Vor einem Jahr habe ich Ihnen von einem Buch berichtet, das gerade in den letzten Zügen der Fertigstellung lag. Es ist in der Zwischenzeit erschienen und ich würde Ihnen heute gerne von einigen der Auseinandersetzungen erzählen, die sich an diesem Buch entzündet haben. Das Buch trägt den Titel "Das unbeschriebene Blatt", der populären Vorstellung wegen, dass der menschliche Geist ein unbeschriebenes Blatt sei und alle seine Struktur von seiner Sozialisierung, Kultur, Erziehung und Erfahrung herrühre. Das "unbeschriebene Blatt" war eine einflussreiche Idee im 20. Jahrhundert. Folgende Zitate mögen dies verdeutlichen: "Der Mensch hat keine Natur", stammt vom Historiker Jose Ortega y Gasset; "Der Mensch hat keine Instinkte", von der Anthropologin Ashley Montagu; "Das menschliche Hirn ist zu einer großen Bandbreite von Verhaltensweisen fähig, zu keiner aber vorprogrammiert", vom kürzlich verstorbenen Wissenschaftler Stephen Jay Gould.
Es gibt eine Reihe von Gründen, anzuzweifeln, dass der menschliche Geist ein unbeschriebenes Blatt ist, und einige davon legt schlicht der gesunde Menschenverstand nahe. Wie mir viele Menschen im Lauf der Zeit erzählt haben, weiß jeder, der mehr als ein Kind hat, dass Kinder schon bei der Geburt bestimmte Temperamente und Talente besitzen; es kommt nicht alles von Außen. Oh, und alle, die sowohl ein Kind wie auch ein Haustier haben, werden sicher bemerkt haben, dass das Kind, wenn man mit ihm spricht, eine menschliche Sprache erwerben wird, das Haustier hingegen nicht, wohl deshalb, weil es einen angeborenen Unterschied zwischen ihnen gibt. Und alle, die schon einmal eine heterosexuelle Beziehung hatten, wissen, dass Männer und Frauen sich in Ihrem Denken nicht unbedingt gleichen. Es finden sich auch, glaube ich, immer mehr Hinweise in den Humanwissenschaften dafür, dass wir tatsächlich nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen. Einer davon, in der Anthropologie, ist die Erforschung menschlicher Universalien. Wenn Sie jemals Anthropologie belegt haben, dann wissen Sie, dass es eine bestimmte professionelle Neigung von Anthropologen gibt, zu zeigen, wie fremdartig andere Kulturen sein können, und dass es Orte dort draußen gibt, an denen angeblich alles ganz anders ist, als hier. Betrachtet man aber stattdessen was die Kulturen der Welt gemeinsam haben, dann wird man sehen, dass ein unfassbar reichhaltiges Arsenal an Verhaltensweisen und Gefühlsregungen und Weltanschauungen gibt, welche in allen der mehr als 6000 Kulturen dieser Erde vorzufinden sind. Der Anthropologe Donald Brown hat den Versuch unternommen, sie alle aufzulisten und sie reichen von Ästhetik, Affekten und Altersstatus bis hin zu Entwöhnung, Waffen, Wetter - Versuche, es zu kontrollieren - die Farbe Weiß, und Weltanschauung.
Genauso zeigen Genetik und Neurologie zunehmend, dass das Gehirn kompliziert aufgebaut ist. Dies ist eine neue Studie des Neurobiologen Paul Thompson und seiner Kollegen, in der sie, mittels MRI, die Verteilung von grauer Masse gemessen haben, also der äußeren Schicht des Kortex, und zwar über ein große Gruppe von Probandenpaaren. Codiert wurden Korrelationen in der Dicke der grauen Masse in verschiedenen Bereichen des Gehirns unter Zuhilfenahme eines Falschfarbenschemas, bei dem kein Unterschied violett dargestellt wird, und jede andere nichtviolette Farbe auf statistisch signifikante Korrelationen hindeutet. Und so sieht es aus, wenn Vergleichspersonen rein zufällig ausgewählt werden. Definitionsgemäß können zwei zufällig ausgewählte Personen keine Korrelationen in der Verteilung der grauen Masse im Kortex aufweisen. So sieht es aus, wenn man Personen vergleicht, die die Hälfte ihrer DNA -- zweieiige Zwillinge also -- gemeinsam haben. Wie Sie sehen können, sind große Teile des Gehirns nicht violett, woran ersichtlich wird, dass wenn bei dem einen Proband ein Teil des Kortex in diesem Bereich dicker ist, das bei seinem Zwilling ebenso der Fall ist. Und so sieht es aus, wenn man ein Personenpaar testet, das seine gesamte DNA gemeinsam hat -- also Klone, oder eineiige Zwillinge. Und man kann riesige Abschnitte des Kortex erkennen, in denen gewaltige Korrelationen in der Verteilung der grauen Masse gemessen werden.
Jetzt sind dies aber nicht nur unterschiede in der Anatomie, wie die Form unserer Ohrläppchen, sondern diese hier haben Auswirkungen auf Denken und Verhalten, wie sie dieser berühmte Cartoon von Charles Addams illustriert: "Seit ihrer Geburt getrennt, führt der Zufall die Mallifert-Zwillinge zusammen." Wie sie sehen, sind hier zwei Erfinder dargestellt, die identische Apparate auf dem Schoß tragen, und sie begegnen sich im Wartezimmer eines Patentanwalts. Der Cartoon übertreibt noch nicht mal besonders, weil Studien mit eineiigen Zwillingen, welche kurz nach der Geburt getrennt und dann im Erwachsenenalter untersucht wurden, zeigen, dass diese erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen. Und das zeigte sich bei jedem Paar eineiiger Zwillinge, die, kurz nach der Geburt getrennt, später untersucht wurden, in viel geringerem Maße aber mit kurz nach der Geburt getrennten zweieiigen Zwillingen Mein liebstes Beispiel ist ein Zwillingspaar, von dem der eine als Katholik in einer Nazi-Familie in Deutschland aufwuchs, und der andere in einer jüdischen Familie in Trinidad. Als sie das Labor in Minnesota betraten trugen beide die gleichen marineblauen Hemden mit Schulterklappen, beide mochten es, gebutterten Toast in Kaffee zu tunken, beide hatten Gummibänder um ihre Handgelenke, beide betätigten die Spülung bevor und nachdem sie die Toilette benutzten, und beide liebten es, Leute zu erschrecken, indem sie in vollbesetzten Aufzügen niesten, und sie zusammenzucken zu sehen. Zugegeben -- die Geschichte klingt viel zu gut, um wahr zu sein, aber wenn man unzählige psychologische Tests durchführt, erhält man immer die selben Resultate -- und zwar, dass eineiige Zwillinge, die kurz nach der Geburt getrennt wurden, als Erwachsene wirklich erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen.
Wenn schon der gesunde Menschenverstand und nun auch die wissenschaftlichen Daten die Lehre vom unbeschrieben Blatt in Frage stellen, warum hatte diese Vorstellung dann jemals eine solche Anziehungskraft? Nun gut, es gibt eine Reihe politischer Gründe dafür, dass sie den Leuten gut gefällt. Der erste ist, dass wenn wir unbeschriebe Blätter sind dann sind wir per Definition alle gleich sind, denn Null ist gleich Null ist gleich Null. Sollte aber etwas auf dem Blatt geschrieben sein, dann könnten ja manche Leute mehr davon haben, als andere, und denkt man das konsequent weiter, würde das Diskriminierung und Ungleichheit rechtfertigen.
Eine andere politische Furcht vor der menschlichen Natur liegt darin begründet, dass wir, wenn wir unbeschriebene Blätter sind, die Menschheit zur Vollendung führen können, der ewige Traum unsere Spezies mittels sozialer Manipulation zu perfektionieren. Kommen wir jedoch mit gewissen Trieben zur Welt, dann verurteilen uns vielleicht einige davon zu Selbstsucht, Vorurteil und Gewalt. In meinem Buch behaupte ich nun, dass es sich dabei in der Tat um Fehlschlüsse handelt. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Zunächst einmal ist das Konzept der Fairness nicht dasselbe wie das Konzept der Gleichheit. Und wenn also Thomas Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung schrieb: "Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind," meinte er nicht "Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Mensche Klone sind." Sondern eher, dass alle Menschen gleich sind in Hinsicht auf ihre Rechte, und dass alle als Individuen behandelt und nicht vorverurteilt werden sollten anhand der Statistik bestimmter Gruppen zu denen sie gehören. Gleichermaßen gilt, selbst wenn wir mit gewissen unehrenhaften Motiven zur Welt kommen, führen diese doch nicht zwangsläufig zu unehrenhaftem Verhalten. Das liegt daran, dass der menschliche Geist ein komplexes System mit vielen Teilen ist, und manche davon können andere hemmen. Es gibt zum Beispiel gute Gründe, anzunehmen, dass so gut wie alle Menschen mit einem Sinn für Moral geboren werden, und dass wir kognitive Fähigkeiten haben, die uns erlauben aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Und selbst wenn Menschen den Drang zur Selbstsucht oder Gier haben, so ist das nicht das einzige, was in ihrem Schädel befindlich ist, und da sind andere Teile des Verstandes, die dem entgegenwirken können.
In meinem Buch berühre ich Kontroversen wie diese und eine Reihe weiterer heißer Themen, Sperrgebiete, Tschernobyls, Starkstromleitungen, und so weiter, wie zum Beispiel die schönen Künste, das Klonen, Kriminalität, den Freien Willen, Schulbildung, Evolution, Geschlechterunterschiede, Gott, Homosexualität, Kindsmord, Ungleichheit, Marxismus, Moral, Nazismus, Kindererziehung, Politik, Rasse, Religion, Rohstoffausbeutung, Soziale Manipulation, Technologische Risiken und Kriege. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass es riskant war, diese Themen abzuhandeln. Als ich den ersten Entwurf für das Buch schrieb schickte ich ihn einigen Kollegen mit der Bitte um Anmerkungen, und dies sind einige ausgewählte Rückmeldungen, die ich erhalten habe: "Schau dass Du eine Überwachungskamera an Deinem Haus anbringst." "Rechne nicht damit, noch irgendwelche Auszeichnungen, Jobs oder Posten in wissenschaftlichen Vereinigungen angeboten zu bekommen." "Sag Deinem Verlag, er soll nicht Deinen Wohnort in Deiner Autoren-Biografie erwähnen." "Bist Du unkündbar?" (Lachen)
Wie gesagt, das Buch ist im Oktober erschienen und nichts Schreckliches ist passiert. Ich -- Ich möchte -- Es gab wirklich Gründe dafür, nervös zu sein, und in manchen Momenten war ich nervös, da mir bekannt ist, was schon alles mit Leuten passiert ist, die umstrittene Positionen vertreten haben oder beunruhigende Entdeckungen in den Verhaltenswissenschaften gemacht haben. Es gibt viele Fälle, von denen ich einige in meinem Buch schildere, von Menschen, die verunglimpft, als Nazis beschimpft, tätlich angegriffen oder mit Strafverfolgung bedroht wurden, weil Sie über umstrittene Befunde stolperten oder solche Standpunkte vertreten haben. Und man weiß ja nie, wann man auf eine dieser Tretminen tritt. Mein liebstes Beispiel sind zwei Psychologen, die über Linkshänder forschten, und Zahlen veröffentlichten, die zeigten, dass Linkshänder im Schnitt anfälliger für Krankheiten sind, häufiger Unfälle erleiden und eine kürzere Lebenserwartung haben. Es ist übrigens immer noch nicht klar, ob diese Verallgemeinerungen zutreffend sind, damals jedoch schien die Datenlage dies zu stützen. Wie dem auch sei, schon bald wurden Sie bombardiert mit erbosten Briefen, Todesdrohungen, einer Sperre zu diesem Thema in gewissen wissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren, die von empörten Linkshändern und deren Anwälten stammten und sie waren buchstäblich zu verängstigt, ihre Post zu öffnen, wegen der Giftigkeiten und Schmähungen die sie aus Unachtsamkeit heraufbeschworen haben.
So, der Abend ist noch jung, aber das Buch ist jetzt seit einem halben Jahr auf dem Markt und noch ist nichts schreckliches passiert. Keine der schlimmen beruflichen Folgen ist eingetreten -- Ich wurde nicht aus der Stadt Cambridge verbannt. Worüber ich aber sprechen wollte sind die beiden heißen Eisen die die heftigsten Reaktionen ausgelöst haben in den Paar-und-Achtzig Rezensionen, welche über "Das unbeschriebene Blatt" erschienen sind. Lassen sie mich für ein paar Sekunden diese Liste einblenden, und schauen wir, ob Sie raten können, welche zwei -- ich würde schätzen dass wohl auf zwei dieser Themen 90 Prozent der Reaktionen in den diversen Besprechungen und Radio-Interview angeregt haben. Es sind nicht Gewalt und Krieg, nicht Rasse, es ist nicht Geschlecht, es ist nicht Marxismus, nicht Nazismus. Es sind: Die schönen Künste und Kindererziehung. (Lachen) Lassen Sie mich Ihnen also sagen, was so erzürnte Antworten provozierte, und ich werde Sie entscheiden lassen, ob diese -- ob die Behauptungen wirklich so abscheulich sind.
Beginnen wir mit den schönen Künsten. Ich merke an, dass ein Punkt auf der langen Liste der menschlichen Universalien, die ich einige Folien zuvor gezeigt habe, die Künste sind. Es wurde noch keine Gesellschaft entdeckt in keinem noch so entfernten Winkel der Welt, die nicht irgendetwas aufwies, das wir als Kunst ansehen würden. Bildende Kunst -- das Verzieren von Oberflächen und Körpern -- scheint eine menschliche Universalie zu sein. Geschichten zu erzählen, Musik, Tanz, Dichtkunst -- in allen Kulturen zu finden. und viele der Motive und Leitthemen, die -- hmm -- uns wir als Kunst genießen, wiederholen sich in allen menschlichen Gesellschaften: Eine Vorliebe für Symmetrien, Wiederholung und Abwechslung, sogar ganz spezielle Sachverhalte, wie zum Beispiel dass überall Gedichte aus knapp drei Sekunden langen Verszeilen bestehen, welche mit Pausen voneinander abgesetzt sind. Nun hört man andererseits häufig seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass die schönen Künste im Niedergang begriffen seien. Und ich habe eine Sammlung von vielleicht zehn, fünfzehn Schlagzeilen aus Kulturzeitschriften die den Umstand beklagen, dass die Künste zu unseren Lebzeiten unterzugehen drohen. Ich zeige Ihnen eine Handvoll repräsentativer Zitate: "Wir können mit einiger Gewissheit feststellen, dass unser Zeitalter eines des Niedergangs ist, dass das Niveau unserer Kultur geringer ist als es das noch vor 50 Jahren war, und dass Beweise für diesen Niedergang in jedem Bereich menschlichen Tuns offensichtlich sind." Das stammt von T.S. Eliot, geschrieben vor etwas mehr als 50 Jahren. Und ein etwas Zeitgenössischeres: "Die Möglichkeiten, Hochkultur in unserer Zeit am Leben zu halten, nehmen zusehends ab. Anspruchsvolle Buchhandlungen büßen ihren Umsatz ein, kommunale Theater überleben vorwiegend durch die Kommerzialisierung ihres Repertoires, Symphonieorchester verwässern Ihre Programmgestaltung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist zunehmend abhängig von der Wiederholung angloamerikanischer Sitcoms, immer mehr Radiosender für klassische Musik verschwinden, Museen versuchen sich an pompösen Ausstellungen, der Tanz stirbt aus." Das stammt von Robert Brustein, dem bekannten Theaterkritiker und Regisseur, veröffentlicht in "The New Republic" vor etwa fünf Jahren.
In Wirklichkeit befinden sich die Künste gar nicht im Niedergang. Das wird, denke ich, für keinen hier eine Überraschung sein, sondern, wie man auch misst, sie haben niemals üppiger und vielfältiger geblüht. Es gibt natürlich völlig neue Kunstformen und neue Medien, von denen Sie in den letzten Tagen vieles gehört haben. Unter ökonomischem Blickwinkel schießt die Nachfrage nach jeglicher Art von Kunst durch die Decke, was man an den Preisen für Eintrittskarten in die Oper, der Anzahl der verkauften Bücher, der Anzahl veröffentlichter Bücher, der Anzahl veröffentlichter Musiktitel, der Anzahl neuer Alben, und so weiter, erkennen kann. Der einzige Körnchen Wahrheit an dieser Klage, dass die Künste im Niedergang begriffen seien, findet sich in drei Bereichen. Einer davon ist die Hochkultur seit 1930 -- zum Beispiel, die Art von Stücken, die große Symphonieorchester aufführen, deren Repertoire im wesentlichen älter ist als 1930, oder die Arbeiten, die in großen Galerien oder berühmten Museen gezeigt werden. Im Bereich der Literaturkritik und -analyse war noch vor 40 bis 50 Jahren der Kritiker eine Art von kulturellem Vorkämpfer; heute ist er eine Art nationaler Witzfigur. Ein Anderer die Geistes- und Kunstwissenschaften an den Universitäten, die sich in vielfacher Hinsicht tatsächlich im Niedergang befinden. Studenten bleiben ihnen scharenweise fern, die Universitäten streichen Mittel in den philosophischen Fakultäten.
Und hier ist eine Diagnose: Sie haben nicht darum gebeten, aber wie sie selbst zugeben, brauchen sie jegliche Unterstützung, derer sie habhaft werden können. Ich wage zu behaupten, dass es kein Zufall ist, dass dieser vermeintliche Niedergang der Hochkultur und ihrer Kritiker zu eben dem Zeitpunkt einsetzte an dem es eine weitverbreitete Leugnung der menschlichen Natur gab. Ein berühmtes Zitat dazu findet sich -- wenn Sie im Netz suchen, werden Sie es haufenweise in Englischlehrplänen finden -- "Um den Dezember 1910 herum veränderte sich die menschliche Natur." Eine Paraphrase einer Äußerung von Virginia Wolff, und es wird sich darum gestritten, was sie eigentlich damit gemeint habe. Sehr klar wird jedoch, betrachtet man diese Lehrpläne, dass -- jetzt wird es verwendet, um zum Ausdruck zu bringen, dass Kunstformen und Kunstverständnis, etabliert für Jahrhunderte oder Jahrtausende, im 20. Jahrhundert aufgegeben wurden. Schönheit und Genuss der Kunst -- womöglich etwas allgemein Menschliches -- wurden -- fingen an, als süßlich, kitschig oder kommerziell wahrgenommen zu werden. Barnett Newman ist bekannt für seine Äußerung, dass der Antrieb der modernen Kunst das Streben sei, Schönheit zu zerstören, was als bourgeois und schäbig angesehen wurde. Und hier ist ein Beispiel. Sehen Sie, dass ist vielleicht ein repräsentatives Beispiel für die bildhafte Darstellung des weiblichen Körpers im 15. Jahrhundert; hier sehen Sie ein repräsentatives Beispiel der Darstellung des weiblichen Körpers im 20. Jahrhundert. Und wie Sie sehen können, gab es -- etwas hat sich verändert in der Art und Weise, in der die hohen Künste die Sinne ansprechen.
Tatsächlich gab es in den Strömungen der Moderne und der Post-Moderne bildende Kunst ohne Schönheit, Literatur ohne Erzählstrang und Handlung, Lyrik ohne Versmaß und Reim, Architektur und Planung ohne Schmuck, menschliches Maß, Grünflächen und natürliches Licht, Musik ohne Melodie und Rhythmus und Kritik ohne Klarheit, ästhetisches Augenmerk und Einsicht in die conditio humana. (Lachen) Gewähren Sie mir ein Beispiel, um diese letzte Aussage zu bekräftigen. Denn hier, dort -- eine der anerkanntesten englischen Literaturwissenschaftlerinnen unserer Tage ist die berkeleyer Professorin Judith Butler. Und dies ist ein Auszug aus einer ihrer Abhandlungen: "Der Schritt von einer strukturalistischen Schilderung, in der Kapital als die gesellschaftlichen Beziehungen in recht gleichwertiger Weise zu gliedern aufgefasst wird , hin zu einem hegemonistischen Blickwinkel, unter dem Machtbeziehungen der Wiederholung unterworfen sind, sowie Konvergenz und ständiges Wiederkehren verliehen dem Nachdenken über Struktur eine Dimension der Zeit und markieren die Abkehr von der Gestalt althusserischer Theorie, welche strukturelle Totalitäten als theoretische Objekte behandelt..." Genug, Sie merken, worauf ich hinaus will. Das ist übrigens nur ein Satz -- man kann ihn tatsächlich grammatisch zergliedern. Also, in "Das unbeschrieben Blatt" habe ich argumentiert dass Hochkultur und Kritikerwesen im zwanzigsten Jahrhundert, wenngleich nicht die Künste im Allgemeinen, Schönheit, Genuss, Klarheit, Einsicht und Stil mit Verachtung gestraft haben. Die Menschen lassen die Finger von Hochkultur und Kritikerwesen. Wie seltsam -- ich frage mich, warum? Nun ja, diese Aussage hat sich als die umstrittenste Behauptung im ganzen Buch herausgestellt. Einmal wurde ich gefragt, ob ich sie gezielt eingefügt hätte, um den Wutreflex von den Diskussionen über Geschlechterfragen und Nazismus und Rasse und so weiter abzulenken. Ich werde das nicht kommentieren. Aber eine energische Reaktion hat sie schon bei vielen Universitätsprofessoren hervorgerufen.
Nun, das andere heiße Eisen ist die Kindererziehung. und Ausgangspunkt ist -- für diese Diskussion war es die Tatsache, dass wir alle den Ratschlägen des Erziehungs-Industriellen Komplexes ausgesetzt waren. Dies ist -- dies ist ein ausgewähltes Zitat einer bedrängten Mutter: "Ich kann die Masse von Ratschlägen kaum bewältigen. Man erwartet von mir, dass ich meinen Kindern viel Bewegung verschaffe, damit sie sich an körperliche Fitness gewöhnen, damit sie zu gesunden Erwachsenen heranreifen. Und ich soll meine Kindern geistig fördern, damit zu klugen Köpfen heranreifen. Und es gibt so viele Arten von Spielen -- Kneten für geschickte Finger, Wortspiele für Lesefähigkeit, grobmotrische Spiele, feinmotorische Spiele. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben damit zubringen zu können, was ich mit meinen Kindern spielen soll." Ich glaube, alle Eltern können dieser Mutter gut nachfühlen.
Aufgemerkt, hier kommen einige Ernüchternde Fakten zur Kindererziehung. Die meisten Studien über Kindererziehung, auf denen diese Ratschläge aufbauen, sind nutzlos. Sie sind nutzlos, weil sie Vererbung nicht einkalkulieren. Sie messen irgendeine Korrelation zwischen dem was die Eltern machen, wie das Kind sich entwickelt und schlussfolgern eine kausale Beziehung: Die Erziehung formte das Kind. Eltern, die viel mit ihren Kindern sprechen haben Kinder, die sich später gut ausdrücken können, Eltern, die ihre Kinder züchtigen haben Kinder, die später gewalttätig sind und so weiter und so fort. Und kaum eine von ihnen fragt nach der Möglichkeit, dass Eltern Gene weitergeben, die die Chancen erhöhen, dass ihr Kind später redegewandt, gewalttätig, und so weiter sein wird. Solange diese Studien nicht mit adoptierten Kindern wiederholt werden, wo den Kindern zwar ein Umfeld, aber keine Gene gegeben werden, werden wir nicht wissen, ob diese Schlussfolgerungen gültig sind.
Versuchsaufbauten, die die Genetik berücksichtigen, bringen ernüchternde Ergebnisse. Erinnern sie sich an die Mallifert-Zwillinge: Kurz nach Geburt getrennt treffen sie sich später im Patentbüro -- einander erstaunlich ähnlich. Was wäre denn nun passiert, wenn die Mallifert-Zwillinge gemeinsam aufgewachsen wären? Dann, so könnte man denken, nun, dann wären sie einander noch ähnlicher, weil ihnen jetzt nicht nur ihre Gene gemeinsam wären, sondern auch ihre ganze Umgebung. Das würde sie super-ähnlich machen, richtig? Falsch. Eineiige Zwillingen, oder alle Geschwister, die nach der Geburt getrennt werden, sind nicht weniger ähnlich als wenn sie gemeinsam aufgewachsen wären. Alles was einem über die Jahre zuhause widerfährt scheint keine dauerhaften Spuren zu hinterlassen in der Persönlichkeit oder dem Intellekt. Ein komplementärer Befund, mit gegensätzlicher Methode gewonnen, ist, dass Adoptivgeschwister, die gemeinsam aufwachsen, das Gegenteil also von eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwachsen, -- diese haben Eltern, Zuhause, und Umgebung gemeinsam, aber nicht ihre Gene -- einander als Erwachsene überhaupt nicht ähneln. OK -- zwei unterschiedliche Forschungsbereiche mit ähnlichen Befunden.
Was dies nahelegt ist, dass Kinder geformt werden nicht von ihren Eltern, auf lange Sicht, sondern in Teilen -- nur zu Teilen -- von ihren Genen, in Teilen von ihrer Kultur -- der Landeskultur im allgemeinen und der Kultur des Kindes, nämlich seinen Altersgenossen -- wie wir von Jill Sobule heute gehört haben ist es das, worum Kinder sich Gedanken machen -- und in großem Ausmaß, größer als die meisten Leute bereit sind, zuzugeben, durch Zufälle: Zufälle bei der Leitungsbildung des Gehirns im Mutterleib; Zufälle, die uns von Tag zu Tag treffen können.
So lassen Sie mich abschließend eine kurze Anmerkung machen, um wieder auf das Thema der freien Wahl zu kommen. I glaube, dass die Wissenschaften von der menschlichen Natur -- Verhaltensgenetik, Evolutionspsychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaften -- in den nächsten Jahren immer mehr und verschiedenste Dogmen umstürzen werden, ganze Karrierewege und tief verwurzelte politische Überzeugungen. Und dies stellt uns vor eine Entscheidung. Die Entscheidung, ob bestimmte Tatsachen in Bezug auf den Menschen, oder ganze Fragenkomplexe, als Tabus angesehen werden sollten, als Reich verbotenen Wissens, in das wir nicht vordringen sollten, weil von dort nichts gutes kommen könne, oder ob wir auch diese ehrlich erforschen sollen. Ich gebe meine eigene Antwort auf diese Frage in den Worten eines der Großen Künstler des 19. Jahrhunderts, Anton Tschechow, der sagte: "Der Mensch wird sich bessern, wenn man ihm vor Augen führt, wie er heute ist." Und ich finde, man kann dies gar nicht besser sagen. Vielen Dank. (Applaus)
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Steven Pinker behauptet in seinem Buch "Das unbeschriebene Blatt", dass alle Menschen mit einer Reihe angeborener Wesenszüge zur Welt kommen. In seinem Vortrag führt er diese These aus und erklärt, warum einige Leute diese als so unfassbar empörend empfanden.
Linguist Steven Pinker questions the very nature of our thoughts -- the way we use words, how we learn, and how we relate to others. In his best-selling books, he has brought sophisticated language analysis to bear on topics of wide general interest. Full bio »
Translated into German by Matthias Daues
Reviewed by Dominik Weickgenannt
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19:15 Posted: Sep 2007
Views 1,229,055 | Comments 504
21:16 Posted: Sep 2006
Views 5,103,757 | Comments 717
19:11 Posted: Jan 2007
Views 516,752 | Comments 106
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