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Ich möchte wirklich und ehrlich sagen, dass ich mich nach diesen unglaublichen Reden und Ideen, die verbreitet wurden, in der merkwürdigen Position befinde, mit Ihnen heute übers Fernsehen zu sprechen. Fast jeder sieht fern. Wir mögen es. Wir mögen Teile davon. Hier in Amerika lieben die Leute das Fernsehen sogar. Der durchschnittliche Amerikaner sieht fast 5 Stunden täglich fern. Okay? Zufällig verdiene ich mein Geld mit Fernsehen, für mich ist das also gut so. Aber viele Leute lieben es nicht so sehr. Sie schimpfen darauf. Sie nennen es blöde und noch schlimmer, glauben Sie mir. Meine Mutter, als ich klein war, nannte es die "Idiotenbox".
Ich will heute gar nicht darüber diskutieren, ob es so etwas wie gutes oder schlechtes Fernsehen gibt; ich möchte heute darüber reden, dass Fernsehen meiner Meinung nach ein Gewissen hat. Ich glaube, dass Fernsehen ein Gewissen hat, weil ich wirklich glaube, dass Fernsehen auf direkte Art die moralischen, politischen, sozialen und emotionalen Bedürfnisse unserer Nation widerspiegelt - dass Fernsehen sich darum dreht, wie wir unser gesamtes Wertesystem verbreiten. Das alles ist einzigartig menschlich und all dies summiert sich zur Vorstellung eines Gewissens.
Wir reden heute also nicht über gutes und schlechtes Fernsehen. Wir reden über Unterhaltungsfernsehen. Wir reden über die Shows mit den höchsten Einschaltquoten im Verlauf von 50 Jahren. Wie spiegeln diese Quoten nicht nur wider, was Sie gerade gehört haben, also die Vorstellung unseres sozialen, kollektiven Unbewussten, sondern wie können diese erfolgreichsten Shows über 50 Jahre hinweg ein soziales Gewissen abbilden? Wie hat sich das Fernsehen im Laufe der Zeit entwickelt und was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Wenn wir von Evolution reden, wissen Sie vielleicht noch aus dem Biologieunterricht, dass das Tierreich, die Menschen eingeschlossen, über vier grundlegende Urinstinkte verfügt. Es gibt Hunger, Sex, Macht und den Erwerbstrieb. Als Menschen, und das ist wichtig, haben wir uns weiterentwickelt; wir entwickelten im Lauf der Zeit die Fähigkeit, diese tierischen Urinstinkte abzumildern oder zu zähmen. Wir haben die Fähigkeit zu lachen und zu weinen. Wir fühlen Ehrfurcht, Mitleid. Das grenzt uns vom Tierreich ab. Ein anderes Merkmal der Menschen ist, dass wir gerne unterhalten werden. Wir lieben es fernzusehen. Das unterscheidet uns klar vom Tierreich. Tiere spielen vielleicht gerne, aber sie sehen nicht gerne zu.
Mein Ehrgeiz war also zu entdecken, was man aus dieser einzigartigen menschlichen Beziehung zwischen Fernsehprogrammen und menschlichem Bewusstsein lernen könnte. Warum hat sich Fernsehunterhaltung auf diese Weise entwickelt? Ich stelle es mir so vor wie dieser Zeichentrickteufel oder -engel, der auf unserer Schulter sitzt. Hat das Fernsehen buchstäblich die Funktion eines Gewissens, das uns gleichzeitig in Versuchung führt und belohnt?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, führten wir eine Forschungsstudie durch. Wir haben 50 Jahre zurückgeschaut auf die Fernsehsaison 1959/1960. Wir haben die 20 erfolgreichsten Sendungen für jedes der 50 Jahre untersucht - eintausend Sendungen. Wir haben mit mehr als 3 000 Einzelpersonen gesprochen - fast 3.600 - zwischen 18 und 70 Jahren und wir haben sie nach ihren Gefühlen gefragt. Wie fühlten Sie sich, als Sie jede einzelne dieser Sendungen sahen? Fühlten Sie eine Art moralische Ambiguität? Waren Sie empört? Mussten Sie lachen? Was bedeutete das für Sie? Unserem weltweiten TED-Publikum möchte ich sagen, dass das ein Beispiel aus den USA war. Aber Sie können sehen, dass diese emotionalen Bedürfnisse ganz universell sind. Es ist auch Fakt, dass über 80 Prozent der erfolgreichsten US-Shows in die ganze Welt exportiert werden. Ich hoffe wirklich, dass unser weltweites Publikum einen Bezug herstellen kann.
Zwei Danksagungen, bevor wir zur ersten Grafik kommen: Für die Inspiration, überhaupt über die Idee eines Gewissens nachzudenken und über die Streiche, die uns das Gewissen täglich spielen kann, danke ich dem legendären Rabbi Jack Stern. Für die Darstellungsweise der Daten möchte ich dem Superstar der TED-Gemeinde, Hans Rosling, danken, den Sie vielleicht gerade gesehen haben.
Los geht's. Hier sehen Sie von 1960 bis 2010, die 50 Jahre der Studie. Fangen wir mit zwei Dingen an: Inspiration und moralische Ambiguität. Inspiration haben wir für diesen Zweck definiert als Fernsehsendungen, die mich aufgerichtet haben, die mich der Welt viel positiver gegenüberstehen lassen. Moralische Ambiguität sind Fernsehsendungen, bei denen ich den Unterschied zwischen richtig und falsch nicht verstehe. Am Anfang sehen Sie im Jahr 1960, dass die Inspiration stabil bleibt. Deswegen schauen wir fern. Die moralische Ambiguität beginnt anzusteigen. Gegen Ende der 60er steigt die moralische Ambiguität an, Inspiration lässt ein wenig nach. Warum? Die Kuba-Krise, JFK wird erschossen, die Bürgerrechtsbewegung, Rassenunruhen, der Vietnam-Krieg, Martin Luther King und Bobby Kennedy werden erschossen, Watergate. Sehen Sie, was passiert. 1970 stürzt die Inspiration ab. Moralische Ambiguität hebt ab. Sie treffen sich, aber Ronald Reagan, ein telegener Präsident ist an der Macht. Sie versucht sich zu erholen. Aber sehen Sie, es geht nicht: ADIS, Iran-Contra, die Challenger-Katastrophe, Tschernobyl. Die moralische Ambiguität wird im Fernsehen ab 1990 für die folgenden 20 Jahre immer dominanter.
Sehen Sie sich das an. Diese Grafik dokumentiert einen sehr ähnlichen Trend. Doch dieses Mal geht es um Gemütlichkeit - die rote Blase - Gesellschaftskritik und Respektlosigkeit in blau und grün. Zu der Zeit liefen im Fernsehen "Bonanza" und - nicht zu vergessen - "Rauchende Colts", es lief "Andy Griffith", es gab Familienserien, in denen sich alles um Gemütlichkeit dreht. Das ist aufsteigend. Gemütlichkeit bleibt gleich. Respektlosigkeit beginnt zu steigen. Gesellschaftskritik strebt plötzlich nach oben. Man erreicht das Jahr 1969 und sehen Sie, was passiert. Da sind Gemütlichkeit, Respektlosigkeit und Gesellschaftskritik, die nicht nur innerhalb der Gesellschaft ihren Kampf austragen, sondern es gibt auch zwei etablierte Sendungen - "Rauchende Colts" und "Gomer Pyle" -, die im Jahr 1969 auf Platz zwei und drei der Liste der erfolgreichsten Fernsehsendungen standen. Was ist die Nummer eins? Die respektlose Hippie-Show "Rowan and Martin's Laugh-In". Sie existieren alle gleichzeitig. Die Reaktion der Zuschauer war dramatisch.
Sehen Sie sich diese Spitze im Jahr 1966 an für eine richtungsweisende Sendung. Wenn Sie diesen Branchenausdruck hören - ein Durchbruch, was bedeutet das? Es bedeutet, dass in der Fernsehsaison von 1966 die "Smothers Brothers" aus dem Nichts auftauchten. Das war die erste Sendung, die es den Zuschauern zu sagen ermöglichte: "Mein Gott, ich darf äußern, wie ich zum Vietnam-Krieg stehe, zum Präsidenten, und zwar im Fernsehen? Das nennen wir eine Durchbruchsendung.
Sehen Sie, was passiert, genau wie bei der letzten Grafik. Im Jahr 1970 brachen alle Dämme. Gemütlichkeit ist nicht länger der Grund, warum wir fernsehen. Gesellschaftskritik und Respektlosigkeit steigen im Verlauf der 70er weiter an. Jetzt sehen Sie sich das an. Die 70er bedeuten wer? Der Produzent Norman Lear. Es laufen "All in the Family", "Sanford and Son" und die dominierende Sendung - in den TOP 10 über die gesamten 70er - "M*A*S*H". In den gesamten 50 Jahren Fernsehgeschichte, die wir erforscht haben, wurden sieben von zehn Sendungen, die am meisten dem Begriff Respektlosigkeit zugeordnet wurden, während des Vietnam-Kriegs ausgestrahlt, fünf der Top 10 während der Nixon-Regierung. Es brauchte nur eine Generation, 20 Jahre, dass wir entdeckten: Wow! Das kann Fernsehen? Es kann diese Gefühle in mir wecken? Es kann uns verändern? Vor dieser sehr klugen Menge hier möchte ich auch erwähnen, dass nicht das digitale Volk bahnbrechende Erfindungen machte. Archie Bunker wurde schon vor 40 Jahren von seinem bequemen Stuhl geschubst, gemeinsam mit uns allen.
Das ist eine schnelle Grafik. Es geht um ein weiteres Merkmal: Fantasie und Vorstellungskraft. Damit werden Sendungen bezeichnet, die "mich aus meiner täglichen Welt entführen" und "mich besser fühlen lassen". Das wird grafisch dem roten Punkt gegenübergestellt, der Arbeitslosigkeit, wobei die Zahlen der Statistik des Arbeitsamts entnommen wurden. Sie werden sehen, dass Fantasie und Vorstellungskraft immer dann ansteigen, wenn ein Anstieg der Arbeitslosenrate verzeichnet wird. Möchten wir Sendungen sehen über Menschen, die sparen müssen und arbeitslos sind? Nein. In den 70ern gab es die richtungsweisende Sendung "Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau", die 1973 raketenhaft in die Top 10 aufstieg, gefolgt vom "Sechs-Millionen-Dollar-Mann" und "Drei Engel für Charlie". In den 1980ern sticht noch etwas hervor - eine Spitze bei Sendungen über Kontrolle und Macht. Welche Sendungen waren das? Glamour und Reichtum. "Dallas", "Fantasy Island". Eine erstaunliche Abbildung unserer nationalen Psyche mit ein paar harten und schnellen Fakten: Arbeitslosigkeit.
Jetzt kommen wir zu meiner liebsten Grafik, denn sie bildet die letzten 20 Jahre ab. Selbst wenn Sie nicht im Fernsehgeschäft sind, haben Sie sicher gehört oder gelesen, dass die sogenannte Drei-Kamera-Sitcom an Beliebtheit verliert und Reality-TV dagegen gewinnt. In diesem Geschäft sagen wir, das X markiert das Ziel. In den 90ern - große Blasen für Humor - schauen wir "Friends", "Frasier", "Cheers" und "Seinfeld". Alles ist gut, wenig Arbeitslosigkeit. Aber sehen Sie: das X markiert das Ziel. Im Jahr 2001, im September der 2001er Fernsehsaison, unterliegt der Humor für immer den Urteilen. Warum nicht? Wir hatten im Jahr 2000 eine Präsidentschaftswahl, die durch den Obersten Gerichtshof entschieden wurde. Die Technologie-Blase platzte. Der 11. September. Anthrax wurde Teil des gesellschaftlichen Wortschatzes. Sehen Sie, was in den Jahren danach passierte. Um den Jahrtausendwechsel startet das Internet durch, Reality-TV etabliert sich. Was wollten die Menschen damals im Fernsehen sehen? Ich hätte an Rache oder Nostalgie gedacht. Gib mir etwas Gemütlichkeit; meine Welt fällt auseinander. Nein, sie wollen Urteile. Ich kann Sie von der Insel wählen. Ich kann Sarah Palins Tochter weiter tanzen lassen. Ich kann den nächsten Superstar wählen. Sie sind gefeuert. Das ist toll, oder?
Trotz der dramatischen Veränderung dieser Fernsehshows, pure Unterhaltung, im Verlauf der letzten 50 Jahre - womit habe ich angefangen? - bleibt doch ein Grundinstinkt gleich. Wir sind Tiere, wir brauchen unsere Mütter. Es gab kein Fernsehjahrzehnt ohne eine bestimmte, dominante Fernsehmutter. In den 1950ern: June Cleever in der allerersten Gemütlichkeitssendung "Erwachsen müsste man sein". Lucille Ball brachte uns während der gesamten Phase des erwachenden Gesellschaftsbewusstseins in den 60ern zum Lachen. Maude Findlay, der Inbegriff der Respektlosigkeit der 1970er, die im Fernsehen mit Abtreibung, Scheidung, sogar den Wechseljahren kämpfte. In den 1980ern trafen wir die Frau, die sich mit jüngeren Männern vergnügte und ihr Name war Alexis Carrington. Murphy Brown legte sich mit einem Vizepräsidenten an, als sie das Thema alleinerziehende Eltern aufgriff. Die Mutter dieser Ära, Bree Van de Kamp. Ich weiß nicht, ob nun der Teufel oder der Engel unser Gewissen beeinflusst und auf der Schulter des Fernsehens sitzt. Ich weiß aber, dass mir dieses Bild sehr gefällt.
Ich möchte Ihnen allen, den Frauen von TEDWomen, den Männern von TEDWomen, dem weltweiten Publikum von TEDWomen, danken, dass ich Ihnen meine Idee vom Gewissen des Fernsehens vorstellen durfte. Ich möchte aber auch den produktiven Menschen danken, die jeden Tag aufstehen, um in all den Jahren des Fernsehens ihre Ideen auf unsere Fernsehbildschirme zu bringen. Sie bringen Leben ins Fernsehen, sicher, aber Sie als Zuschauer, durch unser kollektives soziales Gewissen, entscheiden über Leben, Langlebigkeit, Macht oder nicht.
Got an idea, question, or debate inspired by this talk? Start a TED Conversation.
Fernsehmacherin Lauren Zalaznick beschäftigt sich eingehend mit Unterhaltungsfernsehen. Anhand der Ergebnisse einer gewagten Studie, bei der Standpunkte und Fernsehquoten über fünf Jahrzehnte hinweg gegenübergestellt wurden, plädiert sie für die Einsicht, dass Fernsehen widerspiegelt, wer wir wirklich sind - auf eine Art, die wir wohl nicht erwartet haben.
After wholly revamping the Bravo Network, media trendsetter Lauren Zalaznick is inventing fresh ways for NBC Universal to reach coveted new audiences across multiple media. Full bio »
Translated into German by Katja Tongucer
Reviewed by Linda Geschwandtner
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Is television literally functioning as our conscience, tempting us and rewarding us at the same time?” (Lauren Zalaznick)
05:37 Posted: Nov 2009
Views 201,716 | Comments 64
46:01 Posted: May 2011
Views 276,183 | Comments 110
17:29 Posted: May 2009
Views 809,025 | Comments 216
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