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Translated by Carmen Klaus
Reviewed by Linda Geschwandtner

0:11 Wir Menschen wollen vieles im Leben, aber ich glaube, mehr als alles andere wollen wir glücklich sein. Für Aristoteles war Glück das höchste Gut, das Ziel, auf das alles andere hinausläuft. Nach dieser Auffassung wollen wir ein großes Haus oder ein schönes Auto oder einen guten Job nicht, weil diese Dinge an sich so wertvoll wären, sondern, weil wir glauben, dass sie uns glücklich machen.

0:41 In den letzten 50 Jahren haben wir Amerikaner vieles erreicht, was wir wollten. Wir sind wohlhabender. Wir leben länger. Uns stehen Technologien zur Verfügung, die noch vor wenigen Jahren Science-Fiction waren. Das Paradoxe am Glück: Unsere Lebensbedingungen haben sich enorm verbessert, und doch sind wir nicht glücklicher.

1:02 Was wir als Fortschritt ansehen, hat uns also nicht viel glücklicher gemacht. Vielleicht ist deshalb in den letzten Jahren das Interesse am Glück selbst so gewachsen. Schon sehr lange wird diskutiert, wie Glück entsteht, genau genommen seit Tausenden von Jahren. Aber wie es scheint, sind viele Fragen immer noch ungeklärt. Wie in vielen anderen Bereichen könnte die Wissenschaft die Antwort liefern. Tatsächlich gab es in den letzten Jahren eine wahre Forschungsflut zum Thema Glück. Wir haben z. B. viel herausgefunden über demografische Faktoren, dass Glück zusammenhängt mit Einkommen, Bildung, Geschlecht und damit, ob man verheiratet ist. Dabei sind aber neue Fragen aufgekommen. Diese Faktoren scheinen nämlich keinen besonderen Einfluss zu haben. Ja, mehr Geld ist besser als wenig, und sein Studium abzuschließen ist besser, als es abzubrechen. Aber das alles macht uns nicht wesentlich zufriedener.

1:51 Womit sich die Frage stellt: Was macht uns eigentlich glücklich? Diese Frage haben wir noch nicht beantwortet. Aber die Antwort könnte sein, dass Glück eine ganze Menge damit zu tun hat, was wir von Moment zu Moment erleben. Wie wir unser Leben gestalten, was wir tun, mit wem wir zusammen sind und worüber wir nachdenken, all das hat offenbar einen starken Einfluss auf unsere Zufriedenheit. Aber genau diese Faktoren waren bisher nur sehr schwer oder gar nicht wissenschaftlich zu erfassen.

2:18 Vor ein paar Jahren kam mir die Idee, wie man untersuchen könnte, wie glücklich Menschen in ihrem Alltag sind. Von Moment zu Moment, in großem Maßstab, weltweit. So etwas war bis dahin unmöglich. Mit 'trackyourhappiness.org' kann man per iPhone aufzeichnen, wie glücklich Menschen sind. In Echtzeit. Wie geht das? Ich schicke Menschen über den Tag verteilt Signale und stelle ihnen dann eine Reihe von Fragen zu dem Moment kurz vor dem Signal. Der Gedanke dahinter: Wir beobachten, wie die Zufriedenheit der Menschen schwankt - im Verlauf eines Tages, manchmal sogar von Minute zu Minute. So können wir vielleicht erkennen, wie das, was Menschen tun, mit wem sie zusammen sind, worüber sie nachdenken, und alle anderen Dinge, die unseren Tag ausmachen, wie all das mit unserer Zufriedenheit zusammenhängt. So finden wir vielleicht heraus, was unsere Zufriedenheit wirklich beeinflusst. Wir haben glücklicherweise mit unserem Projekt viele Daten gesammelt. So viele Daten dieser Art wurden denke ich noch nie erfasst: Mehr als 650.000 Echtzeit-Meldungen von mehr als 15.000 Menschen. Und es sind nicht nur viele Menschen, die Gruppe ist auch sehr breit gefächert: Es sind Menschen jeden Alters, von 18 bis Ende 80, mit unterschiedlichem Einkommen und Bildungsniveau, Menschen, die verheiratet sind, geschieden, verwitwet etc. Insgesamt vertreten sie 86 Berufsgruppen und kommen aus über 80 Ländern.

3:37 In der verbleibenden Zeit meines Vortrags möchte ich gerne über einen der untersuchten Bereiche sprechen: das sogenannte Mind-Wandering. Wir Menschen haben die einzigartige Fähigkeit, unsere Gedanken schweifen zu lassen. Dieser Mann hier arbeitet an seinem Computer. Er kann aber gleichzeitig über seinen Urlaub letzten Monat nachdenken oder überlegen, was er zu Abend essen wird. Vielleicht macht er sich auch Sorgen, dass er bald eine Glatze hat. (Gelächter) Diese Fähigkeit, uns auf etwas anderes zu konzentrieren als den Moment, ist wirklich erstaunlich: Wir lernen, planen und denken, wie keine andere Spezies es kann. Man weiß aber noch nicht, wie das Nutzen dieser Fähigkeit mit unserer Zufriedenheit zusammenhängt. Sie haben sicher schon einmal gehört, man solle sich auf das Jetzt konzentrieren. "Lebe den Moment." Das haben Sie sicher schon hundertmal gehört. Um wirklich glücklich zu sein, müssen wir vielleicht voll und ganz in den Moment eintauchen. Vielleicht haben diese Menschen ja recht. Seinen Gedanken nachzuhängen, ist vielleicht nicht gut. Anderseits sind unsere Gedanken, wenn sie umherschweifen, völlig frei. Die Realität können wir nicht ändern, aber in unserer Fantasie können wir überall sein. Und weil Menschen glücklich sein wollen, gehen sie vielleicht in Gedanken an einen schöneren Ort. Das wäre doch einleuchtend. Anders gesagt: Schöne Gedanken steigern vielleicht unsere Zufriedenheit.

4:56 Ich bin Wissenschaftler und möchte deshalb diese Frage mithilfe von Daten beantworten. Und zwar Daten zu drei Fragen, die ich mit 'Track Your Happiness' stelle. Zur Erinnerung: Wir haben hier Momentaufnahmen aus dem Alltag der Teilnehmer. Es gibt drei Fragen. Die erste betrifft die Zufriedenheit. Wie fühlen Sie sich auf einer Skala von sehr schlecht bis sehr gut? Die zweite betrifft die Aktivität. Was tun Sie gerade? Es gibt 22 Aktivitäten u. a. Essen, Arbeiten und Fernsehen. Die letzte Frage betrifft das Mind-Wandering. Denken Sie gerade an etwas anderes als das, was Sie gerade tun? Die möglichen Antworten sind: Nein – in anderen Worten: Ich bin ganz bei der Sache – oder: Ja, ich denke an etwas anderes und diese Gedanken sind angenehm, neutral oder unangenehm. Alle Ja-Antworten fallen unter das, was wir Mind-Wandering nennen.

5:48 Was haben wir herausgefunden? Dieses Diagramm zeigt die Zufriedenheit auf der senkrechten Achse. Und der Balken zeigt die Zufriedenheit der Teilnehmer, wenn sie sich auf den Moment konzentrierten, d. h. wenn sie nicht in Gedanken waren. Wie sich herausstellte, sind Menschen bedeutend unzufriedener, wenn sie gedanklich abschweifen. Sie werden jetzt vielleicht sagen: Ja, natürlich. Im Durchschnitt ist man unglücklicher, wenn man seinen Gedanken nachhängt. Aber wenn die Gedanken von etwas abschweifen, das ohnehin keinen Spaß macht, wenigstens dann wird das doch sicherlich sein Gutes haben. Nein. Menschen sind unzufriedener, wenn ihre Gedanken abschweifen - ganz egal, was sie gerade tun. Kaum jemand fährt z. B. gerne zur Arbeit. Es ist eine der unbeliebtesten Tätigkeiten. Und trotzdem: Man ist bedeutend zufriedener, wenn man sich auf den Weg konzentriert, als wenn man in Gedanken woanders ist. Verblüffend.

6:41 Wie kann das sein? Ein Grund – ein wichtiger Grund – ist, dass wir oft an unangenehme Dinge denken. Und dabei ist man sehr viel weniger glücklich. Wir denken an Sorgen, Ängste oder Dinge, die wir bereuen. Aber selbst wenn wir an etwas Neutrales denken, sind wir trotzdem bedeutend weniger zufrieden, als wenn wir konzentriert sind. Sogar wenn wir an etwas Angenehmes denken, sind wir ein kleines bisschen unzufriedener, als würden wir nicht tagträumen. Mind-Wandering ist wie ein Spielautomat, bei dem man nur verlieren kann: 50 Dollar, 20 Dollar oder einen Dollar. Oder? Wer will da schon spielen? (Gelächter)

7:24 Das klingt jetzt vielleicht so, als wollte ich andeuten, dass Mind-Wandering unglücklich macht. Aber ich habe Sie nur auf einen Zusammenhang hingewiesen. Es wäre zwar möglich, aber es kann genauso gut sein, dass Menschen unglücklich sind und deshalb abschweifen. Vielleicht ist das eher der Fall. Wie kann man herausfinden, welche Annahme stimmt? Eine Tatsache kann uns dabei helfen. Wir sind uns sicher alle einig: Zeit läuft vorwärts, nicht rückwärts. Stimmt's? Die Ursache muss vor der Wirkung kommen. Glücklicherweise haben wir viele Antworten der Teilnehmer und können so erkennen: Kommt Mind-Wandering vor der Unzufriedenheit? Oder kommt Unzufriedenheit vor dem Mind-Wandering? Und das gibt uns Aufschluss über Ursache und Wirkung. Heraus kam, dass auf gedankliches Abschweifen oft Unzufriedenheit folgte. Das stützt die Annahme, dass Mind-Wandering unzufrieden macht. Dagegen gibt es keinen Hinweis darauf, dass man besonders dann abschweift, wenn man bereits unzufrieden ist. Mit anderen Worten: Mind-Wandering ist wohl eher die Ursache und nicht die Folge von Unzufriedenheit.

8:30 Ich habe vorhin das Mind-Wandering verglichen mit einem Spielautomaten, an dem man nicht spielen will. Wie oft schweifen denn unsere Gedanken tatsächlich ab? Oft. Wirklich oft. 47% der Zeit sind wir mit den Gedanken nicht bei der Sache. Und wie hängt das mit dem zusammen, was man tut? Hier sehen Sie, wie das Mind-Wandering auf die 22 Aktivitäten verteilt ist. Beginnend beim höchsten Anteil von 65% (Gelächter) beim Duschen oder Zähneputzen. 50% bei der Arbeit. 40% beim Sport. Bis zu diesem kurzen Balken ganz rechts. Über den haben Sie wahrscheinlich gerade so gelacht. 10% der Zeit schweifen die Gedanken ab ... ... beim Sex. (Gelächter) Das Interessante an diesem Diagramm: Wir sind im Grunde bis auf eine Ausnahme – und zwar egal, was wir gerade tun – mindestens 30% unserer Zeit mit den Gedanken woanders. Das heißt, wir tun es nicht nur oft, wir tun es eigentlich ständig. Es durchdringt alles, was wir tun.

9:35 Ich habe Ihnen heute etwas über das Mind-Wandering erzählt, eine in meinen Augen bedeutsame Variable in der Glücks-Gleichung. Ich hoffe, dass wir mit der Zeit, indem wir aufzeichnen, wie zufrieden die Menschen im Moment sind und was sie in ihrem Alltag erleben, viele wichtige Gründe aufdecken und schließlich das Glück wissenschaftlich erfassen können. Und dass so unsere Zukunft nicht nur reicher und gesünder wird, sondern auch glücklicher. Danke. (Applaus) (Applaus)