Sie alle wissen, dass wahr ist, was ich gleich sagen werde. Die Intuition, dass Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt schwächt, gab es schon vor der Französischen Revolution. Was neu ist, ist dass uns nun Beweise vorliegen. Wir können Gesellschaften vergleichen, gleichere und ungleichere, und sehen, was Ungleichheit bewirkt. Ich möchte Ihnen Statistiken zeigen und erklären, warum zwischen ihnen Zusammenhänge bestehen.
Schauen Sie mal, was für ein armseliger Haufen wir sind. (Gelächter) Beginnen möchte ich mit einem Paradox. Das hier zeigt Lebenserwartung und Bruttonationaleinkommen – in reichen Ländern im Durchschnitt. Sie sehen, dass die Länder rechts, Norwegen und die USA z.B., doppelt so reich sind wie Israel, Griechenland, Portugal links. Und das ändert gar nichts an ihrer Lebenserwartung. Es spricht nichts für einen Zusammenhang. Aber innerhalb der Gesellschaften gibt es enorme soziale Gefälle in der Gesundheit quer durch die Gesellschaft hindurch. Hier, noch einmal, die Lebenserwartung.
Hier sind kleine Gebiete in England und Wales – die ärmsten rechts, die reichsten links. Ein großer Unterschied zwischen den Armen und dem Rest von uns. Sogar den Menschen knapp unterhalb der Spitze geht es gesundheitlich schlechter als denen ganz oben. Also hat das Einkommen eine sehr große Bedeutung innerhalb einzelner Gesellschaften, und gar keine zwischen ihnen. Die Erklärung für dieses Paradox ist, dass wir es innerhalb der Gesellschaften mit einem relativen Einkommen zu tun haben, der sozialen Position, dem Status – wo wir im Verhältnis zu einander stehen, und wie groß die Abstände zwischen uns sind. Und wenn man das begreift, fragt man sich sofort: Was passiert, wenn die Unterschiede größer werden, oder kleiner, wenn Einkommensunterschiede steigen oder sinken?
Und das zeige ich Ihnen jetzt. Nicht mit hypothetischen Daten. Mit Daten der UN – den gleichen, die die Weltbank benutzt – zum Ausmaß von Einkommensunterschieden in reichen entwickelten Marktdemokratien. Das Maß, das wir verwenden, weil es leicht verständlich ist und zum Download verfügbar, ist, wie viel reicher die obersten 20 Prozent als die untersten 20 Prozent jedes Landes sind. Sie sehen, dass in den gleicheren Ländern links – Japan, Finnland, Norwegen, Schweden – die obersten 20 Prozent um die 3½, 4 mal so reich sind wie die untersten 20 Prozent. Aber auf der anderen Seite – Großbritannien, Portugal, die USA, Singapur – sind die Unterschiede doppelt so groß. Auf dieser Skala sind wir doppelt so ungleich wie einige andere der erfolgreichen Marktdemokratien.
Jetzt zeige ich Ihnen, was das mit unseren Gesellschaften macht. Wir haben Daten zu Problemen mit sozialem Gefälle gesammelt, den Problemen, die am unteren Ende der sozialen Leiter verbreiteter sind. International vergleichbare Daten zur Lebenserwartung, der Mathemathik-, Lese- und Schreibkenntnisse der Kinder, Kindersterblichkeits- und Mordraten, welcher Anteil der Bevölkerung inhaftiert ist, Teenagerschwangerschaften, das Vertrauen, Übergewicht, psychische Krankheiten – die in der Standarddiagnostik Drogen- und Alkoholsucht einschließen – und soziale Mobilität. Wir haben sie in einem Index zusammengefasst. Alle mit gleichem Gewicht. Zu jedem Land gibt es eine Art Durchschnittswert dieser Faktoren. Und hier sehen sie ihn im Verhältnis zum Grad der Ungleichheit, den ich Ihnen gezeigt habe, auf den ich immer wieder zurückkommen werde. Die ungleicheren Länder schneiden bei all diesen sozialen Problemen schlechter ab. Das ist eine ungewöhnlich hohe Korrelation. Aber wenn man den selben Index der gesundheitlichen und sozialen Probleme ins Verhältnis zum BNE pro Kopf setzt, zum Bruttonationaleinkommen, ist da nichts mehr, keine Korrelation.
Wir haben uns gesorgt, dass die Leute denken, wir hätten nur die Probleme ausgewählt, die unsere Argumentation stützen und diese Belege konstruiert, deshalb haben wir auch einen Aufsatz im British Medical Journal zum UNICEF Index des Kindeswohls veröffentlicht. Darin wurden von anderen Leuten 40 verschiedene Bestandteile zusammengestellt. Der Index enthält, ob Kinder mit ihren Eltern sprechen können, ob sie zu Hause Bücher haben, ihre Immunisierungsraten, ob es Mobbing in der Schule gibt. Alles fließt mit ein. Hier ist der Index im Verhältnis zu unseren Ungleichheitswerten. Die Kinder schneiden in ungleichen Gesellschaften schlechter ab. Ein hochsignifikantes Verhältnis. Und wieder, wenn man den Index des Kindeswohls dem nationalen Pro-Kopf-Einkommen gegenüberstellt, gibt es keine Korrelation, nicht mal eine Andeutung.
Alle Daten, die ich Ihnen bisher gezeigt habe, sagen das gleiche. Das durchschnittliche Wohlergehen unserer Gesellschaften hängt nicht mehr von Nationaleinkommen und Wirtschaftswachstum ab. Die sind in ärmeren Ländern entscheidend, aber nicht in der reichen entwickelten Welt. Aber die Unterschiede zwischen uns, wo wir im Vergleich zueinander stehen ist sehr wichtig geworden. Ich zeige Ihnen jetzt einzelne Teile unseres Index. Hier ist z.B. das Vertrauen. Einfach der Anteil der Bevölkerung der glaubt, dass man den meisten Leuten vertrauen kann. Die Daten kommen vom World Values Survey. Auf der ungleicheren Seite glauben ca. 15 Prozent der Bevölkerung, das man Anderen vertrauen kann. Aber in gleicheren Gesellschaften sind es bis zu 60 oder 65 Prozent. Und für den Grad der Einbindung ins kommunale Leben oder das soziale Kapital gibt es ähnlich enge Bezüge zur Ungleichheit.
Wir haben diese ganze Arbeit zweimal gemacht. Zuerst mit den reichen, entwickelten Ländern, und dann in einem zweiten Testfeld noch einmal mit den 50 amerikanischen Staaten – mit der gleichen Frage: schneiden die ungleicheren Staaten auf all diesen Skalen schlechter ab? Hier wird Vertrauen, entsprechend einer Datenerhebung der US-Regierung, mit Ungleichheit in Beziehung gesetzt. Eine sehr ähnliche Verteilung über eine ähnliche Spanne von Vertrauensgraden. Hier passiert das gleiche. Unser grundlegendes Ergebnis ist, dass fast alle Faktoren, die international mit Vertrauen zusammenhängen das genauso auch in den 50 US-Staaten tun, im separaten Testumfeld. Und das ist nicht nur ein glücklicher Zufall.
Hier sind psychische Erkrankungen. Die WHO hat diese Zahlen erstellt, indem sie die gleichen diagnostischen Interviews mit zufällig ausgewählten Testpersonen geführt hat, um die Raten psychischer Erkrankungen in den Gesellschaften vergleichen zu können. Das hier ist die Prozentzahl der Bevölkerung die im vorigen Jahr psychisch erkrankt waren. Sie geht von 8 Prozent bis zu dem Dreifachen davon – ganze Gesellschaften, die dreimal so hohe Raten psychischer Erkrankungen haben wie andere. Und wieder eine hohe Korrelation zur Ungleichheit.
Und hier Gewalt. Diese roten Punkte sind amerikanische Staaten, die blauen Dreiecke sind kanadische Provinzen. Beachten Sie die Skala der Unterschiede. Sie geht von 15 Morden pro Million bis zu 150. Das ist der Anteil der Bevölkerung, der in Haft ist. Hier gibt es etwa einen zehnfachen Unterschied auf der seitlichen Log-Skala. Sie geht von ca. 40 bis 400 inhaftierten Menschen. Dieses Verhältnis entsteht nicht vorrangig durch höhere Verbrechensraten. An manchen Orten ist das ein Teilfaktor. Aber der hauptsächliche Grund sind härtere Gerichtsurteile. Und ungleichere Gesellschaften halten auch eher an der Todesstrafe fest. Hier sind Kinder, die die Schule abbrechen. Wieder ziemlich große Unterschiede. Mit verheerenden Auswirkungen was das Nutzen von Talenten der Bevölkerung betrifft.
Hier ist die soziale Mobilität. Eigentlich eine Messung von Mobilität ausgehend vom Einkommen. Die Fragestellung ist: Haben reiche Väter reiche Söhne und arme Väter arme Söhne, oder besteht dazwischen kein Zusammenhang? Auf der ungleicheren Seite ist das Einkommen der Väter sehr viel wichtiger -- in Großbritannien, in den USA. Und in den skandinavischen Ländern ist das Einkommen der Väter viel weniger entscheidend. Es gibt mehr soziale Mobilität. Wir sagen gerne – und ich weiß, dass viele Amerikaner hier im Publikum sind – wenn Amerikaner den Amerikanischen Traum leben wollen, sollten sie nach Dänemark gehen.
Ich habe Ihnen jetzt nur ein paar Dinge vorgestellt. Ich hätte Ihnen noch eine Menge anderer Probleme zeigen können. All diese Probleme sind verbreiteter am unteren Ende des sozialen Gradienten. Aber es gibt zahllose Probleme mit sozialem Gefälle, die in ungleicheren Ländern schlimmer sind – nicht nur ein bisschen, sondern irgendwo zwischen 2 Mal und 10 Mal so verbreitet. Stellen Sie sich diese Kosten vor, die menschlichen Kosten.
Aber ich möchte noch einmal auf den Graphen zurückkommen, in dem wir alles zusammengefasst haben, um zwei Dinge zu zeigen. Zum einen zeigt sich Graph für Graph, dass die Länder die schlecht abschneiden, unabhängig vom Ergebnis, offenbar die ungleicheren sind, und die, die besser da stehen scheinen die nordischen Länder und Japan zu sein. Was wir also sehen, ist eine allgemeine soziale Dysfunktion, die mit Ungleichheit einhergeht. Das betrifft nicht nur ein oder zwei Dinge, sondern die meisten.
Den anderen sehr wichtigen Aspekt an diesem Graphen sehen sie hier unten, Schweden und Japan – in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedliche Länder. Die Stellung der Frau, wie sehr sie an der Kernfamilie festhalten, hier liegen sie an entgegengesetzten Polen der reichen, entwickelten Welt. Ein anderer sehr wichtiger Unterschied ist, wie sie ihre größere Gleichheit erreichen. In Schweden gibt es enorme Verdienstunterschiede die durch Besteuerung ausgeglichen werden, den allgemeinen Wohlfahrtsstaat, großzügige Sozialleistungen usw. In Japan ist das völlig anders. Dort gibt es schon vor der Steuer geringere Unterschiede im Verdienst. Es gibt niedrigere Steuern. Einen kleineren Wohlfahrtsstaat. Und in unserer Analyse der amerikanischen Staaten finden wir den selben Gegensatz. Manche Staaten sind durch Umverteilung erfolgreich, anderen geht es gut, weil sie geringe Einkommensunterschiede vor der Steuer haben. Unsere Folgerung ist, dass es nicht so darauf ankommt, wie man zu größerer Gleichheit kommt, solange man sie irgendwie erreicht.
Ich meine nicht perfekte Gleichheit, ich spreche über etwas, was in reichen Marktdemokratien schon existiert. Ein anderer, überraschender Teil des Bildes ist, dass nicht nur die Armen von Ungleichheit betroffen sind. Offenbar liegt etwas Wahrheit in John Donnes "Niemand ist eine Insel." In mehreren Studien kann man vergleichen, wie Menschen in mehr oder weniger gleichen Ländern auf jeder Ebene der sozialen Hierarchie abschneiden. Hier ist nur ein Beispiel. Kindersterblichkeit. Einige Schweden haben freundlicherweise einen Großteil ihrer Kindestode entsprechend des britischen Registers für sozioökonomische Klassifizierung eingeordnet. Das ist eine anachronistische Klassifizierung nach den Berufen der Väter, Alleinerziehende werden also gesondert geführt. Aber wo "niedrige soziale Klasse" vermerkt ist, bedeutet das ungelernte handwerkliche Tätigkeiten. Dann gibt es die gelernten handwerklichen Berufe in der Mitte, dann die untergeordneten nicht handwerklichen, bis hin zu den höher angesiedelten Berufen – Ärzte, Rechtsanwälte, Führungskräfte größerer Unternehmen.
Sie können sehen, dass Schweden besser ist als Großbritannien, über die gesamte soziale Hierarchie hinweg. Die größten Unterschiede gibt es unten in der Gesellschaft. Aber sogar an der Spitze scheint es einen kleinen Vorteil zu bringen, in einer gleicheren Gesellschaft zu leben. Wir zeigen das an fünf verschiedenen Datensätzen, die sich mit Erziehungserfolgen und Gesundheit in den USA und international befassen. Das scheint allgemein der Fall zu sein – größere Gleichheit macht am unteren Ende am meisten aus, hat aber sogar an der Spitze einige Vorteile.
Aber ich sollte noch etwas dazu sagen was da passiert. Es geht mir um die psychosozialen Effekte der Ungleichheit. Das hat mit Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühlen zu tun, dem Gefühl, geschätzt oder abgewertet zu werden, respektiert oder verachtet. Und natürlich treibt das Gefühl des Statuswettbewerbs, das sich daraus ergibt, das Konsumdenken in unserer Gesellschaft an. Außerdem führt es zu Status-Unsicherheit. Wir sorgen uns mehr darum, wie wir von anderen beurteilt werden, ob wir als attraktiv, klug usw. angesehen werden. Die sozial einschätzenden Urteile nehmen zu, und die Angst vor diesen Urteilen.
Interessanterweise gibt es ähnliche Forschungen in der Sozialpsychologie: einige Leute haben 208 verschiedene Studien ausgewertet, in denen Freiwillige in psychologische Labore eingeladen wurden, um ihre Stresshormone und ihre Reaktion auf stressige Aufgaben zu messen. Was sie bei der Auswertung interessierte, war, welche Arten von Stress am zuverlässigsten das Kortisollevel anhoben, das des zentralen Stresshormons. Und das Ergebnis war: Aufgaben, die eine Bedrohung der sozialen Einschätzung bedeuteten – Bedrohungen des Selbstbewußtseins oder des sozialen Status, bei denen andere die eigene Leistung negativ beurteilen können. Diese Arten von Stress haben einen ganz bestimmten Effekt auf die Physiologie des Stress.
Wir sind kritisiert worden. Natürlich gibt es Leute denen das hier nicht gefält und Leute, die es sehr erstaunlich finden. Ich sollte Ihnen aber sagen, wenn man uns für eine gezielte Auswahl unserer Daten kritisiert, wir wählen nie gezielt für unsere Zwecke aus. Unser absoluter Grundsatz ist: wenn unsere Datenquelle Daten für eines der Länder hat, die wir betrachten, kommen sie in die Analyse. Unsere Datenquelle bestimmt ob es belastbare Daten sind, nicht wir. Alles andere wäre Voreingenommenheit.
Was ist mit anderen Ländern? Es gibt 200 Studien zur Gesundheit im Verhältnis zu Einkommen und Gleichheit in akademischen Peer-Review-Zeitschriften. Das ist nicht auf diese Länder beschränkt das ist eine ganz einfache Demonstration. Die gleichen Länder, die gleiche Ungleichheits-Skala, ein Problem nach dem anderen. Warum überprüfen wir nicht andere Faktoren? Wir haben gezeigt, dass das Pro-Kopf-Einkommen keinen Unterschied macht. Und natürlich haben andere mit ausgefeilteren Methoden auch Armut und Bildung überprüft und weitere.
Was ist mit Kausalität? Eine Korrelation beweist noch keine Kausalität. Damit haben wir viel Zeit verbracht. Tatsächlich kennen die Menschen die kausalen Bezüge sehr gut in manchen dieser Ergebnisse. Die große Neuigkeit in unserem Verständnis der treibenden Kräfte für langfristige Gesundheit in der reichen entwickelten Welt ist, wie sehr chronischer sozialer Stress das Immunsystem belastet, das kardiovaskuläre System. Oder zum Beispiel der Grund, warum Gewalt in ungleicheren Gesellschaften stärker verbreitet ist, ist weil Menschen empfindlich dafür sind, verachtet zu werden.
Um damit zurechtzukommen müssen wir klären, was nach der Steuer passiert und was vor der Steuer. Wir müssen das Einkommen begrenzen, die Bonuskultur-Einkommen an der Spitze. Wir müssen unsere Chefs den Angestellten gegenüber verantwortlich machen, so gut wir können. Aber die Botschaft zum Mitnehmen ist, dass wir die tatsächliche Qualität menschlichen Lebens verbessern können, wenn wir die Einkommensunterschiede zwischen uns beheben. Auf einmal gibt es einen Hebel für das psychosoziale Wohlbefinden ganzer Gesellschaften, und das ist sehr aufregend.
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Wir spüren instinktiv, dass Gesellschaften mit großen Einkommensunterschieden nicht gut sein können. Richard Wilkinson wertet Datenbestände zur ökonomischen Ungleichheit aus und zeigt, was sich verschlechtert, wenn die Schere zwischen Arm und Reich zu groß ist: reale Auswirkungen auf die Gesundheit, die Lebenserwartung und sogar auf so grundlegende Werte wie das Vertrauen.
In "The Spirit Level," Richard Wilkinson charts data that proves societies that are more equal are healthier, happier societies. Full bio »
Translated into German by Judith Funke
Reviewed by Karin Friedli
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09:15 Posted: Mar 2011
Views 1,208,453 | Comments 235
16:49 Posted: Aug 2010
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17:56 Posted: Aug 2010
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