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Ich möchte heute Abend etwas anders anfangen, denn ich möchte Sie bitten, das Festland zu verlassen und kurz ins offene Meer zu springen. 90 % des Lebensraums auf diesem Planeten offenes Meer, und das Leben – der Titel unseres Seminars heute Abend – das Leben begann dort. Und es ist ein lebendiger und wunderbarer Ort, aber wir tragen zu einem schnellen Wandel der Ozeane bei, nicht nur durch Überfischung, unsere verantwortungslose Fischerei, durch Schadstoffe wie Dünger von unseren Äckern, sondern jüngst auch durch den Klimawandel. Steve Schneider wird da sicherlich noch näher darauf eingehen. Je mehr wir mit den Ozeanen herumpfuschen, desto mehr Berichte sagen voraus, dass diese Meeresformen die Vermehrung energiearmer Lebewesen wie Quallen und Bakterien fördern. Und im Moment zeigen alle Pfeile auf diese Art von Ozeanen.
Quallen sind seltsam hypnotische und schöne Wesen, und beim Ausflug ins Aquarium sieht man viele faszinierende, aber sie stechen unglaublich und Quallensushi und -sashimi sind einfach nicht nahrhaft. Ungefähr 100g Qualle sind vier Kalorien. Für die Taille ist das wahrscheinlich gut, aber es hält wohl niemanden lange satt. Und ein Ozean, der vor Quallen nur so brodelt ist auch für die anderen Meereswesen nicht von Vorteil, es sei denn, man frisst Quallen. Dieses gierige Raubtier hier schleicht sich gerade an diese arme, kleine, nichtsahnende Segelqualle heran. Dieses Raubtier ist der Mondfisch, der Mola mola, dessen Hauptbeute aus Quallen besteht.
Dieses Tier steht im "Guinness Buch der Rekorde", es ist nämlich der schwerste Knochenfisch der Welt. Er kann gut zwei Tonnen wiegen – und frisst dabei hauptsächlich Quallen. Und es ist ein netter Zufall, dass der Mola mola – sein Trivialname ist 'sunfish' [zu deutsch: Sonnenfisch] am allerliebsten Ohrenquallen [engl. "moon jelly" – Mondqualle] frisst. Also treffen irgendwie die Sonne und der Mond aufeinander, auch wenn einer den anderen frisst. Das hier ist eine typische Position für Mondfische, daher auch ihr [englischer] Trivialname. Sie sonnen sich gern, wer tut das nicht. Sie liegen einfach an der Wasseroberfläche und die meisten Leute halten sie für krank oder faul, aber es ist einfach ihre Art, sie liegen flach da und nehmen ein Sonnenbad an der Oberfläche.
Ihr anderer Name, Mola mola – es klingt hawaiianisch, aber es ist Latein und bedeutet Mühlstein – wurde ihnen wegen ihrer runden, bizarren, abgeschnittenen Form gegeben. Es ist als hätten sie beim Wachsen einfach den Schwanz vergessen. Und das war es, was mich ursprünglich zu den Mola gezogen hat, ihre sehr bizarre Form. Haie zum Beispiel sind stromlinienförmig und geschmeidig, Thunfische sind wie Torpedos geformt – ihre Absichten sind klar erkennbar. Es geht um Migration und Stärke. Und dann schauen wir uns den Mondfisch an.
Und er ist auf so elegante Art geheimnisvoll ... er lässt sich eben nicht so sehr in die Karten gucken wie z.B. Thunfisch. Das faszinierte mich also – was ist die Geschichte diese Tiers? Und wie mit allem in Biologie ergibt nichts wirklich Sinn, solange man es nicht im Lichte der Evolution betrachtet. Genauso ist es mit den Mondfischen. Sie tauchten kurz nach dem Verschwinden der Dinosaurier auf, vor 65 Millionen Jahren, als Wale noch Beine hatten. Sie entstammen einer Splittergruppe rebellischer Kugelfische erlauben Sie mir diese poetische Erzählweise. Natürlich verläuft die Evolution ein bisschen willkürlich, und vor 55 Millionen Jahren gab es also diese rebellischen Kugelfische, die sagten, ach, Korallenriffe sind uns egal, wir wollen in die hohe See. Und viele Generationen später, nach einigem Zurren und Zerren, wurde der Kugelfisch zum Mondfisch. Wenn man Mutter Natur also genügend Zeit gibt, bringt sie so etwas hervor.
Sie sehen ... vielleicht sehen sie etwas prähistorisch und unfertig aus, quasi abgekürzt, aber sie sind eigentlich die Spitzenkandidaten für den am meisten von der Evolution beeinflussten Fisch im Meer, gemeinsam mit den Plattfischen. Sie sind – jedes einzelne Ding an diesem Fisch hat sich verändert. Und was Fische angeht – Fische tauchten vor 500 Millionen Jahren auf und die hier sind ziemlich modern, die gibt es erst seit 50 Millionen Jahren. Interessanterweise verraten sie ihren Stammbaum während ihrer Entwicklung. Sie beginnen als kleine Eier, und damit sind sie wiederum im "Guinness Buch der Rekorde", denn sie sind das Wirbeltier mit der höchsten Anzahl von Eiern auf der Erde. Ein einzelnes, gut ein Meter langes Weibchen legt 300 Millionen Eier, kann 300 Millionen Eier in ihren Ovarien halten – stellen Sie sich das mal vor - und sie werden über drei Meter lang. Stellen Sie sich die Eimenge eines Drei-Meter-Fischs vor. Und aus diesem kleinen Ei werden sie zu einem pieksigen Stachelfischlein, was an ihre Ahnen erinnert, und entwickeln sich – das hier ist das Jungtierstadium. Als Jungtiere leben sie in Schwärmen und werden als Erwachsene zu gigantischen Einzelgängern. Da oben in der Ecke ist ein kleiner Taucher.
Damit sind sie wieder im "Guinness Buch der Rekorde", als das Wirbeltier mit dem größten Wachstum auf der Welt. Von dem Zeitpunkt des Schlüpfens, über das Larvenstadium bis zum Erwachsenwerden, legen sie das 600-Millionen-fache an Gewicht zu. 600 Millionen. Stellen Sie sich mal vor, Sie brächten ein Kind zur Welt und müssten es ernähren. Das würde bedeuten, dass Ihr Kind etwa das sechsfache Gewicht der Titanic zulegen würde. Nun, ich weiß ja nicht, wie man so ein Kind ernähren würde, aber – wir wissen nicht, wie schnell Mondfische in der Freiheit wachsen, aber Studien von gefangenen Exemplaren im Monterey Bay Aquarium – eines der ersten, das sie in Gefangenschaft hält – belegen, dass einer in 14 Monaten 360kg zugenommen hatte. Ich würde sagen, das ist ein wahrer Amerikaner.
Einzelgängertum hat seine Vorteile, besonders im heutigen Ozean, denn während Schwärmen früher das Überleben der Fische sicherte, bedeutet es heute eher Selbstmord. Leider werden Mondfische, obwohl sie nicht schwärmen, trotzdem als Beifang in Netzen gefangen. Wenn wir die Welt vor der totalen Quallenherrschaft retten wollen, müssen wir herausfinden, wie Quallenfresser ihre Leben leben, zum Beispiel die Mondfische. Und leider bilden sie einen Großteil des kalifornischen Beifangs – bis zu 26 % in Treibnetzen. Und im Mittelmeer, bei den Schwertfisch-Netzfischern bilden sie bis zu 90 % des Fangs. Also müssen wir herausfinden, wie sie ihr Leben leben. Und wie schafft man das? Wie schafft man das bei einem Tier – da gibt es nur wenige Orte auf der Welt. Das ist ein Wesen aus dem offenen Meer. Es kennt keine Grenzen und geht nicht an Land.
Wie erhält man Einblick? Wie kann man ein Wesen des offenen Meers dazu verführen, seine Geheimnisse zu verraten? Nun, da gibt es tolle neue Technologien, die erst seit kurzem verfügbar sind, und sie sind ein Segen, wenn man Tiere des offenen Meers verstehen will. Hier können Sie es sehen, der kleine Anhänger hier. Dieser Anhänger kann Temperatur, Tiefe und Lichtintensität aufnehmen, das wird mit Zeit korreliert, und so erhalten wir die Orte. Und es kann diese Daten bis zu zwei Jahre aufnehmen, und in diesem Anhänger speichern, sie machen sich zu einen bestimmten Zeitpunkt los, schweben an die Oberfläche, laden die ganzen gesammelten Daten zu einem Satelliten hoch, der sie direkt an unsere Computer schickt, und dann haben wir den ganzen Datensatz. Wir hatten nicht einmal ... wir hingen den Tieren einfach den Anhänger dran, gingen nach Hause und setzten uns hin. Das tolle am Mondfisch – wenn wir sie mit den Anhängern versehen – wenn Sie hier mal schauen – da ist der Datenstrom, dorthin kommt der Anhänger. Und so hängt dann eben ein Parasit am Mondfisch dran.
Mondfische sind berüchtigt für die Parasiten, die sie mit sich herumschleppen. Sie sind regelrechte Parasitenhotels, selbst die Parasiten haben Parasiten. Ich glaube, Donne hat mal ein Gedicht darüber geschrieben. 40 verschiedene Arten von Parasiten haben sie, also dachten wir, dass einer mehr den Braten nicht fett macht. Und sie sind ein sehr praktisches Vehikel für ozeanographische Ausrüstung. Bis jetzt scheint es sie nicht zu stören. Was versuchen wir also herauszufinden? Wir konzentrieren uns auf den Pazifik. Wir verteilen Anhänger an der kalifornischen Küste und in Taiwan und Japan. Und wir möchten wissen, wie diese Tiere die Strömungen, die Temperatur und das offene Meer benutzen, um ihr Leben zu leben. Wir würden so gern in Monterey Anhänger verteilen. Monterey ist einer der wenigen Orte auf dieser Welt, an den viele Mondfische kommen. Nicht zu dieser Jahreszeit, eher im Oktober.
Und wir würden dort gern Anhänger verteilen – hier ein Luftbild von Monterey, doch leider werden die Mondfische hier so zugerichtet, denn ein anderer unserer Bewohner liebt Mondfische, aber leider nicht so wie wir. Der kalifornische Seelöwe nimmt die Mondfische, wenn sie in die Bucht kommen, reißt ihnen die Flossen hab, verwandelt sie in eine Art Frisbee, und wirft sie dann umher. Und ich übertreibe nicht. Es ist nur – manchmal essen sie sie nicht, es ist einfach gemein. Und wissen Sie, die Ortsansässigen finden es grässlich, es ist einfach schlimm, dieses Schauspiel Tag für Tag zu sehen. Die armen kleinen Molas kommen an und werden in Stücke gerissen, also fahren wir nach Süden, nach San Diego. Dort gibt es nicht so viele kalifornische Seelöwen. Und die Mondfische kann man sehr leicht mit einem Aufklärerflugzeug finden. Sie treiben sich gern unter schwimmenden Seetanginseln herum. Und dort im Tang sieht man schnell den Grund ihrer Anwesenheit, denn hier werden sie verwöhnt. Sobald sie unter den Tang schwimmen, kommen die kleinen Putzerfische heraus. Sie kommen heraus und geben den Mondfischen – hier können Sie ihre Körperstellung sehen, die sagt: "Ich bin nicht gefährlich, aber ich brauch eine Massage."
Und sie strecken die Flossen aus und drehen die Augen nach innen, und die Putzerfische kommen und putzen alles sauber, denn die Mondfische, na sie sind wie so eine Art kaltes Buffet. Und es ist auch ein guter Ort, um weiter nach Süden zu gehen, denn das Wasser ist dort wärmer und die Mondfische sind sehr nett dort. Welche andere Fischart, wenn man sich ihnen richtig nähert, sagt schon: "Okay, kratz mich mal dort." Man kann wirklich zu einem Mondfisch schwimmen – sie sind sehr lieb – und wenn man nichts falsch macht, kann man sie kratzen und sie freuen sich. Also haben wir einen Teil des Pazifiks mit Anhängern versehen, und sind an einen anderen Teil des Pazifiks gegangen, und haben Anhänger in Taiwan verteilt und in Japan. Und an all diesen Orten werden Mondfische in den Netzen vor der Küste gefangen. Und sie werden nicht als Beifang zurückgeworfen, sondern gegessen. Nach dem Tagging wurde uns ein neungängiges Mondfisch-Menü vorgesetzt. Nicht die, die wir mit Anhängern bestückt hatten! Und alles, von der Niere bis zu den Geschlechtsteilen, der Wirbelsäule und dem Flossenmuskel wird gegessen – das ist so ziemlich der ganze Fisch.
Also das Schwerste mit den Anhängern ist, dass man nach dem Tagging monatelang warten muss. Und man fragt sich die ganze Zeit, ob der Fisch sicher ist, ich hoffe, dass er nicht ums Leben kommt, solange der Anhänger aufnimmt. Ein Anhänger kostet 3.500 Dollar, und der Satellit nochmal 500 Dollar. Also hofft man die ganze Zeit, dass es dem Anhänger gut geht. Und so wird das Warten zum schwersten Teil. Ich zeige Ihnen mal unseren letzten Datensatz. Der ist noch nicht veröffentlicht, also das ist TED-exklusiv. Und wenn wir Ihnen diese Daten zeigen, wenn wir sie auswerten, fragen wir uns, ob diese Tiere wohl den Äquator überqueren? Überqueren sie den Pazifik? Und wir haben herausgefunden, dass sie ziemlich häuslich sind. Sie bewegen sich nicht weit. Das hier ist ihre Strecke. Wir haben den Anhänger vor Tokio losgeschickt, und nach einem Monat kam der Mondfisch in die Kuroshio-Strömung vor Japan und suchte nach Futter. Und nach vier Monaten ging's nach Norden, vor die Küste Nordjapans. Und das ist eigentlich ihre Reviergröße. Das ist aber wichtig, denn falls durch Fischfang Druck ausgeübt wird, regeneriert sich diese Population nicht wieder. Das sind also sehr wichtige Daten.
Was auch wichtig ist, ist dass sie keine Faulpelz-Fische sind. Sie sind ungeheuer geschäftig. Das hier ist ein Tag im Leben eines Mondfisches, es geht auf und ab, und auf und ab, und auf und ab, und auf und auf und ab, bis zu vierzig Mal am Tag. Und wenn die Sonne aufgeht, sieht man hier im Blauen, beginnen sie den Tauchgang. Nach unten – und je heller die Sonne wird, desto tiefer gehen sie. Sie loten die Tiefen bis 600m aus, bei Temperaturen bis zu 1°C. Daher sehen Sie sie auch an der Oberfläche – da unten ist es echt kalt. Sie müssen nach oben, sich aufwärmen und Sonne tanken, und dann zurück in die Tiefe und wieder auf und ab, auf und ab. Und unten treffen sie auf eine Schicht, die Tiefenstreuschicht – und in dieser Schicht gibt es eine wahre Nahrungsvielfalt. Sie wälzen sich also nicht faul in der Sonne – von wegen! Es sind wirklich sehr beschäftigte Fische, die einen wilden Tanz durch Tiefen- und Temperaturunterschiede tanzen.
Wir sehen – jetzt mit diesen Anhängern – ähnliche Muster bei Schwertfischen, Manta-Rochen und Thunfischen, ein wahrhaft dreidimensionales Schauspiel. Das ist ein Teil eines viel größeren Programms, der Zählung des marinen Lebens, wo wir weiter um die ganze Welt herum Anhänger verteilen, und der Mondfisch wird Teil dessen werden. Und was ganz aufregend ist – Sie reisen ja alle, und Sie wissen ja, das Beste am Reisen ist Einheimische anzutreffen, und durch deren Empfehlung großartige Orte zu entdecken. Mit dieser Zählung können wir an alle Einheimischen herantreten, und mit deren Rat 90 Prozent unseres Lebensraums erkunden. Es war nie aufregender oder wichtiger, Biologe zu sein.
Was mich zu meinem letzten Punkt bringt, und zum lustigsten. Ich habe eine Webseite gebastelt, weil ich so viele Fragen zu Molas und Mondfischen bekommen habe. Und ich dachte, ich beantworte die Fragen und könnte meinen Sponsoren danken, dem National Geographic und Lindbergh. Aber die Leute schrieben statt dessen alle möglichen Geschichten über diese Tiere, und wollten mir dabei helfen, Proben für die Genanalyse zu beschaffen. Dabei war am spannendsten, dass alle ihre Liebe und ihr Interesse für die Ozeane eint. Ich habe Berichte von katholischen Nonnen bekommen, von Rabbis, Muslimen, Christen – alle haben mir geschrieben, vereint durch ihre Liebe am Leben. Und für mich – ich könnte es nicht besser sagen als der unvergessliche Bard: "Natur macht hierin alle Menschen gleich." Klar, er ist wohl nur ein großer, komischer Fisch, aber wenn er hilft. Wenn er hilft, die Welt zu vereinen, ist er für mich definitiv der Fisch der Zukunft.
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Marinebiologin Tierney Thys lädt uns ins Wasser ein, um der Welt des "Mola mola", des Mondfischs, einen Besuch abzustatten. Diese Giganten sonnen sich gern, fressen Quallen und lassen sich massieren und bieten so Aufschluss über das Leben im offenen Meer.
Tierney Thys is a marine biologist and science educator. She studies the behavior of the Mola mola, or giant ocean sunfish -- and works with other scientists to make films that share the wonders they see. Full bio »
Translated into German by Judith Matz
Reviewed by Alex Boos
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Being a loner is a great thing, especially in today’s seas, because schooling used to be salvation for fishes, but it’s suicide for fishes now.” (Tierney Thys)
05:27 Posted: Jan 2008
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16:25 Posted: Apr 2007
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20:31 Posted: Jan 2008
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