Sandra Aamodt
4,446,157 views • 12:42

Vor dreieinhalb Jahren habe ich eine der besten Entscheidungen meines Lebens getroffen. Mein Vorsatz für das neue Jahr war, mit Diät halten aufzuhören, mir keine Sorgen mehr über mein Gewicht zu machen und zu lernen, achtsamer zu essen. Jetzt esse ich, wann immer ich Hunger habe und ich habe 10 Pfund abgenommen.

Das bin ich im Alter von 13 Jahren, als ich meine erste Diät anfing. Wenn ich das jetzt sehe, denke ich: Du hast keine Diät, sondern einen Modeberater gebraucht. (Gelächter) Aber ich habe gedacht, ich müsste Gewicht verlieren, und als ich es wieder drauf hatte, habe ich mir das natürlich selbst vorgeworfen. Und die nächsten drei Jahrzehnte war ich ständig auf oder zwischen diversen Diäten. Egal was ich versucht habe, das Gewicht, das ich abgenommen hatte, kam immer wieder zurück. Ich bin sicher, die meisten von Ihnen kennen das Gefühl.

Als Neurowissenschaftlerin habe ich gegrübelt: Warum ist das so schwer? Offensichtlich hängt das eigene Gewicht davon ab, wieviel man isst und wieviel Energie man verbrennt. Aber vielen Menschen ist nicht klar, dass Hunger und Energieverbrauch vom Gehirn kontrolliert werden. Das ist uns meistens nicht bewusst. Das Gehirn macht eine Menge seiner Arbeit hinter den Kulissen, und das ist auch gut so, weil das Bewusstsein — wie sage ich das höflich? — sich leicht ablenken lässt. Es ist gut ,dass Sie nicht daran denken müssen zu atmen, wenn Sie einen spannenden Film sehen. Sie vergessen nicht, wie man läuft, obwohl Sie darüber nachdenken, was Sie zu Abend essen wollen.

Ihr Gehirn hat außerdem einen eigenen Sinn dafür, was Sie wiegen sollten, egal was Sie bewusst dazu meinen. Das nennt man den "Sollwert", aber das ist ein irreführender Begriff, weil es eigentlich ein Bereich von etwa 10 bis 15 Pfund ist. Sie können mit Ihrem Lebensstil Ihr Gewicht in diesem Bereich hoch und runter bewegen, aber es ist viel, viel schwerer außerhalb davon zu bleiben. Der Hypothalamus ist der Bereich im Gehirn, der das Körpergewicht regelt. Dort gibt es mehr als ein Dutzend chemische Signale, die den Körper dazu bringen, Gewicht zuzulegen; mehr als ein weiteres Dutzend, die ihm sagen abzunehmen, und das System funktioniert wie ein Thermostat, der auf Signale vom Körper reagiert indem er Hunger, Aktivität und Stoffwechsel reguliert, um trotz wechselnder Umstände Ihr Gewicht stabil zu halten. Das ist es, was ein Thermostat macht, stimmt's? Es hält die Temperatur im Haus konstant, während sich das Wetter draußen ändert. Jetzt können Sie natürlich versuchen, die Temperatur im Winter zu ändern, indem Sie ein Fenster aufmachen, aber das ändert nicht die eingestellte Temperatur im Thermostat, denn das wird die Heizung anwerfen, um das Haus wieder warm zu bekommen. Ihr Gehirn arbeitet ganz genau so; es reagiert auf Gewichtsverlust mit mächtigen Werkzeugen, um Ihren Körper auf das, was er für normal hält, zurückzubringen. Wenn Sie viel abnehmen, reagiert das Gehirn, als würden Sie verhungern, und egal, ob Sie vorher dünn oder dick waren, die Reaktion Ihres Gehirns ist genau dieselbe. Es wäre toll, wenn das Gehirn wüsste, ob Sie Gewicht verlieren sollten oder nicht, aber das weiß es nicht. Wenn Sie wirklich viel abnehmen, bekommen Sie Hunger und Ihre Muskeln verbrennen weniger Energie. Dr. Rudy Leibel von der Columbia Universität hat herausgefunden, dass Menschen, die 10 % ihres Körpergewichts verloren haben, 250 bis 400 Kalorien weniger verbrennen, weil ihr Stoffwechsel unterdrückt wird. Das ist eine Menge Essen. Das bedeutet, dass jemand nach einer erfolgreichen Diät

für immer so viel weniger essen muss als jemand mit demselben Gewicht, der schon immer dünn war.

Aus der Perspektive der Evolution ergibt es Sinn, dass der Körper den Gewichtsverlust verhindern will. War das Essen knapp, war das Überleben unserer Vorfahren davon abhängig, Energie zu sparen und wieder zuzunehmen, wenn Essen verfügbar war; das hat sie vor der nächsten Knappheit geschützt. In der Geschichte der Menschheit war Hunger ein viel größeres Problem, als zu viel zu essen. Das könnte eine traurige Tatsache erklären: Sollwerte können steigen, aber sie sinken kaum. Wenn Ihre Mutter also mal erwähnt hat, dass das Leben nicht fair sei: Das ist es, was sie gemeint hat. (Gelächter) Erfolgreiche Diäten senken nicht Ihren Sollwert. Selbst wenn Sie das verlorene Gewicht für ganze sieben Jahre halten, wird Ihr Gehirn weiterhin versuchen, dass Sie wieder zunehmen. Wäre der Gewichtsverlust die Folge einer langen Hungersnot, dann wäre diese Reaktion sinnvoll. In unserer modernen Welt mit Drive-Through-Burgern funktioniert das für viele von uns nicht so gut. Dieser Unterschied zwischen der Zeit unserer Vorfahren und unserer reichhaltigen Gegenwart ist der Grund, warum Dr. Yoni Freedhoff von der Universität Ottawa einige seiner Patienten gern in eine Zeit zurückbringen würde, in der weniger Nahrung verfügbar war; und es ist auch der Grund, wieso das Ändern unserer Ernährungsweise die effektivste Lösung gegen Übergewicht ist.

Leider kann zeitweises Zunehmen dauerhaft werden. Wenn Sie zu lange ein hohes Gewicht behalten, vermutlich einige Jahre bei den meisten, könnte Ihr Gehirn entscheiden, dass dies das neue Normalgewicht ist.

Psychologen ordnen Essende in zwei Gruppen ein, diejenigen, die auf ihren Hunger hören und diejenigen, die versuchen ihr Essen durch Willenskraft zu kontrollieren, wie es die meisten Menschen auf Diät machen. Nennen wir sie intuitive Esser und kontrollierte Esser. Das interessante ist, dass intuitive Esser eher weniger zu Übergewicht neigen, und sie verbringen weniger Zeit damit, über Essen nachzudenken. Kontrollierte Esser sind anfälliger dafür, zu viel zu essen, durch den Einfluss von Werbung, übergroßen Portionen und All-you-can-eat-Buffets. Und eine kleine Schwäche wie das Essen einer Kugel Eiscreme führt bei kontrollierten Essern eher zu einer Essattacke. Kinder sind besonders anfällig für diesen Kreislauf von Diät und Essattacken. Mehrere Langzeitstudien haben gezeigt, dass Mädchen, die in frühen Teenager-Jahren Diäten machen, nach fünf Jahren drei mal so häufig übergewichtig sind, selbst wenn sie bei einem normalen Gewicht angefangen haben; und bei all diesen Studien hat man herausgefunden, dass die gleichen Faktoren, die eine Gewichtszunahme vorhersagen, auch die Entwicklung von Essstörungen vorhersagen. Der andere Faktor war übrigens, für die Eltern unter Ihnen, von Familienmitgliedern in Bezug auf ihr Gewicht gehänselt zu werden. Also machen Sie das nicht. (Gelächter)

Ich habe fast alle meine Diagramme zu Hause gelassen, aber dieses eine konnte ich dann doch nicht weglassen, weil ich ein Geek bin und so läuft das nunmal. (Gelächter) Das ist eine Studie über das Sterberisiko über einen Zeitraum von 14 Jahren, basierend auf vier gesunden Gewohnheiten: genug Obst und Gemüse essen, drei mal in der Woche Bewegung, nicht rauchen und Alkohol in Maßen. Fangen wir mit den normalgewichtigen Teilnehmern der Studie an. Die Höhe der Balken ist das Sterberisiko und die Zahlen null, eins, zwei, drei, vier auf der horizontalen Achse ist die Anzahl der gesunden Angewohnheiten, die eine Person hatte. Und wie Sie es erwarten würden, je gesünder der Lebensstil umso weniger häufig starben die Menschen im Laufe der Studie. Jetzt schauen wir uns an, was bei übergewichtigen Menschen passiert. Diejenigen, die keine gesunden Angewohnheiten hatten, hatten ein höheres Sterberisiko. Kommt nur eine der gesunden Angewohnheiten hinzu, landen übergewichtige Personen wieder im normalen Bereich. Für Übergewichtige ohne gesunde Angewohnheiten ist das Risiko sehr hoch, sieben mal höher als bei der gesündesten Gruppe in der Studie. Ein gesunder Lebensstil hilft Übergewichtigen aber auch. Wenn Sie sich nur die Gruppe ansehen, die alle vier gesunden Angewohnheiten hat, sehen Sie, dass das Gewicht kaum einen Unterschied macht. Sie können Ihre Gesundheit in den Griff bekommen, indem Sie Ihren Lebensstil in den Griff bekommen, selbst wenn Sie kein Gewicht verlieren und es dann halten können.

Diäten sind nicht sehr zuverlässig. Fünf Jahre nach einer Diät haben die meisten Menschen ihr altes Gewicht wieder. Vierzig Prozent von ihnen haben sogar noch mehr zugenommen. Wenn Sie sich das überlegen: Das typische Ergebnis von Diäten ist, dass Sie auf die Dauer eher Gewicht zunehmen, als Sie damit abnehmen.

Wenn ich Sie überzeugt habe, dass Diäten problematisch sein könnten, ist die nächste Frage, was machen wir jetzt? Und meine Antwort, in einem Wort, ist Achtsamkeit. Ich sage nicht, dass Sie meditieren lernen oder mit Yoga anfangen sollen. Ich meine achtsames Essen: Lernen Sie, die Signale des Körpers zu verstehen, damit Sie essen, wenn Sie Hunger haben und aufhören, wenn Sie satt sind, weil einiges an Gewichtszunahmen darauf zurückgeht, dass man isst, obwohl man nicht hungrig ist. Wie Sie vorgehen können? Erlauben Sie sich zu essen, so viel Sie wollen, und dann finden Sie heraus, was Ihrem Körper ein gutes Gefühl gibt. Setzen Sie sich zu normalen Mahlzeiten ohne Ablenkung hin. Denken Sie nach, wie sich Ihr Körper anfühlt, wenn Sie anfangen zu essen und wenn Sie aufhören, und lassen Sie den Hunger entscheiden, wann Sie fertig sein sollten. Für diese Erkenntnis habe ich ein Jahr gebraucht, aber es hat sich wirklich gelohnt. Ich bin in der Nähe von Essen so viel entspannter, als ich es jemals zuvor in meinem Leben war. Oft denke ich nicht daran. Ich vergesse, dass wir Schokolade im Haus haben. Es ist als hätten Außerirdische mein Gehirn übernommen. Es ist einfach komplett anders. Ich sollte erwähnen, dass dieser Ansatz vermutlich nicht zu einem Gewichtsverlust führt, außer Sie essen oft, wenn Sie nicht hungrig sind. Aber die Ärzte kennen keinen Ansatz, der bei vielen Menschen zu signifikantem Abnehmen führt und darum konzentrieren sich viele Menschen jetzt darauf, Gewichtszunahme vorzubeugen, anstatt Gewichtsabnahme zu propagieren. Es ist doch so: Wenn Diäten funktionieren würden, wären wir doch alle schon dünn. (Gelächter) Warum machen wir weiterhin immer das Gleiche und erwarten andere Ergebnisse? Diäten wirken harmlos, aber sie können tatsächlich einige Kollateralschäden verursachen. Im schlimmsten Fall ruinieren sie Leben: Besessenheit vom Körpergewicht führt zu Essstörungen, vor allem bei kleinen Kindern. In den USA sagen 80 % der 10-jährigen Mädchen, dass sie schon einmal auf Diät waren. Unsere Töchter haben gelernt, ihren Wert in der falschen Einheit zu messen. Selbst im Idealfall sind Diäten eine Verschwendung von Zeit und Energie. Sie verbrauchen Willenskraft, die Sie benutzen könnten, um Ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen oder dieses eine wichtige Projekt bei der Arbeit fertigzustellen, und weil Willenskraft endlich ist, wird jede Strategie, die auf konsistenter Anwendung beruht, praktisch garantiert schiefgehen, sobald Ihre Aufmerksamkeit sich etwas anderem zuwendet.

Ich möchte Ihnen noch einen letzten Gedanken nahebringen. Was würde wohl passieren, wenn wir all diesen Mädchen auf Diät sagen würden, dass sie essen dürfen, wenn sie hungrig sind? Was, wenn wir ihnen beibringen würden, auf ihren Appetit zu hören, statt ihn zu fürchten? Vermutlich wären die meisten von ihnen glücklicher und gesünder und als Erwachsene wären viele von ihnen wahrscheinlich dünner. Ich wünschte, dass mir das jemand gesagt hätte, damals als ich 13 war.

Vielen Dank.

(Applaus)