Sie werden sich darüber freuen, dass ich nicht über meine eigene Tragödie sprechen werde, sondern über die Tragödien anderer. Die Tragödien anderer Menschen kann man leichter nehmen als die eigene und ich möchte dem beschwingten Geist dieser Konferenz gerecht werden.
Wenn man den Medienberichten glaubt, war das Leben eines Drogendealers in der Blütezeit der Crack-Epidemie sehr glamourös, zumindest nach den Worten von Virginia Postrel. Da gab es Geld, Drogen, Waffen, Frauen, und alles Mögliche – Juwelen, Klunker – alles kam darin vor.
Mein Vortrag heute basiert auf 10 Jahren Forschung, einer einzigartigen Gelegenheit, in eine Gang zu gelangen, und einen Einblick in die Bücher der Gang zu bekommen. Die Antwort ist, dass das Leben in einer Gang nicht glamourös ist. Realistisch betrachtet, ist das Leben in einer Gang – für sie Drogen zu verkaufen – wahrscheinlich eher der schlimmste Job in Amerika. Davon möchte ich Sie heute gerne überzeugen.
Ich möchte gerne drei Dinge machen: Zuerst will ich erklären, wie und warum Crack so einen enormen Einfluss auf Gangs in Großstädten hatte. Zweitens will ich Ihnen erzählen, wie jemand wie ich dazu kam, das Innenleben einer Gang zu sehen. Das ist eine ganz interessante Geschichte. Drittens will ich für Sie grob umreißen, was wir herausgefunden haben, als wir tatsächlich Einblick in die finanziellen Aufzeichnungen der Gang bekamen.
Zuerst möchte ich aber eine Warnung aussprechen: Dieser Vortrag wurde von der Organisation amerikanischer Filmproduzenten erst für Zuschauer ab 17 freigegeben. Er beinhaltet Themen und Sprache für Erwachsene. In Anbetracht des Redners werden Sie erfreut sein, dass der Vortrag keine Nacktszenen beinhaltet, außer, falls (Lachen) die Kleidung unerwartet verrutschen sollte. (Lachen)
Fangen wir also dabei an, wie Crack die Gang verändert hat. Dazu müssen wir zuerst in die Zeit davor zurückgehen, in die frühen 80er, und uns in einen Bandenchef hineinversetzen. Ein städtischer Bandenchef führte Mitte der 80er Jahre kein schlechtes Leben oder in den frühen 80ern.
Sie hatten also viel Macht und konnten Leute vermöbeln – Sie genossen viel Prestige und Respekt. Aber es gab kein Geld dabei, okay? Die Gang konnte kein Geld machen. Sie konnten von den Mitgliedern kein Geld verlangen, weil die selber keines hatten. Der Marihuana-Verkauf gab nicht viel her. Denn Marihuana ist zu billig. Man wird davon nicht reich. Sie konnten kein Kokain verkaufen. Kokain ist zwar ein tolles Produkt – Kokain in Pulverform – aber Sie müssen reiche weiße Leute kennen. Die meisten städtischen Gangs kannten keine reichen weißen Leute – sie konnten den Markt nicht bedienen. Kleinkriminalität war auch keine Alternative. Damit kann man nicht sein Leben finanzieren.
Folglich hatten Sie als Bandenchef zwar Macht – und ein ganz gutes Leben – aber im Endeffekt lebten Sie zu Hause bei Ihrer Mutter. Das war also keine wirkliche Karriere. Es war also so, dass Ihre Macht und Ihr Einfluss begrenzt waren, wenn Sie zu Hause bei Ihrer Mutter leben mussten.
Dann tauchte Crack auf. Laut Malcolm Gladwell war [das Kokain-Derivat] Crack die gehaltvollere Version von Tomatensuppe für die Innenstadt. (Lachen) Denn es war eine unglaubliche Innovation. Aus Zeitgründen kann ich heute nicht mehr darüber sagen. Aber von allen Erfindungen und Innovationen der letzten 25 Jahre, die in diesem Land geschehen sind, war die mit dem größten Einfluss auf das Wohlbefinden von Menschen in der Innenstadt Crack. Und zwar im Schlechten – nicht im Guten. Es hatte einen riesigen Einfluss auf das Leben.
Was ist also das Besondere an Crack? Es war eine geniale Art, high zu werden. Weil man Crack rauchen kann – im Gegensatz zu Kokainpulver – und wenn man high werden will, ist Rauchen viel effizienter, als Kokain zu schnupfen. Und eine ganze Zielgruppe wusste gar nicht, dass sie Crack wollte, aber als es auftauchte, dann wollte sie es. Und es war eine perfekte Droge. Sie konnten das erforderliche Kokain für 1 Dollar kaufen und für 5 Dollar verkaufen. Es machte extrem süchtig – das High dauerte nicht lange. Man war also 15 Minuten lang wunderbar high. Und wenn man wieder herunterkam, wollte man sofort wieder high sein.
Es schuf einen wunderbaren Markt. Und für die Leute an der Spitze einer Gang war es scheinbar ein toller Weg, um viel Geld zu machen. Zumindest für die Leute an der Spitze.
An dieser Stelle kommen wir ins Spiel. Nicht ich – ich bin nur ein Nebendarsteller. Mein Co-Autor, Sudhir Venkatesh, ist der Hauptdarsteller. Er hatte als Hauptfach Mathematik studiert und ein gutes Herz, und beschloss, einen Doktortitel in Soziologie zu machen. So kam er an die Universität von Chicago. Die drei Monate vor seiner Reise nach Chicago war er der Rockband "Grateful Dead" hinterhergereist. Er sagte selbst, dass er "wie ein Freak aussah". Er kommt aus Südasien und hat eine sehr dunkle Haut. Er war massig und seine Haare reichten "bis zum Arsch". Man wusste nicht: War er schwarz oder weiß? Ein Mann oder eine Frau? Er war ein wirklich interessanter Anblick.
Er tauchte also an der Universität von Chicago auf. Und der berühmte Soziologe William Julius Wilson schrieb gerade ein Buch über alle Bevölkerungsschichten Chicagos. Er sah Sudhir, der für ihn Umfragen machen sollte, und wusste sofort genau, wohin er ihn schicken würde – zu einem der härtesten und berüchtigsten sozialen Brennpunkte. Und nicht nur in Chicago, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten.
Der Vorstadtjunge Sudhir, der nie in der Innenstadt gewesen war, ergriff also pflichtbewusst sein Notizbrett und machte sich auf den Weg. Er kommt am ersten Haus an. Das erste Haus? Da war niemand. Aber er hört ein paar Stimmen oben aus dem Treppenhaus, also geht er hinauf. Er geht um die Kurve – und sieht eine Gruppe junger Afroamerikaner beim Würfelspiel.
Das war um 1990 – der Höhepunkt der Crack-Epidemie. Es ist sehr gefährlich, in einer Gang zu sein – man wird nicht gerne überrascht. Man wird nicht gerne von Leuten überrascht, die um die Ecke kommen. Das Mantra war: Schieß erst, frag später. Sudhir hatte Glück. Er war ein solcher Freak – und sein Notizbrett rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn sie dachten, kein Rivale aus einer anderen Gang würde mit einem Klemmbrett auf sie schießen. (Lachen)
Sie begrüßten ihn also nicht gerade herzlich, aber sie sagten, ok, hören wir uns einmal deine Fragen an. Die erste Frage, die er stellen sollte, war allen Ernstes: "Wie ist es für Sie, arm und schwarz in Amerika zu sein?" – (Lachen) Da staunt man über Akademiker, oder? (Lachen)
Die Antwortmöglichkeiten waren: sehr gut, gut, schlecht, sehr schlecht. Sudhir fand heraus, dass die ehrliche Antwort darauf die folgende war: [Fuck you] – (Lachen) Es war nicht die Umfrage, die Sudhir am Ende aus der Patsche half. Er wurde über Nacht im Treppenhaus festgehalten. Es wurde viel geschossen; er philosophierte lang mit den Gangmitgliedern. Am Morgen kam der Boss der Gang, schaute sich Sudhir an, beschloss, dass er ungefährlich war, und sie ließen ihn gehen. Sudhir ging nach Hause. Er duschte und legte sich aufs Ohr.
In einer solchen Situation würden Sie und ich vielleicht denken, gut, ich schreibe meine Doktorarbeit über Grateful Dead. Ich bin ihnen drei Monate hinterhergereist. (Lachen)
Sudhir dagegen ging gleich zurück zu den Sozialwohnungen. Er ging zurück in den zweiten Stock und sagte: "Hey Jungs. Gestern habe ich mit euch so viel Spaß gehabt, kann ich das heute wieder machen?" Und das war der Anfang einer schönen Freundschaft, während der Sudhir 10 Jahre lang teilweise in den Sozialwohnungen lebte. Er hing in Crackhäusern herum, ging mit den Gangmitgliedern ins Gefängnis, die Scheiben seines Autos wurden zerschossen, die Polizei brach in seine Wohnung ein und stahl seine Disketten – und noch viel mehr. Für Sudhir nahm die Geschichte aber schließlich ein Happy-End, und er wurde zu einem der angesehensten Soziologen im Land. Es war auch ein Happy-End für mich, als ich im Büro vor meinen Excel-Tabellen saß und auf Sudhir wartete, der mir die neuesten Daten lieferte, die er von der Gang bekommen hatte. Die Arbeit zwischen uns Co-Autoren war äußerst ungleich verteilt – (Lachen) aber ich war froh, dies nützen zu können.
Was haben wir also über die Gang herausgefunden? Ich möchte nur eines sagen. Wir hatten zu jedem in der Gang Zugang. Wir sahen das Innenleben der Gang, vom Fußvolk bis zur Spitze. Sie vertrauten Sudhir auf eine Weise, wie sie keinem einzigen Akademiker oder irgendwem außerhalb der Gang jemals vertraut hatten. Es ging sogar soweit, dass sie etwas äußerst Interessantes zeigten: ihre finanziellen Aufzeichnungen, die sie machten. Und sie zeigten sie uns. Wir durften sie nicht nur analysieren, sondern ihnen dazu auch Fragen stellen.
Wenn ich also in der kurzen Zeit hier zusammenfassen soll, was mein Fazit aus der Gang ist, dann würde ich sagen: Wenn ich die Gang mit einer beliebigen anderen Organisation vergleichen müsste, dann wäre das McDonald's. In vielerlei Hinsicht ist sie wie ein McDonald's-Restaurant.
Zuerst – und das ist vielleicht nicht das Interessanteste, aber ein guter Anfangspunkt – ist da die interne Struktur, die Hierarchie in der Gang. So schaut also das Organigramm aus. Ich weiß nicht, wieviel Sie über Organigramme wissen, aber wenn Sie ein vereinfachtes Organigramm von McDonald's sehen würden, würde es genau so ausschauen. Es ist erstaunlich, aber die Spitze der Gang nennt sich tatsächlich "Vorstandsmitglieder". (Lachen)
Sudhir sagte, diese Leute hatten kein genaues Wissen über den Aufbau amerikanischer Konzerne. Aber sie hatten Filme wie "Wall Street" gesehen und daraus hatten sie ein wenig darüber gelernt, wie es in der wirklichen Welt aussah. Unter den Vorstandsmitgliedern hat man sozusagen regionale VPs – Leute, die z.B. den Süden oder Westen Chicagos beherrschten.
Sudhir kannte den Typen recht gut, der die undankbare Aufgabe hatte, zu versuchen, die Konzession für Iowa zu bekommen. (Lachen) Für diese schwarze Gang war es eines der weniger brillanten finanziellen Unterfangen. (Lachen)
Die größte Ähnlichkeit mit McDonald's hatten sie in ihrem Konzessionsmodell. Die Leute an der Spitze einer örtlichen Gang, die die Gegend um einige Häuserblocks kontrollierten, ähneln den Leuten, die ein McDonald's-Restaurant leiten. Sie sind die Unternehmer. Sie haben exklusive Eigentumsrechte, um den Drogenverkauf zu kontrollieren. Sie dürfen den Namen der Gang verwenden, was für Handel und Marketing wichtig ist. Sie sind es, die im Grunde Gewinne oder Verluste machen, je nachdem, wie gut sie das Geschäft führen.
Die Gruppe, die ich näher betrachten möchte, sind jedoch die Leute ganz unten, das Fußvolk. Sie sind meist Jugendliche, die an der Straßenecke Drogen verkaufen. Eine sehr gefährliche Arbeit. Dabei muss man bedenken, dass fast alle Leute in dieser Organisation ganz unten sind. So wie bei McDonald's. Das Fußvolk ist also den Leuten sehr ähnlich, die bei McDonald's Ihre Bestellung aufnehmen. Und das ist kein Zufall. In diesen Gegenden sind sie dieselben Leute. Die Kids in der Gang arbeiteten also tatsächlich gleichzeitig meist Teilzeit in einem Betrieb wie McDonald's. Das lässt vielleicht erahnen, was ich vorhin schon erwähnt hatte, nämlich welch ein beschissener Job es war, in der Gang zu arbeiten. Wenn nämlich die Arbeit in der Gang so wunderbar und einträglich wäre, warum sollten diese Leute dann Nachtschichten bei McDonald's schieben?
Wie schaut also die Bezahlung aus? Sie werden überrascht sein. Wir waren ja in der Lage, mit ihnen zu sprechen und ihre Aufzeichnungen zu sehen, und so schauen ihre Gehälter aus: Der Stundenlohn des Fußvolks betrug 3,50 USD. Das liegt unter dem Mindestlohn. Und das ist gut dokumentiert. Man kann das leicht anhand ihres Konsumverhaltens sehen. Das ist nicht erfunden – das ist eine Tatsache. Es gab in der Gang nicht viel Geld, besonders ganz unten.
Wenn Sie den Aufstieg schaffen und der örtliche Boss werden, sozusagen der lokale McDonald's-Konzessionsnehmer, machen Sie 100.000 USD pro Jahr. Das wäre sozusagen der beste Job, den man anstreben könnte, wenn man in so einer Gegend als junger Schwarzer aufwächst. Wenn Sie es ganz nach oben schaffen, können Sie auf 200.000 oder 400.000 USD pro Jahr hoffen. Sie wären eine wahre Erfolgsgeschichte.
Einer der traurigen Aspekte bei Crack ist der, dass die talentiertesten Menschen in diesen Gemeinschaften tatsächlich genau danach strebten. Sie versuchten es nicht auf legale Weise, weil es keine legalen Wege gab. Das war der beste Ausweg. Und tatsächlich war es vielleicht die richtige Wahl – es auf diese Art zu schaffen. Schauen Sie sich das an –
der Vergleich zu McDonald's endet hier. Die Bezahlung schaut sehr ähnlich aus. Warum ist das so ein schlechter Job? Der Grund ist, dass oft jemand auf Sie schießt. Wie hoch ist also die Sterblichkeit mit diesen Schießereien? In unserer Gang – und das war zugegebenerweise nicht die Standardsituation – es herrschte gerade intensive Gewalt – viele Bandenkriege – und diese Gang wurde tatsächlich ziemlich erfolgreich. Aber es gab dafür einen Preis. Die Sterblichkeit – ganz abgesehen von der Anzahl der Verhaftungen, Gefängnisstrafen, Verletzungen – die Sterblichkeit in unserer Gruppe lag bei 7% pro Person pro Jahr. Wenn man 4 Jahre in der Gang ist, liegt das Sterberisiko bei 25%. Das ist das Maximum.
Denken wir zum Vergleich an andere Lebenssituationen, wo man ein sehr hohes Risiko erwarten kann. Nehmen wir einmal an, Sie wären ein Mörder, und Sie wären deswegen zum Tode verurteilt worden. Die Sterblichkeit bei zum Tode Verurteilten – egal, welche Methode angewandt wird, inkl. Exekution – beträgt 2% pro Jahr. (Lachen) Es ist also viel sicherer, zum Tode verurteilt zu werden, als auf der Straße Drogen zu verkaufen.
Da fängt man an nachzudenken – besonders die unter Ihnen, die glauben, dass die Todesstrafe einen großen Abschreckungseffekt auf Verbrecher hat. Um Ihnen zu vermitteln, wie schlimm es in den Innenstädten während der Crack-Zeit war – und dabei konzentriere ich mich nicht auf die negativen Aspekte – denn es gibt eine andere Geschichte dazu. Schauen wir uns die Sterblichkeit an: Junge männliche Schwarze, die in amerikanischen Großstädten aufwuchsen, hatten während der Crack-Zeit eine Sterblichkeit von 1%. Das ist sehr hoch. Und es ist ein gewaltsamer Tod – irgendwie unglaublich.
Wenn Sie diese Zahlen mit den Soldaten im Irak vergleichen, die gerade im Krieg kämpfen: 0,5%. Man kann also sagen, dass junge männliche Schwarze, die in diesem Land aufwuchsen, sich in einer Kriegszone befanden wie die Soldaten, die im Irak in einem Krieg kämpfen.
Sie fragen sich vielleicht, warum sollte jemand dazu bereit sein, an einer Straßenecke Drogen für 3,50 USD pro Stunde zu verkaufen, bei einem Sterberisiko von 25% in 4 Jahren? Warum sollten sie das tun? Es gibt da ein paar Antworten.
Ich glaube, sie wurden zuallererst durch die Geschichte getäuscht. Früher war eine Gang ein Initiationsritual. Junge Menschen standen an der Spitze der Gang. Als sie älter wurden, stiegen sie aus. Es geschah Folgendes: Die Leute, die zur rechten Zeit am rechten Ort waren, die Leute, die Mitte und Ende der 80er Jahre Gangs anführten, wurden sehr, sehr reich. Der logische Gedanke war: "Sie werden die Gang verlassen, wie alle davor, und die nächste Generation wird einsteigen und reich werden."
Es gibt also auffallende Ähnlichkeiten mit dem Internetboom, richtig? Die ersten Leute im Silicon Valley wurden sehr, sehr reich. Alle meine Freunde sagten: "Vielleicht sollte ich dasselbe machen." Sie akzeptierten schlechte Bezahlung und hofften auf Aktienoptionen, die sie nie bekamen. Das passierte ganz genau denselben Leuten, die wir uns angeschaut haben: Sie waren bereit, ganz unten anzufangen. Wie z.B. ein Anwalt in einer Kanzlei. Im ersten Jahr ist er bereit, ganz unten anzufangen, 80 Stunden pro Woche für wenig Geld zu arbeiten, weil er glaubt, er wird einmal ein Partner. Aber die Regeln änderten sich, und sie wurden nie zum Partner erhoben.
Die gleichen Leute, die in den späten 80ern die größeren Gangs anführten, führen heute noch immer die größeren Gangs in Chicago an. Sie haben ihren Reichtum nie weitergegeben. Also verharrte jeder in einem Job mit 3,50 USD pro Stunde, und es wurde eine Katastrophe.
Der zweite Grund war, dass die Gang brillant im Marketing und Betrug war. Eine Gang machte also oft Folgendes: Die Bosse hatten eine große Gefolgschaft, sie fuhren teure Autos und trugen teuren Schmuck. Als Sudhir mehr Zeit mit ihnen verbrachte, wurde ihm klar, dass sie diese Autos gar nicht besaßen. Sie leasten sie nur, weil sie sich den Besitz nicht leisten konnten. Ihr Schmuck war nicht aus Gold, sondern nur vergoldet. Es geht also um "ganz-echt" versus "falsch-echt".
Sie haben sehr viel getan, um junge Leute glauben zu machen, was für ein guter Deal die Gang war. Sie drückten beispielsweise einem 14-Jährigen eine ganze Geldrolle in die Hand. Der 14-Jährige sagte dann zu seinen Freunden: "Seht mal, wie viel Geld ich in der Gang bekommen habe." Es war nicht sein Geld, bis er es ausgab. Dann war er praktisch bei der Gang verschuldet und eine Zeitlang eine Art Zwangsarbeiter. Ich habe noch ein paar Minuten.
Eines möchte ich noch sagen. Ich hatte nicht erwartet, dass ich noch erzählen kann, was wir durch das Studium der Gang generell über die Wirtschaft gelernt haben. Wirtschaftswissenschaftler verwenden oft Fachausdrücke. Unsere Theorien versagen oft, wenn wir uns die Daten anschauen. Aber interessanterweise war es so, dass einige der Wirtschaftstheorien, die in der realen Wirtschaft nicht so gut funktionierten, in der Drogenwirtschaft gut funktionierten. Das lag teilweise an deren ungebremstem Kapitalismus. Hier ist ein Wirtschaftsprinzip. Eine der grundlegenden Vorstellungen in der Arbeitsökonomik heißt "kompensierende Lohndifferentiale". Es besagt, dass die Lohnerhöhungen, die ein Arbeiter braucht, damit es ihm egal ist, welche von zwei Aufgaben er ausführt – eine davon ist unangenehmer als die andere – das nennt man "kompensierende Lohndifferentiale". Deshalb nehmen wir an, dass Müllmänner besser bezahlt werden Gärtner im Park, ok?
Ich glaube, die Worte eines der Gangmitglieder machen es klarer. Ich überhole mich gerade selbst. Wenn es einen Bandenkrieg gibt, zahlt die Gang dem Fußvolk doppelt so viel. Es ist genau dasselbe Konzept. Weil sie kein Risiko eingehen wollen. Die Worte eines Bandenmitglieds drücken das sehr schön aus. Er sagt: "Würdest du hier herumstehen, wenn die ganze Scheiße" – also Schießerei – "wenn diese Scheiße passiert? Nein, oder? Wenn ich also mein Leben aufs Spiel setzen soll, dann rück gefälligst das Geld heraus." Das Gangmitglied sagt also viel deutlicher als der Wirtschaftswissenschaftler, was passiert. (Lachen)
Noch ein Beispiel. Ökonomen reden über die Spieltheorie – dass jedes Spiel für 2 Personen ein Nash-Gleichgewicht hat. Hier ist die Übersetzung eines Bandenmitglieds. Sie reden darüber, warum sie nicht herumschießen. Eine großartige Geschäftstaktik in der Gang besteht darin, einfach in die Luft zu schießen – in das Revier der anderen Gang – alle Leute haben Angst, dort Drogen zu kaufen. Also kommen sie zu dir.
Aber ein Bandenmitglied sagt, warum sie es nicht tun. Er sagt: "Wenn wir anfangen, dort herumzuschießen," – im Revier der anderen Gang – "keiner, und kapierst du, keiner betritt ihr Revier. Aber wir müssen aufpassen, weil sie auch hier herumschießen können, und dann sind wir im Arsch." (Lachen) Das ist also das gleiche Konzept. Manchmal liegen Wirtschaftswissenschaftler aber falsch. Wir sahen in den Daten, dass es so aussah, dass der Boss immer bezahlt wurde. Egal, wie es wirtschaftlich aussah, er nahm immer sein Gehalt.
Wir hatten also einige Theorien zum Geldfluss, und fehlenden Zugängen zum Kapitalmarkt, etc. Dann fragten wir aber ein Gangmitglied, "Warum wirst du immer bezahlt und deine Mitarbeiter nicht?" Seine Antwort: "Du hast die ganzen Nigger unter dir, die deinen Job wollen, kapiert? Wenn du Verluste in Kauf nimmst, bist du für sie schwach und die ganze Scheiße." Ich dachte darüber nach und sagte: "CEOs zahlen sich oft einen Millionen-Dollar-Bonus aus, sogar wenn die Firmen viel Geld verlieren. Einem Wirtschaftswissenschaftler würde nie einfallen, dass diese Vorstellung von 'schwach und die ganze Scheiße' wirklich wichtig wäre." Aber vielleicht ist "schwach und die ganze Scheiße" eine wichtige Hypothese, die tiefer analysiert werden sollte.
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Steven Levitt, Autor von "Freakonomics", stellt neue Daten über die finanzielle Seite des Drogenhandels dar. Entgegen einem weitverbreiteten Mythos sagt er, dass Drogenhandel an der Straßenecke nicht einträglich ist: Man arbeitet unter dem Mindestlohn. Und dein Boss kann dich umbringen.
Steven Levitt's eye-opening Freakonomics took economic theory into the real world of suburban parenting and urban drug gangs, turning conventional wisdom upside-down. Full bio »
Translated into German by Johanna Pichler
Reviewed by Judith Matz
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18:58 Posted: Jun 2008
Views 325,328 | Comments 87
15:34 Posted: Jul 2007
Views 359,340 | Comments 124
17:30 Posted: Sep 2006
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