Lee Smolin
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Also, etwa vor drei Jahren war ich in London, und jemand namens Howard Burton kam zu mir und sagte, ich vertrete eine Gruppe von Leuten, und wir wollen ein Institut für theorethische Physik gründen. Wir haben etwa 120 Millionen Dollar, und wir wollen es gut machen. Wir wollen in den Spitzenfächern sein, und wir wollen es anders machen. Wir wollen raus aus dieser Denkweise, dass die jungen Leute all die Ideen haben, und die alten Leute die ganze Macht und darüber entscheiden, welche Wissenschaft betrieben wird. Ich brauchte etwa 25 Sekunden, um zu entscheiden, dass das eine gute Idee war.

Drei Jahre später haben wir das Perimeter Institut für Theoretische Physik in Waterloo, Ontario. Es ist der aufregendste Job, den ich jemals habe. Und zum ersten Mal habe ich einen Job, bei dem ich Angst habe, abwesend zu sein, wegen allem was in der Woche die ich hier bin passieren wird. (Gelächter) Jedenfalls werde ich Ihnen in meiner kurzen Zeit eine kleine Übersicht der Dinge geben, über die wir sprechen und nachdenken. Wir grübeln oft darüber, was ist es wirklich, das Wissenschaft möglich macht? Dabei kommt jenen, die Wissenschaft kennen und mit Wissenschaft zu tun haben, zuerst in den Sinn, dass das Zeug, dass man in der Schule als wissenschaftliche Methode lernt, falsch ist. Es gibt keine Methode. Andererseits gelingt es uns irgendwie gemeinsam, als eine Gemeinschaft, von unvollständigen Hinweisen, zu Folgerungen zu kommen, auf die wir uns alle einigen können. Und das ist nebenbei etwas, das eine demokratische Gesellschaft auch tun muss.

Wie funktioniert das also? Nun, ich glaube es funktioniert, weil Wissenschaftler als Gemeinschaft durch eine Ethik verbunden sind. Und hier sind einige der ethischen Grundsätze. Ich werde sie Ihnen nicht alle vorlesen, denn ich bin nicht im Lehrermodus, ich bin im Unterhaltungs- und Verblüffungsmodus. (Gelächter)

Aber eines der Prinzipien ist, dass jeder, der Teil der Gemeinschaft ist, für das was er glaubt so hart er kann kämpfen und streiten darf. Unser aller Maßregel ist jedoch die Einsicht, dass die einzigen Menschen, die entscheiden ob ich recht habe oder jemand anderes, die Menschen unserer Gemeinschaft in der nächsten Generation sind, in 30 und 50 Jahren. Es ist also diese Kombination aus Respekt vor der Tradition und der Gemeinschaft, in der wir sind, und Rebellion, derer die Gemeinschaft bedarf, um weiterzukommen, welche die Wissenschaft möglich macht. Und in diesem Ablauf des Teilnehmens an einer Gemeinschaft zu sein, die von gemeinsamen Belegen zu Schlüssen gelangt, lehrt uns aus meiner Sicht etwas über Demokratie. Wissenschaftsethik und die Ethik, Bürger einer Demokratie zu sein, stehen nicht nur in Beziehung zueinander, sondern es gibt auch, historisch gesehen, eine Beziehung zwischen dem, wie Menschen über Zeit und Raum denken und was der Kosmos ist, und wie Menschen über die Gesellschaft denken, in der sie leben.

Und ich möchte über drei Stufen dieser Evolution sprechen. Die erste Lehre der Kosmologie, die einer Wissenschaft ähnelte, war die Lehre des Aristoteles, und die war hierarchisch. Die Erde ist im Mittelpunkt, und dann gibt es diese kristallenen Sphären, die Sonne, den Mond, die Planeten und letztlich die Himmelssphäre, in der die Sterne sind. Und alles in diesem Universum hat einen Platz. Und das Bewegungsgesetz von Aristoteles besagte, dass alles zu seinem natürlichen Platz findet, was natürlich die Norm der Gesellschaft war, in der Aristoteles lebte, zudem jene der mittelalterlichen Gesellschaft, die sich über das Christentum Aristoteles zu eigen machte und seine Lehre pries. Denn der Gedanke ist, dass alles bestimmt ist. Wo sich etwas befindet, wird bestimmt in Bezug auf die letzte Sphäre, die Himmelsspähre, außerhalb der dieses ewige, perfekte Reich ist, in dem Gott lebt, der der oberste Richter von allem ist.

Das ist also beides, aristotelische Kosmologie, und in gewissem Sinn mittelalterliche Gesellschaft. Dann im 17. Jahrhundert gab es eine Revolution des Denkens über Zeit und Raum und Bewegung, und so fort, durch Newton. Und zur selben Zeit gab es eine Revolution des sozialen Denkens durch John Locke und seine Mitarbeiter. Und sie waren eng miteinander verknüpft. Newton und Locke waren sogar Freunde. Die Art ihres Denkens über Zeit und Raum und Bewegung auf der einen Seite, und über eine Gesellschaft auf der anderen, waren eng miteinander verquickt.

Lassen Sie es mich Ihnen zeigen. In einem newtonschen Universum gibt es kein Zentrum — Danke. Es gibt Teilchen und sie bewegen sich umher bezüglich eines festen, absoluten Bezugssystems des Raums und der Zeit. Es ist bedeutsam, für etwas den Ort im Raum anzugeben, denn es ist entscheidend, nicht in Bezug darauf, wo andere Dinge sind, sondern in Bezug auf diese absolute Vorstellung des Raums, die für Newton Gott war.

Nun, ganz ähnlich gibt es in Lockes Gesellschaft Individuen, die gewisse Rechte haben, Eigenschaften in einem formalen Sinn, und diese sind bestimmt in Bezug auf ein absolutes, abstraktes Verständnis von Rechten und Gerechtigkeit, und so weiter, die unabhängig von dem sind, was sonst in der Gesellschaft passiert, wen es sonst noch gibt, von der Geschichte und so weiter. Es gibt auch einen allwissenden Beobachter, der alles weiß, der Gott ist, der in gewissem Sinn außerhalb des Universums ist, denn er spielt keine Rolle in was auch immer passiert, und ist doch in gewissem Sinn überall, denn nach Newton ist der Raum Gottes Art zu wissen, wo alles ist, einverstanden?

Das ist also die Grundlage dessen, was traditionell Liberale Politische Theorie und Newton'sche Physik genannt wird. Nun, im 20. Jahrhundert hatten wir eine Revolution, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts angestoßen wurde, und die noch immer andauert. Sie begann mit der Erfindung der Relativitätstheorie und der Quantentheorie. Sie zur endgültigen Quantentheorie von Zeit, Raum und Gravitation zu verschmelzen ist deren Höhepunkt, etwas, das gerade jetzt stattfindet. Und in diesem Universum ist nichts fixiert und absolut. Nix, aha. Dieses Universum wird durch ein Netzwerk von Beziehungen beschrieben.

Der Raum ist nur ein Aspekt, es ist also bedeutungslos, einen absoluten Ort für etwas anzugeben. Es gibt nur Orte relativ zu allem anderen das existiert. Und dieses Netzwerk von Beziehungen entfaltet sich ständig. Wir nennen es daher Relationales Universum. Alle Eigenschaften der Dinge drehen sich um diese Art von Beziehungen. Vielmehr, wenn man in einem solchen Netzwerk von Beziehungen eingebettet ist, hängt die eigene Weltsicht mit den Informationen zusammen, die einen über das Netzwerk der Beziehungen erreichen. Es gibt auch keinen Ort für einen allwissenden Beobachter, oder eine äußere Intelligenz, die alles weiß und alles macht. Das ist also allgemeine Relativität, dies ist Quantentheorie. Dies ist auch, wenn man mit Rechtsgelehrten spricht, die Grundlage neuer Ideen in rechtlichem Denken. Sie denken über die gleichen Dinge nach. Und nicht nur das, sie bilden oft eine Analogie zur Relativitätstheorie und Kosmologie. Da ist nun eine interessante Diskussion im Gange. Diese letztere Sicht der Kosmologie nennt man relationale Sicht.

Das zentrale Motto ist hier, dass es nichts außerhalb des Universums gibt, was bedeutet, dass es keinen Ort gibt für eine Erklärung von etwas, das außerhalb liegt. Wenn man also in einem solchen relationalen Universum auf etwas Geordnetes und Strukturiertes trifft, wie dieses Gerät hier, oder jenes Gerät dort, oder etwas Schönes, wie all die lebenden Dinge, all ihr Jungs hier im Raum — "Jungs" ist in der Physik, nebenbei bemerkt, ein Oberbegriff; Männer und Frauen. (Gelächter)

Dann will man wissen, man ist ein Mensch, man will wissen, wie es erschaffen wird. Und in einem relationalen Universum war die einzig mögliche Erklärung, dass es sich irgendwie selbst erschaffen hat. Es muss im Inneren des Universums einen Mechanismus der Selbstorganisation geben, der Dinge erschafft. Denn es gibt keinen Ort, um einen Schöpfer außerhalb zu erdenken, wie es ihn im aristotelischen oder newtonschen Universum gab. Folglich müssen wir in einem relationalen Universum einen Prozess der Selbstorganisation haben.

Nun, Darwin lehrte uns, dass es Prozesse der Selbstorganisation gibt, die genügen, um uns alle und alles, was wir sehen zu erklären. Es funktioniert also. Aber nicht nur das, wenn man darüber nachdenkt, wie natürliche Selektion funktioniert, stellt sich heraus, dass natürliche Selektion nur in einem solchen relationalen Universum einen Sinn ergeben würde. Das bedeutet, natürliche Selektion funktioniert durch Eigenschaften wie Fitness, die sich aus den Beziehungen einer Art zu einer anderen Art ergeben. Darwin würde in einem aristotelischen Universum keinen Sinn ergeben, und auch nicht wirklich in einem newtonschen Universum.

Die Theorie einer Biologie basierend auf natürlicher Selektion erfordert eine relationale Vorstellung dessen, was die Eigenschaften biologischer Systeme sind. Und wenn man es wirklich ganz zu Ende treibt, ist es am sinnvollsten in einem relationalen Universum, in dem alle Eigenschaften relational sind. Nun, nicht nur das, sondern Einstein lehrte uns, dass Anziehungskraft das Ergebnis einer relationalen Welt ist. Ohne Gravitation gäbe es kein Leben, denn Gravitation lässt Sterne entstehen und sehr lange Zeit bestehen, und schützt Teile der Welt, wie die Erdoberfläche, Milliarden Jahre lang mit dem thermischen Gleichgewicht, so dass sich Leben entwickeln kann.

Im 20. Jahrhundert haben wir die unabhängige Entwicklung zweier großer Wissenschaftsthemen erlebt. In den biologischen Wissenschaften erforschte man die Auswirkungen der Idee, dass Ordnung und Komplexität und Struktur auf selbstorganisierte Weise entstehen. Das war der Triumph des Neo-Darwinismus und dergleichen. Und langsam sickert die Idee durch zu den Kognitionswissenschaften, den Humanwissenschaften, Ökonomie, etc. Zur gleichen Zeit waren wir Physiker mit dem Versuch beschäftigt, aus den Entdeckungen der Quantentheorie und Relativität schlau zu werden, darauf aufzubauen und sie zu verflechten.

Und was wir wirklich herausgearbeitet haben, sind die Auswirkungen der Vorstellung, dass das Universum aus Beziehungen besteht. Die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts wird von der Integration dieser beiden Ideen angetrieben werden: dem Triumph der relationalen Denkweise über die Welt, auf der einen Seite, und Selbstorganisation oder darwinistische Denkweise zur Welt, über die Welt auf der anderen Seite. Dazu kommt, dass sich im 21. Jahrhundert unser Denken zu Raum, Zeit und Kosmologie, und unser Denken zur Gesellschaft beide weiter entwickeln werden. Und wohin sie sich entwickeln ist die Vereinigung dieser beiden großen Ideen, Darwinismus und Relationalismus.

Nun, wenn sie über Demokratie von dieser Warte aus denken, wäre eine neue, pluralistische Vorstellung der Demokratie eine, die anerkennt, dass es viele verschieden Interessen gibt, viele verschiedene Absichten, viele verschiedene Individuen, viele verschiedene Ansichten. Jede ist unvollständig, denn man ist in einem Netzwerk oder in Beziehungen eingebettet. Jeder Akteur in einer Demokratie ist eingebettet in ein Netzwerk aus Beziehungen. Und man versteht einige Dinge besser als andere, und daher gibt es ein dauerndes Gerempel und Geben und Nehmen, das Politik ist. Und Politik ist, im idealen Sinn, die Art, in der wir ständig unser Netzwerk der Beziehungen ansprechen, um ein besseres Leben und eine bessere Gesellschaft zu erreichen.

Und ich denke auch, dass Wissenschaft niemals verschwinden wird, und — Ich höre mit diesem Satz auf. (Gelächter) Ich bin tatsächlich fertig. Die Wissenschaft wird nie verschwinden.