Guten Morgen Ich bin hier um Ihnen ein Experiment vorzustellen, in dem eine Form menschlichen Leidens aus der Welt geschafft wird. Genau genommen geht es um Dr. Venkataswamy. Er hat sich das Aravind Eye Care System zur Aufgabe gemacht. Ich denke wir sollten als erstes klären, was es bedeutet, blind zu sein.
Frau: Überall wo ich nach Arbeit fragte sagten Sie: "Nein, was sollen wir mit einer blinden Frau?" Ich konnte keinen Faden einfädeln oder die Läuse in meinen Haaren sehen. Wenn mir eine Ameise in den Reis fiel, konnte ich das auch nicht sehen.
Thulasiraj Ravilla: Zu Erblinden ist an sich schon schlimm, aber meiner Meinung nach beraubt es einen Menschen auch seiner Lebensfreude, seiner Würde, seiner Eigenständigkeit und seines Status innerhalb der Familie. Sie ist bloß eine von Millionen die blind sind. Die Ironie an der Sache ist, dass sie es nicht sein müssten.
Eine simple, bewährte Operation kann Millionen ihre Sehfähigkeiit wiedergeben, und etwas noch einfacheres, nämlich eine Brille, kann noch einmal Millionen mehr wieder sehen lassen. Vergleichen Sie die vielen unter uns hier, die Dank ihrer Brille um ein Vielfaches produktiver sind, mit dem Fakt das jeder fünfte Inder einer Augenbehandlung bedarf, unglaubliche 200 Millionen Menschen. Heute erreichen wir kaum 10 Prozent von ihnen.
Aus diesem Kontext entstand vor 30 Jahren Aravind als Altersprojekt von Dr. V. Er begann ohne Geld. Musste seine gesamten Ersparnisse verpfänden um einen Kredit zu bekommen. MIt der Zeit sind wir zu einem Netzwerk von 5 Kliniken gewachsen, die sich hauptsächlich in den Staaten Tamil Nadu und Puducherry befinden, und haben mehrere sogenannte Vision Centers hinzugefügt, die als Satelliten fungieren. Vor nicht all zu langer Zeit begannen wir dann Kliniken zu managen, die in anderen Teilen des Landes liegen, sowie weltweit Kliniken einzurichten.
In den vergangenen 3 Jahrzehnten haben wir rund dreieinhalb Millionen Operationen durchgeführt, zum überwiegenden Teil an armen Menschen. Heute kommen wir auf ca. 300.000 Operationen jährlich. An einem typischen Tag bei Aravind führen wir etwa 1000 Operationen durch, beraten 6000 Patienten, entsenden Teams in Dörfer um Patienten zu untersuchen und mitzubringen, führen zahlreiche Ferndiagnosen durch, und führen obendrein viele Schulungen durch, sowohl für Ärzte als auch Techniker, die das zukünftige Personal von Aravind ausmachen.
Dies täglich zu tun, und es gut zu tun, erfordert eine Menge Inspiration und ebensoviel harte Arbeit. Ich denke all dies wurde möglich durch die Bausteine, auf denen Dr. V. diese Idee gegründet hat: ein System von Werten, eine effiziente Ausführung, und eine Kultur der Innovation.
Dr.V.: Ich sass da mit einem gewöhnlichen Dorfbewohner, weil ich selber vom Dorf kam, und plötzlich stehst Du mit seinem inneren Selbst in Kontakt, scheinst mit Ihm eins zu sein. Eins mit dieser Seele erfüllt von der Einfachheit der Zuversicht. "Doktor, was immer Sie sagen, ich akzeptiere es." Ein Vertrauen in deine Person, und Du reagierst darauf. Eine alte Frau, die mir vorbehaltlos vertraut, für die ich mein Bestes geben muss. Wenn wir unser spirituelles Bewusstsein erweitern identifizieren wir uns mit allem was uns umgibt, so etwas wie Ausnutzung gibt es dann nicht. Wir sind es selbst, denen wir helfen. Wir sind es selbst, die wir heilen.
Dies half uns eine sehr ethische und sehr stark patientenorientierte Organisation zu schaffen, und ein System, das sie unterstützt. Von der praktischen Seite aus betrachtet muss man diese Dienste auch effizient erbringen, und, so merkwürdig das scheinen mag, kam die Inspiration von McDonald's.
Dr. V.: Das Konzept von McDonald's ist einfach. Sie glauben daran, dass Sie Menschen auf der ganzen Welt - ungeachtet Ihrer Religion, Kultur, und so weiter - trainieren können ein Produkt auf die immer gleiche Art und Weise herstellen und liefern zu können, und das an hunderten von Orten.
Larry Brilliant: Er sprach ständig von McDonalds und Hamburgern, und nichts davon schien einen Sinn zu ergeben. Er wollte ein Franchise schaffen, einen Liefermechanismus für Augenbehandlungen mit der Effizienz von McDonald's.
Dr.V.: Angenommen ich wäre in der Lage Augenoperationen, immer gleiche Techniken und Methoden zu produzieren, und sie weltweit verfügbar zu machen. Alle Probleme mit Blindheit wären gelöst.
TR: Im Grunde ist alles gleich: der Augapfel, ob amerikanisch oder afrikanisch, das Problem und die Behandlung. Warum also sollte es so große Unterschiede geben - das ist das grundlegende Prinzip gewesen, dem wir folgten als wir dieses Konzept entwickelt haben. Die wichtigste Hürde hier war natürlich die enorme Größe des Problems, wir reden über Millionen von Menschen, und sehr wenigen Ressourcen mit denen man auskommen muss, was wiederum Bezahlbarkeit und Logistik erschwerten.
Deshalb mussten wir uns ständig neu erfinden. Eine der ersten Innovationen, die nach wie vor weiterentwickelt wird, ist eine neue Beziehung zu schaffen zwischen der Gemeinschaft und dem Problem, sie als Partner mit einzubeziehen: Hier sehen Sie ein Event, ein Camp, das von der Gemeinschaft selbst organisiert wurde. Sie haben den Ort ausgesucht, die Freiwilligen rekrutiert, und wir tragen unseren Teil dazu bei, diagnostizieren, haben Ärzte die die Probleme herausfinden, bestimmen, welche Massnahmen notwendig sind, stellen Techniker die Tests durchführen, die auf Fehlsichtigkeit oder Glaukome untersuchen.
Mit all diesen Ergebnissen erstellt der zuständige Arzt eine endgültige Diagnose und verschreibt eine Behandlung. Wenn Sie eine Brille benötigen, können Sie sich diese direkt am Camp abholen, in der Regel unter einem Baum. Sie bekommen Brillen mit einem Gestell Ihrer Wahl. Ich denke das ist sehr wichtig, denn über die Funktion als Sehhilfe hinaus sind Sie auch ein fashion statement, und Sie sind bereit dafür etwas zu bezahlen. Das Ganze dauert etwa 20 Minuten. Diejenigen die eine Operation benötigen werden beraten, zu den wartenden Bussen gebracht und in unsere Klinik gefahren.
Ohne dieses unterstützende Netz würden viele Menschen wahrscheinlich keine Behandlung erhalten, vor allem dann nicht, wen sie sie am Dringendsten benötigen. Sie werden am folgenden Tag operiert, anschließend ein bis zwei Tage beobachtet, und werden dann wieder mit unseren Bussen dorthin gebracht wo sie herkamen, wo ihre Familien warten um sie mit nach Hause zu nehmen.
Diese ganze Prozedur läuft jedes Jahr mehrere tausend Mal ab. Diese große Zahl an Patienten mag eindrucksvoll wirken, ebenso wie die Effizienz des Prozesses, aber lösen wir tatsächlich das Problem? Wir führten eine Studie durch und stellten zu unserem Bedauern fest, dass wir nur etwa 7 Prozent der Bedürftigen erreichen, und das wir einigen größeren Problemen nicht die nötige Beachtung schenken.
Uns war klar, dass wir etwas ändern mussten, und so entstand etwas, das wir als vision center bezeichnen. Eine papierlose Praxis mit vollständig elektronischen Patientenakten und so weiter. Hier können wir ausführliche Augenuntersuchungen durchführen. Wir haben eine einfache Digitalkamera in eine Retinalkamera umfunktioniert und machen auf diese Weise eine Ferndiagnose durch einen Arzt für jeden Patienten möglich.
Diese Maßnahme hatte zur Folge, dass wir im ersten Jahr 40 Prozent der Nachfrage abdecken konnten, was über 50.000 Menschen entspricht. Im zweiten Jahr waren es bereits 75 Prozent. Mit diesem Prozess können wir wirklich den Bedarf abdecken, jeden erreichen, der uns benötigt, und durch den Einsatz unserer Technologie sicher stellen, dass die meisten Bedürftigen gar nicht in unsere Kliniken kommen müssen.
Wie viel also bezahlen sie dafür? Wir erheben einen Festpreis, der berücksichtigt wie viel sie an Fahrtkosten einsparen, so dass sie in etwa 20 Rupien bezahlen, genug für 3 Termine.
Eine andere Hürde bestand darin, High-Tech und fortschrittliche Behandlungen verfügbar zu machen. Wir statteten einen Bus mit VSAT aus, mit dem wir Bilder der Patienten an die Hauptklinik schicken können, wo die Diagnose stattfindet. Währen der Patient noch wartet, kommt das Ergebnis zurück, wird ausgedruckt und dem Patienten übergeben und anschließend wird er beraten, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Maßnahmen wie eine sofortige Behandlung, oder Vereinbarung eines Folgetermins und all dies als Brücke zu technologischer Kompetenz.
Letzten Endes haben wir auf diese Weise den Markt erweitert, weil wir uns auf Nicht-Kunden ausgerichtet haben. und weil wir auf eine gute Erreichbarkeit für alle abzielten, haben wir den Markt bedeutend vergrößert.
Eine Aufgabe dabei ist sicherlich effizient zu wachsen trotz einer relativ geringen Anzahl behandelnder Ärzte. In diesem Video sehen wir eine Augen-OP, und hier nebenan wird der nächste Patient vorbereitet. Sobald die eine Operation erledigt ist, drehen sie nur das Mikroskop herüber, die Tische sind in der idealen Distanz platziert und durch diese Kniffe sind wir in der Lage die Produktivität des Arztes zu vervierfachen.
Jedem Arzt steht dabei ein Team zur Seite. Diese Mädchen, die wir aus den Dörfern angeheuert haben sind das eigentliche Rückgrat der Organisation. Sie erledigen sämtliche handwerklichen Routineaufgaben. Sie erledigen jeweils nur eine Aufgabe. Diese jedoch extrem gut. Das Resultat ist eine hohe Produktivität, sehr hohe Qualität bei sehr geringen Kosten. Alles in allem war es wirklich die Produktivität unserer Arbeitskraft, die wesentlich höher war als anderswo.
Es ist ein sehr geschäftiger Bereich, aber ich denke wir haben gezeigt, dass wir unsere Qualität mit einer sehr sehr guten Qualitätssicherung untermauert haben. Als Resultat davon sind unsere Komplikationsraten wesentlich geringer als in Großbritannien, was man wohl auch nicht all zu häufig sieht.
Zu guter Letzt will ich darüber sprechen, wie dieses System finanziell funktionieren kann, wenn die Menschen nicht dafür bezahlen können. Wir haben eine Menge Leistung kostenlos abgegeben, und diejenigen die etwas bezahlen konnten, zahlten den üblichen Marktpreis, nicht mehr, und häufig viel weniger. Die Ineffizienz des Marktes kam uns dabei zu Gute. Sie hat uns viel geholfen, auch jetzt noch. Und natürlich muss man die Einstellung haben, Dinge zu verschenken, die man im Überfluss hat.
Aufgrund dessen haben sich die Ausgaben über die Jahre parallel zu den Volumina entwickelt. Unsere Erlöse sind dabei deutlich schneller angestiegen, was uns einen gesunden Profit beschert hat, und das obwohl wir viele Leute kostenlos behandeln. Absolut gesehen haben wir im letzten Jahr etwas über 20 Millionen Dollar eingenommen, etwa 13 Millionen ausgegeben und damit eine Marge von 40% vor Steuern.
All dies bedeutet, über das hinauszugehen, was wir tun, oder was wir getan haben, wenn wir wirklich das Problem Blindheit lösen wollen. Also haben wir einige ungewöhnliche Maßnahmen durchgeführt. Zunächst haben wir uns selbst Konkurrenz gemacht, und anschließend Augenbehandlungen bezahlbar gemacht in dem wir kostengünstige Verbrauchsmaterialien produziert haben. Wir haben proaktiv und systematisch unsere Vorgehensweisen in vielen Krankenhäusern in Indien eingeführt, viele davon in unserer Nachbarschaft und in anderen Teilen der Welt. Als Ergebnis haben diese Krankenhäuser 2 Jahre nach unserer Beratung ihren Umsatz verdoppelt und sind dabei profitabel geworden.
Auf der anderen Seite stand die Frage, wie wir mit steigenden technologischen Kosten umgehen. Es hat eine Situation gegeben wo wir die Preise für künstliche Linsen nicht erfolgreich herunterhandeln konnten, also begannen wir, sie selbst zu produzieren. Und nach einiger Zeit konnten wir die Kosten drastisch senken, auf nur noch 2 Prozent der ursprünglichen Kosten. Heute haben wir glaube ich etwa 7 Prozent Anteil am Weltmarkt, und werden in ca. 120 Ländern eingesetzt.
Hat das ganze weitreichende Relevanz, oder betrifft es nur Indien oder Entwicklungsländer? Um dies herauszufinden, haben wir Großbritannien und Aravind verglichen. Es stellt sich heraus, dass wir bei etwa 60 Prozent im Vergleich zum britischen Volumen liegen, das wiederum bei rund einer halben Million Operationen liegt. Wir führen etwa 300.000 durch. WIr bilden etwa 50 Augenärzte aus, verglichen mit ihren 70, bei vergleichbarer Qualität, sowohl in Ausbildung als auch Behandlung. Wir vergleichen also Äpfeln mit Äpfeln. Wir haben uns die Kosten angeschaut. (Gelächter)
Es wäre einfach zu sagen, dass das nur funktioniert, weil Großbritannien eben nicht Indien ist. Ich denke, dass da mehr dahinter steckt. Man sollte auch andere Aspekte in Betracht ziehen. Vielleicht liegt die Lösung für die Kosten in der Produktivität, in der Effizienz oder klinischen Prozessen, oder wie viel sie für Linsen oder Verbrauchsmaterialien bezahlen, oder Regulierung, der Ansatz defensiver Medizin... Dieses Rätsel zu entschlüsseln könnte für die meisten Industrieländer wichtige Erkenntnisse bringen, unter anderem den USA, und vielleicht erholen sich dann auch die Umfrageergebnisse von Obama.
Eine Erkenntnis die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte, in Situationen wo die Probleme dergestalt groß sind, und die alle wirtschaftlichen Schichten durchdringen, und wo wir eine gute Lösung haben, kann denke ich die Vorgehensweise wie ich sie beschrieben habe, also Produktivität, Qualität und eine patientenorientierte Behandlung, eine Antwort geben, die in vielen Bereichen Anwendung finden kann. Nehmen Sie beispielsweise Zahntechnik, Hörgeräte, Geburtshilfe und so weiter. In vielen Bereichen kann dieser Ansatz verwendet werden, aber eine der möglicherweise größten Hürden, ist eher emotional begründet.
Wie schaffe ich Mitgefühl? Wie machen sich Menschen diese Probleme zu eigen, machen sich Gedanken, was sie tun können? Das ist eine schwierige Aufgabe. Ich bin sicher, Leute in diesem Publikum können Lösungen finden.
Ich möchte daher meinen Vortrag mit einem Gedanken und einer Aufgabe für Sie abschliessen.
Dr. V. : Wenn wir unser spirituelles Bewusstsein erweitern identifizieren wir uns mit allem was uns umgibt, so etwas wie Ausnutzung gibt es dann nicht. Wir sind es selbst, denen wir helfen. Es sind wir selbst, die wir heilen.
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Das revolutionäre Aravind System zur Augenbehandlung hat Millionen Menschen das Augenlicht wiedergegeben. Thulasiraj Ravilla berichtet über das brilliante Konzept, das Behandlunkskosten senkt und zugleich die Qualität steigert; und warum diese Methodik eine neue Betrachtungsweise sämtlicher Dienstleistungen am Menschen bewirken sollte.
Thulasiraj Ravilla is the executive director of the Lions Aravind Institute of Community Ophthalmology, helping eye-care hospitals around the world build capacity to prevent blindness. Full bio »
Translated into German by Berthold Barth
Reviewed by Annegret Krueppel
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25:50 Posted: Jul 2006
Views 225,262 | Comments 43
03:18 Posted: Dec 2006
Views 685,325 | Comments 122
22:18 Posted: Oct 2007
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