Als ich gebeten wurde, diesen TEDTalk zu halten, musste ich lächeln, da der Name meines Vaters Ted war, und fast mein ganzes Leben und besonders mein musikalisches Leben ist in Wahrheit ein Gespräch, das ich immer noch mit ihm führe, oder dem Teil von mir, in dem er weiterlebt.
Ted war ein New Yorker, durch und durch ein Mann des Theaters, und er war Zeichenkünstler und Musiker, der sich alles selbst beigebracht hatte. Er konnte keine Noten lesen und er war sehr schwerhörig. Dennoch war er mein großartigster Lehrer, weil er trotz des Piepens seiner Hörgeräte ein tiefgreifendes musikalisches Wissen besaß.
Für ihn ging es nicht darum, welchen Weg die Musik geht, sondern vielmehr darum, von was sie Zeuge ist und wohin sie einen führen kann. Er fertigte ein Gemälde von dieser Erfahrung an, das er "In the Realm of Music" ("Im Reich der Musik") nannte. Ted begab sich jeden Tag in dieses Reich, indem er am Klavier in einer Art Tin-Pan-Alley-Stil improvisierte. Etwa so. (Musik)
Aber in punkto Musik hatte er eine feste Meinung. Er sagte: "Es gibt nur zwei Dinge, die in der Musik von Bedeutung sind: das Was und das Wie. Und in der klassischen Musik sind das 'Was' und das 'Wie' unerschöpflich."
Das war seine Leidenschaft für Musik. Meine Eltern liebten sie wirklich. Sie wussten nicht viel darüber, aber sie gaben mir die Gelegenheit, sie zusammen mit ihnen zu entdecken, und durch diese Erinnerung inspiriert, habe ich das Bedürfnis zu versuchen, sie so vielen Menschen wie möglich näher zu bringen, sie irgendwie weiterzugeben, egal mit welchen Mitteln. Wie Menschen zu dieser Musik gelangen, wie sie in ihr Leben kommt, das fasziniert mich sehr.
Eines Tages war ich in den Straßen New Yorks unterwegs und sah einige Kinder zwischen Treppen, Autos und Hydranten Baseball spielen. Ein robuster, schwerfälliger Junge stand auf und nahm den Schläger, er schwang ihn und traf tatsächlich. Er sah dem fliegenden Ball kurz nach und dann jubelte er: "Dah dadaratatatah. Brah dada dadadadah." Er rannte um die Bases. Und ich dachte: Sieh mal einer an. Wie konnte diese österreichische aristokratische Unterhaltungsmusik aus dem 18. Jahrhundert zum Jubelschrei dieses Kindes aus New York werden? Wie wurde sie weitergegeben? Wo hatte er Mozart gehört?
Die klassische Musik betreffend gibt es sehr viel weiterzugeben, viel mehr als Mozart, Beethoven oder Tschaikowsky. Denn die klassische Musik ist eine ungebrochene, lebendige Tradition, die über 1000 Jahre zurückreicht. Und jedes einzelne dieser Jahre hat uns etwas Einzigartiges und Gewaltiges mitzuteilen, nämlich wie es ist, am Leben zu sein.
Ihre Grundlage ist natürlich einfach die Musik des täglichen Lebens, all die Hymnen, die Lieder zum Tanzen, die Balladen und die Märsche. Aber die klassische Musik fasst all diese Musikgattungen zusammen, reduziert sie auf deren absoluten Kern, und formt aus diesem Kern eine neue Sprache, eine liebevolle und beherzte Sprache, die uns sagt, wer wir wirklich sind. Diese Sprache entwickelt sich immer noch weiter.
Über die Jahrhunderte hinweg entstanden große, uns bekannte Musikstücke wie Concertos und Symphonien, aber selbst das anspruchsvollste Meisterwerk kann zum Hauptziel haben, Sie zu einem zerbrechlichen und persönlichen Moment zurückzuführen – so wie dieses von Beethovens Violinkonzert. (Musik) Es ist so einfach, so sinnträchtig. Darin scheinen so viele Gefühle zu stecken. Und dennoch, wie alle Musikstücke handelt es von absolut gar nichts. Es ist einfach nur ein Entwurf von Tonhöhen, Pausen und Zeit.
Und die Tonhöhen, die Noten, sind, wie Sie wissen, nur Schwingungen. Sie sind Orte im Klangspektrum. Und ob wir sie jetzt mit 440 pro Sekunde, Ton A, oder 3729, Ton B, bezeichnen – glauben Sie mir, das stimmt –, so sind es doch nur Phänomene. Aber die Art und Weise, wie wir auf verschiedene Kombinationen dieser Phänomene reagieren, ist komplex, emotional und noch nicht ganz geklärt. Und die Art, wie wir auf sie reagieren, hat sich über die Jahrhunderte grundlegend geändert, ebenso wie unsere Vorlieben für sie.
So zum Beispiel mochten die Menschen im 11. Jahrhundert Stücke, die so endeten. (Musik) Und im 17. Jahrhundert war es vielmehr so. (Musik) Und im 21. Jahrhundert … (Musik)
Ihre heutigen Ohren sind mit diesem letzten Akkord recht zufrieden, obwohl er Sie vor einer Weile noch verwirrt oder verärgert hätte, oder einige von Ihnen aus dem Saal gejagt hätte. Der Grund, warum Sie ihn mögen, liegt, ob Sie es nun wussten oder nicht, darin, dass Sie jahrhundertelange Veränderungen in Musiktheorie und -praxis sowie Modeerscheinungen vererbt bekommen haben.
Und in der klassischen Musik können wir diese Veränderungen ganz genau verfolgen, und zwar wegen des starken und stillen Partners der Musik und der Art, wie sie weitergegeben wurde: der Notation. Den Impuls, Musik zu notieren, oder genauer gesagt, sie zu kodieren, haben wir schon seit sehr langer Zeit. Im Jahr 200 v. Chr. schrieb ein Mann namens Sekulos dieses Lied für seine verstorbene Frau und meißelte es im Notationssystem der Griechen in ihren Grabstein ein. (Musik)
Eintausend Jahre später nahm die Art und Weise des Notierens eine ganz andere Form an. Und wie dies geschah, können Sie in diesem Auszug der Weihnachtsmesse "Puer natus est nobis", "Ein Kind ist uns geboren", sehen. (Musik) Im 10. Jahrhundert wurden kleine Schnörkel benutzt, um nur die allgemeine Form der Melodie anzugeben. Im 12. Jahrhundert wurde dann eine Linie gezogen, eine Art musikalische Horizontlinie, um die Lage der Tonhöhen besser anzuzeigen.
Im 13. Jahrhundert hielten mehr Linien und neue Notenformen das Melodiekonzept genau fest, und dies führte zu der Art Notation, wie wir sie heute kennen. Durch die Notation wurde nicht nur die Musik weitergegeben, sondern das Notieren und Kodieren der Musik veränderte deren Prioritäten vollständig, weil es den Musikern nun möglich war, sich Musik in einem viel größeren Rahmen vorzustellen.
Inspirierte Improvisationen konnten jetzt aufgeschrieben werden, erhalten bleiben, durchdacht und ausgewählt werden. So entstanden komplexe Musikstücke. Von diesem Moment an wurde klassische Musik zu dem, was sie eigentlich ist, nämlich ein Dialog zwischen den beiden mächtigen Seiten unserer Natur: Instinkt und Intelligenz.
An diesem Punkt entstand allmählich ein großer Unterschied zwischen der Kunst des Improvisierens und der Kunst des Komponierens. Ein Improvisator spürt und spielt die nächste geniale Melodie, ein Komponist dagegen berücksichtigt alle Möglichkeiten, probiert und wählt sie aus, bis er erkennt, wie sie ein gewaltiges und zusammenhängendes Musikstück von unübertrefflicher und fortwährender Exzellenz formen können. Einige der größten Komponisten, wie zum Beispiel Bach, vereinten beides in sich. Bach war ein hervorragender Improvisator mit dem Gedächtnis eines Schachmeisters – genauso wie Mozart.
Aber jeder Musiker findet ein anderes Gleichgewicht zwischen Glauben und Vernunft, Instinkt und Intelligenz. In jeder musikalischen Epoche gab es diesbezüglich verschiedene Vorlieben, verschiedene Dinge zum Weitergeben, verschiedene "Was" und "Wie". In den ersten acht Jahrhunderten dieser Tradition etwa bestand das große "Was" darin, Gott zu loben und zu preisen. Und ab dem 15. Jahrhundert wurde Musik geschrieben mit dem Versuch, den Geist Gottes widerzuspiegeln, der zum Beispiel an der Struktur des Nachthimmels sichtbar wurde. Das "Wie" war ein Stil, den man als Polyphonie bezeichnet, also Musik, bei der sich viele Stimmen unabhängig voneinander bewegen. Sie sollten die Art und Weise darstellen, wie sich die Planeten in Ptolemäus' geozentrischem Universum zu bewegen schienen. Dies war wahrhaftig die Musik der Sphären. (Musik)
Diese Art Musik hat Leonardo DaVinci sicher gekannt und vielleicht bedeutete ihre ungeheure intellektuelle Perfektion und ruhige Heiterkeit, dass etwas Neues geschehen musste – eine radikale Veränderung, die um 1600 dann auch wirklich geschah. (Musik) Sänger: Weh, grausames Verhängnis! Weh, hartes, erbarmungsloses Schicksal! Weh, schmähliche Sterne! Weh, niederträchtiger Himmel!
MTT: Dies war natürlich die Geburtsstunde der Oper und deren Entwicklung brachte die Musik auf einen völlig neuen Weg. Das "Was" bestand nun nicht mehr darin, den Geist Gottes widerzuspiegeln, sondern den emotionalen Turbulenzen des Menschen zu folgen, und das "Wie" war Harmonie, also die Töne zu anzuhäufen, um Akkorde zu formen.
Und wie sich herausstellte, war es mit Akkorden möglich, unglaubliche Gefühlsvariationen darzustellen. Die Grundakkorde verwenden wir heute noch, die Dreiklänge, entweder den Dur-Dreiklang, den wir als glücklich empfinden, oder den Moll-Dreiklang, den wir als traurig wahrnehmen. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen diesen zwei Akkorden? Im Grunde sind es nur diese zwei Töne in der Mitte. Es ist entweder der Ton E mit 659 Schwingungen pro Sekunde oder der Ton Es mit 622. Also der große Unterschied zwischen menschlicher Freude und Trauer? 37 verdammte Schwingungen.
Wie Sie sehen können, gab es in einem System wie diesem ein enorm subtiles Potential, menschliche Gefühle darzustellen. Und tatsächlich, als der Mensch begann, seine komplexe und zwiespältige Natur besser zu verstehen, wurden die Harmonien immer komplexer, um dieses Verständnis auszudrücken. Es stellte sich heraus, dass man mit Musik in der Lage war, Gefühle auszudrücken, die man mit Worten nicht beschreiben konnte.
Aufgrund all dieser Möglichkeiten wuchs die klassische Musik in der Tat über sich hinaus. Es war die Zeit, in der all die großen Gattungen aufkamen. Man bekam auch die Auswirkung der Technik allmählich zu spüren, da durch den Buchdruck Musik, Partituren, Notenbücher in die Hände der Künstler überall auf der Welt gelangten. Durch neue und verbesserte Instrumente brach das Zeitalter der Virtuosen an. Zu jener Zeit entstanden die großen Formen – die Symphonien, die Sonaten, die Concertos.
Und mit den großen Werken jener Zeit konnten Komponisten wie Beethoven die Erkenntnisse eines ganzen Lebens teilen. Ein Stück wie Beethovens Fünfte zeigte im Grunde, wie er beginnend bei Kummer und Zorn in nur einer halben Stunde Schritt für Schritt einen Weg zurücklegen konnte und schließlich den Moment erreichte, wo er Freude fand. (Musik)
Und es stellte sich heraus, dass die Symphonie für komplexere Themen genutzt werden konnte, so kulturell ergreifende Themen wie den Nationalismus, das Streben nach Freiheit oder die Grenzen der Sinnlichkeit. Aber ganz gleich welche Richtung die Musik nahm, eines blieb bis vor kurzem unverändert, nämlich die Tatsache, dass wenn die Musiker aufhörten zu spielen, dann hörte auch die Musik auf.
Und dieser Moment fasziniert mich sehr. Er ist so tiefgründig. Was geschieht, wenn die Musik aufhört? Wo geht sie hin? Was bleibt davon übrig? Was behalten die Zuhörer im Publikum am Ende der Darbietung? Eine Melodie oder einen Rhythmus oder eine Stimmung oder eine Einstellung? Und wie könnte dies ihr Leben verändern?
Das ist für mich die intime und persönliche Seite der Musik. An diesem Punkt geschieht die Weitergabe. Hier kommt das "Warum" ins Spiel und das ist für mich das Wesentlichste von allem. Meistens wurde sie von Mensch zu Mensch, von Lehrer zu Schüler, von Künstler zu Publikum weitergegeben. Dann um 1880 kam diese neue Technologie auf, die von mechanisch über analog bis hin zu digital auf neue und wunderbare, wenngleich unpersönliche Art und Weise Musik weitergeben konnte. Menschen konnten nun jederzeit Musik hören. Es war nicht nötig, dass sie ein Instrument spielten, Noten lesen konnten oder gar in Konzerte gingen.
Die Technologie demokratisierte die Musik, indem sie alles verfügbar machte. Sie führte eine kulturelle Revolution an, in der für Künstler wie Caruso und Bessie Smith die gleichen Bedingungen galten. Die Technologie trieb Komponisten zu gewaltigen Extremen an, sie benutzten Computer und Synthesizer, um Werke von intellektuell undurchdringlicher Komplexität zu schaffen, die über die Möglichkeiten der Künstler und der Zuhörer hinausgingen.
Zur gleichen Zeit verschob die Technologie, die nun die Rolle der Notation übernahm, das Gleichgewicht der Musik zwischen Instinkt und Intelligenz ganz klar auf die Seite des Instinkts. Die Kultur, in der wir jetzt leben, ist überflutet mit Improvisationsmusik, die geschnitten, gemischt, übereinander gelegt, und, weiß der Geier, vertrieben und verkauft wird. Was sind die langfristigen Folgen für uns und die Musik? Das weiß niemand.
Doch eine Frage bleibt: Was geschieht, wenn die Musik aufhört? Was behalten die Menschen? Jetzt, da wir unbegrenzten Zugang zu Musik haben, was behalten wir wirklich von ihr?
Lassen Sie mich an einer Geschichte zeigen, was ich mit "tatsächlich behalten" meine. Ich besuchte einen Cousin von mir in einem Altersheim, und ich sah einen sehr zittrigen alten Mann, der mit einer Gehhilfe durch den Raum ging. Er ging zu einem Klavier, das dort stand, setzte sich hin und begann so etwas wie das hier zu spielen. (Musik)
Dann sagte er etwas wie: "Ich … Junge … Symphonie … Beethoven." Und plötzlich war es mir klar und ich sagte: "Mensch, wolltest du vielleicht das hier spielen?" (Musik) Und er sagte: "Ja, genau. Ich war ein kleiner Junge. Die Symphonie, Isaac Stern, das Concerto, ich habe es gehört." Und ich dachte, mein Gott, wie viel muss diese Musik diesem Mann bedeuten, dass er dafür aus dem Bett aufsteht, durch den Raum geht, um die Erinnerung an diese Musik wiederzuerlangen, die, nachdem alles andere aus seinem Leben verschwindet, ihm noch so viel bedeutet?
Genau aus diesem Grund nehme ich jede Vorstellung so ernst und genau deswegen bedeutet es mir so viel. Ich weiß nie, wer da sein wird, wer die Musik in sich aufnehmen wird und was mit ihr in ihrem Leben geschehen wird.
Aber jetzt bin ich begeistert, dass es mehr Möglichkeiten denn je gibt, diese Musik zu teilen. Das gibt mir den Ansporn für Projekte wie die Fernsehserie "Keeping Score" mit dem San Francisco Symphonieorchester, welche die Hintergrundgeschichten der Musik betrachtet, und dafür, mit jungen Musikern beim New World Symphonieorchester an Projekten zu arbeiten, die das Potential der neuen Zentren für darstellende Künste für Unterhaltung und Bildung erkunden.
Und natürlich führte das New World Symphonieorchester zum YouTube-Symphonieorchester und zu Projekten im Internet, die Musiker und Zuhörer auf der ganzen Welt erreichen. Das Spannende daran ist, dass all dies nur ein Prototyp ist. Es gibt dabei eine Rolle für so viele Menschen – Lehrer, Eltern, Künstler –, alles gemeinsam zu entdecken. Sicherlich erregen die großen Veranstaltungen viel Aufmerksamkeit, aber was wirklich zählt, ist, was an jedem einzelnen Tag passiert. Wir brauchen Ihre Perspektiven, Ihre Neugier, Ihre Stimmen.
Es begeistert mich, Menschen wie Wanderer, Küchenchefs, Programmierer und Taxifahrer zu treffen. Menschen, bei denen ich nie vermutet hätte, dass sie diese Musik lieben und sie weitergeben. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn Sie nichts wissen. Wenn Sie neugierig sind, wenn Sie die Fähigkeit zum Staunen besitzen, wenn Sie offen sind, haben Sie alles, was Sie brauchen. Sie können überall anfangen. Schweifen Sie ein wenig umher. Folgen Sie Spuren. Verirren Sie sich. Lassen Sie sich überraschen, inspirieren und amüsieren Sie sich. All das „Was“, all das „Wie“ wartet dort draußen auf Sie, damit Sie deren „Warum“ entdecken, darin eintauchen und es weitergeben.
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In diesem epischen Überblick verfolgt Michael Tilson Thomas mithilfe der Entwicklung der schriftlichen Notation, der Aufzeichnung und dem Remix die Entwicklung der klassischen Musik.
Conductor Michael Tilson Thomas (call him MTT) is an all-around music educator -- connecting with global audiences, young musicians and concertgoers in San Francisco and London. Full bio »
Translated into German by Nadine Hennig
Reviewed by Johanna Pichler
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19:37 Posted: Feb 2012
Views 639,839 | Comments 170
16:00 Posted: Jun 2010
Views 589,717 | Comments 135
05:46 Posted: Oct 2009
Views 895,470 | Comments 162
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