Dieses Geräusch, dieser Duft, dieser Anblick erinnern mich alle an die Lagerfeuer meiner Kindheit, als vor dem Flammenspiel jeder zum Geschichtenerzähler werden konnte. Da gab es dieses wundersame Ende, als Menschen und Feuer beinahe zugleich einschliefen. Es war die Zeit zum Träumen.
Meine Geschichte hat viel mit Träumereien zu tun, obwohl ich dafür bekannt bin, meine Träume wahr werden zu lassen. Letztes Jahr gestaltete ich eine Ein-Mann-Show. Eineinhalb Stunden lang erzählte ich dem Publikum von einem Leben der Kreativität, wie ich Perfektion anstrebe, das Unmögliche überwinde.
Und dann forderte TED mich heraus: "Philippe, kannst du dieses Leben auf 18 Minuten verkürzen?" (Gelächter) Achtzehn Minuten, einfach unmöglich. Aber hier bin ich nun. Ein Maschinengewehr-Vortrag war eine Lösung, wo jede Silbe, jede Sekunde wichtig ist und ich Gott darum bitte, dass das Publikum mir folgen kann. Nein, nein, nein. Nein, für mich ist es der beste Anfang, den Göttern der Kreativität alle Ehre zu erweisen. Bitte legen Sie mit mir eine Schweigeminute ein.
Okay, ich habe geschummelt, das waren nur 20 Sekunden. Aber naja, wir messen mit TED-Zeit.
Als ich sechs Jahre alt war, verliebte ich mich in die Zauberei. Zu Weihnachten bekam ich einen Zauberkasten und ein sehr altes Buch über Kartentricks. Irgendwie interessierten mich die reinen Kunstgriffe mehr, als all die dummen kleinen Tricks in dem Kasten. Also suchte ich in dem Buch nach dem schwierigsten Trick, und das war dieser.
Ich sollte Ihnen das eigentlich nicht zeigen, aber die Karte ist im Handrücken versteckt. Dieser Kunstgriff bestand aus sieben Zügen, über sieben Seiten beschrieben. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und sieben. Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen. Die Karten waren größer als meine Hände.
Zwei Monate später, als Sechsjähriger, schaffe ich eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Und ich besuche einen berühmten Zauberkünstler und frage ihn stolz, "Nun, was denken Sie?" Als Sechsjähriger. Er sieht mich an und sagt, "Das ist eine Katastrophe. Wenn das schon ganze zwei Sekunden dauert, darf kein Teil der Karte sichtbar sein, egal wie winzig. Um professionell auszusehen, muss das in unter einer Sekunde geschehen, und es muss perfekt sein." Zwei Jahre später, eins – schwupps. Und ich schwindle nicht. Es ist hinten. Es ist perfekt.
Leidenschaft ist das Motto aller meiner Aktionen. Während ich das Zaubern lerne, wird ständig das Jonglieren erwähnt, nämlich als wunderbare Methode, sich Fingerfertigkeit und Koordination zu erwerben. Lange schon hatte ich bewundert, wie schnell und fließend Jongleure Objekte fliegen lassen. Damit ist alles klar. Ich bin 14; ich werde Jongleur.
Ich befreunde mich mit einem jungen Jongleur aus einer Truppe, und er willigt ein, mir drei Keulen zu verkaufen. Aber in Amerika sind Keulen ein Synonym für Golfschläger. Diese Keulen haben nichts mit Golf zu tun. Das sind diese schönen länglichen Gegenstände, die recht schwer herzustellen sind. Die müssen haargenau gedrechselt werden. Ach, als ich die Keulen kaufte, versteckte sich der junge Jongleur vor den anderen. Nun, ich schenkte dem damals nicht viel Bedeutung.
Egal, ich machte mit meinen neuen Keulen Fortschritte. Aber ich konnte es nicht verstehen. Ich war ziemlich schnell, aber überhaupt nicht fließend. Die Keulen entschwanden mir bei jedem Wurf. Und ich versuchte ständig, sie mir zurückzuholen. Bis ich eines Tages vor Francis Brunn übte, dem besten Jongleur der Welt. Und er runzelte die Stirn. Und endlich fragte er, "Kann ich die mal sehen?" Also zeigte ich ihm voll Stolz meine Keulen. Er sagte, "Philippe, du wurdest hereingelegt. Das ist Ausschussware. Die sind komplett verdreht. Es ist unmöglich, mit denen zu jonglieren." Hartnäckigkeit half mir, allen Widerständen zu trotzen.
Ich sah mir im Zirkus mehr Zauberer und Jongleure an, und ich sah – oh nein, nein, nein, ich sah es nicht. Es war viel interessanter; ich hörte es. Ich hörte von diesen erstaunlichen Männern und Frauen, die auf Luft tanzen – den Hochseiltänzern. Schon seit meiner Kindheit spielte ich mit Seilen und Klettern, der Fall ist also erledigt. Ich bin 16; ich werde ein Drahtseilkünstler.
Ich fand zwei Bäume – aber nicht irgendwelche Bäume, Bäume mit Charakter – und dann ein sehr langes Seil. Und ich wickelte das Seil rundherum und rundherum und rundherum, bis es aus war. Jetzt sind diese Seile alle parallel, so wie hier. Ich hole mir eine Zange und einige Kleiderbügel und ich fasse sie in einer Art Seilweg zusammen. Ich schuf damit das breiteste Seil der Welt. Was brauchte ich? Die breitesten Schuhe der Welt. Ich fand enorme, lächerliche, riesige Skistiefel und begab mich äußerst wackelnd auf die Seile.
Innerhalb weniger Tage schaffe ich eine Überquerung. Also schnitt ich ein Seil ab. Und am nächsten Tag noch eins. Und wenige Tage später übte ich auf einem einzigen Seil. Sie können sich vorstellen, dass ich nun die lächerlichen Stiefel gegen leichte Schuhe eintauschte. Nur für den Fall, dass manche Leute hier im Publikum das mal probieren wollen – so sollte man das Seiltanzen nicht erlernen.
Intuition ist in meinem Leben unentbehrlich. Inzwischen fliege ich aus fünf verschiedenen Schulen raus, weil, anstatt den Lehrern zuzuhören, ich mich selbst lehre, mich in meiner neuen Kunst entwickle und zum Straßenjongleur werde.
Auf dem Hochseil kann ich innerhalb einiger Monate alle Tricks meistern, die man im Zirkus sieht, aber ich bin nicht zufrieden.
Ich begann, meine eigenen Kunststücke zu erfinden und sie zu perfektionieren. Aber niemand wollte mich anheuern. Also spannte ich das Seil heimlich auf und gab unerlaubte Vorführungen. Notre Dame, die Sydney Harbor Bridge, das World Trade Center. Und ich entwickelte eine Gewissheit, einen Glauben, dass ich unverletzt auf die andere Seite gelangen werde. Ich könnte sonst nie diesen ersten Schritt machen.
Nichtsdestotrotz war mein erster Schritt auf dem World Trade Center furchterregend. Plötzlich ist die Luftdichte anders. Manhattan erstreckt sich nicht mehr ins Unendliche. Das Murmeln der Stadt löst sich in einer Windbö auf, deren eisige Kraft ich nicht mehr fühle. Ich hebe die Balancierstange an. Ich bewege mich der Kante zu. Ich steige über den Balken. Ich trete mit meinem linken Fuß auf das Kabel, mein Körpergewicht auf meinem rechten Bein, welches mich am Gebäudeflügel festhält. Soll ich mein Gewicht ganz sanft nach links verlegen? Mein rechtes Bein würde dadurch entlastet, mein rechter Fuß würde unbeschwert auf das Seil treffen. Hier: ein massiver Berg, ein mir bekanntes Leben. Dort: das Universum der Wolken, des Unbekannten so voll, dass es leer scheint. Zu meinen Füßen liegt der Weg zum Nordturm – 55 Meter Drahtseil. Es ist eine gerade Linie, die durchhängt, die schwankt, die vibriert, die sich von selbst rollt, die vereist ist, die eine Drei-Tonnen-Spannung hat, kurz vor dem Explodieren ist, bereit, mich zu verschlingen. Ein innerer Schrei überfällt mich, das wilde Sehnen nach Flucht. Aber es ist zu spät. Das Seil wartet. Entschlossen tritt mein anderer Fuß auf das Kabel.
Glaube ersetzt Zweifel in meinem Wörterbuch.
Nach meinem Seiltanz werde ich gefragt, "Wie kannst du das übertreffen?" Nun, dieses Problem hatte ich nicht. Ich war nicht am Sammeln des Gigantischen interessiert, oder daran, Rekorde zu brechen. Tatsächlich betrachte ich die Überquerung des World Trade Center auf dem selben Niveau als einige meiner kleineren Seiltänze – oder eine ganz andere Art der Vorführung. Zum Beispiel mein Straßenjonglieren.
Jedesmal, wenn ich mit Kreide meinen Kreis aufs Pflaster zeichne und ihn als den improvisierenden Pantomimen betrete, den ich vor 45 Jahren erfand, bin ich genauso glücklich wie in den Wolken.
Aber das hier, das ist nicht die Straße. Sie verstehen, ich kann hier nicht straßenjonglieren. Also soll ich hier nicht straßenjonglieren, oder? Sie wissen das, oder? Ich soll nicht jonglieren, oder?
Jedesmal, wenn ich straßenjongliere, mache ich das mittels Improvisation. Improvisation ermächtigt, weil sie das Unbekannte willkommen heißt. Und nachdem das Unmögliche immer unbekannt ist, kann ich so daran glauben, das Unmögliche zu überlisten.
Ich habe das Unmögliche nicht nur einmal gewagt, sondern viele Male. Was soll ich also erzählen? Ach, ich weiß. Israel.
Vor einigen Jahren war ich eingeladen, das Israel-Festival mit einem Hochseiltanz zu eröffnen. Und ich spannte mein Seil absichtlich zwischen den arabischen und jüdischen Vierteln in Jerusalem auf, über dem Ben-Hinnom-Tal. Und ich dachte, es wäre wunderbar, in der Mitte des Seils stehenzubleiben, eine Taube herbeizuzaubern, und sie als lebendes Friedenssymbol in den Himmel zu schicken.
Nun, ich muss sagen, es war ein wenig schwer, in Isreal eine Taube zu finden, aber ich fand eine. Und jedesmal, wenn ich in meinem Hotelzimmer das Herbeizaubern und in die Luft werfen übte, streifte sie die Mauer an und landete auf dem Bett. Ich sagte mir, das ist in Ordnung. Das Zimmer ist zu klein. Ich meine, ein Vogel braucht zum Fliegen Platz. Am Tag meines Seiltanz wird es perfekt funktionieren.
Nun ist der Tag des Seiltanz da. Achtzigtausend Menschen sind über das gesamte Tal verstreut. Der Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, wünscht mir alles Gute. Aber er schien nervös. Mein Seil hatte Spannung, aber auf dem Boden konnte ich ebenfalls Spannung spüren. Denn all diese Menschen standen sich zum Großteil feindlich gegenüber.
Also begann ich den Seiltanz. Alles geht gut. Ich bleibe in der Mitte stehen. Ich zaubere die Taube herbei. Die Leute applaudieren entzückt. Und mit der herrlichsten Geste schicke ich den Friedensvogel in den Azur. Aber anstatt fortzufliegen, macht der Vogel flatter, flatter, flatter, und landet auf meinem Kopf. (Gelächter) Und die Leute schreien. Also nehme ich die Taube und schicke sie zum zweiten Mal in die Luft. Aber die Taube hatte wohl keine Flugschule absolviert, macht flatter, flatter, flatter, und setzt sich auf das Ende meiner Balancierstange.
Sie lachen, sie lachen. Aber he. Ich setze mich sofort hin. Es ist ein Reflex der Seiltänzer. Inzwischen wird das Publikum ganz wild. Die denken sich, dieser Typ mit der Taube, er muss das jahrelang geübt haben. Was für ein Genie, was für ein Profi.
Also verbeuge ich mich. Ich winke mit der Hand. Und endlich schlage ich mit der Hand auf die Stange, um den Vogel zu vertreiben. Die Taube, die wie Sie bereits wissen, nicht fliegen kann, macht zum dritten Mal flatter, flatter, flatter und landet auf dem Seil hinter mir. Und das ganze Tal dreht durch.
Aber warten Sie, ich bin noch nicht fertig. Ich bin nun circa 46 Meter vom Ziel entfernt, und ich bin erschöpft, also gehe ich langsam. Und dann geschah etwas. Irgendwo beginnt jemand in einer Gruppe im Rhythmus meiner Schritte zu klatschen. Und innerhalb von Sekunden klatscht das ganze Tal im Einklang mit jedem meiner Schritte. Aber nicht einen Applaus der Entzückung wie vorher, einen Applaus der Ermutigung. Einen Moment lang hatte die Menge ihre Unterschiede vergessen. Sie wurde eins, trieb mich zum Triumph an.
Ich möchte, dass Sie für eine Sekunde nur diese fantastische menschliche Symphonie erleben. Nehmen wir also an ich bin hier und der Sessel ist mein Ziel. Also gehe ich, Sie klatschen, alle im Einklang.
Nach der Vorführung wurden Teddy und ich Freunde. Und er sagt mir, dass er auf seinem Tisch ein Foto hat, auf dem ich mitten auf dem Seil eine Taube auf meinem Kopf habe. Er kannte die Wahrheit nicht. Und wann immer er von einer unmöglichen Situation in dieser schwierigen Stadt entmutigt wird, dann sieht er das Foto an und sagt, anstatt aufzugeben, "Wenn Philippe jenes schafft, dann schaffe ich dieses," und dann arbeitet er weiter.
Inspiration. Indem wir uns selbst inspirieren, inspirieren wir andere. Ich werde diese Musik niemals vergessen, und ich hoffe, Sie werden es nun auch nicht. Bitte nehmen Sie diese Musik mit heim, und beginnen Sie, Federn an Ihre Arme zu kleben, und heben Sie ab zum Fliegen, und sehen Sie die Welt aus einem anderen Blickwinkel. Und wenn Sie Berge sehen, denken Sie daran, dass man Berge verrücken kann.
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Selbst ein todesverachtender Zauberkünstler muss mal wo anfangen. Hochseilkünstler Philippe Petit führt Sie auf eine persönliche Reise von seinem ersten Kartentrick als Sechsjähriger bis zu seinem Hochseiltanz zwischen den Twin Towers.
High-wire artist Philippe Petit surprised the world when he walked illegally between the Twin Towers in 1974. Full bio »
Translated into German by Sabine Karner
Reviewed by Judith Matz
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20:19 Posted: Jan 2010
Views 1,780,405 | Comments 228
06:31 Posted: Mar 2012
Views 730,877 | Comments 86
13:45 Posted: Feb 2007
Views 801,223 | Comments 200
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