Ich bin ein Vikar in der Kirche von England. 20 Jahre lang bin ich Priester in der Kirche gewesen. Die meiste Zeit lang habe ich mit Fragen über das Wesen Gottes gerungen und gerauft. Wer ist Gott? Und ich bin mir sehr bewusst, dass viele Leute sofort abschalten, wenn man das Wort "Gott" sagt. Und die meisten Leute sowohl innerhalb als auch außerhalb der organisierten Kirche haben noch immer das Bild eines himmlischen Lenkers, eines Vorschriftenmachers, eines Polizisten im Himmel, der alles anordnet und geschehen lässt. Er beschützt die seinen und erhört die Gebete der Treuen.
Und in der Anbetung meiner Kirche ist "allmächtig" das meistgebrauchte Adjektiv über Gott. Aber ich habe ein Problem damit. Im Lauf der Jahre begann ich mich zunehmend unwohler mit dieser Auffassung von Gott zu fühlen. Glauben wir wirklich, dass Gott diese Art von männlichem Boss ist, den wir über Jahre hinweg in unserer Anbetung und unseren Liturgien präsentiert haben?
Natürlich, es hat Denker gegeben, die auf andere Wege hingewiesen haben, auf Gott zu schauen. Die Erforschung der femininen, hegenden Seite des Göttlichen. Der Hinweis, dass er oder sie sich durch Machtlosigkeit ausdrückt, anstatt durch Macht. Das Eingeständnis, dass Gott per definitionem unbekannt und unerkennbar ist. Das Finden von tiefem Widerhall in anderen Religionen und Philosophien und Möglichkeiten, auf das Leben als Teil einer universalen und globalen Suche nach Sinn zu schauen. Diese Gedanken sind in liberalen akademischen Kreisen sehr bekannt, aber Kleriker wie ich sind unwillig gewesen, sie darzulegen, aus Angst davor, in unseren Kirchengemeinschaften Spannung und Teilung zu erzeugen; aus Angst davor, den einfachen Glauben von eher traditionellen Gläubigen aufzurühren. Ich entschied mich dafür, das Boot nicht ins Wanken zu bringen.
Dann, am 26. Dezember letzten Jahres, vor nur zwei Monaten, löste jenes Unterwasserbeben den Tsunami aus. Und zwei Wochen später, am Sonntagmorgen des neunten Januars, fand ich mich vor meiner Gemeinde stehen - intelligente, gutgesinnte, zumeist nachdenkliche Christen - und musste an ihrer Stelle unsere Gefühle und Fragen ausdrücken. Ich hatte meine eigenen persönlichen Reaktionen, ich habe aber auch eine öffentliche Rolle, und irgendetwas musste gesagt werden. Und dies ist, was ich sagte.
Kurz nach dem Tsunami las ich einen Zeitungsartikel vom Erzbischof von Canterbury - ein hoher Titel - über die Tragödie in Südasien. Die Essenz dessen, was er sagte, lautete so: Die Leute, die am meisten von der Verwüstung und den Toden betroffen sind wollen keine intellektuellen Theorien darüber, wie Gott dies geschehen ließ. Er schrieb "Wenn irgendein religiöses Genie tatsächlich mit einer Erklärung käme, warum all diese Tode Sinn hatten, würden wir uns dann glücklicher, oder geschützter oder sicherer in Gott fühlen?"
Wenn der Mann, der auf dem Zeitungsphoto die Hand seines toten Kindes hält, jetzt vor uns stünde, würde es keine Worte geben, die wir ihm sagen könnten. Eine verbale Reaktion wäre nicht angebracht. Die einzige gebührende Antwort wäre eine mitfühlendes Schweigen und irgendeine Form von praktischer Hilfe. Es ist nicht die Zeit für Erklärungen oder Predigten oder Theologie; es ist eine Zeit für Tränen.
Das stimmt. Und doch sind wir hier, meine Kirche in Oxford, halb losgelöst von Ereignissen, die weit weg entfernt geschahen, doch mit angeschlagenem Glauben. Und wir wollen eine Erklärung von Gott. Wir verlangen eine Erklärung von Gott. Einige haben geschlussfolgert, dass wir nur an einen Gott glauben können, der unseren Schmerz teilt. Irgendwie muss Gott die Pein, den Kummer, und den körperlichen Schmerz spüren, den wir spüren. In irgendeiner Weise muss der ewige Gott fähig sein, in die menschlichen Seelen zu treten und die innere Qual zu erfahren. Und wenn das stimmt, dann muss Gott ebenso die Freude und Begeisterung des menschlichen Geistes kennen. Wir wollen einen Gott, der mit den Weinenden weinen, und mit den sich Freuenden freuen kann.
Dies scheint mir eine tief bewegende und überzeugende Neuerklärung des christlichen Glaubens über Gott zu sein. Für hunderte von Jahren war die vorherrschende Orthodoxie, die anerkannte Wahrheit, dass Gott der Vater, der Schöpfer, unveränderlich ist und darum per definitionem keinen Schmerz, keine Traurigkeit empfinden kann. Diesen Gott empfinde ich nun als ein wenig kalt und gleichgültig. Und die verheerenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts zwangen die Menschen dazu, diesen kalten, gefühllosen Gott in Frage zu stellen. Das Abschlachten von Millionen in den Schützengräben und Todeslagern haben die Menschen dazu veranlasst zu fragen: Wo ist Gott in all diesem? Wer ist Gott in all diesem?
Und die Antwort war: "Entweder ist Gott in all diesem mit uns, oder Gott verdient unsere Gefolgschaft nicht mehr." Wenn Gott ein Schaulustiger ist, beobachtend aber nicht betroffen, dann mag Gott durchaus existieren, aber wir wollen nichts von ihm wissen. Ich weiß, viele Juden und Christen heute empfinden das so. Und ich bin einer davon.
Wir haben also einen leidenden Gott. Ein Gott, der auf intime Weise mit dieser Welt und jeder lebendigen Seele verbunden ist. Ich fühle mich dieser Vorstellung von Gott sehr verbunden. Aber das ist nicht genug. Ich muss einige weitere Fragen stellen, und ich hoffe es sind welche, die auch Sie, oder einige von Ihnen, stellen möchten.
In den letzten paar Wochen war ich getroffen, wie oft die Worte in unserer Anbetung sich etwas unpassend, etwas heikel angefühlt haben. Wir haben jeden Dienstagmorgen einen Kindergottesdienst für Mamas mit ihren Vorschulkindern. Und letzte Woche sangen wir mit den Kindern eines ihrer Lieblingslieder, "Der Kluge baut sein Haus auf Felsengrund". Vielleicht kennen es einige von Ihnen. Ein paar Zeilen gehen wie so: "Ein Narr aber hat auf Sand gebaut / Und die Flut steigt hoch / Und das Haus auf dem Sand fällt um". Dann, in derselben Woche bei einer Beerdigung, sangen wir den bekannten Choral "Wir pflügen und wir streuen", ein sehr englischer Choral. In der zweiten Strophe kommt die Zeile "Wind und Wellen gehorchen ihm". Tun sie das? Ich glaube nicht, dass wir dieses Lied, nach dem was geschah, wieder in der Kirche singen können.
Die erste große Frage geht also um Kontrolle. Hat Gott einen Plan für jeden von uns? Hat Gott die Kontrolle? Ordnet Gott jeden Moment an? Gehorchen ihm der Wind und die Wellen? Von Zeit zu Zeit hört man Christen erzählen, wie Gott für sie Dinge organisierte, damit alles für sie gut lief. Schwierigkeiten überwunden, Krankheiten geheilt, Unglück abgewehrt, einen Parkplatz zum entscheidenden Zeitpunkt gefunden. Ich kann mich an jemanden erinnern, die mir das erzählte, mit vor Enthusiasmus leuchtenden Augen angesichts der Bestätigung ihres Glaubens und der Güte Gottes.
Aber wenn Gott diese Dinge tun kann oder wird - eingreifen um den Lauf der Ereignisse zu verändern - hätte er sicher den Tusnami aufhalten können. Haben wir einen lokalen Gott, der kleine Dinge wie Parkplätze machen kann, aber keine großen, wie 800km/h-Wellen? Das ist für intelligente Christen einfach unannehmbar, und wir müssen das anerkennen. Entweder ist Gott für den Tsunami verantwortlich oder Gott hat keine Kontrolle.
Nach der Tragödie tauchten Überlebensberichte auf. Sie haben sicher einige davon gehört. Der Mann, der auf der Welle ritt. Das Teenagermädchen, das die Gefahr erkannte weil sie in der Schule gerade was über Tsunamis gelernt hatte. Dann gab es da die Gemeinde, die ihr Kirchengebäude am Strand für einen Gottesdienst in den Hügeln verlassen hatte. Der Prediger lieferte eine extralange Predigt, so dass sie immer noch außer Gefahr waren, als die Welle einschlug. Jemand sagte danach, dass Gott auf sie aufgepasst haben muss.
Die nächste Frage also geht um Bevorzugung. Können wir Gottes Gefälligkeit durch Anbeten oder Glauben erwerben? Verlangt Gott Loyalität wie ein mittelalterlicher Tyrann? Ein Gott, der nach den seinen schaut, damit alle Christen okay sind, während jeder andere umkommt? Ein kosmisches "Wir und Jene", und ein Gott, der der schlimmsten Art von Vetternwirtschaft schuldig ist? Das wäre entsetzlich, und der Punkt, an dem ich meine Mitgliedschaft beenden würde. Solch ein Gott würde den höchsten Idealen der Menschheit moralisch unterlegen sein.
Wer also ist Gott, falls nicht der große Strippenzieher oder Stammesbewahrer? Vielleicht erlaubt oder gestattet Gott schreckliche Dinge, damit Heldentum und Mitleid gezeigt werden können. Vielleicht prüft Gott uns - prüft unsere Nächstenliebe, oder unseren Glauben. Vielleicht gibt es den großen kosmischen Plan, der grauenhaftes Leiden zulässt, so dass am Ende alles gut ausgeht. Vielleicht. Aber diese Ideen sind nur Variationen eines alles kontrollierenden Gottes. Der Oberste Befehlshaber, der in einem großen Unternehmen mit entbehrlichen Einheiten spielt. Wir stehen immer noch mit einem Gott da, der Tsunamis macht und Auschwitz erlaubt.
In seinem großen Roman "Die Brüder Karamasow" verleiht Dostojewski dem Iwan folgende Worte, gerichtet an seinen naiven und frommen jüngeren Bruder Aljoscha: "Wenn die Leiden der Kinder helfen mussten, um jene Summe von Leiden voll zu machen, die zur Erkaufung der Wahrheit notwendig ist, so behaupte ich, dass die ganze Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Für diese Zulassung wird ein gar zu hoher Preis verlangt. Nicht, daß ich Gott nicht anerkenne, ich gebe ihm nur mein Billett ergebenst zurück."
Oder vielleicht hat Gott das ganze Universum am Anfang in Gang gebracht und dann für immer die Kontrolle abgetreten, so dass natürliche Prozesse stattfinden und die Evolution ihren Lauf nehmen konnte. Dies scheint akzeptabler, aber es lässt Gott immer noch mit der letzten moralischen Verantwortung zurück. Ist Gott ein kalter, gefühlloser Betrachter? Oder ein machtloser Liebhaber, der mit unendlichem Mitgefühl die Dinge beobachtet, die Gott weder zu kontrollieren noch zu verändern in der Lage ist? Ist Gott auf intime Weise in unsere Leiden eingebunden, so dass Er es in Seinem eigenen Sein spürt?
Wenn wir so etwas glauben, dann müssen wir vom Strippenzieher komplett ablassen, vom allmächtigen Lenker und traditionellen Modellen Abschied nehmen. Wir müssen noch einmal über Gott nachdenken. Vielleicht macht Gott überhaupt nichts. Vielleicht ist Gott kein Akteur in der Art wie Akteure sind. Frühes religiöses Denken begriff Gott als eine Art übermenschliche Person, die querbeet an allen Orten etwas tat - die Ägypter vermöbeln, sie im Roten Meer ertränken, Städte verwüsten, wütend werden. Die Leute kannten ihren Gott durch sein mächtiges Handeln.
Aber was wenn Gott nicht handelt? Was wenn Gott überhaupt gar nichts tut? Was wenn Gott in den Dingen ist? Die liebende Seele des Universums. Eine innewohnende mitfühlende Gegenwart, die alle Dinge stützt und erhält? Was wenn Gott in den Dingen ist? In dem unendlich komplexen Netzwerk von Beziehungen und Verbindungen, die das Leben ausmachen. Im natürlichen Zyklus von Leben und Tod, der Schöpfung und Zerstörung, die fortlaufend geschehen müssen. In dem Prozess der Evolution. In der unglaublichen Komplexität und Pracht der natürlichen Welt. In dem kollektiven Unbewussten, der Seele des Menschengeschlechts. In dir, in mir; Seele und Körper und Geist. In dem Tsunami, in den Opfern. In den Tiefen der Dinge. Im Dasein und im Nichtdasein. In Einfachheit und in Komplexität. In Wandel und Entwicklung und Wachstum.
Wie funktioniert diese In-heit, diese Innerheit, diese Innerlichkeit Gottes? Es ist schwer zu erfassen und verlangt weitere Fragen. Ist Gott nur ein anderer Name für das Universum, mit gar keiner unabhängigen Existenz? Ich weiß es nicht. Bis zu welchem Maß können wir Gott eine Persönlichkeit zuschreiben? Ich weiß es nicht. Am Ende müssen wir sagen: "Ich weiß es nicht." Wüssten wir es, so wäre Gott nicht Gott.
An einen solchen Gott zu glauben hieße eher, einer grundlegenden Güte im Universum zu vertrauen, und weniger an ein System von doktrinellen Behauptungen zu glauben. Ist es nicht ironisch, dass Christen, die behaupten, an ein unendliches, unerkennbares Wesen zu glauben, Gott in geschlossene Systeme und starre Doktrinen schnüren?
Wie könnte man einen solchen Glauben ausüben? Indem man den Gott im Innern sucht. Indem ich meine eigene Einwärtigkeit kultiviere. In Stille, in Meditation, in meinem inneren Raum, in dem Ich, das bleibt, wenn ich meine fliehenden Emotionen und Ideen und Voreingenommenheiten sachte beiseite lege. Im Bewusstsein der inneren Konversation.
Und wie würden wir einen solchen Glauben leben? Wie würde ich einen solchen Glauben leben? Indem man die intime Verbindung mit der eigenen Einwärtigkeit sucht. Die Art von Beziehungen, wenn das Tiefe zu dem Tiefen spricht. Wenn Gott in allen Menschen ist gibt es einen Treffpunkt, wo meine Beziehung mir dir eine Dreiwegebegegnung wird. Es gibt einen indischen Gruß, den sicher einige von Ihnen kennen: "Namaste", begleitet von einer respektvollen Verbeugung. Sie wird grob übersetzt mit "Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir." Namaste
Und wie vertieft man einen solchen Glauben? Indem man die Einwärtigkeit, die in allen Dingen ist, sucht. In Musik und Poesie, in der natürlichen Welt der Schönheit und den kleinen einfachen Dingen des Lebens, gibt es eine tiefe innewohnende Gegenwart, die diese außergewöhnlich macht. Es verlangt eine tiefgreifende Aufmerksamkeit und geduldiges Warten. Eine kontemplative Einstellung, und eine Großmütigkeit und Offenheit gegenüber denen, deren Erfahrung sich von meiner unterscheidet.
Als ich aufstand um zu meinen Leuten über Gott und den Tsunami zu sprechen hatte ich ihnen keine Antworten zu bieten. Keine ordentlichen Glaubenspakete mit Bibelstellen als Beweisen. Nur Zweifel und Fragen und Unsicherheit. Ich hatte einige Anregungen - mögliche, neue Wege, über Gott nachzudenken. Wege, die uns vielleicht erlauben eine neue, unerforschte Straße hinabzugehen. Doch am Ende konnte ich nur eines sicher sagen: "Ich weiß es nicht." Und gerade das könnte die tiefgründigste religiöse Aussage von allen sein.
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In den Tagen, die auf den tragischen Tsunami in Südasien 2004 folgten, sinnte Pastor Tom Honey über die Frage "Wie konnte ein liebender Gott das tun" nach. Hier ist seine Antwort.
The Canon Pastor of Exeter Cathedral, in the UK, is unafraid to take on some of religion's tougher issues. Full bio »
Translated into German by Itsuo Fujishima
Reviewed by Yves Bruggmann
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21:28 Posted: Mar 2008
Views 603,795 | Comments 415
26:20 Posted: Jul 2008
Views 467,894 | Comments 700
21:02 Posted: Jul 2006
Views 1,218,181 | Comments 755
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