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Kommen Sie mit zum entlegensten Teil der Welt, zur Antarktis. Die höchste, trockenste, windigste, und kälteste Region der Erde - noch trockener als die Sahara und teilweise kälter als der Mars. Das Eis der Antarktis leuchtet mit einem derart grellem Licht, dass es das ungeschützte Auge blendet. Die ersten Entdecker rieben sich Kokain in ihre Augen um den Schmerz zu verhindern. Unter dem Gewicht des Eises sackt der gesamte Kontinent unter den Meeresspiegel ab. Das Eis der Antarktis ist ein Kalender des Klimawandels. Es zeichnet die jährliche Zu- und Abnahme der Treibhausgase und Temperaturen auf und reicht bis zum Beginn der letzten Eiszeit zurück. Nirgendwo sonst auf der Erde wird uns eine derart perfekte Aufzeichnung geboten. Hier bohren Forscher in die Vergangenheit unseres Planeten, um Hinweise auf die Zukunft des Klimawandels zu finden.
Im vergangenen Januar suchte ich einen Ort namens WAIS Divide auf, etwa 400 km vom Südpol entfernt. Viele sagen, es sei der beste Ort der Welt, um die Entwicklung des Klimawandels zu untersuchen. Dort arbeiten etwa 45 Forscher von der Universität Wisconsin, vom Desert Research Institute in Nevada und andere, um eine entscheidende Frage der Erderwärmung zu beantworten: In welcher Beziehung stehen Treibhausgase und Erdtemperatur genau zueinander? Das ist dringliche Arbeit. Wir wissen, dass die Temperaturen steigen. Der vergangene Mai war weltweit der wärmste je gemessene. Und wir wissen, dass auch die Menge an Treibhaugas-Emissionen zunimmt. Was wir nicht kennen, ist die exakte, präzise und unmittelbar erfolgende Auswirkung dieser Veränderungen auf das natürliche Verhalten des Klimas - Winde, Meeresströmungen, Niederschlagsmengen, Wolkenbildung, Dinge, die sich auf Gesundheit und Wohlergehen von Milliarden von Menschen auswirken.
Das ganze Lager, jedes Teil der Ausrüstung, wurde 550 km weit von der McMurdo-Station heran befördert, der Hauptausrüstungsbasis der USA an der Küste der Antarktis. WAIS Divide ist ein Kreis aus Zelten im Schnee. Die Mannschaft spannt Seile zwischen den Zelten, damit die Menschen in Schneestürmen sicher zum nächsten Eishaus finden - und zum nächsten Plumpsklo. Es schneit dort so stark, dass die Anlage fast sofort unter Schnee begraben war. Tatsächlich haben die Forscher dieses Gebiet gewählt, weil sich Eis und Schnee hier zehnmal schneller aufhäufen als sonstwo in der Antarktis. Sie müssen sich jeden Tag selbst ausgraben. Das sorgt für einen exotischen und frostigen Pendelverkehr.
Unter der Oberfläche aber herrscht rund um ein 6 Millionen Euro teures Bohraggregat eifriger Betrieb. Der Bohrer taucht regelmäßig, wie ein Instrument der Biopsie, hunderte Meter tief in das Eis ein, um Gase und Isotope zur Analyse aus dem Innersten zu extrahieren. Zehnmal am Tag entnimmt man den 3 Meter langen Zylinder komprimierter Eiskristalle. Er enthält makellos reine Luft und Spurengase, die der Schnee dort Jahr für Jahr, seit tausenden von Jahren abgelagert hat. Das Eis ist wahrhaftig eine Zeitmaschine. Auf dem Höhepunkt der Arbeit, Anfang dieses Jahres, trieben die Arbeiter den Bohrer jeden Tag zusätzliche 10 Meter tiefer ins Eis und damit 365 Jahre tiefer in die Vergangenheit. Wie Wildhüter, die eine Hülse aus dem Lauf ihres Gewehres entnehmen, entnehmen die Arbeiter regelmäßig eine Kapsel aus Eis. Sie untersuchen sie, überprüfen sie auf Risse, Bohrschäden, Splitter und Platzer.
Vor allem aber bereiten sie den Bohrkern auf die Begutachtung und Analyse von 27 unabhängigen Laboratorien in den Vereinigten Staaten und Europa vor. Dort wird er auf 24 verschiedene Spurenstoffe untersucht, die mit dem Klimawandel in Verbindung stehen. Manche Spurenstoffe sind nur in billiardstel Teilen vorhanden. Ja, ich hab das mit einem B ausgesprochen - Billiarde. Zur leichteren Handhabung und zum Transport zu diesen Labors, die teilweise 13.000 km von dem Bohrort entfernt liegen, werden die Eiszylinder in 1 Meter lange Teile geschnitten. Jeder Zylinder ist ein Parfait (edles Speiseeis) der Zeit.
Dieses Eis hat sich vor 15.800 Jahren aus Schnee gebildet, als unsere Vorfahren sich noch mit Farbe beschmierten und gerade eine neue, fundamentale Technik entdeckten: das Alphabet. In polarisiertem Licht gebadet und in Querschnitte zerteilt, erweist sich dieses antike Eis als ein Mosaik von Farben. Jede offenbart, wie die Bedingungen in den Tiefen des Eises dies Material beeinflusst haben, in Tiefen, in denen der Druck eine Tonne pro Quadratmeter erreichen kann. Jedes Jahr beginnt es mit einer Schneeflocke. Und indem wir im frischen Schnee graben, können wir sehen, wie sich dieser Prozess heute fortsetzt. Diese Wand aus reinem Schnee zeigt im Gegenlicht der Sonne die Streifen des Winter- und Sommerschnees, Schicht auf Schicht. Jeder Sturm reinigt die Atmosphäre, wäscht Staub, Ruß, und Spurenstoffe aus und lagert sie Jahr für Jahr, Millenium für Millenium in die Schneeschicht ein und erschafft so ein zyklisches Verzeichnis der Elemente, das an diesem Punkt über 3 Kilometer dick ist. Daran erkennen wir eine außergewöhnliche Anzahl an Dingen. Wir sehen Kalzium aus den Wüsten der Welt, Ruß von entfernten Flächenbränden, Methan als Kennzeichen eines pazifischen Monsuns. Alles wird von Winden aus wärmeren Breitengraden an diesen abgelegenen und eisigen Ort getragen.
Das Wichtigste ist jedoch, dass diese Zylinder und der Schnee Luft einschließen. Jeder Zylinder beherbergt etwa 10 Prozent uralter Luft, eine Zeitkapsel unverfälschter Treibhausgase - Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxid - alle unverändert seit dem Tag, an dem der Schnee entstand und niederfiel. Das ist Gegenstand unserer Untersuchung. Aber wissen wir nicht bereits alles, was wir über Treibhausgase wissen müssen? Warum müssen wir sie weiter erforschen? Wissen wir nicht bereits, wie sie die Temperatur beinflussen? Kennen wir denn nicht bereits die Konsequenzen eines Klimawandels auf unsere alteingesessene Zivilisation? In Wahrheit kennen wir nur die Umrisse. Was wir aber nicht vollständig verstehen, können wir auch nicht richtig in Ordnung bringen. Es besteht vielmehr sogar die Gefahr, dass wir die Lage verschlimmern.
Man betrachte nur einmal die erfolgreichste, internationale Umweltschutzbemühung des 20. Jahrhunderts, das Montreal Protokoll, in dem sich die Nationen der Erde zusammengeschlossen haben, um den Planeten vor den schädlichen Auswirkungen Ozon zerstörender Chemikalien zu schützen, die damals in Klimaanlagen, Kühlschränken und anderen Kühlgeräten verwendet wurden. Wir haben diese Chemikalien verboten und unwissentlich durch solche Stoffe ersetzt, die Molekül für Molekül einen hundertmal stärkeren Treibhauseffekt haben als Kohlendioxid.
Dieser Prozess erfordert außergewöhnliche Vorsicht. Die Forscher müssen sicherstellen, dass das Eis nicht verunreinigt ist. Außerdem müssen sie dafür sorgen, dass das Eis auf der 12.800 km langen Reise nicht schmilzt. Das ist ungefähr so, als jongliere man einen Schneeball durch die Tropen. Sie müssen sicherstellen, dass das Eis niemals wärmer wird als 20 Grad unter Null. Sonst bauen sich die bedeutenden inneren Gase ab. Deshalb arbeiten sie am kältesten Ort der Erde in einer Tiefkühltruhe. Während sie mit dem Eis hantieren, wärmen sie ein zusätzliches Paar Handschuhe in einem Ofen auf, sodass sie eine neues Paar anziehen können, wenn ihre Arbeitshandschuhe gefrieren und ihre Finger steif werden. Sie kämpfen gegen die Uhr und gegen das Thermometer.
Bislang haben sie etwa 1400 Meter Eisblöcke für die Verschiffung in die Vereinigten Staaten abgepackt. In der vergangenen Saison haben sie die Blöcke durch das Eis zum wartenden Flugzeug geschleppt. Die Air National Guard 109 flog die jüngsten Schiffsladungen Eis zur antarktischen Küste. Dort wurde es auf einen Frachter geladen, durch die Tropen nach Kalifornien transportiert, entladen, auf einen Laster gepackt, durch die Wüste zum National Ice Core Laboratory in Denver, Kolorado, gefahren, wo Forscher jetzt, während wir hier miteinander sprechen, Proben zur Untersuchung aus dem Material schneiden, die an Forschungseinrichtungen im ganzen Land und in Europa verteilt werden sollen.
Die Antarktis war die letzte einsame Gegend dieses Planeten, der blinde Fleck in unserem sich ständig erweiternden Bild unserer Welt. Die ersten Forscher segelten über den Rand der Karte und fanden einen Ort, an dem die normalen Regeln von Zeit und Temperatur außer Kraft gesetzt zu sein schienen. Das Eis scheint hier lebendig zu sein. Der Wind, der sich an ihm reibt, verleiht ihm eine Stimme, eine erfahrene Stimme, eine Stimme, der wir Beachtung schenken sollten.
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Wissenschaftskolumnist Lee Hotz schildert ein bemerkenswertes Projekt am WAIS Divide in der Antarktis, wo ein abgehärtetes Team in zehntausend Jahre altes Eis bohrt, um daraus wichtige Daten über den Klimawandel zu gewinnen.
Robert Lee Hotz is the science columnist for the Wall Street Journal, where he writes about cutting-edge research on climate change, cosmology, molecular medicine, the human brain and much more ... He has traveled three times to the South Pole. Full bio »
Translated into German by Alexander Lipinski
Reviewed by Wolf Ruschke
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[In Antarctica] the ice seems a living presence. The wind that rubs against it gives it voice. It is a voice of experience. It is a voice we should heed.” (Robert Lee Hotz)
18:03 Posted: Oct 2006
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