Vilayanur Ramachandran
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Heute möchte ich Ihnen gern über das menschliche Gehirn erzählen, das wir an der Universität von Kalifornien untersuchen. Denken Sie einmal eine Sekunde über dieses Problem nach! Da ist ein Klumpen Fleisch von etwa 1,4 kg, den Sie auf Ihrer Handfläche halten können. Aber er kann über die Weite des interstellaren Raumes nachdenken. Er kann über die Bedeutung der Unendlichkeit nachdenken, Fragen über die Bedeutung seiner eigenen Existenz stellen und über die Natur Gottes.

Und das ist wahrhaftig die verblüffendste Sache der Welt. Es ist das größte Mysterium, dem menschliche Wesen gegenüberstehen: Wie kommt das alles zustande? Gut, das Gehirn besteht, wie Sie wissen, aus Neuronen. Hier sehen wir Neuronen. Es gibt 100 Milliarden Neuronen im erwachsenen menschlichen Gehirn. Und jedes Neuron steht in Kontakt mit so etwa 1.000 bis 10.000 anderen Neuronen im Gehirn. Und auf dieser Basis hat man berechnet, dass die Anzahl von Permutationen und Kombinationen der Gehirnaktivität die Anzahl der Elementarteilchen im Universum übersteigt.

Wie macht man sich also daran, das Gehirn zu erforschen? Ein Einstieg ist, Patienten mit Verletzungen in verschiedenen Gehirnpartien zu beobachten und Änderungen in ihrem Verhalten zu studieren. Darüber habe ich auf der letzten TED gesprochen. Heute werde ich über eine andere Herangehensweise sprechen, nämlich Elektroden in verschiedenen Gehirnpartien anzubringen und die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn effektiv aufzuzeichnen. Das ist wie das Belauschen von Nervenzellen im Gehirn.

Nun, eine jüngere Entdeckung, die von Forschern in Italien, in Parma, von Giacomo Rizzolatti und seinen Kollegen gemacht wurde, ist eine Gruppe von Neuronen, Spiegelneuronen genannt, die sich im Vorderteil des Gehirns befinden, in den Frontallappen. Nun, es stellt sich heraus, es gibt Neuronen, die gewöhnliche motorische Befehlsneuronen genannt werden, im Vorderteil des Gehirns, die man schon seit über 50 Jahren kennt. Diese Neuronen feuern, wenn jemand eine bestimmte Handlung ausführt. Wenn ich das zum Beispiel tue und aushole und einen Apfel ergreife, wird ein motorisches Befehlsneuron in meinem Gehirn feuern. Wenn ich aushole und einen Gegenstand heranhole, wird ein anderes Neuron feuern, das mir befiehlt, den Gegenstand heranzuholen. Diese nennt man motorische Befehlsneuronen, die man schon geraume Zeit kennt.

Was aber Rizzolatti fand, war, dass eine Teilmenge dieser Neuronen, vielleicht etwa 20 Prozent davon, ebenfalls feuert, wenn ich jemandem zusehe, der die gleiche Handlung ausführt. Hier ist also ein Neuron, das feuert, wenn ich aushole und etwas ergreife, aber es feuert auch, wenn ich Joe beobachte, wie er ausholt und etwas ergreift. Und das ist wahrlich verblüffend, denn es ist, als ob dieses Neuron den Gesichtspunkt der anderen Person annähme. Es ist fast, als ob es eine Simulation in virtueller Realität der Aktion der anderen Person durchführte.

Nun, was ist die Bedeutung dieser Spiegelneuronen? Zumindest müssen sie an Dingen wie Imitation und Emulation beteiligt sein. Denn um einen komplexen Akt zu imitieren, muss mein Gehirn die Perspektive der anderen Person annehmen. Also ist das wichtig für Imitation und Emulation. Gut, warum ist das wichtig? Nun, sehen wir uns das nächste Dia an! Also, wie imitieren Sie? Warum ist Imitation wichtig? Spiegelneutronen und Imitation, Emulation.

Nun, betrachten wir Kultur, das Phänomen der menschlichen Kultur! Wenn Sie ungefähr 75.000 bis 100.000 Jahre in der Zeit zurückgehen, in Hinblick auf die menschliche Evolution, da zeigt sich, dass etwas sehr Wichtiges geschehen ist vor ungefähr 75.000 Jahren. Und das ist ein plötzliches Auftreten und eine rasche Verbreitung einer Anzahl von Fertigkeiten, die für Menschen einzigartig sind, wie der Gebrauch von Werkzeugen, der Gebrauch des Feuers, der Gebrauch von Unterkünften und, natürlich, die Sprache und die Fähigkeit, die Absicht einer anderen Person zu lesen und das Verhalten dieser Person zu deuten. All dies geschah relativ schnell.

Obwohl das menschliche Gehirn seine heutige Größe schon vor drei- oder vierhunderttausend Jahren erreicht hatte, geschah all das vor 100.000 Jahren sehr, sehr schnell. Und ich behaupte, dass das, was geschah, das plötzliche Auftreten eines hoch entwickelten Spiegelneuronensystems war, das es erlaubte, Handlungen anderer Personen zu emulieren und zu imitieren. Wenn es also zu einer plötzlichen, zufälligen Entdeckung durch ein Mitglied der Gruppe kam, etwa dem Gebrauch von Feuer oder einer bestimmten Art von Werkzeug, verfiel diese nicht dem Vergessen sondern verbreitete sich rasch horizontal über die Bevölkerung oder wurde vertikal an die nachfolgenden Generationen weitergegeben.

Das machte die Evolution plötzlich Lamarckisch statt Darwinisch. Darwinische Evolution ist langsam; sie braucht hunderttausende Jahre. Ein Eisbär braucht, um einen Pelz zu entwickeln, tausende Generationen, vielleicht hunderttausend Jahre. Ein menschliches Wesen, ein Kind, kann einfach seinem Vater zusehen, wie der einen weiteren Eisbären tötet, ihn häutet und die Haut auf seinen Körper legt, das Fell auf der Körperseite, und das alles auf einmal lernen. Was den Eisbären 100.000 Jahre des Lernens gekostet hat, kann es in fünf Minuten lernen, vielleicht in zehn Minuten. Und dann, wenn es einmal gelernt ist, verbreitet es sich in geometrischer Progression über eine Bevölkerung.

Das ist die Basis. Die Imitation komplexer Fertigkeiten ist, was wir Kultur nennen, und die Basis der Zivilisation. Nun gibt es noch eine Art von Spiegelneuronen, die mit etwas ganz anderem zu tun haben. Und das ist, es gibt Spiegelneuronen, ebenso wie es Spiegelneuronen für die Aktion gibt, gibt es Spiegelneuronen für die Berührung. Mit anderen Worten, wenn jemand mich berührt, meine Hand, feuert ein Neuron im sensorischen Cortex in der sensorischen Region des Gehirns. Aber dasselbe Neuron wird in einigen Fällen feuern, wenn ich einfach zusehe, wie eine andere Person berührt wird. Also ist das ein Einfühlen in die andere Person, die berührt wird.

Es werden also die meisten davon feuern, wenn ich an verschiedenen Stellen berührt werde. Verschiedene Neuronen für verschiedene Stellen. Aber eine Teilmenge davon wird feuern, wenn ich zusehe, wie jemand anderer an derselben Stelle berührt wird. Wir haben also hier wiederum Neuronen, die mit dem Einfühlen zu tun haben. Nun stellt sich die Frage: Wenn ich einfach zusehe, wie eine andere Person berührt wird, warum bin ich nicht verwirrt und habe buchstäblich dieses Berührungsgefühl vom bloßen Zusehen, wie jemand berührt wird? Das heißt, ich fühle mit dieser Person, aber ich fühle nicht buchstäblich die Berührung. Nun, das ist so, weil man Rezeptoren in der Haut hat, Berührungs - und Schmerzrezeptoren, die zum Gehirn führen und sagen: „Keine Sorge, du wirst nicht berührt! Fühle also, auf alle Fälle, mit der anderen Person, aber erfahre nicht die Berührung, sonst wirst du verwirrt und durcheinandergebracht.“

Also gut, es gibt ein Rückkopplungssignal, das das Signal des Spiegelneurons außer Kraft setzt und dich davor bewahrt, diese Berührung bewusst zu erfahren. Wenn man aber den Arm entfernt, einfach meinen Arm betäubt, wenn man mir eine Injektion in meinen Arm gibt, den Plexus betäubt, auf dass der Arm empfindungslos ist, und es kommt kein Gefühl herein, wenn ich nun beobachte, wie jemand berührt wird, fühle ich es buchstäblich in meiner Hand. In anderen Worten, man hat die Barriere zwischen einem selbst und anderen menschlichen Wesen aufgelöst. Daher nenne ich sie Gandhi-Neuronen oder Empathieneuronen. (Gelächter)

Und das ist nicht in irgendeinem metaphorischen Sinn gemeint – alles was dich von ihm trennt, von der anderen Person, ist deine Haut. Entferne die Haut, und du fühlst die Berührung jener Person in deinem Verstand. Du hast die Barriere zwischen dir und anderen menschlichen Wesen aufgelöst. Und das ist natürlich die Basis eines großen Teils östlicher Philosophie, nämlich dass es kein wirkliches unabhängiges Selbst gibt, fern von anderen menschlichen Wesen, das die Welt beobachtet, andere Personen beobachtet. Man ist tatsächlich verbunden, nicht nur über Facebook und Internet, man ist wirklich ganz buchstäblich durch seine Neuronen verbunden. Und es gibt ganze Ketten von Neuronen in diesem Bereich, die miteinander sprechen. Und es gibt keine wirkliche Unterscheidung zwischen dem eigenen Bewusstsein und dem von jemand anderem.

Und das ist keine Hokus-Pokus-Philosophie. Sie ergibt sich aus unserem Verständnis der grundlegenden Neurologie. So, wenn man einen Patienten mit einem Phantom-Glied hat – wenn der Arm entfernt wurde und du ein Phantom hast und dann siehst, wie jemand berührt wird, fühlst du es in deinem Phantom. Nun, das Verblüffende ist: Wenn du Schmerzen in deinem Phantom-Glied hast und die Hand der anderen Person drückst, die Hand der anderen Person massierst, verringert das den Schmerz in deiner Phantom-Hand, fast als ob das Neuron Erleichterung empfinge vom bloßen Beobachten der Massage von jemand anderem.

So, hier haben Sie mein letztes Dia! Die längste Zeit haben die Menschen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften als getrennte Gebiete betrachtet. C. P. Snow sprach von den beiden Kulturen: Naturwissenschaften auf der einen, Geisteswissenschaften auf der anderen Seite, niemals würden die beiden zueinander finden. Ich sage also, das Spiegelneuronensystem ist die Basis der Schnittstelle, die uns erlaubt, über Themen nachzudenken wie Bewusstsein, Repräsentation des Selbst, darüber, was uns von anderen menschlichen Wesen trennt, was uns erlaubt, mit anderen menschlichen Wesen zu fühlen, und auch sogar Dinge wie die Entstehung der Kultur und Zivilisation, die nur der Mensch entwickelt hat. Vielen Dank! (Applaus)