Ein beliebiger Montag morgen. In Washington, sitzt der Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office und wägt ab, ob er einen Schlag gegen Al Kaida im Jemen führen soll. In Downing Street Nummer 10, versucht David Cameron zu beurteilen, ob er noch mehr Stellen im öffentlichen Dienst streichen soll um eine sogenannte douple-dip Rezession zu vermeiden. In Madrid, steht Maria Gonzalez in der Tür und hört, wie ihr Baby mit dem Weinen nicht mehr aufhört, und sie versucht zu entscheiden, ob sie es weinen lassen soll, bis es einschläft, oder ob sie es in den Arm nehmen und halten soll. Und ich sitze im Krankenhaus am Bett meines Vaters, und versuche mich zu entscheiden, ob ich ihn eine Flasche mit eineinhalb Liter Wasser trinken lasse, mit der seine Ärzte gerade ins Zimmer kamen und dazu meinten, "Sie müssen dafür sorgen, dass er heute trinkt." -- mein Vater hatte seit einer Woche keine Nahrung über den Mund aufgenommen -- oder, ob ich, wenn ich ihm diese Flasche Wasser verabreiche, ihn tatsächlich töten könnte.
Wir stehen folgenschweren Entscheidungen mit wichtigen Konsequenzen gegenüber, die unser ganzes Leben beeinflussen. Und wir haben Strategien entwickelt wie wir mit diesen Entscheidungen umgehen. Wir besprechen Dinge mit unseren Freunden, wir durchforsten das Internet, wir suchen in Büchern nach Antworten. Und doch, auch im Zeitalter von Google und TripAdvisor und Amazon Empfehlungen, verlassen wir uns immer noch am meisten auf Experten -- insbesondere wenn es um sehr viel geht und die Entscheidung wirklich wichtig ist. In einer Welt, in der wir mit einer unglaublichen Datenflut und extremer Komplexität konfrontiert sind, glauben wir nämlich, dass Experten Informationen besser verarbeiten können als wir selbst -- dass sie daraus bessere Schlüsse ziehen können als die Schlüsse, die wir selbst ziehen würden. Und in einer Zeit, die uns heutzutage manchmal beängstigend oder verwirrend erscheinen mag, versichern wir uns über der fast schon elternartigen Autorität von Experten, die uns ganz klar vorgeben können, was wir tun können und was nicht.
Aber ich glaube, dass das ein großes Problem ist, ein Problem mit möglicherweise gefährlichen Konsequenzen für unsere Gesellschaft, unsere Kultur und für jeden einzelnen von uns. Natürlich haben Experten in dieser Welt sehr viele Dinge auf den Weg und voran gebracht -- gar keine Frage. Das Problem ist, wie wir damit umgehen; wir sind von Experten richtig abhängig. Wir sind von ihnen abhängig, von ihrer Sicherheit, ihrer Zuversicht, ihrer Endgültigkeit bezüglich ihres Urteils, und währenddessen haben wir Ihnen unsere Verantwortung übertragen, und unseren Intellekt wie unsere Intelligenz gegen ihre vermutlich ach so weisen Worte eingetauscht. Wir haben das, was in unserer Macht steht, aufgegeben, wir haben unser Gefühl des mit Unsicherheit gemischten Unwohlseins gegen die Illusion von Sicherheit eingetauscht, die Experten anbieten. Das ist nicht übertrieben. In einem kürzlich durchgeführten Experiment wurden bei einer Gruppe von Erwachsenen die Gehirne in einem Kernspintomographen gescannt -- während die Probanden Experten zugehört haben. Das Ergebnis war ziemlich beeindruckend. Während sie den Experten zuhörten, haben sich die Teile des Gehirns, die eine freie Entscheidung treffen, abgeschaltet. Sie waren buchstäblich platt. Und sie haben sich einfach angehört, was die Experten sagten und ihren Rat angenommen, egal ob richtig oder falsch.
Aber auch Experten machen Dinge falsch. Wussten Sie, dass Studien beweisen, dass Ärzte in vier von zehn Fällen eine falsche Diagnose stellen? Wussten Sie, dass wenn Sie Ihre Steuererklärung selbst einreichen, es statistisch gesehen wahrscheinlicher ist, dass Sie diese korrekt abgeben, als wenn das ein Steuerberater für Sie erledigt? Und dann gibt es natürlich das Beispiel, dass uns allen wohl bewusst ist: Die Finanz-Experten, die so viel falsch gemacht haben, dass wir uns in der schlimmsten Rezession seit den 30er Jahren befinden. Also: Um unserer Gesundheit willen und um unseren Reichtum zu erhalten und auch unsere Sicherheit als Gemeinschaft, ist es unerlässlich, dass wir die Teile unseres Gehirns, die selbständig eine Entscheidung treffen, weiterhin nutzen. Und ich sage Ihnen das als Ökonomin, die sich in den vergangenen Jahren darauf konzentriert hat zu untersuchen, was wir denken und wem wir vertrauen und warum. Aber auch -- und ich bin mir der Ironie hier wohl bewusst -- als Expertin, die ich selbst bin, als Professorin, als jemand, der Premier-Minister berät, führende Köpfe großer Unternehmen und internationale Organisationen, aber als eine Expertin, die glaubt, dass sich das Rollenverständnis von Experten ändern muss, dass wir toleranter werden müssen, demokratischer und aufgeschlossener gegenüber Menschen die unseren eigenen Standpunkten widersprechen. Damit Sie meinen Hintergrund besser verstehen können, will ich Sie in meine Welt entführen, die Welt der Experten.
Natürlich gibt es Ausnahmen, wundervolle Ausnahmen, die unsere Welt bereichern. Aber meine Untersuchungen haben mir bestätigt, dass Experten insgesamt betrachtet dazu tendieren eine sehr starre Position zu beziehen und dass sich innerhalb der so entstandenen Lager eine dominierende Sichtweise entwickelt, die oftmals keinen Widerspruch zulässt und zudem wurde mir klar, dass Experten ihr Fähnchen gerne nach dem Wind drehen und oftmals ihre eigenen Gurus wie Helden verehren. Alan Greenspan's Ankündigungen, dass die Jahre des wirtschaftlichen Wachstums immer weiter gehen, wurde von seinen Branchenkollegen nicht hinterfragt oder angezweifelt, nach der Krise dann natürlich schon. Sehen Sie, wir haben auch gelernt, dass Experten lokal vernetzt sind und von sozialen wie kulturellen Normen ihrer Zeit beeinflusst werden -- zum Beispiel Ärzte im viktorianischen England, die Frauen in Anstalten geschickt haben, weil sie ein sexuelles Verlangen äußerten oder die Psychiater in den Vereinigten Staaten, die, bis 1973, Homosexualität immer noch als geistige Krankheit eingeordnet haben.
Und das alles bedeutet, dass es viel zu lange dauert bis Paradigmen und Denkmuster aufbrechen, dass Komplexität und Zwischentöne unbeachtet bleiben, und auch, dass viel Geld im Spiel ist -- weil, wie wir alle wissen, pharmazeutische Unternehmen Studien von Medikamenten, die praktischerweise die schlimmsten Nebenwirkungen nicht beachten, fördern, Lebensmittelhersteller fördern Studien für ihre neuen Produkte, die die gesundheitlichen Vorteile der Produkte, die sie gerade auf den Markt bringen, extrem übertrieben darstellen. Meine Untersuchung zeigt auf, dass Lebensmittelhersteller in der Regel sieben Mal mehr übertreiben als unabhängige Studien.
Und wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass natürlich auch Experten, Fehler machen. Sie machen jeden Tag Fehler -- Fehler, die aus Unachtsamkeit entstehen. Eine neue Recherche in den Archiven der Chirurgie berichtet von Chirurgen, die gesunde Eierstöcke entfernt haben, oder von Chirurgen, die an der falschen Seite des Gehirns operiert haben, oder die die falsche Hand behandelt haben, oder den falschen Ellenbogen, das falsche Auge, den falschen Fuß, und manchmal Fehler aufgrund von Denkfehlern machen. Ein weit verbreiteter Denkfehler von Radiologen zum Beispiel ist -- wenn Sie CT Scans anschauen und interpretieren -- dass Sie stark von der Diagnose beeinflusst sind, -- wie auch immer diese Diagnose lautet -- die der überweisende Arzt gestellt hat, und wo er glaubt, dass der Patient Schwierigkeiten hat. Wenn also der Radiologe, den Scan eines Patienten anschaut, bei dem eine Lungenentzündung vermutet wird, passiert es, dass sie zwar die Anzeichen einer Lungenentzündung auf dem Scan erkennen, sie aber im wahrsten Sinne des Wortes aufhören, weiter hinzuschauen -- und dabei den Krebs übersehen der ein paar Zentimeter weiter unten in den Lungen des Patienten sitzt.
So, jetzt habe ich mit Ihnen meine Eindrücke aus der Welt der Experten geteilt. Natürlich sind das nicht die einzigen Einblicke, die ich Ihnen bieten könnte, aber ich hoffe, ich konnte sie wenigstens ansatzweise davon überzeugen, warum wir aufhören sollten, vor den Experten zu Katzbuckeln, warum wir rebellieren sollten, und warum wir die in uns angelegten Möglichkeiten, unabhängige Entscheidungen zu treffen, auch nutzen sollten. Aber wie schaffen wir das? Nun, weil die Zeit hier begrenzt ist, möchte ich mich einfach auf drei Strategien konzentrieren. Zunächst müssen wir wirklich dazu bereit sein, den Experten Kontra zu bieten und uns von dieser Vorstellung von ihnen als Apostel der Moderne lösen. Das heißt nicht, dass man auf jedem einzelnen Gebiet ein Experte sein muss, Sie werden froh sein, dass zu hören. Aber natürlich gilt es, darauf zu bestehen, und dabei auch den Ärger der Experten in Kauf zu nehmen. Zum Beispiel geht es darum, uns die Dinge in einer Sprache zu erklären, die wir auch wirklich gut verstehen. Warum hat mir mein Arzt, als ich operiert wurde, gesagt: "Frau Hertz, passen Sie auf, dass Sie keine Hyperpyrexie bekommen"? Statt dessen hätte er auch ganz einfach sagen können, dass ich aufpassen muss, kein hohes Fieber zu bekommen. Sehen Sie, es mit Experten aufzunehmen heißt, auch dazu bereit zu sein, ihre Grafiken zu hinterfragen, oder ihre Gleichungen, ihre Prognosen oder ihre Prophezeiungen, und diese einfach in Frage zu stellen -- wie zum Beispiel: Worauf basieren diese Annahmen und Thesen? Auf welche Beweismittel stützen Sie Ihre Hypothese? Auf was hat sich Ihre Untersuchung konzentriert? Und welche Aspekte wurden ignoriert?
Kürzlich hat sich heraus gestellt, dass Experten, die Arzneimittel austesten bevor sie auf den Markt kommen, in der Regel Versuchs-Medikamente zunächst vor allem bei männlichen Tieren und dann vor allem bei Männern testen. Scheinbar haben sie dabei immer die Tatsache übersehen, dass über die Hälfte der weltweiten Bevölkerung Frauen sind. Und Frauen haben in der Medizin offenbar den Kürzeren gezogen, weil offenbar viele dieser Medikamente, bei ihnen nicht ansatzweise so gut funktionieren wie bei Männern -- und dass die Medikamente mit einer positiven Wirkung so stark wirken, dass sich Frauen damit aktiv schaden, wenn sie diese einnehmen. Zu rebellieren und den geistigen Aufstand zu proben heißt, zu erkennen, dass die Vermutungen von Experten und ihre Methoden schlichtweg falsch sein können.
Zweitens, müssen wir versuchen, einem Gedanken Raum zu geben, den ich in etwa mit "verwaltetem Widerspruch" umschreiben würde. Wenn wir Denkmuster verschieben wollen, wenn wir Durchbrüche erzielen wollen, wenn wir Mythen zerstören wollen, müssen wir ein Umfeld schaffen, in dem die Ideen von Experten kontrovers diskutiert werden können. Ein Umfeld, in dem wir neue, vielfältige, widersprüchliche, ketzerische Meinungen in die Diskussion einbringen, furchtlos, und in dem Wissen, dass der Fortschritt nicht nur durch die Entwicklung neuer Ideen entsteht, sondern auch durch ihre Zerstörung. Dieses Umfeld lebt auch von dem Wissen, dass wenn wir uns mit vielfältigen, widersprüchlichen und ketzerischen Meinungen auseinandersetzen, -- und Studien haben das bewiesen -- wir dadurch tatsächlich wesentlich klüger werden. Dissens zu ermutigen ist eine rebellische Idee, weil das gegen unsere ureigenen Instinkte geht, die darauf beruhen, uns mit Meinungen und Ratschlägen zu umgeben, die wir schon glauben, oder von denen wir möchten, dass sie wahr sind. Und deshalb spreche ich über das Bedürfnis Widerspruch aktiv zu verwalten.
Der CEO von Google Eric Schmidt ist ein pragmatischer Anhänger dieser Philosophie. In Meetings sucht er nach der Person im Raum mit verschränkten Armen und einem leicht irritierten Blick, und fängt an, mit ihr zu diskutieren, um zu sehen, ob es wirklich eine Person ist, die eine andere Meinung vertritt, damit im Raum eine widersprüchliche Atmosphäre entsteht. Widerspruch zu verwalten heißt, den Wert von Meinungsverschiedenheiten, Disharmonie und Unterschieden anzuerkennen. Aber wir müssen sogar noch mehr leisten. Wir müssen grundsätzlich neu definieren wer Experten sind. In der gängigen Meinung qualifizieren sich Experten durch irgendeinen höheren Abschluss, durch schicke Titel, Diplome, Bücher, die Bestseller sind -- eben hochklassige Individualisten. Aber wie wäre es denn, wenn wir diese Vorstellung von Experten einfach loslassen würden, diese Vorstellung als so eine Art elitärer Kaderschmiede und stattdessen die Vorstellung einer demokratischen Expertenrunde begrüßen -- wobei Expertise nicht nur die Domäne von Chirurgen und CEOs wäre sondern auch von Shopping Girls -- yeah.
Best Buy, das Unternehmen für Unterhaltungselektronik, motiviert all seine Mitarbeiter -- also auch Reinigungspersonal, Shop-Assistenten, die Mitarbeiter im Back Office, und nicht nur das Team für Prognosen -- Wetten zu platzieren, ja genau, Wetten, zu Themen wie zum Beispiel, ob sich ein Produkt gut vor Weihnachten verkauft oder nicht, oder darüber, ob neue Ideen von Kunden vom Unternehmen angegangen werden sollten, oder darüber, ob ein Projekt rechtzeitig herein kommt. Durch den Aufbau und das Willkommen heißen von Expertise innerhalb eines Unternehmens, konnte Best Buy zum Beispiel entdecken, dass der Laden, den sie in China aufmachen wollten -- ein wichtiger, großer Laden -- nicht rechtzeitig eröffnen würde. Als die Mitarbeiter gebeten wurden, und zwar alle Mitarbeiter, ihre Wetten zu platzieren, also Wetten abzuschließen, ob der Laden rechtzeitig öffnen würde oder nicht, hat eine Gruppe aus der Finanz-Abteilung all ihre Einsätze darauf gesetzt, dass genau das nicht passiert. Hinterher kam heraus, dass diese Gruppe, im Gegensatz zu allen anderen Mitarbeitern des Unternehmens, ein technologisches Problem bemerkt hatte, dessen sich weder die Experten für Prognosen, noch die Experten vor Ort in China bewusst waren.
Die Strategien die ich heute Abend erörtert habe -- den Widerspruch zu begrüßen, Experten herauszufordern, Expertise zu demokratisieren, rebellische Strategien zu entwickeln all das sind Strategien, von denen ich denke, dass es uns allen gut tun würde, sie willkommen zu heißen. Insbesondere weil wir lernen müssen, in einer sehr verwirrenden, komplexen und schwierigen Zeit zu leben. Wenn wir weiterhin unseren Teil des Gehirns benutzen, der unabhängige Entscheidungen trifft, wenn wir Experten hinterfragen, wenn wir skeptisch sind, wenn wir Autoritäten übergehen, wenn wir rebellisch sind, aber auch, wenn wir uns immer mehr daran gewöhnen, Zwischentöne, Unsicherheit und Zweifel zu zulassen, und wenn wir unseren Experten erlauben, diese Ausdrücke auch selber zu benutzen, sind wir für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wesentlich besser gewappnet. Denn jetzt ist mehr denn je der Zeitpunkt gekommen, an dem wir nicht blind folgen, blind akzeptieren, oder blind trauen können. Jetzt ist die Zeit gekommen, der Welt mit offenen Augen zu begegnen -- und ja, natürlich brauchen wir Experten um die Dinge für uns zu ordnen -- ich will mich hier nicht selbst in meinem Job überflüssig machen -- aber wir sollten uns auch ihrer Grenzen bewusst sein und natürlich auch unserer eigenen.
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Wir treffen täglich wichtige Entscheidungen -- und wir verlassen uns dabei oft auf Experten. Aber die Ökonomin Noreena Hertz stellt fest, dass uns eine zu große Abhängigkeit von Experten einschränkt und gefährlich sein kann. Sie ruft uns dazu auf, Expertise zu demokratisieren -- und nicht nur "auf Chirurgen und CEOs zu hören, sondern auch auf das Verkaufspersonal."
Noreena Hertz looks at global culture -- financial and otherwise -- using an approach that combines traditional economic analysis with foreign policy trends, psychology, behavioural economics, anthropology, history and sociology. Full bio »
Translated into German by Simon Thiel
Reviewed by Anja Lehmann
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24:08 Posted: Jul 2010
Views 1,119,968 | Comments 927
16:41 Posted: Jan 2007
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