Genau vor 10 Jahren war ich in Afghanistan. Ich berichtete über den Afghanistankrieg und ich wurde als Reporter von Al Jazeera Zeuge des Ausmaßes von Leid und Zerstörung, das bei so einem Krieg entsteht. Dann, zwei Jahre später, berichtete ich über einen anderen Krieg - den Irakkrieg. Ich wurde im Zentrum des Krieges eingesetzt, denn ich berichtete über den Krieg aus dem nördlichen Teil des Iraks. Und der Krieg endete mit einem Regimewechsel wie der in Afgahnistan. Das Regime, das wir losgeworden sind, war wirklich eine Diktatur, ein autoritäres Regime, das über Jahrzehnte ein großes Gefühl der Lähmung erzeugte in der Nation, im Volk selbst. Allerdings, der Wandel durch fremde Intervention erzeugte noch schlimmere Umstände für die Menschen und verschärfte das Gefühl der Lähmung und der Unterlegenheit in diesem Teil der Welt.
Für Jahrzehnte haben wir unter autoritären Regimen gelebt - in der arabischen Welt, im Nahen Osten. Diese Regime erzeugten etwas in uns während dieser Zeit. Ich bin nun 43 Jahre alt. In den letzten 40 Jahren habe ich fast immer die selben Gesichter von Königen und Präsidenten gesehen, die uns regieren - alte, verhärtete, autoritäre, korrupte Zustände - Regime, von denen wir uns umgeben sahen. Für einen Moment fragte ich mich, ob wir mit dem Ziel einer richtigen Veränderung leben, einer Veränderung, die nicht durch fremde Intervention kommt, durch das Übel der Besatzung, durch Invasionen von anderen Ländern, die das Gefühl der Unterlegenheit manchmal verstärken? Die Iraker: Ja, die sind Saddam Hussein losgeworden, aber als sie ihr Land durch fremde Streitkräfte besetzt sahen, fühlten sie sich sehr traurig, sie fühlten, dass ihre Würde leidete. Und deshalb rebellierten sie. Deshalb akzeptierten sie nicht. Und tatsächlich fragten andere Regime ihre Bevölkerung: "Wollt ihr die selbe Situation wie im Irak haben? Wollt ihr Bürgerkrieg, Glaubenskrieg? Wollt ihr Zerstörung? Wollt ihr fremde Streitkräfte in eurem Land haben?" Und die Menschen entschieden für sich selbst. "Vielleicht sollten wir uns mit dieser Art von autoritärem Zustand abfinden, in dem wir uns befinden, anstatt dieses zweite Szenario zu erleben." Das war einer der schlimmsten Albträume, die wir gesehen haben.
10 Jahre lang waren wir in der unglücklichen Situation, Bilder der Zerstörung, Bilder des Tötens, von religiösen Konflikten, Bilder der Gewalt zu zeigen, die aus einem großartigen Stück Land kamen, einer Region, die früher einmal der Quell von Zivilisation, Kunst und Kultur für tausende von Jahren war. Nun bin ich hier um Ihnen zu sagen, dass die Zukunft, von der wir träumen tatsächlich da ist. Eine neue Generation, gut gebildet, miteinander verbunden, inspiriert durch universelle Werte und einem globalen Verständnis hat eine neue Realität für uns geschaffen. Wir haben einen neuen Weg entdeckt unsere Gefühle auszudrücken und unsere Träume zu äußern. Diese jungen Menschen, die das Selbstwertgefühl unserer Nation in diesem Teil der Welt wiederhergestellt haben, die uns eine neue Bedeutung von Freiheit gegeben haben, und uns befähigt haben auf die Straßen zu gehen. Nichts passierte. Keine Gewalt. Nichts. Gehe einfach aus dem Haus, erhebe deine Stimme und sage: "Wir wollen das Ende des Regimes."
Genau das ist in Tunesien passiert. Innerhalb weniger Tage ist das tunesische Regime, das Millarden von Dollar in Sicherheitsdienste investiert hat, Millarden von Dollar in Erhaltung, im Versuch der Erhaltung, der Gefängnisse kollabiert, verschwand, aufgrund der Stimmen der Öffentlichkeit. Menschen, die ermutigt waren auf die Straße zu gehen und ihre Stimme zu erheben, sie versuchten sie zu töten. Die Geheimdienste wollten Menschen verhaften. Sie fanden etwas namens Facebook. Sie fanden etwas namens Twitter Sie waren überrascht von all den verschiedenen Problemen. Und sie sagten: "Diese Kinder sind fehlgeleitet." Deshalb baten sie ihre Eltern auf die Straße zu gehen und sie einzusammeln und nach Hause zu bringen. Das ist, was sie sagten. Das ist ihre Propaganda. "Bringt diese Kinder nach Hause, denn sie sind fehlgeleitet." Aber ja, diese Jugend, die inspiriert ist von universellen Werten, die idealistisch genug ist, sich eine wunderbare Zukunft vorzustellen und zur gleichen Zeit realistisch genug ist, diese Art der Vorstellung auszugleichen und den Prozess der dazu führt - keine Gewaltanwendung nicht zu versuchen Chaos zu erzeugen. Diese jungen Menschen gingen nicht nach Hause. Eltern gingen tatsächlich auf die Straßen und sie unterstützten sie. Und somit wurde die Revolution in Tunesien geboren.
Wir von Al Jazeera wurden aus Tunesien jahrelang verbannt und die Regierung erlaubte keinem Al Jazeera Reporter dort zu sein. Aber wir bemerkten, dass diese Leute auf der Straße alle unsere Reporter waren, sie belieferten unsere Redaktion mit Bildern, mit Videos und mit Nachrichten. Und plötzlich wurde die Redaktion in Doha ein Zentrum, das all diese Arten von Input von gewöhnlichen Menschen empfing - Menschen, die verbunden sind und Menschen, die ehrgeizig sind und die sich selbst befreit haben vom Gefühl der Unterlegenheit. Und dann fällten wir die Entscheidung: Wir werden die Nachrichten bringen. Wir werden die Stimme für diese stimmlosen Menschen sein. Wir werden die Botschaft verteilen. Ja, manche der jungen Menschen sind mit dem Internet verbunden, aber die Konnektivität in der arabischen Welt ist sehr gering, ist sehr klein, aufgrund vieler Probleme, unter denen wir leiden. Aber Al Jazeera nahm die Stimmen der Menschen und wir verstärkten [sie]. Wir brachten sie in jedes Wohnzimmer der arabischen Welt - international, global, durch unseren englischen Kanal.
Und dann begannen die Menschen zu spüren, dass etwas Neues geschieht. Und dann entschied sich Zine el-Abidine Ben Ali zu gehen. Und dann begann Ägypten und Hosni Mubarak entschied sich zu gehen. Und jetzt Libyen wie Sie sehen. Dann gibt es Jemen. Es gibt viele weitere Länder, die versuchen das Gefühl wieder zu entdecken von "Wie stellen wir uns eine Zukunft vor, die wunderbar, friedlich und tolerant ist?" Ich möchte Ihnen etwas sagen, dass das Internet und Vernetzung ein neues Selbstverständnis geschaffen haben. Aber dieses Selbstverständnis ist weiterhin treu zu dem Boden und zu dem Land aus dem es entstanden ist. Das war der große Unterschied zwischen den vielen Versuchen zuvor um Wandel zu schaffen, bevor wir dachten und die Regierung uns befahl - und manchmal stimmte es sogar - dass Wandel uns aufgezwungen wurde und die Menschen wehrten sich, denn sie dachten, es sei fremd für ihre Kultur, wir glaubten immer, dass der Wandel von innen kommt, dass Wandel eine Übereinstimmung sein soll mit Kultur und kultureller Vielfalt, mit unserem Glauben in unsere Tradition und in unsere Geschichte, aber zur gleichen Zeit, offen für universelle Werte, verbunden mit der Welt, tolerant nach außen. Und das ist der Moment, der gerade jetzt in der arabischen Welt stattfindet. Das ist der richtige Moment und es ist der jetzige Augenblick, in dem wir all diese Bedeutungen zusammen kommen sehen, die dann den Anfang schaffen für diese wunderbare Ära, die in dieser Region entstehen wird.
Wie ging die Elite damit um - die sogenannte politische Elite? Vor den Augen von Facebook benutzten sie Kamele auf dem Tahrir Platz. Vor den Augen von Al Jazeera begannen sie Tribalismus zu erzeugen. Dann, als sie versagten, begannen sie von Verschwörungen zu reden, die aus Tel Aviv kamen, um die arabische Welt zu spalten. Sie begannen dem Westen zu sagen: "Denkt an Al-Qaeda. Al-Qaeda übernimmt unsere Gebiete. Das sind Islamisten, die neue Imaras schaffen wollen. Denkt an diese Leute, die zu euch kommen werden, um eure große Zivilisation zu ruinieren." Glücklicherweise können die Menschen gerade nicht mehr getäuscht werden. Denn die korrupte Elite in der Region hat sogar die Macht der Täuschung verloren. Sie konnten nicht und sie können sich nicht vorstellen, wie sie mit dieser Realität umgehen können. Sie haben verloren - sie wurden getrennt von ihrem Volk, von den Massen und nun sehen wir sie zusammenbrechen, einer nach dem anderen.
Al Jazeera ist kein Werkzeug der Revolution. Wir machen keine Revolutionen. Allerdings, wenn etwas von dieser Größenordnung passiert, sind wir im Zentrum der Berichterstattung. Wir wurden aus Ägypten verbannt und unsere Korrespondenten - manche von ihnen wurden verhaftet - aber die meisten unserer Kameramänner und unserer Journalisten gingen undercover in Ägypten - freiwilig - , um zu berichten, was am Tahrir Platz passiert. 18 Tage lang sendeten unsere Kameras live die Stimmen der Menschen vom Tahrir Platz. Ich erinnere mich an eine Nacht, als mich jemand auf meinem Handy anrief - eine gewöhnliche Person, die ich nicht kannte - vom Tahrir Platz. Er sagte mir: "Wir bitten Sie die Kameras nicht abzuschalten. Wenn Sie heute Nacht die Kameras abschalten, wird es einen Genozid geben. Sie beschützen uns, indem Sie zeigen, was auf dem Tahrir Platz geschieht." Ich fühlte mich verantwortlich unsere Korrespondenten dort anzurufen und unsere Redaktion anzurufen und ihnen zu sagen: "Tut alles, damit die Kameras bei Nacht nicht ausgeschaltet werden, denn die Menschen fühlen sich wirklich sicher, wenn jemand über ihre Geschichte berichtet - und sie fühlen sich ebenso beschützt."
Nun haben wir eine Chance, eine neue Zukunft zu schaffen in diesem Teil der Welt. Wir haben eine Chance hinzugehen und an die Zukunft zu denken als etwas, was offen für die Welt ist. Lasst uns nicht die Fehler im Iran wiederholen, einer [unklar] Revolution. Lasst uns uns davon befreien - besonders im Westen - so über diesen Teil der Welt zu denken, basierend auf Ölinteressen, oder basierend auf Interessen der Illusion der Stabilität und Sicherheit. Die Stabilität und Sicherheit autoritärer Regime kann nichts erzeugen außer Terrorismus, Gewalt und Zerstörung. Lasst uns die Wahl der Menschen akzeptieren. Lasst uns nicht auswählen und entscheiden von wem wir wollen, dass er ihre Zukunft bestimmt. Die Zukunft soll von den Menschen selbst bestimmt werden, sogar wenn es manchmal Stimmen gibt, die uns vielleicht ängstigen. Aber die Werte der Demokratie und der Entscheidungsfreiheit, die den Mittleren Osten zu diesem Zeitpunkt durchfluten, sind die beste Gelegenheit der Welt, für den Westen und den Osten, um Stäbilität und Sicherheit, um Freundschaft und Toleranz aus der arabischen Welt entstehen zu sehen, eher als die Bilder von Gewalt und Terrorismus. Lasst uns diese Menschen unterstützen. Lasst uns für sie einstehen. Und lasst uns unseren beschränkten Egoismus aufgeben um den Wandel willkommen zu heißen, um mit den Menschen dieser Region eine großartige Zukunft und Hoffnung und Toleranz zu feiern. Die Zukunft ist da, und die Zukunft ist jetzt. Ich danke Ihnen herzlich.
Chris Anderson: Ich habe ein paar Fragen an Sie. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen. Wie würden Sie die historische Bedeutung einschätzen von dem was dort passierte? Ist es eine Story des Jahres, eine Story des Jahrzehnts, oder noch mehr?
Wadah Khanfar: Tatsächlich könnte das die größte Story sein, über die wir je berichtet haben. Wir haben über viele Kriege berichtet. Wir haben über eine Menge Tragödien, eine Menge Probleme, eine Menge Konfliktzonen und eine Menge Gefahrenherde in der Region berichtet, denn wir waren zentral mittendrin. Aber das ist eine Geschichte - es ist eine gute Geschichte, es ist schön. Es ist nichts über das man einfach berichtet, weil man über einen großen Vorfall berichten muss. Man wird Zeuge vom Wandel der Geschichte. Man wird Zeuge der Geburt einer neuen Ära. Und das ist alles, worum es in dieser Geschichte geht.
CA: Es gibt viele Menschen im Westen, die immer noch skeptisch sind oder denken, das könnte nur ein Zwischenzustand sein, vor viel gefährlicherem Chaos. Sie glauben wirklich, dass, wenn es jetzt demokratische Wahlen in Ägypten gibt, dass eine Regierung entstehen kann, die manche von den Werten, von denen Sie so inspirierend geredet haben, unterstützt?
WK: Tatsächlich verteidigen die Leute, nach dem Kollaps des Hosni Mubarak Regimes, die Jugend, die sich selbst organisiert hat in verschiedenen Gruppen und Gremien, sie verteidigen diese Transformation und sie versuchen sie in Einklang zu bringen, um den Werten der Demokratie zu genügen, aber zur gleichen Zeit auch verständlich zu machen, und zu vermitteln, dass es vernünftig ist, nicht in Unordnung zu geraten. Meiner Meinung nach sind diese Menschen viel weiser als, nicht nur die politische Elite, sogar als die intellektuelle Elite, sogar als die Oppositionsführer, eingeschlossen politischer Parteien. In diesem Moment ist die Jugend der arabischen Welt viel weiser und fähig Wandel zu schaffen als die Alten - eingeschlossen der politischen und kulturellen und ideologischen alten Regime.
CA: Wir werden uns nicht politisch verwickeln oder einmischen auf diese Art. Was sollen die Menschen hier bei TED, hier im Westen, tun, wenn sie sich vernetzen oder einen Unterschied machen wollen und sie daran glauben, was hier gerade geschieht?
WK: Ich denke, wir haben ein sehr wichtiges Thema in der arabischen Welt entdeckt - dass Menschen sich kümmern, die Menschen interessieren sich für diese große Transformation. Mohamed Nanabhay, der hier bei uns sitzt, der Chef von Aljazeera.net, er sagte mir, dass es eine 2,500 prozentige Steigerung an Klicks auf unsere Webseite von verschiedenen Teilen der Welt gibt. 50 Prozent davon kommen aus Amerika. Denn wir entdeckten, dass es die Menschen kümmert, und die Menschen wollen informiert sein - sie empfangen den Stream durch unser Internet. Unglücklicherweise berichten wir in den Vereinigten Staaten nicht zu diesem Zeitpunkt außer in Washington D.C. für Al Jazeera English. Aber ich kann Ihnen sagen, das ist der Moment zum Feiern, indem wir uns vernetzen mit den Menschen auf der Straße und unsere Unterstützung für sie ausdrücken und diese Art von Gefühl zeigen, dem universellen Gefühl, die Schwachen und Unterdrückten zu unterstützen, um eine viel bessere Zukunft für uns alle zu schaffen.
CA: Nun Wadah, eine Gruppe von Mitgliedern der TED Gemeindschaft, TEDx Cairo, treffen sich während wir sprechen. Sie hatten einige Redner dort. Ich glaube, sie haben Ihren Vortrag gehört. Danke, dass Sie sie inspirieren und auch uns alle. Vielen Dank.
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Während eine demokratische Revolution, geführt von der technisch begabten Jugend, die arabische Welt durchfegt, teilt Wadah Khanfar, der Chef von Al Jazeera, eine tiefgehend optimistische Ansicht darüber was in Ägypten, Tunesien, Lybien und darüber hinaus passiert - zu diesem schwierigen Zeitpunkt realisieren die Menschen, dass sie aus ihren Häusern kommen und Veränderung fordern können.
As the Director General of Al Jazeera from 2003-2011, Wadah Khanfar worked to bring rare liberties like information, transparency and dissenting voices to repressive states and political hot zones. Full bio »
Translated into German by Manfred Ehresmann
Reviewed by Katja Tongucer
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17:50 Posted: Jul 2007
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