Kultur entstand aus der Vorstellungskraft und die Vorstellungskraft – wie wir sie kennen – entstand, als unsere Spezies sich aus unserem Vorfahren Homo erectus entwickelte und, mit Bewusstsein ausgestattet, eine Reise begann, die ihn in jede Ecke der bewohnbaren Erde führte. Eine Zeitlang teilten wir uns die Bühne mit unseren entfernten Vettern, den Neandertalern, die eindeutig einen Funken Bewusstsein besaßen, aber ob nun durch die Vergrößerung des Gehirns oder die Entwicklung der Sprache oder einen anderen evolutionären Katalysator – wir haben die Neandertaler rasch überholt. Als der letzte Neandertaler aus Europa verschwand vor 27.000 Jahren, sind unsere Vorfahren schon 5.000 Jahre lang in den Bauch der Erde gekrochen, wo sie im Licht von flackernden Talgkerzen die großen Kunstwerke des Jungpaläolithikum geschaffen hatten.
Ich verbrachte zwei Monate in den Höhlen in Südwestfrankreich mit dem Dichter Clayton Eshleman, der das wunderbare Buch "Juniper Fuse" geschrieben hat. Man kann diese Kunstwerke betrachten und natürlich die komplexe soziale Organisation der Menschen, die sie geschaffen haben, sehen. Viel wichtiger ist: sie zeigen ein tieferes Sehnen, etwas weitaus Differenzierteres als die Magie der Jagd. Clayton drückte es so aus: Er sagte: "Weißt Du, irgendwann einmal, waren wir alle wie Tiere und dann nicht mehr." Er sah Protoschamanismus als eine Art ersten Versuch, durch Rituale eine Verbindung wiederherzustellen, die unwiederbringlich verloren war. So sah er diese Kunst nicht als Jagdzauber, sondern als nostalgische Postkarten. So betrachtet bekommt sie eine völlig andere Resonanz.
Das Erstaunlichste an der jungpaläolithischen Kunst ist, dass sie als ästhetische Ausdrucksform knapp 20.000 Jahre überdauerte. Wenn das nostalgische Postkarten sind, war unser Abschied wirklich sehr, sehr lang. Und es war auch der Anfang unserer Unzufriedenheit, denn wenn man unsere gesamten Erfahrungen seit dem Paläolithikum zusammenfasst, bleiben zwei Worte: wie und warum. Das sind die Erkenntnissplitter, aus denen Kulturen geschmiedet werden. Alle Menschen teilen die gleichen groben, anpassungsfähigen Vorgaben. Wir alle haben Kinder. Wir alle müssen uns mit dem Mysterium des Todes auseinandersetzen, mit der Welt, die uns nach den Tode erwartet, mit dem Altwerden unserer Eltern. All das gehört zu unserer gemeinsamen Erfahrung. Das sollte uns nicht überraschen, denn schließlich haben Biologen nun endlich nachweisen können, wovon die Philosophen schon immer als Wahrheit geträumt hatten: die Tatsache, dass wir alle Geschwister sind. Wir sind alle aus dem gleichen genetischen Holz geschnitzt. Die gesamte Menschheit stammt wahrscheinlich von eintausend Menschen ab, die vor ungefähr 70.000 Jahren Afrika verlassen haben.
Aber die logische Folge ist, dass, wenn wir alle Geschwister sind und das gleiche genetische Material haben, alle Menschen die gleiche menschliche Ur-Genialität teilen, die gleiche intellektuelle Schärfe. Ob nun diese Genialität ihren Ausdruck findet in technologischer Zauberei – der großen Errungenschaft der westlichen Welt – oder im Gegensatz dazu, im Entwirren der komplexen Fäden der Erinnerung, die in einem Mythos steckt, ist einfach eine Frage der Wahl und der kulturellen Orientierung. Es gibt keine festgelegte Abfolge der Dinge in der menschlichen Erfahrung. Es gibt keinen Entwicklungsverlauf, keine Pyramide wo ganz oben das viktorianische England steht und mit einem stufenweisen Abstieg nach unten zu den sogenannten primitiven Völkern der Welt. Alle Völker sind ganz einfach kulturelle Möglichkeiten, unterschiedliche Visionen des Lebens an sich. Was meine ich mit unterschiedlichen Visionen des Lebens, die völlig unterschiedliche Möglichkeiten des Daseins bedeuten?
Nun, tauchen wir einen kurzen Moment in den größten Kulturkreis ein, der jemals durch Vorstellungskraft erschaffen wurde, der Kulturkreis von Polynesien. 10.000 Quadratkilometer, zehntausende von Inseln wie Juwelen über die Südsee verstreut. Vor Kurzem segelte ich auf der Hokulea, die nach dem heiligen Stern von Hawaii benannt ist, durch den Südpazifik, um einen Film zu drehen über die Navigatoren. Das sind Männer und Frauen, die selbst heute noch 250 Sterne im Nachthimmel benennen können. Es sind Männer und Frauen, die die Präsenz eines fernen Atolls von Inseln weit über den sichtbaren Horizont hinaus wahrnehmen können, nur indem sie die Resonanz der Wellen beobachten, die über dem Schiffsrumpf entsteht, und die genau wissen, dass jede Inselgruppe des Pazifiks ein eigenes Brechungsmuster hat, das man mit dem selben Scharfsinn lesen kann, mit dem ein Kriminaltechniker einen Fingerabdruck studiert. Diese Seeleute können im Dunkeln, im Rumpf des Schiffes, bis zu 32 verschiedene Arten von Seegang unterscheiden, sie können sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt durch das Kanu bewegen und Veränderungen der lokalen Wellen von den großen Strömungen unterscheiden, die durch den Ozean pulsieren, und denen man genauso leicht folgen kann, wie Entdecker zu Lande einem Fluß zum Meer folgen. Wenn man all die Genialität nehmen würde, mit der wir einen Menschen auf den Mond schicken konnten, und sie für ein Verständnis des Ozeans heranzöge, dann würde man Polynesien bekommen.
Verlassen wir nun den Bereich des Meeres und tauchen wir ein in das Reich der Vorstellungskraft, das Reich des tibetischen Buddhismus. Vor Kurzem drehte ich den Film "Die buddhistische Wissenschaft des Geistes". Warum benutzen wir hier das Wort Wissenschaft? Ist Wissenschaft nicht die empirische Suche nach der Wahrheit? Was ist Buddhismus, wenn nichts anderes als 2.500 Jahre empirischer Beobachtung der Natur des Geistes? Ich war einen Monat in Nepal unterwegs mit unserem guten Freund Matthieu Ricard. Ihr erinnert euch sicherlich daran, wie Matthieu hier bei TED einmal sagte: "Die westliche Wissenschaft ist eine große Antwort auf kleine Bedürfnisse." Unser ganzes Leben versuchen wir 100 Jahre alt zu werden, ohne unsere Zähne zu verlieren. Die Buddhisten verbringen ihr Leben mit dem Versuch, die Natur des Daseins zu verstehen.
Unsere Reklameflächen zeigen nackte Kinder in Unterwäsche. Ihre Reklameflächen sind Handbücher, Gebete für das Wohlergehen aller fühlenden Wesen. Mit dem Segen von Trulshik Rinpoche begannen wir eine Pilgerreise zu einem seltsamen Ziel, begleitet von einem großartigen Arzt. Unser Ziel war ein Einzelzimmer in einem Nonnenkloster, in dem eine Frau in lebenslanger Klausur lebte – seit 55 Jahren. Und unterwegs trafen wir Rinpoche für ein Darshan. Er setzte sich zu uns und sprach von den vier Edlen Wahrheiten, das Wesentliche des Buddhismus. Das Leben ist leidvoll. Das bedeutet nicht, dass das ganze Leben negativ ist. Es bedeutet, dass Dinge geschehen. Die Ursache des Leidens ist Ignoranz. Damit meinte der Buddha nicht Dummheit; er meinte das Festhalten an der Illusion, dass das Leben unveränderlich und vorhersehbar ist. Die dritte Edle Wahrheit besagt: Ignoranz kann bewältigt werden. Und die vierte und wichtigste, natürlich, war die Beschreibung einer kontemplativen Praxis, die nicht nur die Möglichkeit bot, das menschliche Herz zu verwandeln, sondern auch 2.500 Jahre empirische Erkenntnis, dass solch eine Transformation tatsächlich stattfindet.
Als sich die Türe öffnete und das Gesicht der Frau erschien, die dieses Zimmer 55 Jahre lang nicht verlassen hatte, sah man keine Verrückte. Man sah eine Frau, die klarer war als das Wasser in einem Gebirgsbach. Natürlich haben uns die tibetischen Mönche das gesagt. Sie sagten: "Einerseit glauben wir nicht wirklich, dass Ihr auf dem Mond wart, aber Ihr wart es. Vielleicht glaubt Ihr nicht, dass wir in einem einzigen Leben Erleuchtung erlangen, aber wir tun es." Nun wollen wir von der spirituellen Welt in die physikalische Welt gehen, zur heiligen Geographie von Peru. Ich habe mich schon immer für die Beziehungen von indigenen Völkern interessiert, die wirklich glauben, dass die Erde lebendig ist, und auf all ihre Sehnsüchte reagiert, all ihre Bedürfnisse. Und natürlich hat die Bevölkerung ihre eigenen gegenseitigen Verpflichtungen.
Ich habe 30 Jahre mit den Menschen in Chinchero gelebt und habe oft von diesem Ereignis gehört, an dem ich immer teilnehmen wollte. Einmal im Jahr wird dem schnellsten Jungen in jedem Dorf die Ehre zuteil, eine Frau zu werden. Einen Tag lang trägt er die Kleidung seiner Schwester und wird ein Transvestit, ein Waylaka. Und an diesem Tag führt er alle gesunden Männer in einem Wettrennen an. Aber das ist kein normales Wettrennen. Man beginnt auf 3.500 m Höhe, rennt hinab zum Fuß des heiligen Berges Antakillqa. Dann rennt man auf eine Höhe von 4.500 m hinauf, und wieder 900 m bergabwärts. Man klettert wieder hinauf innerhalb von 24 Stunden. Natürlich ist die Waylakama Route, der Verlauf dieser Route, mit heiligen Erdhügeln markiert, wo der Erde Coca und dem Wind alkoholische Getränke geopfert werden, der Strudel der Weiblichkeit wird zum Berggipfel gebracht. Die Metapher ist eindeutig: Zum Berg geht man als Individuum, aber durch Erschöpfung, durch Aufopferung, tritt man als eine Gemeinschaft hervor, die ihre Zugehörigkeit auf dem Planeten wieder bestätigt hat. Ich war 48 Jahre alt, als ich als erster Fremder daran teilnam, der Einzige, der es bis zum Ende geschafft hat. Nur weil ich mehr Cocablätter an einem Tag gekaut habe wie niemand vorher in der 4.000 Jahre alten Geschichte dieser Pflanze.
Diese Rituale gibt es in der gesamten Andenregion, diese fantastischen Festivals, wie das der Qoyllur Rit'i, das stattfindet, wenn die Plejaden im winterlichen Himmel sichtbar werden. Es ist eine Art Woodstock der Anden: 60.000 Indios auf Pilgerreise bis zum Ende eines Bergwegs, der in das heilige Tal, gennant Sinakara, führt, das beherrscht wird von drei Zungen des großen Gletschers. Die Metapher ist so eindeutig. Man bringt die Kreuze seines Heimatdorfs in dieser wunderbaren Fusion christlicher und präkolumbianischer Vorstellungen. Man steckt das Kreuz in das Eis im Schatten von Ausangate, dem heiligsten aller Apus, den heiligen Bergen der Inka. Dann tanzt man die rituellen Tänze, die den Kreuzen Macht geben.
Diese Ideen und diese Veranstaltungen erlauben es uns, ikonische Orte zu analysieren, die viele von uns schon besucht haben, wie Machu Picchu. Machu Picchu war nie eine verlorene Stadt. Im Gegenteil, es war komplett eingebunden in die 14.000 km der Königsstraßen, die von den Inka in weniger als einem Jahrhundert erbaut wurden. Aber darüber hinaus war es auch verbunden mit der Vorstellung einer heiligen Geographie der Anden. Der Intiwatana, der Pfosten, an dem die Sonne hängt, ist eigentlich ein Obelisk, der ständig das Licht reflektiert, das auf den heiligen Apu von Machu Picchu scheint, den Zuckerhutberg, genannt Huayna Picchu. Südlich vom Intiwatana befindet sich ein Altar. Auf dem Huayna Picchu findet man einen weiteren Altar. Wenn man eine direkte Nord-Süd Linie anpeilt, kann man erstaunlicherweise entdecken, dass sie quer durch den Intiwatana hindurchgeht, zum Horizont führt und auf das Herz des Salcantay trifft, den zweitwichtigsten Berg im Reich der Inka. Über den Salcantay hinaus, wo das Kreuz des Südens den südlichsten Punkt im Himmel erreicht, liegt direkt auf der gleichen Linie darüber die Milchstraße. Aber was umschließt Machu Pichu von unten? Der heilige Fluß Urubamba oder Volcanota, das irdische Gegenstück zur Milchstraße, aber es ist auch die Linie, auf der Wiraqucha ging zum Beginn der Zeit, als er das Universum erschuf. Und wo entspringt dieser Fluss? Direkt an den Hängen des Koariti.
500 Jahre nach Kolumbus werden also diese uralten Rhythmen einer Landschaft in Rituale umgesetzt. Als ich auf der ersten TED Konferenz sprach, zeigte ich ein Foto von zwei Männern der Elder Brothers, den Nachfahren, Überlebenden von El Dorado. Das sind natürlich die Nachfahren der uralten Tairona-Zivilisation. Einige hier erinnern sich vielleicht, dass ich erwähnte, dass sie immer noch von einer rituellen Priesterschaft beherrscht werden, wobei die Ausbildung der Priesteramtskandidaten außergewöhnlich ist. Weit weg von ihren Familien werden sie in einer undurchsichtigen Welt der Dunkelheit abgekapselt. 18 Jahre lang - zwei 9-Jahresperioden, bewusst gewählt, um an die neun Monate im Mutterleib zu erinnern. In all dieser Zeit existiert die Welt nur als Abstraktion, während sie in die Werte ihrer Gesellschaft eingewiesen werden. Werte, die die These aufrechterhalten, dass ihre Gebete und nur ihre Gebete, das kosmische Gleichgewicht konstant halten. Eine Gesellschaft wird nicht nur daran gemessen, was sie tut, sondern auch an der Qualität ihrer Absichten.
Und ich wollte schon immer wieder zurückkehren in diese Berge und herausfinden, ob wirklich stimmt, wovon der große Anthropologe Reichel-Dolmatoff berichtet hatte. So, vor genau zwei Wochen, kam ich von einem 6-wöchigen Aufenthalt bei den Elder Brothers zurück. Es war wirklich die weitaus außergewöhnlichste Reise meines Lebens. Das ist wirklich ein Volk, das das Reich des Heiligen verinnerlicht hat. Eine barocke Religiosität, die einfach überwältigend ist. Sie konsumieren mehr Cocablätter als jede andere Bevölkerungsgruppe, täglich ein halbes Pfund pro Person. Dieses Gefäß hier ist – alles in ihrem Leben ist symbolisch. Ihre zentrale Metapher ist ein Webstuhl. Sie sagen: "Auf diesem Webstuhl webe ich mein Leben." Sie beziehen sich auf die Bewegungen, während sie die ökologischen Nischen des Gefälles als "Fäden" instrumentalisieren. Wenn sie für die Toten beten, machen sie mit den Händen diese Gesten, mit denen sie ihre Gedanken in die Himmel hinauf spinnen.
Hier kann man die Kalkablagerungen oben auf dem Gefäß sehen. Das Gefäß ist ein weiblicher Aspekt, der Stab ein männlicher. Man steckt den Stab in das Pulver, um die heilige Asche zu entnehmen – es ist keine Asche, es ist gebrannter Kalk – das dem Cocablatt die Macht gibt, den ph-Wert im Mund zu verändern, und das Kokain-Hydrochlorid zu absorbieren. Wenn man das Gefäß zerbricht, kann man es nicht einfach wegwerfen, weil hinter jedem Stoß mit dem Stab, der das Kalk abgelagert hat, dem Maß des Lebens eines Mannes, ein Gedanke steht. Die Felder werden auf außergewöhnliche Art und Weise bepflanzt. Eine Seite des Feldes wird so von den Frauen bepflanzt. Die andere Seite so von den Männern. Metaphorisch gesehen, wenn man es auf die Seite legt, hat man ein Stück Stoff. Sie sind die Nachfahren der uralten Tairona-Zivilisation, den großartigsten Goldschmieden Südamerikas, die sich nach der Eroberung in dieses isolierte vulkanische Gebirgsmassiv zurückzogen, das bis zu 6.000 m über die karibische Küste ragt.
Es gibt vier Gesellschaften: die Kogi, die Wiwa, die Kankwano und die Arhuacos. Ich reiste mit den Arhuacos, und das Wunderbare an dieser Geschichte war, dass dieser Mann, Danilo Villafane – zuerst ein kurzer Rückblick: Als ich Danilo zum ersten Mal in der kolumbianischen Botschaft in Washington traf, musste ich einfach sagen: "Du siehst einem alten Freund von mir sehr ähnlich." Nun, er ist tatsächlich der Sohn meines Freundes Adalberto, aus dem Jahre 1974, der von der FARC ermordet wurde. Ich sagte: "Danilo, Du wirst Dich nicht erinnern, aber als Du klein warst, habe ich Dich auf meinem Rücken getragen, die Berge rauf und runter." Und so hat Danilo uns eingeladen, in das tiefste Herz der Welt zu gehen, an einen Ort, den noch kein Journalist sehen durfte. Nicht einfach zu den Berghängen, sondern bis zu den eisbedeckten Gipfeln, wo die Pilger hin reisen.
Und dieser Mann im Schneidersitz ist nun ein erwachsener Eugenio, ein Mann, den ich seit 1974 kenne. Und das ist einer dieser Schüler. Nein, es stimmt nicht, dass sie 18 Jahre in Dunkelheit leben, aber sie leben innerhalb der Grenzen des zeremoniellen Männerkreises. 18 Jahre lang. Dieser kleine Junge wird die heiligen Felder, die die Hütte der Männer eingrenzen, erst verlassen, wenn er seine Initiationsreise antritt. In dieser ganzen Zeit existiert die Welt nur als Abstraktion, während man ihn die Werte der Gesellschaft lehrt, auch die Vorstellung, dass nur Gebete das kosmische Gleichgewicht aufrechterhalten. Bevor wir unsere Reise antreten konnten, mussten wir am Tor zur Erde gereinigt werden. Es war erstaunlich, von einem Priester empfangen zu werden. Hier sieht man, dass der Priester niemals Schuhe trägt, denn heilige Füße – es darf nichts zwischen den Füssen und der Erde sein, für einen Mamo. Hier ist der Ort, wo die Große Mutter die Spindel in die Welt gesandt hat, die die Berge aufgetürmt und das Heimatland erschaffen hat, das sie das Herz der Welt nennen.
Wir sind hoch in den Paramo gestiegen, und während wir die Berge hochstiegen, merkten wir, dass die Männer jeden einzelnen Hügel in der Landschaft interpretierten in Bezug auf ihre eigene intensive Religiosität. Und als wir dann unser Ziel erreichten, einen Ort namens Mamancana, gab es eine Überraschung, denn dort wartete die FARC, um uns zu entführen. So wurden wir schließlich zu diesen Hütten gebracht und bis zum Anbruch der Dunkelheit versteckt. Dann mussten wir ohne unsere gesamte Ausrüstung mitten in der Nacht abhauen, eine ziemlich dramatische Szenerie. Das wird mehr und mehr zu einem Wildwestfilm. Bei Tagesanbruch stießen wir auf eine FARC Patrouille, ganz schön schrecklich. Das wird ein sehr interessanter Film. Aber das Faszinierende war, dass im ersten Moment einer Gefahr, die Mamos einen Weissagungskreis bildeten.
Hier ist ein Photo, aus genau der Nacht, in der wir uns versteckt hatten, als sie ihre Route weissagten, um uns aus den Bergen heraus zu bringen. Weil wir den Leuten beigebracht hatten zu filmen, konnten wir weiterarbeiten und unsere Wiwa und Arhuaco Filmemacher zu den letzten heiligen Seen schicken, um die letzten Aufnahmen für den Film zu machen, während wir mit den anderen Arhuaco zum Meer zurückkehrten, und die Elemente vom Hochland zum Meer brachten. Hier sieht man, wie ihre heilige Landschaft mit Bordellen, Hotels und Kasinos zugebaut wurde, und trotzdem beten sie weiter. Und es ist erstaunlich, wenn man sich vorstellt, dass so nahe bei Miami, zwei Stunden von Miami entfernt, eine ganze Zivilisation jeden Tag für unser Wohlergehen betet. Sie nennen sich die Elder Brothers, die Älteren Brüder. Sie lehnen uns ab, weil wir die Welt ruiniert haben als Younger Brothers, Jüngere Brüder. Sie können nicht verstehen, warum wir das der Erde antun.
Nun zu einem anderen Ende der Welt. Ich war hoch oben in der Arktis, um eine Geschichte zur globalen Erwärmung zu erzählen. Dazu hatte mich unter anderem das wunderbare Buch des früheren US-Vizepräsidenten inspiriert. Es war für mich so erstaunlich, wieder bei den Inuit zu sein – ein Volk, das die Kälte nicht fürchtet, sondern nutzt. Ein Volk, das mit seiner Vorstellungskraft einen Weg findet, ein Leben in diesem tiefen Eis zu schaffen. Ein Volk, für das Blut auf Eis nicht Tod bedeutet, sondern eine Bejahung des Lebens. Aber das Tragische ist, wenn man diese nördlichen Gemeinschaften besucht, wird man erstaunt feststellen, dass, während früher das Meereis im September kam und bis Juli blieb, in einem Ort wie Kanak in Nordgrönland, es nun buchstäblich im November kommt und bis zum März bleibt. So ist nun ihr gesamtes Jahr halbiert.
Ich möchte betonen, dass keines der Völker, von denen ich hier in aller Kürze erzählt habe, aussterbende Welten sind. Es sind keine aussterbenden Völker. Im Gegenteil, wenn man ein Herz hat, um zu fühlen und Augen, um zu sehen kann man entdecken, dass die Welt keine Scheibe ist. Die Welt ist immer noch ein reiches Mosaik. Sie besitzt immer noch eine reiche Topographie des Geistes. Diese unzähligen Stimmen der Menschheit sind nicht fehlgeschlagene Versuche, etwas Neues zu sein, fehlgeschlagene Versuche, modern zu sein. Es sind einzigartige Facetten der menschlichen Vorstellungskraft. Es sind einzigartige Antworten auf eine grundlegende Frage: Was bedeutet es, Mensch zu sein und zu leben? Und wenn diese Frage gestellt wird, kommt die Antwort mit 6.000 verschiedenen Stimmen. Und alle zusammen werden diese Stimmen zu unserem menschlichen Repertoire, um die Herausforderungen anzugehen, die uns begegnen werden in den kommenden Jahrtausenden.
Unsere Industriegesellschaft ist knapp 300 Jahre alt. Diese oberflächliche Geschichte sollte niemandem vorgaukeln, dass wir alle Antworten haben auf alle Fragen, denen wir uns stellen müssen in den kommenden Jahrtausenden. Die unzähligen Stimmen der Menschheit sind nicht fehlgeschlagene Versuche, wir selbst zu sein. Sie sind die einzigartige Antwort auf diese grundlegende Frage: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein und zu leben? Und es brennt wirklich ein Feuer auf der Erde, das nicht nur Pflanzen und Tiere zerstört, sondern auch das Vermächtnis der menschlichen Genialität.
Genau jetzt, während wir hier sitzen, werden von den 6.000 Sprachen, die zum Zeitpunkt unserer Geburt gesprochen wurden, die Hälfte nicht mehr an Kindern weitergegeben. Wir leben in einer Zeit, in der wir zulassen, dass buchstäblich die Hälfte des intellektuellen, sozialen und spirituellen Vermächtnis der Menschheit verloren geht. Das muss nicht passieren. Diese Völker sind nicht fehlgeschlagene Versuche, modern zu sein – kurios, farbenprächtig und zum Verschwinden verurteilt als wäre es ein Naturgesetz.
Es sind dynamische, lebendige Völker, deren Existenz von identifizierbaren Kräften bedroht ist. Das ist tatsächlich eine optimistische Beobachtung, denn sie deutet an, dass, wenn wir Menschen die Verursacher der kulturellen Zerstörung sind, wir auch das kulturelle Überleben ermöglichen können und müssen.
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Der Anthropologe Wade Davis betrachtet das weltweite Netz aus Glaube und Ritual, das uns zu Menschen macht. Er zeigt uns atemberaubende Bilder und erzählt von den Elder Brothers, einer Gruppe von Indianern aus der Sierra Nevada, deren spirituelle Praktiken die Welt im Gleichgewicht halten.
A National Geographic Explorer-in-Residence, he has been described as “a rare combination of scientist, scholar, poet and passionate defender of all of life’s diversity.” Full bio »
Translated into German by Sabine Dentler
Reviewed by Katja Tongucer
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22:01 Posted: Jan 2007
Views 977,894 | Comments 293
16:17 Posted: Apr 2007
Views 558,542 | Comments 124
18:35 Posted: Jan 2007
Views 268,227 | Comments 53
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