Eines Morgens, im Jahr 1957, sah sich der Neurochirurg Walter Penfield so: Ein Ungeheuer mit riesigen Händen, riesigem Maul, und einem winzigen Hinterteil. Diese Kreatur ist ein Resultat von Penfields Forschungen. Er nannte sie Homunculus. Der Homunculus ist im Prinzip eine Visualisierung eines menschlichen Wesens, wo jeder Körperteil proportional zu der Oberfläche ist, die er im Gehirn einnimmt. Und so ist ein Homunculus natürlich kein Ungeheuer. Er ist du. Er ist ich. Er ist unsere unsichtbare Wirklichkeit. Diese Visualisierung könnte zum Beispiel erklären, wieso Neugeborene, oder Raucher, instinktiv ihren Finger in den Mund stecken. Leider erklärt er nicht, wieso so viele Designer sich hauptsächlich für das Entwerfen von Stühlen interessieren.
Na ja, auch wenn ich also Wissenschaft nicht ganz durchschaue, dann beziehe ich mich in meinem Design doch auf sie. Mich fasziniert ihre Fähigkeit, Menschen eingehend zu untersuchen, wie sie funktionieren, wie sie fühlen. und es hilft mir sehr bei dem Verständnis, wie wir sehen, wie wir hören, wie wir atmen, wie unser Gehirn uns aufklärt oder fehlleitet. Sie ist ein großartiges Werkzeug, das mir beim Verstehen unserer potentiellen wahren Bedürfnisse hilft.
Marketing-Leute haben das noch nie geschafft. Marketing reduziert Dinge. Marketing vereinfacht. Marketing erstellt Zielgruppen. Und Wissenschaftler stehen zur Komplexität, zur Fluktuation und zur Einzigartigkeit. Was könnten unsere wahren Bedürfnisse sein? Vielleicht die Stille. In unserem täglichen Leben stören uns ständig aufdringliche Geräusche. Und ihr kennt die Geräusche, die uns unter Stress setzen, und uns davon abhalten, ruhig und konzentriert zu arbeiten. Also wollte ich eine Art Geräuschfilter schaffen, der uns vor Lärmbelästigung schützt. Aber ich wollte ihn nicht durch die Isolation von Menschen erreichen, ohne Ohrenschützer oder so etwas. Und auch nicht durch das Einführen komplexer Technologie. Ich wollte einfach die Komplexität und Technologie des menschlichen Gehirns dazu nutzen.
Also arbeitete ich mit weißem Rauschen. dB ist im Prinzip – dB ist der Name des Produkts – im Prinzip ein Diffuser für weißes Rauschen. Das ist weißes Rauschen. Das weiße Rauschen ist die Summe aller Frequenzen, die von einem Menschen hörbar sind. Und sie alle haben dieselbe Intensität. Und dieses Rauschen ist wie ein "schhhhhhhhhh", so etwa. Und dieses Rauschen ist das neutralste. Es ist das perfekte Geräusch für unsere Ohren und unser Gehirn. Wenn ihr also dieses Geräusch hört, fühlt ihr euch wie in einem Schutzkeller, wo ihr vor Lärmbelastung verschont seid. Und wenn ihr das weiße Rauschen hört, konzentriert sich das Gehirn sofort darauf. Und man ist nicht weiter von den anderen aufdringlichen Geräuschen gestört. Es ist ein bisschen wie Zauberei. Aber es ist nur Physiologie. Es spielt sich nur in eurem Gehirn ab. Und in meinem auch, hoffe ich.
Um also dieses weiße Rauschen ein bisschen aktiver und reaktiver zu machen, erschaffe ich eine Kugel, eine rollende Kugel, die analysieren und herausfinden kann, wo diese aufdringlichen Geräusche herkommen, und ich rolle sie, zu Hause oder im Büro, in Richtung dieses Geräusches, und stoße weißes Rauschen aus, um es zu neutralisieren. (Lachen) Es funktioniert. Spürt ihr den Effekt des weißen Rauschens? Es funktioniert auch in der Stille. Wenn ihr ein Geräusch macht, spürt ihr den Effekt.
Also obwohl dieses Objekt, dieses Produkt, Technologie beinhaltet, in ihm sind ein paar Lautsprecher, ein paar Mikrophone, und ein bisschen Elektronik, ist dieses Objekt doch nicht sonderlich intelligent. Ich möchte kein übermäßig intelligentes Objekt erschaffen. Ich möchte kein perfektes Objekt schaffen, wie einen perfekten Roboter. Ich möchte ein Objekt wie euch und mich erschaffen. Also definitiv nicht perfekt. Stellt euch vor, ihr seid zu Hause. Eine Zankerei mit eurem Freund oder der Freundin. Ihr schreit. Du sagst: "Blah blah blah. Blah blah blah. Wer ist der Typ?" Und dB wird wahrscheinlich in deine Richtung rollen. Und um dich herum erklingt ein "schhhhhhhh", so ungefähr. (Lachen) Definitiv nicht perfekt. Als würdet ihr es wahrscheinlich an diesem Punkt ausmachen. (Lachen)
Na ja, mit derselben Herangehensweise habe ich K entworfen. K. ist ein Tageslicht-Empfänger-Transmitter. Es soll also auf eurem Schreibtisch stehen, auf dem Klavier, wo man tagsüber eben die meiste Zeit verbringt. Und dieses Objekt weiß genau, wie viel Licht ihr jeden Tag ausgesetzt seid, und kann die benötigte Lichtmenge spenden. Das Objekt ist vollständig von Fiberglasfasern überdeckt. Und der Hintergedanke ist der, dem Objekt Daten zu liefern, aber es erzeugt auch eine Vorstellung von visueller Empfindlichkeit des Objekts. Ich möchte in diesem Design dass ihr, wenn ihr es seht, instinktiv wisst, dass das Objekt sehr empfindlich zu sein scheint, sehr reaktiv. Und das Objekt weiß besser als ihr, und wahrscheinlich vor euch, was ihr wirklich benötigt. Ihr müsst wissen, dass Tageslichtmangel zu Problemen im Energiehaushalt, oder mit der Libido führen kann. Es ist also ein riesiges Problem. (Lachen)
Bei den meisten meiner Projekte arbeite ich eng mit Wissenschaftlern zusammen. Ich bin nur ein Designer. Ich brauche sie also. Das können also ein paar Biologen sein, Psychiater, Mathematiker, und so weiter. Und ich gebe ihnen meine Eingebungen, meine Hypothesen, meine ersten Ideen. Und sie reagieren. Sie sagen mir, was möglich und unmöglich ist. Und zusammen verbessern wir das ursprüngliche Konzept. Wir bauen das Projekt zusammen zu Ende. Und diese Art Verhältnis zwischen Designer und Wissenschaftler begann, als ich noch zur Schule ging.
Zu meinen frühen Studienzeiten war ich ein Versuchskaninchen für die Arzneimittelindustrie. Und die Ironie bestand für mich darin, dass ich das natürlich nicht für die Wissenschaft tat. Ich tat das nur um Geld zu verdienen. Dieses Projekt, oder diese Erfahrung, führte jedenfalls dazu, dass ich ein neues Projekt über das Design von Medikamenten begann. Ihr müsst wissen: Heutzutage wird etwa eine von zwei Tabletten jeder Arznei falsch eingenommen. Selbst wenn also die aktiven Inhaltsstoffe in Arzneimitteln sich konstant verbessern würden, was die chemische Zusammensetzung und Stabilität betrifft, dann würde das Verhalten der Patienten zunehmend instabiler. Also haben wir zu viel Medizin genommen. Wir haben unregelmäßige Dosen genommen. Wir haben die Anweisung nicht befolgt. Und so weiter.
Also wollte ich eine neue Art Medikament schaffen, um eine neue Beziehung zwischen dem Patienten und der Behandlung zu ermöglichen. Also verwandelte ich traditionelle Pillen in dies. Ich gebe euch ein Beispiel. Das hier ist ein Antibiotikum. Es hat die Funktion, dem Patienten zu helfen, bis zum Ende der Behandlung durchzuhalten. Und das Konzept ist es, eine Art Zwiebel zu bilden, eine Struktur in Schichten. Man fängt also mit der dunkelsten an. Man kann sich die Dauer der weiteren Behandlung visualisieren. Man kann sich den Abklang der Entzündung visualisieren. Am ersten Tag ist es die große hier. Und man muss jeden Tag eine Schicht abpellen und essen. Und das Antibiotikum wird kleiner und heller. Und man wartet auf die Genesung wie auf Weihnachten. So folgt man der Behandlung, bis die Behandlung beendet ist. Und hier gelangt man am weißen Kern an. Das bedeutet: Deine Gesundheit befindet sich im Aufschwung. (Applaus) Danke. (Applaus)
Das hier ist eine dritte Lunge, ein medizinisches Gerät für Langzeit-Asthmabehandlung. Ich habe es entworfen, um Kindern mit der Behandlung zu helfen. Die Idee dahinter ist das Zustandebringen einer Beziehung zwischen Patient und Behandlung, aber eine Abhängigkeitsbeziehung. In diesem Fall ist aber das Medikament abhängig vom Patienten. Das heißt, die Kinder spüren, dass das therapeutische Objekt sie braucht. Die ganze Nacht über bläst sich die elastische Hülle der dritten Lunge langsam auf, natürlich inklusive Luft und Molekülen. Und wenn das Kind aufwacht, kann es sehen, dass das Objekt es braucht. Und es nimmt es in den Mund und atmet die Luft, die es enthält. So kümmert sich das Kind also um sich selbst, indem es sich um dieses lebende Objekt kümmert. Und es fühlt nicht länger, dass es von dem Asthmamedikament abhängt, denn das Asthmamedikament braucht das Kind. (Applaus)
An dieser versteckten Methode des lebenden Objektes mag ich die Idee des unsichtbaren Designs, so als ob die Funktion des Objekts in einem irgendwie unsichtbaren Feld existiert, das sich nur um das Objekt selbst dreht. Wir könnten über eine Art Seele sprechen, ein Geist, der es beseelt. Und fast eine Art Polstergeist-Effekt. Ein passives Objekt wie dieses scheint also zu leben, weil es sich zu bewegen beginnt.
Ich erinnere mich an eine Ausstellung, die ich für John Maeda entwerfen sollte, und für die Cartier-Stiftung in Paris. Und John Maeda sollte mehrere grafische Animationen in dieser Ausstellung zeigen. Ich hatte die Idee, die Ausstellung als echtes Pong-Spiel zu gestalten, wie das hier. Wir wollten ein paar Bänke bauen, die sich im Hauptraum der Ausstellung von allein bewegten. Die lebenden Bänke sollten genau wie der Ball sein. Und John war davon so begeistert, dass er mir grünes Licht gab. Ich erinnere mich an die Ausstellungseröffnung. Ich kam ein bisschen zu spät. Als ich die zehn lebenden, sich bewegenden Bänke in den Ausstellungsraum brachte, stand John direkt neben mir, und machte immer "Hmm. Hmm." Und er sagte mir nach einer langen Stille: "Ich frage mich, Mathieu, ob die Leute hier nicht deine Bänke faszinierender finden als meine Videos." (Lachen) Es wäre eine große Ehre, ein großes Kompliment gewesen, wenn er nicht beschlossen hätte, sie zwei Stunden vor der Eröffnung alle abzubauen. Große Tragödie also.
Hier ist wohl keiner überrascht, wenn ich sage, dass Pinocchio einer meiner größten Einflüsse ist. Pinocchio ist wahrscheinlich mein liebstes Design. Es ist eine Art Objekt mit Gewissen, es kann von seiner Umgebung beeinflusst werden, und kann sie auch beeinflussen. Der andere große Einfluss ist sind die Kanarienvögel in Minen. In Kohleminen sollte dieser Kanarienvogel immer in der Nähe der Bergleute sein. Und er sang den ganzen Tag. Und wenn er aufhörte, war er gestorben. Dieser Kanarienvogel war also ein lebender Alarm, und ein sehr effektiver. Eine sehr natürliche Technologie, um den Bergleuten zu sagen: "Die Luft hier ist zu schlecht. Ihr müsst weg. Das ist ein Notfall." Für mich ist das also ein tolles Produkt.
Und ich versuchte, eine Art Kanarienvogel zu entwerfen. Andrea ist so einer. Andrea ist ein lebendiger Luftfilter, der giftige Gase aus der Luft absorbiert, kontaminierter Luft aus Innenräumen. Es verwendet ein paar Pflanzen für diese Aufgabe, die für ihre Fähigkeit, Gase zu filtern, ausgewählt wurden. Ihr müsst wissen, oder vielleicht wisst ihr es bereits, dass die Luftverschmutzung in Innenräumen giftiger ist als draußen. Während ich also mit euch spreche, geben die Sitze, auf denen ihr sitzt, ein unsichtbares und geruchloses giftiges Gas ab. Tut mir leid. Ihr atmet also gerade Formaldehyd. Das ist für mich dasselbe wie mit dem Teppich. Und genau so ist es zu Hause. Denn all unsere Produkte geben ständig die flüchtigen Substanzen ab, aus denen sie gemacht sind.
Schauen wir uns also euer Zuhause an. Euer Sofa, euer Plastikstuhl, die Spielzeuge eurer Kinder haben ihre eigene unsichtbare Wirklichkeit. Und die ist sehr giftig. Das ist der Grund, aus dem ich mit David Edward, einem Wissenschaftler aus Harvard, ein Objekt erschuf, das die giftigen Elemente mit diesen Pflanzen absorbieren kann. Aber der Grundgedanke ist der, die Luft in den effektiven Teil der Pflanzen zu pumpen. Denn in den Wurzeln der Pflanze ist sie nicht sehr effektiv. Bill Wolverton von der NASA hat es in den 70ern ganz klug analysiert. Die Idee ist also die, ein Objekt zu erschaffen, das die Luft hineinpressen kann und mit der richtigen Geschwindigkeit am richtigen Ort Kontakt herstellt, an den effektiven Pflanzenteilen. Und das ist das finale Objekt. Es wird im nächsten September veröffentlicht. (Applaus)
Die Herangehensweise hier ist ähnlich, denn in einem Produkt werden, wie bei Andrea, Pflanzen verwendet. Und in diesem werden Pflanzen als Wasserfilter verwendet. Und ein paar Fische sind auch drin. Aber im Gegensatz zu Andrea sollen die hier gegessen werden. Dieses Objekt ist also eine Heimfarm, für Fische und Grünzeug. Dieses Objekt soll also zu Hause die Möglichkeit schaffen, sehr lokales Essen zu erhalten. Die Anhänger lokaler Produkte haben sich ihre Nahrung immer aus einem Radius von 100 Meilen geholt. Local River produziert die Nahrung direkt im Wohnzimmer. Das Prinzip des Objekts ist es also, ein Ökosystem namens Aquaponik zu schaffen. In der Aquaponik bildet das verschmutzte Wasser der Fische über eine Wasserpumpe die Nahrung für die Pflanzen. Und die Pflanzen filtern mit ihren Wurzeln das verschmutzte Wasser der Fische. Dann geht es zurück in das Aquarium.
Danach gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man setzt sich davor und schaut es wie ein TV-Programm. Toller Sender. Oder man fischt. Und man macht sich etwas Sushi aus einem Fisch und den aromatischen Pflanzen darüber. Denn man kann Kartoffeln wachsen lassen. Nein, nicht Kartoffeln, aber Tomaten, Kräuter und so weiter.
Jetzt können wir also sicher atmen. Jetzt können wir lokales Essen genießen. Jetzt können wir von intelligenter Medizin behandelt werden. Jetzt können wir in unserem Biorhythmus gut mit Tageslicht versorgt werden. Aber es war wichtig, einen perfekten Ort zu schaffen, also habe ich es versucht, um zu arbeiten und zu erschaffen. Also entwarf ich für einen amerikanischen Wissenschaftler in Paris ein sehr das Gehirn stimulierende Büro. Ich wollte einen perfekten Ort schaffen, an dem man arbeiten und spielen kann, und wo der Körper und das Gehirn zusammen arbeiten können.
In diesem Büro arbeitet man nicht mehr an seinem Schreibtisch, wie ein Politiker. Man sitzt, schläft und spielt auf einer großen geodätischen Insel aus Leder. Wie dieser hier. In diesem Büro arbeitet und schreibt und malt man nicht auf einem Blatt Papier, sondern direkt auf eine riesige Whiteboardhöhle, wie ein prähistorischer Wissenschaftler. Man kann also etwas Sport während der Arbeit machen. In diesem Büro muss man nicht vor die Tür gehen, um in Kontakt mit der Natur zu kommen. Man schließt die Natur direkt in den Boden des Büros ein. Hier ist es zu sehen.
Das soll als Inspiration zu dem Projekt dieses Büros dienen. Es hat mir wirklich beim Design geholfen. Ich habe es aber nie meinem Kunden gezeigt. Das hätte ihn erschreckt. (Lachen) Nur für meine Werkstatt. Vielleicht ist das die Rache für meine Zeiten als Versuchskaninchen. Aber vielleicht ist es die Überzeugung, dass wir alle, als Affen und Homunculi, gemäß unserer wahren Natur betrachtet werden müssen. Vielen Dank. (Applaus)
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Die Wissenschaft ist Matthieu Lehanneurs größte Inspiration. Er zeigt uns eine Auswahl seiner genialen Designs – eine interaktive, Geräusche schluckende Kugel, eine Antibiotikabehandlung in einer geschichteten Tablette, Asthma-Behandlung, die Kinder an die Einnahme erinnert, einen lebenden Luftfilter, eine Fischzucht im Wohnzimmer, und noch mehr.
Kitchen-sized fish farms, living air purifiers and devices that turn old water bottles into martini shakers all spring from the form-and-function-fusing mind of designer Mathieu Lehanneur. Full bio »
Translated into German by Judith Matz
Reviewed by Johannes Lechner
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19:30 Posted: Aug 2006
Views 531,409 | Comments 151
11:54 Posted: Jun 2009
Views 442,006 | Comments 67
15:33 Posted: Apr 2009
Views 455,710 | Comments 97
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