Regina Hartley
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Ihr Unternehmen schreibt eine offene Stelle aus. Die Bewerbungen trudeln ein und qualifizierte Bewerber werden ermittelt. Die Auswahl beginnt. Person A: Eliteuniversität, makelloser Lebenslauf, großartige Empfehlungen. Alles, wonach wir suchen. Person B: staatliche Schule, mehrere Jobwechsel, seltsame Jobs wie Kassiererin und singende Kellnerin. Nicht vergessen: Beide sind qualifiziert. Ich frage Sie: Für wen entscheiden Sie sich?

Meine Kollegen und ich haben uns hochoffizielle Namen ausgedacht, um zwei Kategorien von Bewerbern zu beschreiben. Wir nennen A den "Silberlöffel", der mit dem klaren Vorteil und der direkten Ausrichtung auf Erfolg. Und wir nennen B den "Kämpfer", der trotz geringer Chancen nicht aufgab, um an denselben Punkt zu kommen. Sie haben gerade eine Personalchefin gehört, die Bewerber "Silberlöffel" und "Kämpfer" nennt —

(Gelächter)

nicht unbedingt politisch korrekt und ein wenig voreingenommen. Bevor Sie mir jedoch mein Personalmanagement-Diplom wegnehmen —

(Gelächter) —

will ich es Ihnen erklären.

Ein Lebenslauf erzählt eine Geschichte. Über die Jahre habe ich etwas über Menschen gelernt, deren Erfahrungen einer Patchworkdecke ähneln, das mich innehalten und sie in Erwägung ziehen lässt, bevor ich die Lebensläufe wegwerfe. Eine Reihe von seltsamen Jobs könnte ein Zeichen für Inkonsistenz, fehlenden Fokus und Unberechenbarkeit sein, oder aber ein Zeichen dafür, dass der Bewerber engagiert gegen Hürden ankämpft. Der "Kämpfer" verdient zumindest ein Bewerbungsgespräch.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen den "Silberlöffel". Die Aufnahme in eine Eliteuni und der Studienabschluss bedürfen harter Arbeit und einiger Opfer. Wenn aber das ganze Leben auf Erfolg programmiert war, wie reagiert man in schwierigen Phasen? Ein Bewerber, den ich anstellte, meinte, dass aufgrund seines Eliteabschlusses bestimmte Aufgaben unter seinem Niveau wären, wie temporäre manuelle Arbeit zwecks besserem Verständnis des Betriebs. Schlussendlich kündigte er. Andererseits jedoch, was passiert, wenn Ihr gesamtes Leben aufs Scheitern ausgerichtet ist, und Sie dennoch Erfolg haben?

Ich fordere Sie auf, den "Kämpfer" einzuladen. Ich kenne mich damit aus, denn ich bin selbst ein "Kämpfer". Vor meiner Geburt wurde bei meinem Vater paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Er konnte trotz seiner Genialität keinen Job halten. Unser Leben bestand zum Teil aus "Einer flog über das Kuckucksnest", zum Teil aus einer "Zeit des Erwachens" und zum Teil aus "A Beautiful Mind — Genie und Wahnsinn".

(Gelächter)

Ich bin das vierte von fünf Kindern, aufgezogen allein von ihrer Mutter in einer üblen Gegend in Brooklyn, New York. Wir besaßen nie ein Zuhause, ein Auto oder eine Waschmaschine, und den größten Teil meiner Kindheit hatten wir nicht einmal ein Telefon. Ich war also hochmotiviert, die Beziehung zwischen Geschäftserfolg und "Kämpfern" zu verstehen, weil mein Leben sehr leicht ganz anders hätte ausgehen können. Als ich erfolgreiche Geschäftsleute traf und Profile von einflussreichen Führungskräften las, entdeckte ich einige Gemeinsamkeiten.

Viele von ihnen erlebten schon früh harte Zeiten, von Armut über Verlassenwerden, den frühen Verlust eines Elternteils, bis hin zu Lernschwächen, Alkoholismus und Gewalt. Üblicherweise nahm man an, dass Trauma zu Verzweiflung führt, und konzentrierte sich stark auf die daraus resultierenden Störungen. Daten von Studien zu solchen Funktionsstörungen zeigten jedoch Unerwartetes: Selbst die schlimmsten Umstände können zu Wachstum und Wandel führen. Ein bemerkenswertes und überraschendes Phänomen wurde entdeckt, das Wissenschafter posttraumatisches Wachstum nennen.

In einer Studie zur Messung der Effekte von Unglücksfällen auf Risikokinder, die mit 698 Kindern durchgeführt wurde, die sehr heftige und extreme Umstände erlebt hatten, zeigte sich, dass ein volles Drittel zu gesunden, erfolgreichen und produktiven Erwachsenen wurde. Trotz aller Widrigkeiten hatten sie Erfolg. Ein Drittel.

Dieser Lebenslauf zum Beispiel: Die Eltern hatten ihn zur Adoption freigegeben. Er hat keinen Uniabschluss, macht die unterschiedlichsten Jobs, reist ein Jahr durch Indien, und zu allem Überfluss ist er Legastheniker. Würden Sie ihn anstellen? Sein Name ist Steve Jobs.

In einer Untersuchung der weltweit erfolgreichsten Unternehmer zeigte sich, dass unverhältnismäßig viele Legastheniker sind. In den USA hatten 35 % der untersuchten Unternehmer Legasthenie. Bemerkenswert ist, dass diese Unternehmer, die posttraumatisches Wachstum erfuhren, heute ihre Lernschwäche als "wünschenswerte" Schwierigkeit sehen, die ihnen einen Vorteil brachte, da sie dadurch bessere Zuhörer und detailorientierter wurden. Sie denken nicht, dass Sie trotz ihrer Störung sind, wer sie sind, sie wissen, dass sie aufgrund ihrer Störung sind, wer sie sind. Sie nutzen das Trauma und die Schwierigkeiten als Schlüsselelemente ihrer Persönlichkeit und wissen, dass sie ohne diese Erfahrungen nie die Voraussetzungen entwickelt hätten, um erfolgreich zu werden.

Das Leben eines meiner Kollegen wurde 1966, nach der chinesischen Kulturrevolution, komplett auf den Kopf gestellt. Er war 13, als seine Eltern aufs Land umgesiedelt und die Schulen geschlossen wurden. Er musste sich in Peking alleine durchschlagen, bis er 16 war, und einen Job in einer Kleiderfabrik bekam. Anstatt sein Schicksal hinzunehmen, fasste er den Entschluss, seinen Schulabschluss zu machen. Elf Jahr später, als sich das politische Umfeld änderte, hörte er von einem sehr selektiven Aufnahmetest für die Universität. Er hatte drei Monate, um den gesamten Stoff der Mittel- und Oberstufe zu lernen. So kam er jeden Tag von der Fabrik nach Hause, ruhte sich kurz aus, lernte bis 4 Uhr früh und ging zurück zur Arbeit. Diesen Zyklus wiederholte er Tag für Tag, drei Monate lang. Er schaffte es und wurde aufgenommen. Er verfolgte seine Ausbildung mit Ehrgeiz und verlor nie die Hoffnung. Heute hat er einen Master-Abschluss und seine Töchter haben beide Abschlüsse von Cornell und Harvard.

"Kämpfer" werden getrieben von dem Glauben, dass die einzige Person, die man kontrollieren kann, man selbst ist. Wenn etwas nicht gut geht, fragen "Kämpfer": "Was kann ich anders machen, damit es besser wird?" "Kämpfer" sind zielstrebig und geben sich daher nicht so schnell auf. Nach dem Motto: Überlebst du Armut, einen verrückten Vater und mehrere Überfälle, dann denkst du: "Geschäftliche Herausforderungen? —

(Gelächter) —

Wirklich? Kinderspiel. Gar kein Problem."

(Gelächter)

Das erinnert mich an — Humor. "Kämpfer" wissen, dass Humor einen durch harte Zeiten bringt und Lachen einem hilft, den Blickwinkel zu ändern.

Und schlussendlich gibt es Beziehungen. Menschen, die schwierige Zeiten überstehen, tun das nicht alleine. Irgendwo auf ihrem Weg treffen sie auf Menschen, die das Beste aus ihnen herausholen und an ihren Erfolg glauben. Jemanden zu haben, auf den man stets vertrauen kann, ist essenziell bei der Bewältigung von schwierigen Zeiten. Ich hatte Glück. Während meinem ersten Job nach der Uni hatte ich kein Auto und bildete eine Fahrgemeinschaft mit der Assistentin des Präsidenten. Sie sah mich bei der Arbeit und ermutigte mich, meinen Blick in die Zukunft zu richten und nicht in die Vergangenheit. Meinen Weg kreuzten viele Menschen, die mir brutal ehrliches Feedback und Ratschläge gaben und zu Mentoren wurden. Diesen Menschen ist es egal, dass ich einmal als singende Kellnerin arbeitete, um die Uni zu finanzieren.

(Gelächter)

Am Ende möchte ich Ihnen noch eine wertvolle Erkenntnis mitgeben: Unternehmen, die sich der Vielfalt und Integration verschreiben, unterstützen häufig "Kämpfer" und schneiden besser ab als ihresgleichen. Laut DiversityInc zeigte eine Studie, dass von 50 Unternehmen, die Vielfalt am meisten förderten, um 25 % besser abschnitten als die S&P 500.

Also zurück zu meiner anfänglichen Frage: Auf wen setzen Sie? "Silberlöffel" oder "Kämpfer"? Ich sage: Wählen Sie den unterschätzten Anwärter, dessen geheime Waffen Leidenschaft und Zielsetzung sind.

Entscheiden Sie sich für den "Kämpfer".

(Applaus)