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Ich möchte mit einer Beobachtung starten. Wenn ich letztes Jahr eines gelernt habe, dann dies: Die größte Ironie beim Veröffentlichen eines Buchs über Langsamkeit ist, dass man es wahnsinnig schnell vermarkten muss. Mittlerweile verbringe ich die meiste Zeit damit, von Stadt zu Stadt, von Studio zu Studio und von Interview zu Interview zu rennen, um das Buch in winzigen Häppchen zu präsentieren. Heutzutage wollen nämlich alle lernen, wie man langsamer werden kann, aber sie wollen wissen, wie man ganz schnell langsamer wird. Neulich... Neulich zum Beispiel hab ich einen Beitrag auf CNN gemacht, wo ich mehr Zeit in der Maske verbrachte als auf Sendung. Und das ist doch — das ist doch nicht weiter überraschend, oder? Denn das ist ja eigentlich die Welt, in der wir, in der wir jetzt leben, eine Welt, die im Zeitraffer feststeckt.

Eine Welt, besessen von Schnelligkeit und besessen davon, alles schneller zu tun und immer mehr in immer weniger Zeit zu quetschen. Jeder Augenblick am Tag ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich leihe mir mal einen Spruch von Carrie Fisher, den hab ich auch in meinem Profil stehen, aber ich erwähne ihn nochmal: "Heutzutage dauert selbst sofortige Befriedigung zu lange." Und... denken Sie mal drüber nach, was wir unternehmen, um Dinge zu verbessern. Wir machen sie schneller, nicht wahr? Früher gab es Wahltasten, heute gibt es Schnellwahltasten. Früher haben wir gelesen, heute lernen wir Schnelllesen. Früher gab es Walking, heute gibt es Speed-Walking. Und natürlich, früher hatte man Dates, heute gibt es Speed-Dating. Und selbst Dinge, die von Natur aus langsam sind — wir versuchen sie zu beschleunigen. Letztens... Letztens war ich in New York und lief an einem Fitnessclub vorbei. Da hing ein Plakat im Fenster für einen neuen Kurs, ein Abendkurs. Und es war, Sie ahnen es wohl schon, ein Kurs für Speed-Yoga. Die perfekte Lösung für Berufstätige mit wenig Zeit, die zwar, na ja, die Sonne grüßen wollen, aber dafür nur ungefähr 20 Minuten opfern wollen. Das sind zwar etwas extreme Beispiele, sie sind amüsant und man lacht darüber.

Aber die Sache ist ziemlich ernst. Während wir kopfüber durch unser Leben sprinten, verlieren wir oft den Blick für den Schaden, den dieser rasante Lebensstil verursacht. Wir sind so in diesem Schnelligkeits-Kult eingewickelt, dass wir nicht sehen, welchen Preis wir dafür in jedem Aspekt unseres Lebens zahlen. Bei der Gesundheit, der Ernährung, der Arbeit, unseren Beziehungen, der Umwelt und der Gemeinschaft. Und manchmal brauchen wir einen... einen Weckruf, nicht wahr, um uns zu zeigen, dass wir durchs Leben rasen, statt es zu leben. Dass wir schnell leben, statt gut zu leben. Und ich glaube, für viele Menschen kommt diese Warnung in Form einer Krankheit. Zum Beispiel als Burn-out-Syndrom, oder wenn der Körper einfach sagt, "Ich schaff's nicht mehr" und aufgibt. Oder vielleicht geht eine Beziehung in die Brüche, weil wir nicht genug Zeit hatten, oder die Geduld oder die Ruhe, um bei der anderen Person zu sein und ihr zuzuhören.

Mein Weckruf kam, als ich anfing, meinem Sohn Gutenachtgeschichten vorzulesen. Ich stellte fest, dass ich am Ende des Tages in sein Zimmer ging und einfach nicht runterfahren konnte. Ich las ihm "Der Kater mit Hut" im Schnelldurchgang vor. Ich ließ hier eine Zeile aus, da einen Absatz, manchmal eine ganze Seite und natürlich kennt mein Sohn das Buch in- und auswendig und wir stritten uns. Und was eigentlich der entspannendste, innigste, der zärtlichste Moment am Tag sein sollte, wenn ein Vater seinem Sohn etwas vorliest, wurde zu einem Willenskampf der Gladiatoren. Ein Aufeinanderprallen seiner und meiner Geschwindigkeit, oder eher, meiner Schnelligkeit und seiner Langsamkeit. Und so lief es einige Zeit, bis ich mich dabei erwischte, wie ich einen Zeitungsartikel mit Zeitspartipps für schnelle Leute überflog. Da gab es einen Hinweis zu einer Buchreihe namens "Gutenachtgeschichten in 1 Minute". Mittlerweile erschreckt mich der Titel, aber im ersten Moment reagierte ich etwas anders. Ich dachte: "Halleluja — was für eine tolle Idee! Genau das habe ich gesucht, um das Insbettgehen zu verkürzen." Aber zum Glück ging mir ein Licht auf und mein zweiter Gedanke war ein ganz anderer. Mit etwas Abstand dachte ich, "Whoa — ist es wirklich so weit gekommen? Bin ich denn so sehr in Eile, dass ich bereit bin, meinen Sohn abends mit ein paar Silben abzuspeisen?" Und ich - ich legte die Zeitung beiseite — — ich stieg gerade in ein Flugzeug — und dann saß ich da und tat etwas, das ich schon lange nicht mehr getan hatte — nämlich gar nichts. Ich dachte nur nach, lange und gründlich. Und als ich aus dem Flugzeug stieg, hatte ich beschlossen, dass ich daran etwas ändern möchte. Ich wollte diesen Schnelligkeits-Kult untersuchen und seine Auswirkungen auf mich und alle anderen. Und...

Und ich hatte 2 Fragen vor Augen. Erstens, wie sind wir so schnell geworden? Und zweitens, ist es möglich, oder überhaupt wünschenswert, langsamer zu werden? Wenn Sie mal darüber nachdenken, wie die Welt so schnell wurde, fallen einem die üblichen Verdächtigen ein. Man denkt an Verstädterung, Konsumdenken, den Arbeitsplatz, Technik. Aber ich glaube, wenn man sich ansieht, was hinter diesen Dingen steht, kommt man zu dem, was vielleicht der eigentliche Grund ist, der Kern der Frage, nämlich wie wir über Zeit denken. In anderen Kulturen ist Zeit zyklisch. Sie bewegt sich in großen, gemütlichen Kreisen. Sie erneuert und belebt sich ständig selbst. Aber im Westen ist die Zeit linear. Sie ist eine begrenzte Ressource, die immerzu versickert. Entweder man nutzt sie oder man verliert sie. Zeit ist Geld, hat Benjamin Franklin gesagt. Und ich würde sagen, psychologisch gesehen passiert nun dies: Eine Gleichung wird aufgestellt. Zeit ist knapp, also was tun wir? Na ja, wir beschleunigen, oder nicht? Wir versuchen immer mehr in immer weniger Zeit zu tun. Jeden Augenblick am Tag verwandeln wir in ein Rennen zur Ziellinie. Eine Ziellinie, die wir übrigens nie erreichen, aber es ist dennoch eine Ziellinie. Und ich denke, die Frage ist, kann man sich von diesen Gedanken befreien? Zum Glück ist die Antwort: Ja. Denn... Denn als ich mich umsah, entdeckte ich, dass es eine weltweite Gegenbewegung zu diesem Kult gibt, der uns sagt, schneller ist besser und vielbeschäftigt ist am besten.

Auf der anderen Seite der Welt tun Leute das Undenkbare. Sie werden langsamer und es zeigt sich, dass zwar der gängige Gedanke vorherrscht, dass wer langsamer wird, überfahren wird, aber eigentlich das Gegenteil wahr ist. Wenn wir im richtigen Moment langsamer werden, werden wir in allem, was wir tun, besser. Wir essen besser, haben besseren Sex, sind besser im Sport, arbeiten besser, ja, wir leben besser. Und in diesem Hexenkessel voller Momente, Plätze und der Verlangsamung liegt, was viele als die internationale Entschleunigungsbewegung bezeichnen.

Nun, entschuldigen Sie diesen kleinen Widerspruch, aber ich möchte ganz schnell einen kurzen Überblick darüber geben, was die Entschleunigungsbewegung ausmacht. Einige von Ihnen haben vielleicht schon von der Slow-Food-Bewegung gehört. Sie begann in Italien und ist nun eine weltweite Bewegung mit 100.000 Mitgliedern in 50 Ländern. Sie hat eine sehr einfache und verständliche Botschaft: Unser Essen bereitet uns mehr Spaß und ist gesünder, wenn wir es in angemessenem Tempo anbauen, kochen und konsumieren. Ich glaube, die explosionsartige Zunahme von ökologischer Landwirtschaft und Wochenmärkten sind weitere Beispiele dafür, dass die Menschen verzweifelt davon weg wollen ihre Nahrung nach industriellem Zeitplan zu essen, zu kochen und anzubauen. Sie wollen zurück zu einem langsameren Rhythmus. Und aus der Slow-Food-Bewegung hat sich in Italien eine Slow-Cities-Bewegung entwickelt, die sich in Europa und darüber hinaus ausgebreitet hat. Und dabei haben Städte begonnen zu überdenken, wie urbane Strukturen angelegt sein sollten, damit die Leute ermutigt werden, langsamer zu werden, an Rosen zu riechen und Beziehungen zueinander aufzubauen. Zum Beispiel schränken sie den Verkehr ein oder stellen Bänke auf oder schaffen Grünflächen.

Diese Veränderungen sind am Ende mehr als die Summe ihrer Teile, denn wenn eine Slow City offiziell eine Slow City wird, ist das wie eine philosophische Erklärung. Sie verkündet dem Rest der Welt und den Anwohnern der Stadt, dass wir glauben, im 21. Jahrhundert spielt Langsamkeit eine wichtige Rolle. In der Medizin sind viele Leute desillusioniert von einer Mentalität der schnellen Heilung, die man in der Schulmedizin findet. Und Millionen von ihnen überall auf der Welt wenden sich ergänzenden und alternativen Heilmethoden zu, die meist eine langsamere, sanftere, ganzheitliche Form der Heilung anstreben. Natürlich wird noch viel über diese komplementären Therapien diskutiert, und ich persönlich bezweifle, dass Kaffee-Darmspülungen zum allgemeinen Trend werden. Aber andere Behandlungen wie Akupunktur und Massagen, oder einfach Entspannung, haben eindeutig etwas Gutes an sich. Selbst erstklassige medizinische Fakultäten überall untersuchen diese Methoden, um herauszufinden, wie sie funktionieren und was wir von ihnen lernen können.

Sex. Es gibt 'ne Menge schnellen Sex, oder? Ich kam — ähm, das war jetzt keine Absicht — ich war auf dem Weg, und sagen wir ziemlich langsam, nach Oxford, und lief an einem Kiosk vorbei. Auf dem Cover eines Männer-Magazins stand, "Wie Sie ihren Partner in 30 Sekunden zum Orgasmus bringen." Wie Sie sehen, selbst beim Sex wird heutzutage die Zeit gestoppt. Also, ich mag Quickies wie jeder andere auch, aber ich finde, man kann viel profitieren von langsamem Sex — von Langsamkeit im Schlafzimmer. Wissen Sie, wenn man sich mal auf diese tieferen, psychologischen, emotionalen und spirituellen Momente einlässt, wird dieser Spannungsaufbau Ihnen bessere Orgasmen bescheren. Sagen wir so, Sie bekommen mehr für Ihr Geld. Die Pointer Sisters waren etwas wortgewandter, als sie den Liebhaber mit der langsamen Hand lobten. Nun, wir haben alle Sting ausgelacht als er vor ein paar Jahren tantrisch wurde, aber mittlerweile findet man Paare jeden Alters, die zu Workshops strömen, oder vielleicht in ihren Schlafzimmern neue Wege finden, um abzubremsen und besseren Sex zu haben. Und natürlich haben die Italiener — die scheinen immer zu wissen, wo das Vergnügen zu finden ist — eine offizielle Slow-Sex-Bewegung gestartet.

Am Arbeitsplatz — überall auf der Welt — mit Ausnahme von Amerika — sind die Arbeitszeiten zurück gegangen. In Europa zum Beispiel. Die Menschen sehen, dass ihre Lebensqualität steigt, desto weniger sie arbeiten. Und noch dazu steigt auch ihre Produktivität. Nun, klar gibt es Probleme mit der 35-Stundenwoche in Frankreich — zu viel, zu früh, zu starr. Aber andere europäische Länder, vor allem die Nordischen, zeigen, dass es möglich ist eine klasse Wirtschaft zu haben, ohne ein Arbeitstier zu sein. Und Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland sind unter den sechs wettbewerbsfähigsten Nationen der Welt und arbeiten Stunden, bei denen der durchschnittliche Amerikaner vor Neid weinen würde. Und wenn man sich das mal auf einer anderen Ebene ansieht, sieht man auch auf der Ebene kleinerer Firmen, dass immer mehr von ihnen erkennen, dass sie ihren Mitarbeitern erlauben müssen, weniger zu arbeiten oder mal zu entspannen — mittags Pause zu machen, sich in einen stillen Raum zurückzuziehen, das Blackberry auszumachen — Sie da hinten — oder das Handy, um am Tag oder am Wochenende Zeit zum Auftanken zu haben und dem Gehirn zu ermöglichen, in den Kreativ-Modus einzutauchen.

Aber heutzutage gibt es nicht nur überarbeitete Erwachsene, nicht wahr? Auch Kinder sind betroffen. Ich bin 37 und meine Kindheit endete Mitte der 80er, und wenn ich mir die Kinder von heute angucke, bin ich erstaunt, wie sie damit umgehen, mit mehr Hausaufgaben, mehr Nachhilfe, mehr Hobbies, als wir uns hätten vorstellen können. Einige der ergreifendsten E-Mails, die ich auf meiner Website bekomme, sind übrigens von Jugendlichen am Rande des Burnouts, die mich bitten, ihren Eltern zu schreiben, ihnen dabei zu helfen, das Tempo rauszunehmen und sie aus dem Laufrad zu befreien. Aber zum Glück reagieren auch die Eltern darauf. Zum Beispiel gibt es Städte in den USA, die sich zusammengetan haben, um an bestimmten Tagen des Monats außerunterrichtliche Aktivitäten zu verbannen, damit die Leute entlastet werden, Zeit mit der Familie verbringen und Tempo rausnehmen.

Hausaufgaben sind auch so eine Sache. Weltweit werden in Schulen Hausaufgaben verbannt, wo sie sich früher stapelten, und man erkennt, weniger kann mehr sein. Zum Beispiel in Schottland, wo eine erfolgsorientierte Privatschule mit Schulgebühren alle Hausaufgaben für alle Kinder unter 13 verbannte. Die super-erfolgreichen Eltern flippten aus und meinten, "Was soll das — unsere Kinder fallen zurück" — und der Direktor sagte, "Nein, Ihre Kinder brauchen Erholung am Ende des Tages." Letzten Monat gab es Zensuren und die Noten in Mathe waren im Durchschnitt um 20 % besser als im letzten Jahr. Es es ist schon sehr bezeichnend, dass die Elite-Unis, die oft als Grund angegeben werden, warum die Leute ihre Kinder so anstacheln, bemerken, dass den Studenten, die zu ihnen kommen, etwas fehlt. Diese Kinder haben tolle Noten, ihre Lebensläufe sind überfüllt mit Aktivitäten, die einem die Tränen in die Augen treiben. Aber es fehlt ihnen an Freude, an der Fähigkeit, kreativ und um Ecken zu denken — sie wissen nicht, wie man träumt. Also verbreiten diese Top-Universitäten, wie Oxford und Cambridge, die Botschaft, dass Eltern und Schüler ein bisschen auf die Bremse treten müssen. In Harvard verschicken sie Briefe an Studienanfänger und erklären ihnen, dass sie mehr vom Leben und von Harvard haben, wenn sie auf die Bremse treten. Wenn sie weniger tun, aber den Dingen die Zeit geben, die sie brauchen, um sie zu genießen und zu würdigen. Selbst wenn sie gar nichts tun. Der Brief heißt — ziemlich eindeutig — "Mach langsamer!" — mit Ausrufezeichen am Ende.

Es scheint also, egal, wo man hinblickt, dieselbe Botschaft vorzuherrschen. Weniger ist sehr oft mehr, langsamer ist sehr oft besser. Aber dennoch, es ist nicht leicht, langsamer zu machen. Sie haben vielleicht gehört, dass ich einen Strafzettel für schnelles Fahren bekam, während ich über die Vorteile der Langsamkeit recherchierte. Und das war auch so. Aber das ist nicht alles. Genau genommen war ich damals auf dem Weg zu einem Abendessen von Slow Food. Und wem das nicht reicht, den Strafzettel bekam ich in Italien. Und wenn Sie schon mal auf einer italienischen Autobahn gefahren sind, wissen Sie, wie schnell ich gefahren sein muss.

(Lachen)

Aber warum ist es so schwer? Ich denke, es gibt mehrere Gründe. Zum einen — Tempo macht Spaß — es ist sexy. Es ist ein einziger Adrenalinschub. Das will man nicht aufgeben. Die metaphysische Dimension dahinter ist, dass wir uns durch Schnelligkeit von den großen, wichtigen Fragen abschotten wollen. Wir erfüllen unseren Geist mit Ablenkungen, wir sind immer beschäftigt, damit wir nicht fragen müssen, geht es mir gut? Bin ich glücklich? Wachsen meine Kinder gut auf? Treffen die Politiker für mich richtige Entscheidungen? Ein weiterer Grund — und meines Erachtens vielleicht der wichtigste — warum langsam sein so schwer ist, ist das kulturelle Tabu, das wir der Langsamkeit verpasst haben. Langsam ist ein dreckiges Wort in unserer Kultur. Es ist gleichbedeutend mit faul, nichtstuend, jemandem, der aufgibt. "Er ist ein bisschen langsam" ist gleichbedeutend mit — dumm sein.

Der Zweck der Entschleunigungsbewegung, oder ihr Hauptziel, ist dieses Tabu anzugehen und klarzustellen, dass, ja, manchmal ist langsam nicht die Antwort, es gibt "schlechte Langsamkeit". Ich stand letztens auf der M25 im Stau, einem Straßenring um London, und verbrachte dort 3 ½ Stunden. Und wissen Sie was, das ist schlechte Langsamkeit. Aber die neue Idee, die revolutionäre Idee der Entschleunigungsbewegung ist, dass es auch so etwas wie "gute Langsamkeit" gibt. Gute Langsamkeit ist, in Ruhe mit der Familie zu essen, ohne Fernseher im Hintergrund. Oder im Büro ein Problem von allen Seiten zu betrachten, um auf der Arbeit die beste Entscheidung zu treffen. Oder einfach nur sich die Zeit zu nehmen langsamer zu machen und das Leben zu genießen.

Was ich enorm aufbauend empfand, bei all dem was seit der Veröffentlichung passiert ist, ist die Reaktion auf das Buch. Ich wusste, als das Buch über Langsamkeit herauskam, würde es von der New-Age-Brigade begrüßt werden. Aber es wurde auch mit viel Genuss von den Unternehmen angenommen, Sie wissen schon, von der Wirtschaftspresse, aber auch von großen Unternehmen und Organisationen. Die Menschen an der Spitze, Menschen wie Sie, erkennen jetzt, dass zu viel Schnelligkeit im System ist. Alle sind zu beschäftigt und es wird Zeit, die verlorene Kunst des Gänge-Wechselns wiederzufinden. Ermutigend ist, dass dies nicht nur in den entwickelten Ländern geschieht. Auch in den Entwicklungsländern, in Ländern, die auf dem Sprung sind, zu den entwickelten Ländern zu gehören — China, Brasilien, Thailand, Polen und so weiter — diese Länder nehmen die Entschleunigungsbewegung an. Viele Menschen dort diskutieren in den Medien, auf den Straßen. Sie schauen sich den Westen an und denken, "Wir mögen diesen Teil an euch, aber wir sind uns nicht so sicher hierüber."

Und wenn man sich das alles anschaut, könnte man sagen, dass es möglich ist? Das ist die wichtigste Frage, die sich uns heute stellt. Ist es möglich, langsamer zu werden? Und ich... Und ich bin glücklich sagen zu können, die Antwort ist ein lautes JA. Ich präsentiere mich als Ausstellungsstück A, eine Art erneuerter und sanierter Schnelligkeitssüchtiger. Ich liebe Schnelligkeit noch immer. Ich lebe in London, und ich arbeite als Journalist, ich genieße den Kick und die Geschäftigkeit, den Adrenalinstoß, den beides verursacht. Ich spiele Squash und Eishockey, zwei sehr schnell Sportarten und ich würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Aber im letzten Jahr habe ich Bekanntschaft mit meiner inneren Schildkröte gemacht.

(Lachen)

Und was das bedeutet, ist dass ich mich nicht - nicht mehr ganz umsonst überlade. Meine Grundeinstellung ist nicht mehr die eines Temposüchtigen. Ich höre nicht mehr den geflügelten Wagen der Zeit nahen, zumindest nicht mehr so oft wie vorher. Gerade eben höre ich ihn aber doch, ich habe nämlich nicht mehr viel Zeit, sehe ich. Und das Gute daran ist, ich fühle mich glücklicher, gesünder, und produktiver als jemals zuvor. Ich habe das Gefühl — ich lebe mein Leben statt durch es zu rasen. Vielleicht ist der wichtigste Maßstab dieses Erfolgs, dass meine Beziehungen viel tiefer, reichhaltiger und stärker sind.

Und für mich sind der, sagen wir der Lackmustest dafür, ob es auch funktioniert und was es bedeutet, immer die Gutenachtgeschichten, denn da begann die Reise. Und auch hier sind die Neuigkeiten rosig. Am Abend gehe ich ins Zimmer meines Sohnes. Ich trage keine Uhr, mein PC ist aus, ich höre nicht die ankommenden E-Mails, ich passe mich seinem Tempo an — und wir lesen. Da Kinder ihr eigenes Tempo und innere Uhr haben, brauchen sie mehr als einen 10-Minuten-Termin, wo sie ihre Probleme vortragen können. Man muss sich ihrem Rhythmus anpassen. Manchmal, nachdem wir 10 Minuten gelesen haben, erzählt mein Sohn auf einmal, "Auf dem Spielplatz hat mich etwas geärgert." Und dann unterhalten wir uns einfach darüber. Ich stelle fest, das Gutenachtgeschichten wie eine verabscheute Aufgabe auf meiner Aufgabenliste waren, es grauste mir vor ihnen, weil sie so langsam waren und ich schnell fertig sein wollte. Jetzt sind sie eine Belohnung am Abend, etwas, das ich wirklich sehr schätze. Ich habe auch ein Hollywood-Ende für meinen Vortrag, das geht wie folgt:

Vor ein paar Monaten wollte ich los zu einer Lesereise und meine Taschen waren gepackt. Ich wartete an der Haustür auf mein Taxi und mein Sohn kam die Treppe herunter und er brachte mir eine Karte, die er gebastelt hatte. Er hatte 2 Karten zusammengetackert und einen Aufkleber von seiner Lieblingsfigur Tim von "Tim und Struppi" vorne aufgeklebt. Er sagte oder gab mir die Karte — und ich las "Für Papa, dein Benjamin". Und ich fragte, "Oh, das ist sehr lieb, soll sie mir Glück bringen für die Lesereise?" Und er sagte, "Nein, nein Papa, die Karte ist für den besten Geschichtenvorleser auf der Welt". Und ich dachte nur, "Ja, dieses Entschleunigen funktioniert wirklich..."

Vielen Dank.