Emilie Wapnick
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Heben Sie die Hand, falls Sie jemals gefragt wurden: "Was willst du werden, wenn du groß bist?"

Sie schätzen mal, wie alt Sie waren, als man Ihnen diese Frage zum ersten Mal stellte. Zeigen Sie es einfach mit den Fingern. Drei. Fünf. Drei. Fünf. Fünf. Okay. Jetzt heben Sie bitte die Hand, falls die Frage "Was willst du werden, wenn du groß bist?" jemals Angst in Ihnen ausgelöst hat.

(Gelächter)

Irgendeine Art von Angst.

Ich bin jemand, der diese Frage nie beantworten konnte, "Was willst du werden, wenn du groß bist?"

Das Problem war nicht, dass ich keine Interessen hatte — es war eher, dass ich zu viele hatte. In der Highschool mochte ich Englisch, Mathe und Kunst und erstellte Webseiten. Und ich spielte Gitarre in der Punk-Band "Frustrated Telephone Operator". Vielleicht haben Sie ja von uns gehört.

(Gelächter)

Nach der Highschool ging es so weiter. Irgendwann begann ich, ein Verhaltensmuster bei mir zu erkennen. Eine Sache weckt mein Interesse und ich tauche darin ein, versinke völlig darin, und ich werde wirklich gut darin, um was es sich auch handelt. Dann kommt der Moment, an dem ich beginne, mich zu langweilen. Meist versuche ich dann, trotzdem dabei zu bleiben, weil ich schon so viel Zeit und Energie investiert habe, und manchmal auch Geld. Doch schließlich überwiegt dieses Gefühl der Langeweile, das Gefühl von "ja, ich hab's verstanden, es ist keine Herausforderung mehr" — gewinnt die Oberhand. Dann muss ich loslassen.

Dann weckt erneut etwas mein Interesse, etwas gänzlich anderes, und ich stürze mich in dieses Thema, versinke darin und denke: "Ja! Endlich habe ich mein Ding gefunden". Dann komme ich wieder an den Punkt, an dem die Langeweile eintritt. Und schließlich gebe ich die Sache auf. Doch dann entdecke ich etwas völlig neues und komplett anderes und tauche darin ein.

Dieses Handlungsmuster löste viele Ängste in mir aus, aus zwei Gründen. Erstens war ich nicht sicher, wie ich auch nur eine meiner Interessen beruflich umsetzen könnte. Ich dachte, irgendwann müsste ich etwas auswählen, alle anderen Leidenschaften verleugnen und mich der Langeweile ergeben. Der zweite Grund für meine Ängste war etwas persönlicher. Ich hatte die Sorge, dass etwas nicht stimmte, dass mit mir etwas nicht stimmte, weil ich an nichts dran bleiben konnte. Ich hatte Angst, dass ich unter Bindungsängsten litt, zerstreut war oder mich selbst sabotierte, aus Angst vor meinem eigenen Erfolg.

Wenn Sie sich in meiner Geschichte und diesen Gefühlen wiederfinden, möchte ich, dass Sie sich eine Frage stellen, von der ich wünschte, ich hätte sie mir damals selbst gestellt. Fragen Sie sich, wo Sie gelernt haben, was falsch oder unnormal daran ist, viele Dinge zu tun. Ich sage Ihnen, wo Sie das gelernt haben: Sie haben es durch unsere Kultur gelernt.

"Was willst du werden, wenn du groß bist?" werden wir das erste Mal gefragt, wenn wir etwa fünf Jahre alt sind. In Wahrheit interessiert keinen, was man antwortet, wenn man so jung ist.

(Gelächter)

Die Frage wird als harmlos betrachtet. Man stellt sie kleinen Kindern, um niedliche Antworten zu erhalten, z. B. "ich will Astronaut werden" oder "ich will eine Ballerina werden" oder "ich will mal Pirat werden". Setzen Sie hier Ihr Faschingskostüm ein.

(Gelächter)

Aber während wir heranwachsen, wird uns diese Frage immer wieder gestellt, auf verschiedene Weisen — so fragt man Highschool-Schüler, was Sie am College als Hauptfach wählen. Und irgendwann verwandelt sich "Was willst du werden, wenn du groß bist?" aus der niedlichen Übung von einst in die Sache, die dich um den Schlaf bringt. Warum?

Während diese Frage Kinder davon träumen lässt, was sie wohl sein könnten, inspiriert sie sie nicht dazu, ALLES was sie sein könnten zu erträumen. Im Grunde bewirkt sie genau das Gegenteil. Wenn Sie jemand fragt, was Sie sein möchten, können Sie nicht 20 verschiedene Antworten geben. Obwohl wohlmeinende Erwachsene wahrscheinlich schmunzeln werden: "Oh, wie niedlich, aber du kannst nicht Violinenbauer und Psychologe sein. Du musst dich schon entscheiden."

Das ist Dr. Bob Childs —

(Gelächter)

er ist Geigenbauer und Psychotherapeut. Das ist Amy Ng, erst Redakteurin eines Magazins, dann Illustratorin, Unternehmerin, Lehrerin und Kreativdirektorin. Doch die meisten Kinder erfahren nie von solchen Leuten. Sie hören immer nur, dass sie sich entscheiden müssen. Aber es geht um noch mehr. Die Vorstellung eines streng zielgerichteten Lebens wird in unserer Kultur stark romantisiert. Es ist der Gedanke der Bestimmung oder der einen wahren Berufung, der Gedanke, dass wir alle während unserer Zeit auf dieser Welt für eine große Sache bestimmt sind. Und wir müssen herausfinden, was diese Sache ist, und ihr unser Leben widmen.

Was aber, wenn Sie jemand sind, der anders tickt? Was, wenn Sie sich für viele verschiedene Dinge interessieren und viele verschiedene Dinge tun möchten? Für Leute wie Sie ist kein Platz in diesem System. Daher fühlen Sie sich vielleicht einsam. Sie haben das Gefühl, Ihr Leben hätte keinen Sinn. Und vielleicht haben Sie das Gefühl, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Es stimmt alles mit Ihnen. Sie sind einfach ein Multipotentialist.

(Gelächter)

(Applaus)

Ein Multipotentialist ist ein Mensch mit vielen Interessen und kreativen Passionen. Damit nimmt man den Mund sehr voll. Vielleicht hilft es, den Begriff in drei Teile zu zerlegen: Multi-, Potenzial und -ist. Oder Sie nutzen einen der anderen Begriffe mit ähnlicher Bedeutung, z. B. Universalgelehrter, Renaissancemensch. In der Renaissance entsprach es dem Ideal, in vielen Disziplinen gut bewandert zu sein. Barbara Sher bezeichnet uns als "Scanner". Suchen Sie sich einen Begriff aus oder erfinden Sie Ihren eigenen. Ich gebe zu, ich finde es äußerst passend, dass sich unsere Gesellschaft nicht auf eine Identität einigen kann.

(Gelächter)

Es ist leicht, Ihr Multipotenzial als Einschränkung zu empfinden oder als Leiden, das Sie bekämpfen müssen. Doch im Gespräch mit anderen Menschen und durch das Schreiben für meine Website habe ich gelernt, dass diese Eigenschaft auch einige große Stärken mit sich bringt. Im Folgenden nenne ich Ihnen drei Superkräfte von Multipotentialisten.

Erstens: Konzeptsynthese. Das beinhaltet die Kombination von zwei oder mehr Gebieten, aus deren Schnittmenge man etwas neues entwickelt. Sha Hwang und Rachel Binx griffen auf die von beiden geteilten Interessen, Kartographie, Datenvisualisierung, Reisen, Mathematik und Design zurück, als sie Meshu gründeten. Meshu stellt individualisierten, von Geografie inspirierten Schmuck her. Sha und Rachel hatten diese einzigartige Idee nicht trotz, sondern wegen Ihrer vielseitigen Fertigkeiten und Erfahrungen. Innovation entsteht an Schnittstellen. Von dort stammen neue Ideen. Multipotentialisten können mit Ihren vielfältigen Hintergründen auf viele Schnittmengen zurückgreifen.

Die zweite Superkraft der Multipotentialisten besteht in schnellem Lernen. Wenn Multipotentialisten sich für etwas interessieren, zeigen sie vollen Einsatz. Wir saugen alles auf, was wir in die Hände bekommen. Wir sind es auch gewohnt, Anfänger zu sein, weil wir schon so oft in der Vergangenheit Anfänger waren. Das bedeutet auch, dass wir weniger Angst davor haben, Neues auszuprobieren und unsere Komfortzone zu verlassen. Darüber hinaus kann man viele Fertigkeiten fachübergreifend anwenden. Wir bringen alles, was wir gelernt haben, in jeden neuen Interessenbereich ein, so fangen wir selten bei Null an.

Nora Dunn ist Vollzeit-Reisende und freiberufliche Autorin. Als Kinder-Konzertpianistin arbeitete sie an der unglaublichen Fähigkeit, ein Muskelgedächtnis zu entwickeln. Mittlerweile ist sie die schnellste Schreibkraft, die sie kennt.

(Gelächter)

Bevor sie Autorin wurde, war Nora Finanzplanerin. Sie befasste sich detailliert mit Verkaufsmechanismen, als sie ihre Praxis eröffnete. Diese Fertigkeit hilft ihr nun beim Entwickeln von Pitches für Redakteure. Nur selten ist es Zeitverschwendung, etwas nachzugehen, das Sie fasziniert, selbst wenn Sie am Ende aufgeben. Vielleicht wenden Sie das Gelernte in einem ganz anderen Feld an, wie Sie es nie erahnt hätten.

Die dritte Superkraft der Multipotentialisten ist Anpassungsfähigkeit. Das ist die Fähigkeit, sich in alles zu verwandeln, was in einer bestimmten Situation gebraucht wird. Abe Cajudo ist manchmal Videoregisseur, manchmal Webdesigner, manchmal Berater für Kickstarter, manchmal Lehrer, und manchmal anscheinend James Bond.

(Gelächter)

Er wird geschätzt, weil er gute Arbeit leistet. Er wird noch mehr geschätzt, weil er verschiedene Funktionen einnehmen kann, je nachdem was seine Kunden brauchen. Das Magazin "Fast Company" identifizierte Anpassungsfähigkeit als die wichtigste Fähigkeit, um im 21. Jahrhundert voranzukommen. Die Wirtschaftswelt verändert sich so schnell und unvorhersehbar, dass jene Menschen und Organisationen vorankommen werden, die sich den Marktbedürfnissen anpassen können.

Konzeptsynthese, schnelles Lernen und Anpassungsfähigkeit: drei Fertigkeiten, die Multipotentialisten meistern, Fertigkeiten, die sie verlieren könnten, wenn man Sie zwingt, sich zu beschränken. Als Gesellschaft haben wir ein ureigenes Interesse daran, Multipotentialisten sie selbst sein zu lassen. Momentan gibt es viele komplexe, multidimensionale Probleme auf der Welt. Wir brauchen kreative Querdenker, die sie angehen.

Angenommen im Herzen sind Sie ein Spezialist. Schon im Mutterleib waren Sie sicher, dass Sie Kinderneurochirurg sein wollten. Keine Sorge, auch mit Ihnen stimmt alles.

(Gelächter)

Tatsächlich bestehen einige der besten Teams aus einem Spezialisten und einem Multipotentialisten. Der Spezialist geht Dingen auf den Grund und setzt Ideen um, während der Multipotentialist sein breites Wissen ins Projekt einbringt. Es ist eine wunderbare Partnerschaft. Wir alle sollten Leben und Karriere so gestalten, dass sie zu unserem Wesen passen. Leider werden Multipotentialisten meist ermutigt, einfach mehr wie ihre Spezialistenkollegen zu sein.

Gleichwohl, wenn es eine Sache gibt, die Sie aus meinem Vortrag mitnehmen, hoffe ich, es ist die folgende: Nehmen Sie Ihr inneres Wesen an, wie immer es auch aussieht. Wenn Sie im Herzen ein Spezialist sind, sollten Sie sich definitiv spezialisieren. So werden Sie Ihre beste Arbeit leisten. Aber den Multipotentialisten hier, auch denen, die erst in den letzten 12 Minuten gemerkt haben, dass sie dazu gehören —

(Gelächter)

sage ich: Nehmen Sie Ihre vielen Leidenschaften an. Folgen Sie Ihrer Neugier hinab in den Kaninchenbau. Erforschen Sie Ihre Schnittmengen. Ihr Wesen anzunehmen, führt zu einem glücklicheren, authentischeren Leben. Was vielleicht noch wichtiger ist — Multipotentialisten, die Welt braucht uns.

Danke.

(Applaus)