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Ich habe 18 Minuten, um Ihnen zu erzählen, was in den letzten sechs Millionen Jahren passiert ist. Na gut. Wir alle haben einen weiten Weg hinter uns und haben uns hier in dieser Region Afrikas zusammengefunden, wo 90 Prozent unseres Evolutionsprozesses stattgefunden haben. Ich sage das nicht nur, weil ich Afrikaner bin, aber hier in Afrika finden wir die ältesten Belege für menschliche Vorfahren, Spuren des aufrechten Gangs und sogar frühe Technologie in Form von Steinwerkzeugen. Wir sind also alle Afrikaner: Willkommen daheim. Gut.
Ich bin Paläoanthropologe, meine Aufgabe ist es, die Rolle des Menschen in der Natur festzustellen und zu erkunden, was uns zu Menschen macht. Ich möchte Ihnen Selam vorstellen, das älteste Kind, das je entdeckt wurde, und Ihnen mit ihrer Hilfe unsere Geschichte erzählen. Selam ist das fast vollständige Skelett eines dreijährigen Mädchens, das vor 3,3 Millionen Jahren gelebt hat. Sie lässt sich in die Spezies Australopithecus afarensis einordnen, aber das brauchen Sie sich nicht zu merken. Das ist die Spezies von Lucy, und mein Forschungsteam hat sie im Dezember 2000 in der Dikika-Gegend im Nordosten von Äthiopien entdeckt. Und in vielen äthiopischen Sprachen bedeutet Selam "Frieden". Mit diesem Namen wollen wir Frieden hier in der Region und auf der ganzen Welt feiern. Die Tatsache, dass Selam es auf die Titelseite all dieser einschlägigen Zeitschriften geschafft hat, wird Ihnen etwas über das Ausmaß an Bedeutung dieses Fundes sagen.
Nachdem ich von TED eingeladen wurde, habe ich einige Nachforschungen angestellt, so machen wir Anthropologen das halt, um etwas über meinen Gastgeber herauszufinden. Etwas Vorbereitung muss schon sein. Und dabei fand ich heraus, dass die erste Technologie vor 2,6 Millionen Jahren in Form von Steinwerkzeugen auftauchte. Flöten, die 35.000 Jahre alt sind, stellen den ersten Nachweis von Unterhaltung dar. Und das erste Design ist etwa 75.000 Jahre alt – diese Perlen. Unsere Gene kann man genau so durch die Zeit zurückverfolgen. Die Analyse von heute lebenden Menschen und Schimpansen zeigt, dass wir uns vor etwa sieben Millionen Jahren auseinanderentwickelt haben, und dass das Erbgut beider Spezies zu mehr als 98 Prozent identisch ist. Dieses Wissen bietet uns einen sehr hilfreichen Hintergrund, vor dem wir über unsere Herkunft nachdenken können.
Allerdings liefert uns diese Analyse nur Informationen über den Anfang und das Ende, ohne uns etwas darüber mitzuteilen, was dazwischen passiert ist. Unsere Aufgabe als Paläoanthropologen ist es, stichhaltige Beweise, nämlich Fossilien, zu finden, die diese Wissenslücke schließen und die verschiedenen Entwicklungsstadien ersichtlich machen können. Denn nur so können wir darüber reden... (Lachen) Nur dann können wir darüber reden, wie wir zu verschiedenen Zeiten ausgesehen und uns verhalten haben, und wie Aussehen und Verhalten sich über lange Zeiträume geändert haben. Dies wiederum ermöglicht es uns, die biologischen Mechanismen und die treibenden Kräfte zu erforschen, die für die graduelle Entwicklung verantwortlich sind, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Doch es ist ein schwieriges Unterfangen, diese Beweise zu finden. Es erfordert eine systematische und wissenschaftliche Herangehensweise, die uns an abgelegene, feindselige und oft nur schwer erreichbare Orte bringt.
Um Ihnen nur ein Beispiel zu nennen: Dikika, wo wir Selam im Jahre 1999 entdeckt haben, ist ungefähr 500 km von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, entfernt. Für die ersten 470 der 500 km haben wir nur sieben Stunden gebraucht, aber für die letzten dreißig brauchten wir ganze vier Stunden. Mit einheimischer Hilfe, mit Schaufeln und Spitzhacken bahnten wir uns einen Weg. Ich war der erste, der jemals mit einem Auto dorthin gefahren ist. Und wenn man angekommen ist, bietet sich einem dieser Anblick: Durch die unfassbare Weite der Landschaft allein fühlt man sich hilflos und verletzlich. Und hat man es erst an diesen Ort geschafft, fragt man sich, wo man bloß anfangen soll. (Lachen) Und man findet nichts, und das über Jahre.
Wenn man paläontologische Ausgrabungsstätten wie diese aufsucht, ist es, als würde man einen Wildpark voller ausgestorbener Arten besuchen. Denn man findet menschliche Überreste wie die von Selam oder Lucy nicht gerade alle paar Tage. Man findet Elefanten, Nashörner, Affen, Schweine usw. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie diese großen Säugetiere in der Wüste überleben konnten. Natürlich können sie das nicht, aber die Umgebung sah damals völlig anders aus als heute und bot einen ganz anderen Lebensraum. Umwelttechnisch können wir sehr viel davon lernen. Aber wie gesagt, diese Gegend ist wie ein Wildpark voller ausgestorbener Arten. Unsere Vorfahren haben in diesem Wildpark gelebt, aber sie waren in der Minderheit. Sie waren nicht so erfolgreich oder weit verbreitet wie unsere Art, Homo Sapiens.
Ich möchte Ihnen mit einer Anekdote verdeutlichen, wie selten sie eigentlich waren. Ich fuhr jedes Jahr dorthin und leistete Feldarbeit, und die Assistenten halfen mir natürlich bei der Begutachtung. Wenn sie einen Knochen fanden, sagten sie: "Danach suchst du." Und ich sagte dann: "Nein, das ist ein Elefant." Und der nächste: "Das ist ein Affe", "Das ist ein Schwein", usw. Also sagte einer meiner Assistenten, der nie zur Schule gegangen war, zu mir: "Hör mal Zeray. Entweder, du weißt nicht, wonach du suchst, oder du suchst an der falschen Stelle." (Lachen) Und ich fragte: "Wieso?" "Weil es hier Elefanten und Löwen gab, und die Leute Angst bekamen und woanders hingingen. Suchen wir woanders weiter." Na ja, er war sehr müde und es ist eine ermüdende Arbeit.
Doch dann, nach so viel schwerer Arbeit und vielen frustrierenden Jahren, fanden wir Selam, und Sie sehen hier das Gesicht von Sandstein verdeckt. Und hier ist die Wirbelsäule und der ganze Rumpf, die in einem Sandsteinblock stecken, denn sie war von einem Fluss begraben. Hier haben wir etwas, das nach nichts aussieht, aber eine unglaubliche Menge wissenschaftlicher Informationen enthält, die uns helfen, zu erkunden, was die Menschen ausmacht. Das ist der früheste und vollständigste jugendliche menschliche Vorfahre, der je in der Geschichte der Paläoanthrolopogie gefunden wurde, ein faszinierender Teil unserer langen, langen Geschichte. Da waren diese drei Leute und ich, und ich mache die Fotos, daher bin ich nicht zu sehen.
Wie würden Sie sich an meiner Stelle fühlen? Sie haben etwas Außerordentliches vor sich, aber Sie sind in der Mitte des Nirgendwo? In mir war ein Gefühl tiefer, ruhiger Entspannung und Erfüllung, natürlich begleitet von einem riesigen Verantwortungsgefühl, dafür zu sorgen, dass alles sicher war.
Hier ist eine Nahaufnahme des Fossils nach fünf Jahren des Säuberns, der Aufbereitung und Beschreibung, die sehr lang war. Ich musste die Knochen aus dem Sandsteinblock holen, den ich Ihnen in der vorigen Folie gezeigt habe. Es dauerte fünf Jahre. Es war, als würde das Kind nach 3,3 Millionen Jahren noch einmal geboren, aber der Geburtsvorgang dauerte sehr lang. Und hier in ganzer Pracht – es ist ein winziger Knochen. Und in der Mitte steht der Minister für äthiopischen Tourismus, der zu Besuch ins Nationalmuseum Äthiopiens kam, als ich dort arbeitete. Und ich sehe sorgenvoll aus und versuche mein Kind zu schützen, denn mit so einem Kind lässt man niemanden allein, selbst einen Minister nicht.
Und wenn man so weit ist, ist die nächste Stufe, herauszufinden, was es ist. (Lachen) Sobald das erledigt war, konnte man Vergleiche anstellen. Wir konnten sagen, dass sie dem menschlichen Stammbaum angehört, weil die Beine, die Füße und einige weitere Merkmale darauf hinwiesen, dass sie aufrecht gelaufen war, und der aufrechte Gang ist ein Kennzeichen der Menschen. Aber vergleicht man dann noch den Schädel mit einem ähnlich gealterten Schimpansen und dem kleinen George Bush hier, sieht man die vertikale Stirn. Und das kennt man von Menschen, wegen der Entwicklung des so genannten präfrontalen Kortex. Man sieht das bei Schimpansen nicht, und man sieht nicht diesen sehr hervorstehenden Eckzahn. Sie gehört also in unsere Abstammungslinie, aber dann beginnt man mit detaillierter Analyse, und jetzt wissen wir, dass sie derselben Spezies wie Lucy angehört, die man als Australopithecus afarensis kennt.
Die nächste aufregende Frage ist: Junge oder Mädchen? Und wie alt war sie, als sie starb? Man kann das Geschlecht des Individuums an der Größe der Zähne erkennen. Wie das? Bei Primaten gibt es dieses Phänomen namens Geschlechtsdimorphismus, und das bedeutet, dass Männchen größer sind als Weibchen, und ihre Zähne größer sind als die der Weibchen. Aber um das zu tun, braucht man das Dauergebiss, welches es hier nicht gibt, denn Selam hat nur die Milchzähne. Aber mittels CT-Scannern, die normalerweise für medizinische Zwecke eingesetzt werden, kann man einen tiefen Blick in den Mund werfen und erhält dieses schöne Bild, dass sowohl die Milchzähne zeigt, als auch das im Wachstum befindliche Dauergebiss. Als wir also diese Zähne maßen, wurde es klar, dass sie ein Mädchen mit sehr kleinen Eckzähnen war. Und um herauszufinden, wie alt sie an ihrem Tod war, schätzt man ab, wie lange es dauern würde, bis sich solche Zähne ausbilden, und die Antwort war drei. Dieses Mädchen starb also, als sie ungefähr drei war, vor 3,3 Millionen Jahren.
Mit all diesen Informationen ist die große Frage also: Was wissen wir eigentlich – was können wir von ihr lernen? Um diese Frage zu beantworten, können wir eine andere stellen. Was wissen wir eigentlich über unsere Vorfahren? Wir wollen wissen, wie sie aussahen, wie sie sich verhielten, wie sie herumliefen, und wie sie lebten und aufwuchsen. Und unter den Antworten, die man von diesem Skelett erhalten kann, sind die folgenden: Zunächst dokumentiert das Skelett zum ersten Mal, wie Kleinkinder vor über drei Millionen Jahren aussahen.
Und zweitens sagt sie uns, dass sie einen aufrechten Gang hatte, aber einige Anpassungen fürs Erklettern von Bäume hatte. Noch interessanter ist aber das Gehirn, das in diesem Kind heranwuchs. Wenn im Alter von drei das Gehirn noch wächst, ist das für Menschen charakteristisch. Bei Schimpansen ist im Alter von drei Jahren das Gehirn zu 90 % geformt. Daher können sie schon sehr früh nach ihrer Geburt mit ihrer Umgebung umgehen – schneller als wir auf jeden Fall. Aber das Gehirn von Menschen wächst weiter. Daher müssen wir von unseren Eltern umsorgt werden. Aber dieses Umsorgen heißt auch lernen. Man verbringt mehr Zeit mit den Eltern. Und das ist sehr charakteristisch für Menschen und heißt Kindheit, was die erweiterte Abhängigkeit menschlicher Kinder von ihrer Familie oder ihren Eltern ist. Also sagt uns das noch im Wachstum begriffene Gehirn dieses Kindes, dass die Kindheit, die eine ungeheure soziale Organisation erfordert, eine sehr komplexe soziale Organisation, sich vor mehr als drei Millionen Jahren entwickelte.
Also, am Scheitelpunkt unserer evolutionären Geschichte eint Selam uns alle und erzählt uns die einmalige Geschichte dessen, was uns zu Menschen macht. Aber nicht alles war menschlich, und ich möchte das mit einem spannenden Beispiel belegen. Das hier ist das Zungenbein. Es ist ein Knochen genau hier. Er stützt die Zunge von hinten. Und auf gewisse Art ist es der Kehlkopf. Er bestimmt die Art von Stimme, die man hat. Er war bei Fossilien nicht bekannt, und wir haben einen in diesem Skelett. Als wir diesen Knochen analysierten, war klar, dass er sehr wie der von einem Schimpansen aussah. War man also vor 3,3 Millionen Jahren an Ort und Stelle, während dieses Mädchen nach seiner Mutter rief, dann hätte man ihre Stimme eher mit der eines Schimpansen assoziiert. Vielleicht fragen Sie sich: "Merkmale von Menschenaffen und Menschen. Was sagt uns das?" Für uns ist das sehr aufregend, da es zeigt, dass Dinge sich langsam aber stetig änderten, und dass Evolution in vollem Gange ist.
Wir können die Bedeutsamkeit dieses Fossils wie folgt zusammenfassen: Bis jetzt kam unser Wissen über unsere Vorfahren im Prinzip von erwachsenen Individuen, da die Fossilien, die Baby-Fossilien, fehlten. Sie halten sich nicht so gut, wie Sie wissen. Also war das Wissen, das wir von unseren Vorfahren hatten, darüber, wie sie aussahen und sich verhielten, ziemlich auf Erwachsene beschränkt. Stellen Sie sich vor, jemand kommt vom Mars und soll einen Bericht über die Art von Menschen, die auf dem Planeten Erde wohnen, schreiben, und wir verstecken alle Babies und Kinder, und dann liefert er seinen Bericht hab. Können Sie sich vorstellen, wie einseitig dieser Bericht wäre? Das ist es, was wir bis dahin taten, da wir keine fossilen Kinder hatten, also glaube ich, das neue Fossil löst dieses Problem.
Also ist am Ende die wichtigste Frage, was lernen wir eigentlich von solchen Exemplaren und von unserer Vergangenheit allgemein? Zusätzlich zu dem Sammeln dieser riesigen Datenmenge, was uns zu Menschen macht, na ja, die vielen menschlichen Vorfahren, die über die vergangenen sechs Millionen Jahre existiert haben – mehr als zehn – sie hatten nicht das Wissen, die Technologie und die Entwicklungen, die wir, Homo sapiens, heute haben. Aber wenn diese alte Spezies in der Zeit vorwärtsreisen und uns heute sehen würde, dann wären sie sehr stolz auf ihr Erbe, denn sie wurden die Urahnen der erfolgreichsten Spezies im Universum. Und sie waren sich diesem zukünftigen Erbe wahrscheinlich gar nicht bewusst, aber sie haben es toll gemacht. Die Frage ist also, wir Homo sapiens sind heute in einer Position, über die Zukunft unseres Planeten oder mehr zu entscheiden. Die Frage ist also, können wir diese Aufgabe meistern? Und können wir sie wirklich besser lösen als diese primitiven Vorfahren mit dem kleinen Gehirn?
Zu einer unserer größten Herausforderungen unserer Art gehören heute die chronischen Probleme Afrikas. Die müssen wir hier nicht aufführen, und es gibt kompetentere Leute, die darüber reden können. Meiner Meinung nach haben wir zwei Möglichkeiten. Die eine ist, uns weiterhin ein krankes, armes, weinendes Afrika anzuschauen, das Waffen trägt und für immer von anderen abhängig ist, und die andere ist ein Afrika, das selbstsicher ist, friedfertig, unabhängig, und sich zugleich seiner riesigen Probleme und seiner großartigen Werte bewusst ist. Ich bin für die zweite Option, und sicherlich sind es viele von Ihnen. Der Schlüssel dazu ist die Förderung einer positiven Auffassung Afrikas zu sich selbst.
Denn wir Afrikaner – ich bin übrigens aus Äthiopien – konzentrieren uns viel zu sehr darauf, wie wir von woanders, von außerhalb wahrgenommen werden. Es ist wichtig, eine positivere Sicht auf uns selbst zu fördern. Das nenne ich eine positive afrikanische Auffassung. Schließlich möchte ich sagen, helfen wir Afrika, aufrecht und nach vorn zu laufen, dann können wir alle stolz auf unser zukünftiges Erbe als Spezies sein.
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Der Paläoanthropologe Zeresenay Alemseged erforscht den Ursprung der Menschheit in den Weiten Äthiopiens. Er spricht darüber, wie er das älteste Skelett eines humanoiden Kindes gefunden hat und was wir in Afrika über unser Menschsein lernen können.
Zeresenay "Zeray" Alemseged digs in the Ethiopian desert, looking for the earliest signs of humanity. His most exciting find: the 3.3-million-year-old bones of Selam, a 3-year-old hominid child, from the species Australopithecus afarensis. Full bio »
Translated into German by Judith Matz
Reviewed by Alex Boos
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We have two choices: One is to continue to see a poor, ill, crying Africa, carrying guns, that depends on other people forever, or to promote an Africa which is confident, peaceful, independent, but cognizant of its huge problems and great values at the same time.” (Zeresenay Alemseged)
20:53 Posted: Aug 2008
Views 235,029 | Comments 59
15:36 Posted: Jul 2008
Views 146,752 | Comments 49
22:01 Posted: Jan 2007
Views 702,880 | Comments 267
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