Peter Saul
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Ich hatte zunächst Zweifel, dieses Thema vor so einem lebendigen Publikum wie Ihnen anzuschneiden. Aber dann habe ich mich an Gloria Steinem erinnert, die einmal gesagt hat: "Die Wahrheit wird dich befreien, aber zuerst macht sie dich wütend." (Lachen) Also –

in diesem Sinne werde ich hier also mutig über das Sterben im 21. Jahrhundert sprechen. Die erste ärgerliche Tatsache ist sicher, dass wir alle im 21. Jahrhundert sterben werden. Da wird es keine Ausnahme geben. Trotzdem glaubt anscheinend jeder Achte unter Ihnen, er sei unsterblich, aber – (Lachen) leider stimmt das nicht.

In den nächsten 10 min meines Vortrags werden 100 Millionen meiner Zellen sterben; und heute werden 2000 meiner Gehirnzellen ebenfalls unwiederbringlich absterben. Man kann also sagen, dass der Sterbeprozess schon ziemlich früh einsetzt.

Mein 2. Punkt zum Thema ist – abgesehen davon, dass es jedem widerfahren wird: Für die meisten von uns entwickelt es sich derzeit zu einer unabwendbaren Katastrophe, wenn wir nicht aktiv versuchen, diesen Prozess vom gegenwärtigen Kurs abzubringen.

Da haben wir es. Das ist die Wahrheit. Das wird Sie sicher ärgern, aber vielleicht können wir Sie befreien. Ich verspreche nichts. Wie eingangs erwähnt, arbeite ich in der Intensivmedizin, und ich glaube, ich habe ihre Blütezeit miterlebt. Das war ein Abenteuer! Fantastisch! Wir haben Maschinen, die aufleuchten. Hier sehen Sie einige davon. Wir haben großartige Technologien, die sich sehr bewährt haben. Im Laufe meiner Tätigkeit in der Intensivmedizin hat sich in Australien die Sterberate bei Männern halbiert – auch dank der Intensivmedizin. Sicherlich haben viele der eingesetzten Technologien etwas damit zu tun.

Wir hatten also einen Riesenerfolg und waren davon ziemlich berauscht und sprachen bald davon, "Leben zu retten". Ich entschuldige mich bei Ihnen allen dafür, denn das tun wir nicht. Wir verlängern das Leben der Menschen, wir zögern den Tod hinaus, und leiten den Tod um, aber wir können das Leben keinesfalls dauerhaft erhalten.

Im Laufe meiner Tätigkeit in der Intensivmedizin geschah in Wahrheit Folgendes: Die Menschen, deren Leben wir seit den 70ern gerettet haben, werden im 21. Jahrhundert an Krankheiten sterben, auf die wir – im Gegensatz zu früher – keine Antworten mehr haben.

Die Art, wie Menschen heute sterben, hat sich stark verändert. Die heutigen Todesursachen sind weniger abwendbar als zu meiner Zeit in den 80er und 90er Jahren.

Das Ganze hat uns also ein bisschen überrollt; und wir haben Ihnen nicht klar gesagt, was derzeit wirklich passiert, und es wird Zeit dafür. In den späten 90ern wurde mir plötzlich alles klar, als ich diesen Mann traf. Er heißt Jim Smith, und so sah er aus. Ich wurde zur Station gerufen, um ihn mir anzusehen. Das ist seine kleine Hand. Ein Lungenspezialist rief mich damals. Er sagte: "Hier unten liegt ein Mann mit einer Lungenentzündung. Er braucht wahrscheinlich Intensivmedizin. Seine Tochter ist hier und möchte, dass alles getan wird, um ihn am Leben zu erhalten." Das hören wir oft. Ich ging also zur Station und sah mir Jim an. Seine Haut war ganz durchsichtig. Seine Knochen schimmerten durch seine Haut. Er war völlig abgemagert und hatte in der Tat eine sehr schwere Lungenentzündung. Er konnte nicht mehr sprechen. Ich wandte mich also an seine Tochter Kathleen und fragte sie: "Haben Sie und Jim jemals darüber gesprochen, welche Maßnahmen er sich in einer solchen Situation wünscht?" Sie sah mich an und sagte: „Nein, natürlich nicht!" Ich dachte: „Ok, ruhig bleiben." Wir fingen an zu reden, und nach einer Weile sagte sie zu mir: „Wissen Sie, wir dachten immer, das hat noch Zeit."

Jim war 94. (Lachen) Ich merkte, dass etwas nicht geschah. Ich hatte ein Gespräch vorausgesetzt, das nie stattgefunden hatte. Deshalb begannen ein paar von uns mit einer Studie. Wir befragten 4.500 Menschen in Altenheimen in Newcastle und Umgebung und fanden heraus, dass nur einer von 100 Vorkehrungen für den Fall eines Herzstillstandes getroffen hatte. Einer von 100. Und nur einer von 500 hatte einen Plan für den Fall einer ernsthaften Erkrankung. Und da wurde mir klar, dass dieses Gespräch in der breiten Öffentlichkeit definitiv nicht stattfand.

Ich arbeite in der Notfallmedizin. Dies ist das John-Hunter-Krankenhaus. Ich dachte, bei uns läuft das sicher besser. Eine Kollegin aus der Krankenpflege, Lisa Shaw, und ich gingen im Archiv viele hunderte Patientenakten durch. Wir suchten nach Anzeichen für Gespräche über die möglichen Folgen im Fall, dass eine Behandlung nicht anschlägt und der Patient vor dem Tod steht. Wir fanden keine einzige Aufzeichnung über bevorzugte Ziele, Maßnahmen oder Ergebnisse, weder von Ärzten noch Patienten.

Da wurde uns klar, dass wir ein Problem hatten. Noch gravierender wird es aus dem folgenden Grund: [Es ist nicht egal, wie Sie sterben.]

Natürlich wissen wir alle, dass wir sterben werden, aber das "Wie" ist sehr wichtig, nicht nur für uns, sondern auch für die Hinterbliebenen, die sich dann damit auseinandersetzen müssen. Die Art, wie jemand gestorben ist, beschäftigt die Hinterbliebenen. Ein Todesfall verursacht in Familien enormen Stress. Bei einem Tod auf der Intensivstation ist der Stress siebenmal höher als anderswo. Ein Tod auf der Intensivstation ist also nicht die beste Option – wenn wir die Wahl haben.

Als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, geht die Entwicklung tatsächlich immer mehr dahin, dass die meisten hier – derzeit jeder 10. – auf einer Intensivstation sterben werden, in den USA jeder Fünfte. In Miami sterben drei von fünf Menschen auf einer Intensivstation. Dies ist also die Entwicklung, in der wir uns gerade befinden.

Das ist der Grund dafür: Dies sind die 4 häufigsten Todesursachen: An einer davon werden wir alle sterben. Am meisten wissen Sie vielleicht über jene, die immer mehr der Vergangenheit angehört: der plötzliche Tod. In einer Gruppe dieser Größe hier wird kaum jemand davon betroffen sein. Der plötzliche Tod ist sehr selten geworden. Der Tod der kleinen Nell und Cordelia und diese ganzen Geschichten passieren einfach nicht mehr. Der Sterbeprozess von unheilbar Kranken, wie vorhin gezeigt, betrifft jüngere Menschen. Ab dem 80. Lebensjahr wird er unwahrscheinlich. Nur jeder 10. Mensch über 80 wird an Krebs sterben.

Die großen Wachstumsbranchen sind folgende: Menschen sterben zunehmend an Organversagen, bei dem die Atmung, das Herz, die Nieren, irgendein Organ seinen Geist aufgibt. Damit kommt man auf die Notfallstation, wo nach einer Weile jemand sagt: "Stopp, das reicht", und wir hören auf.

Das hier ist der größte Wachstumsbereich von allen, und mindestens 6 von 10 Menschen in diesem Raum werden auf diese Weise sterben, nämlich am Schwinden der Leistungsfähigkeit gekoppelt mit steigender Gebrechlichkeit; und Gebrechlichkeit gehört zum Altern. Steigende Gebrechlichkeit ist aktuell die häufigste Todesursache. Die letzten Jahre oder das letzte Lebensjahr geht leider mit großen Beeinträchtigungen einher.

Gefällt Ihnen der Vortrag? (Lacht) (Lachen) Entschuldigung, ich fühle mich gerade wie ein unheilvolles Orakel. (Lachen)

Was kann ich Positives sagen? Dies alles passiert heutzutage in einem sehr hohen Alter. Die meisten von uns werden diesen Punkt erreichen. Das war früher nicht so. Dies wird Ihnen widerfahren, wenn Sie ein hohes Alter erreichen; und leider bedeutet höhere Lebenserwartung längeres Alter, nicht längere Jugend. Leider muss ich das sagen. (Lachen) Aber wir haben das am John-Hunter-Krankenhaus und andernorts nicht einfach hingenommen. Wir begannen viele Projekte, um Menschen tatsächlich viel mehr in dieses Geschehen miteinzubeziehen. Dabei bemerkten wir, dass es kulturelle Probleme gab. Ich liebe dieses Klimt-Bild, denn je länger man hinsieht, umso mehr wird einem bewusst, worum es hier geht, nämlich eindeutig um die Trennung des Todes von den Lebenden und um die Angst. Bei genauer Betrachtung sehen Sie eine Frau mit geöffneten Augen. Sie ist diejenige, die er ansieht, und wegen ihr ist er gekommen. Können Sie das sehen? Sie hat furchtbare Angst. Es ist ein einmaliges Bild.

Wir hatten also ein großes kulturelles Problem. Die Menschen wollten nicht über den Tod reden. Dachten wir jedenfalls. Mit den Geldern der Regierung und der lokalen Behörden entwickelten wir im John-Hunter-Krankenhaus das "Respecting Patient Choices"-Programm. Wir schulten hunderte Menschen für Stationsbesuche und Patientengespräche über den Tod, und was sie in einer solchen Lage wünschten. Sie waren begeistert. Die Familien und Patienten waren begeistert. 98 % der Menschen wollten dies sogar als gängige Praxis, und dass Dinge so ablaufen sollten. Wenn Wünsche geäußert wurden, wurden sie alle wahr. Wir konnten sie wahr machen. Aber als die finanzielle Unterstützung ausging und wir 6 Monate später erneut nachfragten, hatten alle wieder damit aufgehört, niemand führte diese Gespräche mehr durch. Das war eine riesige Enttäuschung für uns, denn wir hatten an eine neue Entwicklung geglaubt. Die kulturelle Problematik hatte sich wieder eingestellt.

Hier ist also mein Punkt: Wir dürfen die Intensivstation nicht als Selbstverständlichkeit sehen, ohne gründlich darüber nachzudenken, ob wir wirklich alle dort enden wollen, ganz besonders, wenn wir älter und gebrechlicher werden und die Intensivstation uns immer weniger bieten kann. Es muss einen Ausweg für Menschen geben, die diesen Weg nicht gehen wollen. Und ich habe eine kleine Idee und eine große Idee dazu.

Die kleine Idee: Beteiligen wir uns alle viel mehr daran, so wie Jason das aufgezeigt hat. Warum können wir solche Gespräche nicht mit unseren alten Verwandten führen und mit Menschen, die das bald betreffen wird? Sie können ein paar Dinge tun: Eines davon wäre, eine einfache Frage zu stellen, die immer funktioniert: "Falls du einmal zu krank wirst, um für dich selber zu sprechen, wer soll dann für dich sprechen?" Das ist eine wirklich wichtige Frage, denn wenn man Menschen dies entscheiden lässt, führt das zu erstaunlichen Ergebnissen. Als Zweites kann man fragen: "Hast du mit dieser Person über diese dir wichtigen Dinge gesprochen, sodass wir eine bessere Vorstellung davon haben, was wir machen können?" Das war die kleine Idee.

Die große Idee ist politischer. Ich glaube, wir müssen das anpacken. Ich schlug vor, ein "Occupy Death" zu organisieren. (Lachen) Meine Frau sagte: "Ja, genau, besetzen wir die Leichenhalle. Ja, ja, sicher." (Lachen) Diese Idee zog nicht wirklich, aber ich war sehr angetan davon. Ich bin ein alternder Hippie. Ich sehe wahrscheinlich nicht mehr so aus, aber zwei meiner Kinder wurden in den 80ern zu Hause geboren, als Hausgeburten ein großes Thema waren, und wir Baby-Boomer sind es gewöhnt, Verantwortung in solchen Situationen zu übernehmen. Wenn man also einfach das Wort "Geburt" ersetzt, z. B. "Frieden, Liebe, natürlicher Tod". Wir müssen politisch aktiv werden und diesen Prozess vom gegenwärtig so medikalisierten Modell wieder abbringen.

Das klingt jetzt wie ein Aufruf zur Sterbehilfe. Ich möchte hier ganz klar und deutlich sagen: Ich hasse Sterbehilfe; Das Thema ist zweitrangig. Ich glaube nicht, dass Sterbehilfe wichtig ist. Ich glaube sogar, dass an Orten wie Oregon, wo man ärztliche Sterbehilfe in Anspruch nehmen und eine giftige Dosis schlucken kann, nur ein halbes Prozent Menschen macht das. Mich interessieren mehr die restlichen 99,5 % Menschen, die dies nicht machen wollen. Ich glaube, die meisten Menschen wollen nicht tot sein, aber ich glaube, sie wollen ihren Sterbeprozess beeinflussen können. Ich bin also gegen Sterbehilfe, aber die Menschen müssen entscheiden dürfen. Es entzieht der Sterbehilfe ihre Sauerstoffversorgung. Wir sollten versuchen, das Bedürfnis nach Sterbehilfe zu stoppen, und nicht Gesetze dafür oder dagegen schaffen.

Dies ist ein Zitat von Dame Cicely Saunders, die ich als Medizinstudent traf. Sie gründete die Hospizbewegung. Sie sagte: "Du zählst, weil du du bist. Und du zählst bis zum letzten Moment deines Lebens." Und ich glaube ganz fest, dass wir diese Botschaft vermitteln sollen. Danke. (Applaus)