen immer kurz innehalten und darauf hinweisen, dass ich zwar sage, unsere Vorfahren waren promiskuitiv, dass ich aber nicht behaupte, sie hätten Sex mit Fremden gehabt. Es gab keine Fremden. Nicht wahr? In einer Gruppe von Jägern und Sammlern gibt es keine Fremden. Man kennt diese Leute sein ganzes Leben. Ich sage also, ja, es hat überlappende sexuelle Beziehungen gegeben, unsere Vorfahren hatten wahrscheinlich mehrere laufende sexuelle Beziehungen zu jedem Zeitpunkt ihres Erwachsenenlebens. Aber ich behaupte nicht, dass sie Sex mit Fremden hatten. Ich behaupte nicht, dass sie ihre Sexualpartner nicht geliebt haben. Und ich behaupte nicht, dass es keine Paarbindung gab. Ich behaupte lediglich, dass sie nicht monogam waren.

Und diejenigen von uns, die sich für Monogamie entschieden haben, meine Eltern etwa sind seit 52 Jahren monogam verheiratet, und falls es nicht monogam war, Mom und Dad, dann will ich nichts darüber hören — Ich kritisiere das nicht und ich behaupte nicht, dass etwas damit nicht stimmt. Ich behaupte, das Argument, dass unsere Vorfahren sexuelle Omnivoren waren, genausowenig eine Kritik an der Monogamie ist, wie das Argument, dass unsere Vorfahren Allesfresser waren, eine Kritik am Vegetarismus darstellt. Sie können sich entscheiden, Vegetarier zu werden, aber denken Sie nicht, dass nur wegen dieser Entscheidung ihr Frühstücksspeck auf einmal nicht mehr gut riecht. Okay? Das ist mein Punkt. (Lachen) Das hat eine Minute gedauert, hm?

Abgesehen davon, dass er ein großes Genie war, ein wunderbarer Mann, ein wunderbarer Ehemann und ein wunderbarer Vater, war Charles Darwin auch extrem viktorianisch und prüde. Alles klar? Er war verblüfft über die Genitalschwellungen gewisser Primaten, inklusive Schimpansen und Bonobos, denn diese Schwellungen provozieren meist viele Männchen dazu, sich mit den Weibchen zu paaren. Er konnte also einfach nicht verstehen, warum Weibchen so etwas entwickelten, wenn sie nur auf eine Paarbindung aus wären, verstehen Sie? Schimpansen und Bonobos, Darwin wusste das nicht so richtig, aber Schimpansen und Bonobos paaren sich ein- bis viermal pro Stunde mit bis zu einem Dutzend Männchen pro Tag, wenn sie ihre Genitalschwellungen haben. Interessanterweise kommt die Genitalschwellung bei Schimpansen während grob 40 Prozent ihres Menstruationszyklus vor, bei Bonobos während 90 Prozent. Menschen sind so ziemlich die einzige Spezies auf dem Planeten, bei der das Weibchen während des gesamten Menstruationszyklus zum Sex bereit ist, egal ob sie gerade die Menstruation hat, ob die Wechseljahre vorbei sind oder ob sie bereits schwanger ist. Das ist extrem selten unter Säugetieren. Ein sehr interessanter Aspekt der menschlichen Sexualität. Darwin ignorierte damals also die Betrachtung dieser Genitalschwellungen, wie das Wissenschaftler manchmal so machen.

Wir sprechen hier über Sperma-Konkurrenz. Das durchschnittliche menschliche Ejakulat enthält um die 300 Millionen Spermazellen, da herrscht an sich bereits große Konkurrenz. Die Frage ist, ob diese Spermien gegen die eines anderen Mannes konkurrieren oder lediglich untereinander. Zu dieser Grafik gibt es einiges zu sagen. Etwas, worauf ich sofort Ihre Aufmerksamkeit lenken werde, ist die kleine Note über dem Weibchen bei Schimpansen, Bonobos und Menschen. Das bezeichnet die weibliche Kopulations-Vokalisierung. Sehen Sie sich nur die Zahlen an. Der durchschnittliche Mensch hat pro Geburt etwa 1000 Mal Sex. Falls einige von Ihnen diese Zahl hoch finden, kann ich Ihnen versichern, dass das für andere hier wenig erscheint. Wir haben diesen Verhältniswert mit Schimpansen und Bonobos gemeinsam. Aber wir teilen ihn nicht mit den anderen drei Menschenaffen, den Gorillas, den Orang-Utans und den Gibbons, die sich eher wie typische Säugetiere verhalten, und nur ungefähr ein Dutzendmal pro Geburt Sex haben. Menschen und Bonobos sind die einzigen, die sich beim Sex ins Gesicht sehen, während beide von ihnen am Leben sind. (Lachen) Und Sie sehen auch, dass Menschen, Schimpansen und Bonobos alle externe Hoden aufweisen, was wir in unserem Buch mit einem eigenen Kühlschrank vergleichen, in dem man in der Garage Bier lagert. Wenn Sie die Art von Mann sind, der einen Bierkühlschrank in der Garage hat, dann erwarten Sie, dass jederzeit eine Party stattfinden kann und Sie müssen bereit sein. Genau dazu sind externe Hoden da. Sie halten die Spermien kühl, damit man häufige Ejakulationen haben kann. Tut mir leid. Es ist so. Der Mensch, einige von Ihnen werden sich freuen das zu hören, hat den größten und dicksten Penis unter den Primaten.

Diese Tatsache geht weit über die Anatomie hinaus. Sie betrifft auch die Anthropologie. Historische Aufzeichnungen sind voll mit den Berichten von Menschen auf der ganzen Welt, die sexuelle Praktiken ausüben, die eigentlich unmöglich sein sollten, wenn man von unseren Annahmen über die sexuelle Evolution ausgeht. Diese Frauen sind die Mosuo aus dem Südwesten Chinas. In Ihrer Gesellschaft besitzt jeder, Männer und Frauen, völlige sexuelle Autonomie. Sexuelles Verhalten wird nicht mit Scham assoziiert. Frauen haben hunderte Partner. Es ist egal. Es interessiert niemanden. Niemand tratscht. Es ist kein Thema. Wenn eine Frau schwanger wird, dann erfolgt die Kindererziehung durch sie, ihre Schwestern und ihre Brüder. Der biologische Vater ist irrelevant. Auf der anderen Seite des Planeten, im Amazonas, gibt es viele Stämme, die etwas praktizieren, was Anthropologen als geteilte Vaterschaft bezeichnen. Diese Menschen glauben tatsächlich — und sie haben untereinander keinen Kontakt, keine gemeinsame Sprache oder sonstiges, diese Idee hat sich also nicht verbreitet, sondern sie ist rund um die Welt entstanden — sie glauben, dass ein Fötus wirklich aus einer Ansammlung von Spermien besteht. Wenn eine Frau also ein Kind haben möchte, das intelligent und witzig und stark ist, dann wird sie Sex mit einem intelligenten Mann haben, und mit einem witzigen Mann und einem starken Mann, damit sie die Essenz jedes einzelnen an das Baby weitergeben kann, und wenn das Kind geboren ist, dann melden sich die verschiedenen Männer und erkennen die Vaterschaft für das Kind an. Vaterschaft ist also so etwas wie Teamarbeit innerhalb dieser Gemeinschaft. Und es gibt noch viele weitere solcher Beispiele, die wir in unserem Buch behandeln.

Aber warum ist das wichtig? Laut Edward Wilson müssen wir verstehen, dass Sexualität für den Menschen zuerst ein Bindungsmechanismus ist und nur in zweiter Linie der Fortpflanzung dient. Ich denke, er hat recht. Und es ist wichtig, weil die Evolution unserer Sexualität in direktem Konflikt mit vielen Aspekten unserer modernen Welt steht. Diese Gegensätze zwischen dem, was wir angeblich fühlen sollen und dem, was wir tatsächlich fühlen, erzeugen eine große Menge an unnötigem Leid. Meine Hoffnung ist, dass ein genaueres und aktuelleres Verständnis der menschlichen Sexualität dazu führen wird, dass wir mehr Toleranz für uns selbst und für andere aufbringen, mehr Respekt für unkonventionelle Beziehungskonstellationen, wie die gleichgeschlechtliche Ehe oder polyamouröse Verbindungen, und dass wir endlich die Idee begraben, dass Männer ein angeborenes, instinktives Recht haben, das sexuelle Verhalten von Frauen zu überwachen und zu kontrollieren. (Applaus) Vielen Dank. Und wir werden sehen, dass es nicht nur Homesexuelle sind, die sich outen und über ihren Schatten springen müssen. Wir alle haben Schatten, über die wir springen müssen. Oder? Und wenn wir das endlich tun, sehen wir, dass wir nicht gegeneinander kämpfen, sondern mit einer überholten viktorianischen Auffassung der menschlichen Sexualität, die Begehren mit Eigentumsrechten vermischt, und Scham und Verwirrung erzeugt anstatt Verständnis und Mitgefühl. Es ist an der Zeit, Mars und Venus hinter uns zu lassen, denn die Wahrheit ist, dass Männer aus Afrika sind und Frauen aus Afrika sind.

Vielen Dank.

(Applaus)

Chris Anderson: Vielen Dank. Christopher Ryan: Vielen Dank.

CA: Noch eine Frage. Es ist so verblüffend, dieser Versuch, die Argumente über die Geschichte der Evolution in etwas zu verwandeln, das wir heute tun sollten. Jemand könnte in einem Vortrag sagen: "Sehen Sie uns an, wir haben diese extrem scharfen Zähne und Muskeln und ein Gehirn, mit dem wir sehr gut Waffen werfen können", und wenn man sich Gesellschaften auf der ganzen Welt anschaut, dann sieht man ein sehr großes Ausmaß an Gewalt. Gewaltverzicht ist eine Entscheidung wie Vegetarismus, aber macht uns nicht aus. Wie unterscheidet sich das von Ihrem Vortrag?

CR: Nun, zunächst sind die Beweise für ein hohes Maß an prähistorischer Gewalt sehr umstritten. Aber das ist nur ein Beispiel. Sicher, viele Leute sagen zu mir, nur weil wir in der Vergangenheit so gelebt haben, heißt das nicht, dass wir heute genauso leben sollten, und ich stimme dem zu. Jeder muss sich an die moderne Welt anpassen. Aber der Körper hat dennoch seine durch die Evolution angeborene Laufbahn. Und man könnte sehr wohl von McDonald's und Milkshakes leben, aber der Körper wird sich dagegen auflehnen. Wir haben Verlangen. Ich denke, es war Schopenhauer, der sagte: "Ein Mensch kann tun. was er will, aber nicht wollen, was er will." Wogegen ich also argumentiere, ist die Scham, die mit Begehren assoziiert wird. Es ist die Idee, dass, wenn du deinen Mann oder deine Frau liebst, dich aber trotzdem zu anderen hingezogen fühlst, etwas mit dir nicht stimmt, etwas mit deiner Ehe nicht stimmt, etwas mit deinem Partner nicht stimmt. Ich glaube, dass viele Familien an unrealistischen Erwartungen zerbrechen, die auf dieser falschen Sichtweise der menschlichen Sexualität basieren. Das möchte ich vermitteln.

CA: Danke. Eindrucksvoll kommuniziert. Vielen Dank.

CR: Danke, Chris. (Applaus)