Philosophen, Dramatiker, Theologen ringen seit Jahrhunderten mit dieser Frage: Was bringt Menschen dazu, sich falsch zu verhalten? Schon als kleines Kind habe ich diese Frage gestellt. Ich wuchs in der South Bronx auf, einem Innenstadt-Ghetto in New York. Dort war ich umgeben von Bösem, wie alle Kinder, die mitten in einer Großstadt aufwachsen. Und ich hatte Freunde, wirklich brave Kinder, die "Dr. Jekyll und Mr. Hyde"-Szenarien durchlebten, wie bei Robert Louis Stevenson. Sie nahmen Drogen, bekamen Ärger, kamen ins Gefängnis. Manche wurden getötet, sogar ohne Hilfe von Drogen.
Als ich also Robert Louis Stevenson las, war das keine Fiktion. Die Frage ist nur, was war in der Tinktur? Und wichtiger, diese Trennlinie zwischen Gut und Böse – von der Privilegierte gerne denken, sie sei fix und undurchlässig, mit ihnen auf der guten Seite und den anderen auf der bösen – Ich wusste, dass diese Linie verschiebbar und durchlässig ist. Man kann gute Menschen zum Übertreten dieser Linie verführen, und unter guten und seltenen Umständen können missratene Kinder anständig werden, mit Hilfe, mit Reformen, mit Rehabilitation.
Darum will ich anfangen mit dieser wunderbaren optischen Täuschung des [niederländischen] Künstlers M.C. Escher. Wenn Sie sich auf das Weiße konzentrieren, sehen Sie eine Welt voller Engel. Aber sehen wir genauer hin, und schon erscheinen die Dämonen, die Teufel in der Welt. Und das verrät uns mehrere Sachen.
Erstens: Die Welt ist, war und wird immer Gut und Böse enthalten, weil Gut und Böse, Yin und Yang das Mensch-Sein sind. Es verrät uns noch etwas. Wie Sie sich erinnern, Luzifer war Gottes Lieblingsengel. Anscheinend bedeutet Luzifer "Licht". In manchen Schriften auch "Morgenstern". Und anscheinend gehorchte er Gott nicht – der Gipfel des Ungehorsams gegenüber Autorität. Und als er das tat, wurde Erzengel Michael geschickt, um ihn aus dem Himmel zu werfen, mit den anderen gefallenen Engeln. Und so steigt Luzifer in die Hölle, wird Satan, der Teufel, und die Macht des Bösen im Universum beginnt.
Doch war es Gott, der die Hölle erschuf, als einen Platz, um das Böse zu verwahren. Er schaffte es nur nicht, das Böse dort zu halten. Nun, dieser Bogen der kosmischen Verwandlung von Gottes Liebling in den Teufel schafft für mich den Kontext, um Menschen zu verstehen, die sich von guten, gewöhnlichen Menschen in Straftäter verwandeln.
Der Luzifer-Effekt führt mich also, obwohl er sich auf das Schlechte konzentriert – das Schlechte, das Menschen werden können, nicht das Schlechte, das Menschen sind – zu einer psychologischen Definition: Das Böse ist das Ausüben von Macht. Und das ist der Schlüssel: Es geht um Macht. Um Menschen vorsätzlich psychologisch zu schaden, sie zu verletzen, sie oder Ideen vollständig zu zerstören, und um Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Googlet man das Wort "böse", ein Wort, das seine Blütezeit hinter sich haben sollte, erzielt man 136 Millionen Treffer in einer Drittel-Sekunde.
Vor ein paar Jahren – bestimmt waren Sie alle genauso geschockt wie ich, durch die Enthüllung, dass amerikanische Soldaten Häftlinge misshandelt haben, an einem seltsamen Ort, in einem umstrittenen Krieg: Abu Ghraib im Irak. Und das waren Männer und Frauen, die die Gefangenen undenkbaren Erniedrigungen unterzogen. Ich war schockiert, aber nicht überrascht, denn ich hatte die gleichen Parallelen gesehen, als ich der Gefängnisvorsteher bei der Stanford-Gefängnis-Studie war.
Das Militär der Bush-Regierung sagte sofort ... was? Das, was alle Regierungen bei einem Skandal sagen. "Gebt nicht uns die Schuld. Es liegt nicht am System. Das sind nur ein paar faule Eier, außer Kontrolle geratene Soldaten." Meine Hypothese ist, dass amerikanische Soldaten gut sind, normalerweise. Vielleicht war es das Nest, was schlecht war. Aber wie – wie kann ich mit dieser Hypothese umgehen?
Wegen meiner Expertise wurde ich Zeuge für einen der Wärter, Sergeant Chip Frederick, und hatte so Zugriff zu den Untersuchungsberichten. Ich hatte Zutritt zu ihm. Ich konnte ihn untersuchen, zu mir nach Hause einladen, ihn kennenlernen, eine Untersuchung vornehmen, um herauszufinden, ob er ein gutes oder faules Ei ist. Und drittens hatte ich Zugriff auf alle 1.000 Bilder, die die Soldaten gemacht hatten. Diese Bilder sind gewalttätigen oder sexuellen Inhalts. Und sie alle kommen aus den Kameras von US-Soldaten. Weil jeder eine Digitalkamera oder ein Handy hat, haben sie von allem Bilder gemacht. Mehr als 1.000.
Und ich habe sie in verschiedene Kategorien eingeteilt. Aber diese waren von Angehörigen der US-Militärpolizei, Reservisten. Das waren gar keine Soldaten, die auf so eine Aufgabe vorbereitet waren. Alles passierte an einem einzigen Ort, Etage 1A, während der Nachtschicht. Warum? Etage 1A war das Zentrum des Militärgeheimdiensts. Dort waren die Verhörzellen. Dort war die CIA. Befrager der Titan Corporation, alle dort, und sie bekommen nichts über die Aufstände heraus. Also üben sie Druck aus auf diese Soldaten, ihre Kompetenzen zu überschreiten, geben ihnen die Erlaubnis, den Willen des Feindes zu brechen, um sie auf Verhöre vorzubereiten, sie weich zu klopfen, ohne Samthandschuhe. Das sind die Euphemismen, und so wurden sie interpretiert. Gehen wir runter in dieses Verlies.
(Kameraverschluss) (Dumpfer Schlag) (Kameraverschluss) (Dumpfer Schlag) (Atmen) (Glocken)
Wir sehen, ziemlich entsetzlich. Das ist eine sehr bildliche Darstellung des Bösen. Und es sollte Ihnen nicht entgangen sein, dass ich den Gefangenen mit ausgestreckten Armen deshalb mit Leonardo da Vincis Ode an die Menschheit zusammen zeige, weil dieser Gefangene psychisch krank war. Er bedeckte sich jeden Tag mit Scheiße und die rollten ihn regelmäßig durch Dreck, damit er nicht stank. Doch am Ende nannten die Wärter ihn Kack-Junge. Warum war er in diesem Gefängnis statt in einer Nervenheilanstalt?
Hier ist der ehemalige Verteidigungsminister Rumsfeld. Er sagt: "Ich will wissen, wer verantwortlich ist? Wer sind die faulen Eier?" Eine schlechte Frage. Man muss sie anders stellen: "Was ist verantwortlich?" Denn das "Was" kann das "Wer" der Beteiligten sein, aber ebenso das "Was" der Situation, und das ist in die falsche Richtung gedacht.
Wie also gehen Psychologen daran, diese Veränderungen im menschlichen Wesen zu verstehen, wenn man glaubt, dass die Soldaten gut waren, bevor sie ins Verlies gingen? Auf drei Arten: die vorherrschende Art heißt Veranlagung. Wir schauen uns das Innenleben der Person an, die faulen Eier.
Das ist die Basis aller Gesellschaftswissenschaften, die Basis von Religion, die Basis von Kriegen. Sozialpsychologen, so wie ich, kommen vorbei und sagen "Jupp, Menschen sind Darsteller auf einer Bühne, aber man muss sich bewusst sein, wie die Situation aussieht. Wie sind die Rollen besetzt? Wie sehen die Kostüme aus? Gibt es einen Regisseur?" Und so sind wir daran interessiert, wie die äußeren Umstände um das Individuum herum aussehen, das faulige Nest? Und Sozialwissenschaftler hören dort auf und ihnen entgeht der springende Punkt, den ich als Sachverständiger für Abu Ghraib entdeckte. Die Macht steckt im System. Das System schafft Situationen, die Individuen korrumpieren, und das System ist der gesetzliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle Hintergrund. Dort liegt die Macht der Faulige-Nester-Bauer.
Wenn man eine Person verändern will, muss man die Situation verändern. Wenn man die Situation verändern will, muss man wissen, wo die Macht innerhalb des Systems liegt. Der Luzifer-Effekt bringt also mit sich, Charakteränderungen mithilfe dieser drei Faktoren zu verstehen. Und da gibt es dynamische Wechselwirkungen. Was bringen Menschen mit in die Situation? Was bringt die Situation in ihnen hervor? Und wie ist das System, das die Situation erschafft und erhält?
In meinem aktuellen Buch "Der Luzifer-Effekt" geht es darum, wie man versteht, was gute Menschen böse macht. Und es enthält viele Details über das, worüber ich heute sprechen werde. Also ist Dr. Zs "Luzifer-Effekt", obwohl er sich aufs Böse konzentriert, in Wirklichkeit eine Feier des menschlichen Geistes und seiner unbegrenzten Fähigkeit, jeden von uns nett oder grausam zu machen, fürsorglich oder gleichgültig, kreativ oder destruktiv, und manche von uns macht er zu Schurken. Und die gute Nachricht, zu der ich hoffentlich am Ende kommen werde, ist, dass er manche zu Helden macht. Hier ein wunderbarer Cartoon aus dem "New Yorker", der meinen ganzen Vortrag zusammenfasst: "Ich bin weder ein guter noch ein böser Bulle, Jerome. Wie du selbst bin ich ein komplexes Gemisch positiver und negativer Eigenschaften, die hervortreten oder nicht, abhängig von den Umständen." (Lachen)
Es gibt eine Studie, die manche von Ihnen zu glauben kennen, aber nur wenige haben die Geschichte gelesen. Sie haben den Film gesehen. Das hier ist Stanley Milgram, ein jüdischer Junge aus der Bronx, und er fragte sich: "Könnte der Holocaust passieren, hier und jetzt?" Die Leute sagen: "Nein, das war Nazi-Deutschland, das war Hitler, weißt du, das war 1939." Er sagte: "Schon, aber nehmen wir an, Hitler fragte dich: 'Würden Sie einem Fremden Stromstöße geben?'" "Ich doch nicht, ich bin ein guter Mensch." Er sagte: "Warum bringen wir Sie nicht in so eine Situation und geben Ihnen die Chance, zu sehen, was Sie tun würden?"
Und so ist er hingegangen und hat 1.000 normale Leute getestet. 500 aus New Haven, Connecticut; 500 aus Bridgeport. Und die Anzeige lautete: "Psychologen möchten das Gedächtnis erforschen, wir möchten die Gedächtnisleistung der Menschen verbessern, denn ein gutes Gedächtnis ist der Schlüssel zum Erfolg." Okay? "Wir geben Ihnen fünf Tacken – vier Dollar für Ihre Zeit." Und noch: "Wir möchten keine Studenten; wir suchen Männer zwischen 20 und 50." – später haben sie auch Frauen getestet – normale Leute: Frisöre, Buchhalter, Angestellte.
Also geht ihr runter und einer ist der Lernende und einer der Lehrer. Der Lernende ist ein netter Typ mittleren Alters. Er wird in einem anderen Raum im Elektroschock-Apparat fixiert. Der Lernende konnte mittleren Alters sein, er konnte auch nur 20 sein. Und einem von euch sagt der Aufseher, der Typ im Laborkittel, "Ihre Aufgabe als Lehrer ist es, diesem Typ Lernmaterial zu geben. Lernt er es richtig, belohnen Sie ihn. Lernt er es falsch, drücken Sie den Knopf und verpassen ihm einen Stromstoß. Der erste Knopf ist 15 Volt. Das fühlt er nicht mal. Das ist der Knackpunkt. Alles Böse beginnt mit 15 Volt. Und dann der nächste Schritt sind weitere 15 Volt. Das Problem ist, am Ende sind es 450 Volt. Und während Sie weitermachen, schreit der Mann. "Ich hab ein schwaches Herz! Ich will raus hier!"
Sie sind ein guter Mensch. Sie beschweren sich. "Mein Herr, wer ist verantwortlich, wenn ihm etwas passiert?" Der Versuchsleiter sagt: "Sorgen Sie sich nicht, ich bin verantwortlich. Fahren Sie fort, Lehrer." Und die Frage ist, wer würde bis 450 Volt hochgehen? Sie müssen dazu wissen, bei 375 Volt steht da: "Vorsicht: Schwerer Schock." Und an diesem Punkt steht "XXX": die Pornographie der Macht. (Lachen)
Milgram hat 40 Psychiater gefragt: "Wie viel Prozent der amerikanischen Bevölkerung würden bis zum Ende gehen?" Sie tippten auf nur 1 Prozent. Weil das sadistisches Verhalten ist, und wir wissen, die Psychatrie weiß, dass nur ein Prozent der Amerikaner sadistisch sind. Okay. Hier sind die Daten. Sie könnten nicht falscher liegen. Zwei Drittel drehen ganz auf, bis auf 450 Volt. Das war nur eine Studie. Milgram hat mehr als 16 Studien gemacht. Und sehen Sie sich das an. In Studie 16, wo jemand wie Sie ganz aufdreht, drehen 90% ganz auf. Studie 5: Wenn Leute aufbegehren, lehnen sich 90 Prozent auf. Was ist mit Frauen? Studie 13: kein Unterschied zu Männern. Milgram misst das Böse als Bereitschaft von Menschen einer Obrigkeit blind zu gehorchen, ganz auf 450 Volt aufzudrehen. Und das ist wie eine Stellschraube der menschlichen Natur. Eine Stellschraube in dem Sinne, dass man fast jeden vollkommen gehorsam machen kann bis zu einer Mehrheit, bis es keine Ausnahme gibt.
Was also sind die externen Parallelen? Denn alle Forschung ist künstlich. Wie gültig ist das im wahren Leben? 912 Amerikaner begingen Selbstmord oder wurden von Familie und Freunden ermordet, im Dschungel von Guyana, 1978, weil sie diesem Typen blind gehorchten, ihrem Seelsorger. Nicht Priester. Ihrem Seelsorger, Reverend Jim Jones. Er überredete sie zum Massenselbstmord. Das ist der moderne Luzifer-Effekt. Ein Mann Gottes, der zum Todesengel wurde. Milgrams Versuche drehen sich immer um individuelle Autorität, Leute zu steuern. Die meiste Zeit waren wir in Einrichtungen, und so ist das Stanford-Gefängnisexperiment eine Untersuchung der Macht von Einrichtungen auf das individuelle Verhalten Stanley Milgram und ich schlossen übrigens beide 1954 die High School ab, an der James Monroe in der Bronx.
Also diese Untersuchung, die ich mit meinen Studenten, vor allem Craig Haney, machte, begannen wir auch mit einer Anzeige. Wir hatten kein Geld, also schalteten wir eine billige, kleine Anzeige, aber wir wollten College-Studenten für eine Untersuchung des Gefängnislebens. 75 Leute meldeten sich, machten Persönlichkeitstests. Wir machten Interviews. Wählten zwei Dutzend aus: die normalsten, die gesündesten. Teilten sie zufällig in Gefangene und Wärter ein. Folglich wussten wir am Tag 1, dass wir gute Eier hatten. Ich werde sie in eine schlechte Situation bringen.
Und zweitens wissen wir, dass es keinen Unterschied gibt zwischen den Jungs, die Wärter werden, und den Jungs, die Inhaftierte werden. Den zukünftigen Gefangenen sagten wir: "Wartet zu Hause in euren Zimmern. Wir beginnen am Sonntag." Wir sagten ihnen nicht, dass die Polizei kommen und realistische Verhaftungen vornehmen würde. Mann im Video: Ein Polizeiauto fährt vor und ein Polizist kommt an die Tür und klopft und sagt, er sucht nach mir. Also, einfach so, führten sie mich aus der Tür, sie legten meine Hände auf den Wagen. Ein echter Einsatzwagen, ein echter Polizist und es waren echte Nachbarn auf der Straße, die nicht wussten, dass das ein Experiment war. Und überall waren Kameras und überall waren Nachbarn. Sie steckten mich in den Wagen, dann fuhren sie mich durch Palo Alto. Sie brachten mich auf die Wache, in den Keller der Wache. Dann steckten sie mich in eine Zelle. Ich war der erste, den sie einsammelten, also steckten sie mich in eine Zelle, die wie ein Zimmer war, mit Gittertür. Man konnte sehen, dass es kein echtes Gefängnis war. Sie sperrten mich dort ein, in diesem herabwürdigenden kleinen Outfit. Sie nahmen das Experiment zu ernst.
Hier waren die Gefangenen, die entmenschlicht werden würden. Sie würden Nummern werden. Hier sind die Wärter mit den Symbolen von Macht und Anonymität. Wärter zwangen Gefangene, die Toilettenschüsseln mit ihren bloßen Händen sauber zu machen und zu anderen erniedrigenden Aufgaben. Sie zogen sie nackt aus. Sie verspotteten sie sexuell. Sie fingen an, erniedrigende Handlungen auszuführen, wie sie zu zwingen, Sodomie zu simulieren. Sie haben vergetäuschte Fellatio bei den Soldaten in Abu Ghraib gesehen. Meine Wärter waren nach fünf Tagen so weit. Ihre Stressreaktion war so extrem, dass normale Jungs, die wir ausgewählt hatten, weil sie gesund waren, innerhalb von 36 Stunden Zusammenbrüche hatten. Die Untersuchung endete nach sechs Tagen, weil es außer Kontrolle geraten war. Fünf Kids hatten seelische Zusammenbrüche.
Macht es einen Unterschied, wenn Krieger, die in die Schlacht ziehen, ihr Aussehen ändern oder nicht? Macht es einen Unterschied, wie sie ihre Opfer behandeln, wenn sie anonym sind? Wir wissen, dass sie in manchen Kulturen in den Krieg ziehen, ohne ihr Aussehen zu ändern. In anderen Kulturen bemalen sie sich wie in "Herr der Fliegen". In manchen tragen sie Masken. In vielen werden die Soldaten durch Uniformen anonymisiert. Nun, dieser Anthropologe, John Watson, fand 23 Kulturen, mit je zwei Informationen. Ändern sie ihr Aussehen? 15. Töten, foltern, verstümmeln sie? 13. Von denen, die ihr Aussehen nicht ändern. tötet, foltert oder verstümmelt nur eine von acht. Die Nadel ist im roten Bereich. Wenn sie ihr Aussehen verändern, werden 12 von 13 – also 90 Prozent – töten, foltern und verstümmeln. Das ist die Macht der Anonymität.
Was sind jetzt die sieben sozialen Prozesse, die den Pfad zur Hölle pflastern? Unbekümmert macht man den ersten kleinen Schritt. Entmenschlichung der anderen. Entindividualisierung des Selbst. Streuung der persönlichen Verantwortung. Blinder Gehorsam gegenüber Autorität. Unkritisches Anpassen an Gruppennormen. Passive Toleranz gegenüber Bösem durch Nichtstun oder Gleichgültigkeit.
Und es passiert, wenn man in einer neuen ungewohnten Situation ist. Die gewohnten Verhaltensmuster funktionieren nicht mehr. Persönlichkeit und moralische Vorstellung entkoppeln sich. "Nicht ist leichter, als einen Übeltäter zu brandmarken, nichts ist schwerer, als ihn zu verstehen", sagt Dostojewsky. Verstehen heißt nicht entschuldigen. Psychologie ist nicht Entschuldologie.
Psychologische und soziale Forschung zeigt, wie man normale, gute Leute ohne Drogen umformen kann. Man braucht nur sozial- psychologische Vorgänge. Die Relevanz in der wahren Welt? Vergleichen Sie es hiermit. James Schlesinger – und ich werde hiermit enden – sagt: "Psychologen haben versucht zu verstehen, wie und warum Individuen und Gruppen, die normalerweise menschlich handeln, manchmal anders handeln unter bestimmten Umständen. Das ist der Luzifer-Effekt. Und er sagt weiterhin: "Das wegweisende Stanford-Experiment liefert uns eine Warnung für militärische Einsätze jedweder Art. Wenn man Leuten Macht ohne Aufsicht gibt, ist das ein Freifahrschein für Missbrauch. Sie wussten das und ließen es zu.
In einem Enthüllungsbericht von General Fay steht, das System sei schuldig, und in dem Bericht sagt er, dass es die Umgebung war, die Abu Ghraib geschaffen hat, durch Führungsfehler, die zu solch einem Missbrauch beitrugen, und zur Tatsache, dass es lange unentdeckt blieb durch die Befehlsgewalt. Der Missbrauch dauerte drei Monate. Wer hat denn da die Aufsicht gehabt? Die Antwort ist keiner, und ich glaube, das war Absicht. Er gab den Wärtern die Erlaubnis, diese Sachen zu machen, und sie wussten, dass niemand jemals in das Verlies runterkommen würde.
Also brauchen wir in all diesen Bereichen einen Paradigmenwechsel. Der Wechsel ist weg vom medizinischen Modell, das sich auf den Einzelnen konzentriert. Der Wechsel ist hin zu einem Volksgesundheitsmodell, welcher die situationalen und systemischen Faktoren von Krankheiten miteinbezieht. Mobbing ist eine Krankheit. Vorurteile sind eine Krankheit. Gewalt ist eine Krankheit. Und seit der Inquisition sind wir diesen Problemen auf individueller Ebene begegnet. Und wissen Sie was? Es funktioniert nicht. Alexander Solschenitsyn sagt, dass die Grenze zwischen Gut und Böse durch das Herz eines jeden Menschen verläuft. Das heißt, die Grenze ist nicht da draußen. Das ist eine Entscheidung, die Sie treffen müssen. Das ist eine persönliche Sache.
Jetzt möchte ich das hier schnell enden, mit etwas Positivem: Heldenhaftigkeit als Gegenmittel zum Bösen. Indem wir heroische Vorstellungskraft fördern, vor allem bei unseren Kindern, in unserem Erziehungssystem. Wir möchten, dass Kinder denken: "Ich bin ein Held in Bereitschaft, ich warte nur darauf, dass die richtige Situation des Weges kommt, und dann werde ich heroisch handeln." Mein ganzes Leben fokussiert sich jetzt weg vom Bösen wie es von klein auf war, dahin, Helden zu verstehen.
Und ihr Verständnis von Heldentum ist, dass es gewöhnliche Leute sind, die heldenhafte Taten vollbringen. Das ist der Gegenpol zu Hannah Arendts "Banalität des Bösen". Unsere traditionellen, Helden sind verfehlt, sie sind die Ausnahme. Sie organisieren ihr ganzes Leben darum. Darum kennen wir ihre Namen. Und die Helden unserer Kinder sind auch Vorbilder für sie, weil sie übernatürliche Fähigkeiten haben. Wir möchten, dass unsere Kinder erkennen, dass die meisten Helden ganz normale Menschen sind, und die Heldentat ist ungewöhnlich. Das ist Joe Darby. Das ist derjenige, der den Missbrauch gestoppt hat, den Sie gesehen haben, denn er sah diese Bilder, er übergab sie einem leitenden Ermittlungsbeamten. Er war nur ein niederrangiger Gefreiter und das hat es beendet. War er ein Held? Nein. Sie mussten ihn verstecken, weil ihn Leute umbringen wollten, und dann auch noch seine Mutter und seine Frau. Drei Jahre lang lebten sie versteckt.
Das hier ist die Frau, die das Stanford- Gefängnis-Experiment gestoppt hat. Als ich sagte, dass es außer Kontrolle geraten war, war ich der Oberaufseher. Ich wusste nicht, dass es außer Kontrolle war. Es war mir gleichgültig. Sie kam runter, sah dieses Tollhaus und sagte: "Weißt du was, es ist furchtbar, was du diesen Jungs antust. Sie sind keine Häftlinge, sie sind keine Wärter, sie sind Jungs und du bist verantwortlich." Und ich habe das Experiment am nächsten Tag eingestellt. Die gute Nachricht ist, dass ich sie im Jahr darauf geheiratet habe. (Lachen) (Applaus) Ich kam offensichtlich gerade noch zur Vernunft.
Situationen haben die Macht – ein- und dieselbe Situation entzündet in manchen von uns feindselige Vorstellungen, macht uns zu Übeltätern, und inspiriert in anderen heldenhafte Vorstellungen. Die gleiche Situation. Und Sie sind auf der einen oder anderen Seite. Die meisten Menschen machen sich der Untätigkeit schuldig, weil Ihre Mutter sagte: "Halt dich da raus, kümmer' dich um deinen eigenen Kram." Und Sie müssen sagen: "Mama, Menschheit ist mein Kram."
Nun, die Psychologie des Heldentums ist – wir sind gleich fertig – wie ermutigen wir unsere Kinder, den neuen Helden-Bahnen zu folgen, an denen ich mit Matt Langdon arbeite – er hat eine Helden-Werkstatt, um heldenhafte Vorstellungen zu entwickeln, Selbst-Etikettierung: "Ich bin ein Held in Bereitschaft", und ihnen Fertigkeiten beizubringen. Um ein Held zu sein, müssen Sie lernen, Abweichler zu sein, denn Sie müssen sich immer gegen die Konformität der Gruppe durchsetzen. Helden sind gewöhnliche Menschen, deren Handlungen außergewöhnlich sind. Die handeln.
Der Schlüssel zu Heldenhaftigkeit sind zwei Dinge. A: Sie müssen handeln, wenn andere Leute passiv bleiben. B: Sie müssen sozio-zentriert handeln, nicht egozentrisch. Und ich möchte enden mit einer Geschichte, die einige von Ihnen kennen, über Wesley Autrey, den New Yorker U-Bahn-Helden. Ein 50-jähriger afro-amerikanischer Bauarbeiter. Er steht in der U-Bahn in New York; ein weißer Typ fällt auf die Schienen. Die Bahn kommt. Da stehen 75 Leute rum. Wissen Sie was, sie erstarren. Er hat Gründe, sich rauszuhalten. Er ist schwarz, der Typ ist weiß, und er hat zwei kleine Kinder. Stattdessen übergibt er seine Kinder einem Fremden, springt auf die Schienen, schiebt den Typen zwischen die Schienen, legt sich auf ihn, die Bahn fährt über ihn drüber. Wesley und der Typ: 50 cm hoch. Die Bahn ist 51 cm hoch. Nur ein Zentimeter weniger hätte seinen Kopf abgerissen. Und er sagte: "Ich tat, was jeder tun könnte", keine große Sache, auf die Schienen zu springen.
Und die moralische Implikation ist: "Ich tat, was jeder tun sollte." Und eines Tages werden Sie sich in neuen Umständen befinden. Nehmen Sie Pfad 1 und Sie werden ein Übeltäter. Übel heißt, Sie werden sein wie Arthur Anderson. Sie werden betrügen oder Sie werden Schikane zulassen. Pfad 2: Sie machen sich schuldig, indem Sie untätig bleiben. Pfad 3: Sie werden ein Held. Die Frage ist, ob wir bereit sind, den Pfad zu nehmen der dazu führt, dass wir Alltagshelden feiern, die nur darauf warten, dass die richtige Situation kommt, um ihre heldenhaften Vorstellungen zu verwirklichen? Denn vielleicht passiert es nur einmal in Ihrem Leben, und wenn Sie das verpassen, werden Sie immer wissen, "Ich hätte ein Held sein können und ich hab's verpasst." Der Punkt ist, es zu denken und dann zu tun.
So, ich möchte Ihnen danken. Danke. Danke. Lassen Sie uns uns der Macht böser Systeme entgegenstellen, hier und anderswo, und auf das Positive konzentrieren. Treten Sie ein für Respekt für die Würde des Einzelnen, für Gerechtigkeit und Frieden, was unsere Regierung leider nicht getan hat. Vielen, vielen Dank. (Applaus)
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Philip Zimbardo weiß, wie einfach es für nette Leute ist, böse zu werden. In seinem Vortrag teilt er mit uns Erkenntnisse und unveröffentlichte Fotos aus den Abu-Ghraib-Verhandlungen. Danach spricht er vom Gegenteil: Wie einfach es ist, ein Held zu werden und wie wir so eine Herausforderung bewältigen.
Philip Zimbardo was the leader of the notorious 1971 Stanford Prison Experiment -- and an expert witness at Abu Ghraib. His book The Lucifer Effect explores the nature of evil; now, in his new work, he studies the nature of heroism. Full bio »
Translated into German by Corinna Baldauf
Reviewed by Valentina Wellbrock
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19:15 Posted: Sep 2007
Views 1,231,641 | Comments 504
21:16 Posted: Sep 2006
Views 5,120,131 | Comments 717
19:11 Posted: Jan 2007
Views 517,166 | Comments 106
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