Heute möchte ich Sie auf eine Reise mitnehmen zu einem Ort, der so tief ist, so dunkel, so unerforscht, dass wir weniger über ihn wissen als über die dunkle Seite des Mondes. Es ist ein Ort der Mythen und Legenden. Ein Ort, der auf alten Karten als "Hier leben Monster" markiert wurde. Es ist ein Ort, wo bei jeder neuen Forschungsreise neue Kreaturen entdeckt werden, die so wunderlich und fremd sind dass unsere Vorfahren sie wirklich monströs genannt hätten. Ich dagegen beneide meinen Kollegen von der IUCN, der diese Reise zum Süden der Seamounts von Madagascar machen konnte um dort selbst zu fotografieren und diese wunderlichen Wesen der Tiefe zu sehen.
Wir sprechen von der Hohen See. Die Hohe See ist ein juristischer Begriff, aber sie bedeckt tatsächlich 50 Prozent des Planeten. Mit einer durchschnittlichen Meerestiefe von 4.000 Metern bietet die Hohe See fast 90 Prozent des Lebensraums für die Lebewesen dieser Erde. Theoretisch ist sie globales Allgemeingut, sie gehört uns allen. Aber in Wirklichkeit wird sie durch und für diejenigen bewirtschaftet die die Resourcen haben sie auszubeuten. Heute werde ich Sie auf eine Reise mitnehmen um für uns, die wahren Betroffenen, Licht in das Dunkel einiger unzeitgemäßer Mythen, Legenden und Annahmen zu bringen, die das Bild der Hohen See verklären. Wir werden zu einigen der besonderen Orte reisen die wir in den letzen Jahren entdeckt haben, und um die wir uns sorgen müssen. Und dann werden wir versuchen eine neue Perspektive für die Regulierung der Hohen See zu entwickeln, die den umfassenden Schutz der Seebecken einbettet in ein Rahmenwerk aus globalen Normen der Vorsorge und des Respekts.
Hier ist ein Bild der Hohen See von oben gesehen -- gemeint ist der blaue Bereich. Für mich als Völkerrechtlerin ist das hier viel beängstigender als alle Monster oder Kreaturen, denn es lässt einen zweifeln, ob man die globalen Meere, die uns als Kohlenstoffspeicher und Wärmespeicher dienen und Sauerstoff liefern, überhaupt schützen kann, wenn man nur 36% davon schützen kann. Das hier ist das wahre Herz der Erde. Eins der Probleme, die wir angehen müssen, ist, dass das derzeitige internationale Recht -- z.B. das Schiffahrtsrecht -- vorrangig Schutz für Gebiete nahe an der Küste bietet. Müllverklappung zum Beispiel, etwas wovon man glaubt, es würde sich von selbst erledigen, doch die Gesetze, die regeln wie Schiffe Müll abladen dürfen werden immer schwächer, je weiter man sich von der Küste entfernt. Das Ergebnis sind Müllteppiche, die doppelt so groß sind wie Texas. Es ist unglaublich. Früher dachten wir, das Mittel gegen Verschmutzung wäre Verdünnung, doch das ist nachweislich nicht mehr der Fall.
Was wir von Sozialforschern lernen können und von Ökonomen wie Elinor Ostrom, die auf lokaler Ebene untersuchen wie Gemeingut verwaltet werden kann, ist: Man kann Voraussetzungen schaffen, die es ermöglichen, die Verwaltung und den Zugang zu offenen Flächen im Sinne aller Beteiligten zu gestalten. Dazu gehören: ein Sinn für geteilte Verantwortung, gemeinsame Werte, die die Menschen als Gemeinschaft verbinden. Bedingter Zugang: Man kann Andere einladen, aber sie müssen sich an die Regeln halten. Und wenn sich alle an die Regeln halten sollen, braucht man natürlich ein effektives System zur Überprüfung und Rechtsdurchsetzung. denn wie wir festgestellt haben ist bei allem Vertrauen auch Kontrolle notwendig.
Was ich auch vermitteln möchte, ist, dass längst nicht alles verloren ist auf der Hohen See. Denn eine Gruppe sehr engagierter Menschen -- Wissenschaftler, Umweltschützer, Fotografen und Staaten -- haben es geschafft, ein tragisches Szenario abzuwenden, das fragile Meereslandschaften wie diesen Korallengarten hier zu zerstören drohte. Wir haben es geschafft, ihn vor der Vernichtung durch Schleppnetzfischerei zu retten. Wie wir das gemacht haben? Mit einer Gruppe von Fotografen, die mit Schiffen ausgefahren sind und das Geschehen vor Ort fotografiert haben. Aber wir haben auch viele Stunden im Keller der Vereinten Nationen verbracht und versucht, den Regierungen klarzumachen, was passierte -- so weit vom Festland entfernt dass sich kaum jemand vorstellen konnte, dass es diese Lebewesen überhaupt gibt.
So haben wir in drei Jahren, von 2003 bis 2006, eine Regelung durchgesetzt, die das Grundmuster verändert hat, wie Fischer Tiefseeschleppnetze einsetzen. Anstatt überall alles zu erlauben haben wir ein System geschaffen, dass die frühzeitige Festlegung der Route erfordert sowie die Verpflichtung, Schäden vorzubeugen. Als die U.N. 2009 die Fortschritte überprüft hat haben sie herausgefunden dass so fast 100 Millionen Quadratkilometer Meeresgrund geschützt wurden. Das heißt nicht, dass das die endgültige Lösung ist, oder dass ein dauerhafter Schutz gegeben ist, aber es bedeutet, dass eine Gruppe von Einzelnen eine Gemeinschaft bilden kann, um die Art und Weise wie die Hohe See regiert wird zu gestalten und eine neue Ordnung zu schaffen. Also sehe ich unsere Chancen optimistisch, eine echte blaue Perspektive für diesen schönen Planeten zu schaffen. Sylvia's Wunsch gibt uns den nötigen Anschub, den Zugang zu den Herzen der Menschen, sozusagen, die selten über den eigenen Tellerrand schauen, aber die jetzt hoffentlich anfangen, sich für Lebewesen wie diese Meeresschildkröten zu interessieren, die den Großteil ihres Lebens in der Hohen See verbringen.
Heute bereisen wir nur einen kleinen Teilbereich einiger dieser besonderen Gebiete, nur um Ihnen einen Eindruck ihrer Reichtümer und Wunder zu geben. Die Sargasso-See zum Beispiel ist nicht von Küsten begrenzt, sondern von Meeresströmungen in deren Mitte sich eine Fülle von Algen bildet und zusammenballt. Sie ist außerdem das Laichgebiet von Aalen aus nordeuropäischen und nordamerikanischen Flüssen deren Zahl so stark zurückgeht, dass sie in Stockholm gar nicht mehr vorkommen. Fünf sind kürzlich in Großbritannien aufgetaucht.
Aber in der Sargasso-See sammeln sich nicht nur Sargassum-Algen an, sondern auch Plastik aus der gesamten Region. Dieses Bild zeigt nicht genau das Plastik, das ich gerne zeigen würde, weil ich nicht selbst dort war. Aber eine neue Studie, die im Februar erschienen ist, zeigt dass es 200.000 Stücke Plastik pro Quadratkilometer sind, die jetzt auf der Oberfläche der Sargasso-See schwimmen und den Lebensraum der vielen heranwachsenden Arten beeinträchtigen die in der Sargasso-See Schutz und Nahrung suchen. Die Sargasso-See ist auch ein wundersamer Ort für all diese einzigartigen Arten, die sich an den Sargassum-Lebensraum angepasst haben. Sie bietet auch eine besondere Umgebung in der diese fliegenden Fische laichen können. Aber was mir dieses Bild sagt ist, dass wir eine echte Chance haben, eine globale Initiative für ihren Schutz zu starten. Die Regierung von Bermuda hat den Handlungsbedarf erkannt und ihre Verantwortung, denn Teile der Sargasso-See liegen innerhalb ihres Territoriums -- der Großteil aber außerhalb. Sie führt eine Bewegung an die Schutz für dieses wichtige Gebiet erwirkt.
Nun zu einem Ort, an dem es etwas kühler ist als hier, dem Rossmeer im Südlichen Ozean. Es ist eigentlich eine Bucht. Sie wird als Hohe See betrachtet, weil der Kontinent von territorialen Ansprüchen ausgenommen wurde, so dass das angrenzende Meer behandelt wird wie die Hohe See. Aber was das Rossmeer so wichtig macht, ist die weite Packeisfläche die im Frühling und Sommer mit einer Fülle von Phytoplankton und Krill nährt, was noch bis vor kurzem ein nahezu intaktes küstennahes Ökosystem war. Doch CAMLAR, der regionale Ausschuss, der für die Regulierung von Fischbeständen und anderen Meeresressourcen zuständig ist, beginnt leider, Fischerei-Interessen nachzugeben und hat die Ausweitung des dortigen Zahnfisch-Fangs zugelassen. Der Kapitän eines neuseeländischen Schiffes der kürzlich dort war berichtet über eine bedeutende Verkleinerung der Bestände von Killerwalen im Rossmeer, die direkt vom antarktischen Zahnfisch abhängen, ihrer Hauptnahrungsquelle. Wir müssen also aufstehen und Druck machen, als Einzelne und gemeinsam, auf Regierungen und auf regionale Fischereiorganisationen, und unser Recht beanspruchen, bestimmte Bereiche für Hochseefischerei zu sperren, so dass die Freiheit zu Fischen nicht länger bedeutet, überall und jederzeit fischen zu dürfen.
Um näher hierher zu kommen -- der Costa Rica Dome ist ein kürzlich entdecktes Gebiet, und ein ganzjähriger Lebensraum für Blauwale. Es gibt dort genug Nahrung für den gesamten Sommer und Winter. Was aber am Costa Rica Dome ungewöhnlich ist, ist, dass es kein fester Ort ist. Es ist ein ozeanografisches Phänomen, das sich je nach Jahreszeit verschiebt. Es ist also eigentlich gar nicht permanent auf Hoher See. Es ist nicht permanent in der Ausschließlichen Wirtschaftszone dieser fünf zentralamerikanischen Länder sondern bewegt sich mit den Jahreszeiten. Deshalb ist sein Schutz eine Herausforderung, und genauso auch der Schutz der Arten, die mit ihm wandern. Wir können die gleichen Technologien nutzen wie die Fischer um diese Arten zu orten um das Gebiet zu sperren wenn es am verletzlichsten ist, und sei es, in manchen Fällen, das ganze Jahr lang.
Wir nähern uns jetzt der Küste, das hier ist auf den Galapagos-Inseln. Viele Arten ziehen durch diese Region, und deshalb gab es so viel Aufmerksamkeit für den Schutz der Eastern Tropical Pacific Seascape. So heißt die Initiative, die von Conservation International koordiniert wurde, um mit einer Vielzahl von Partnern und Regierungen ein integriertes Regulierungssystem in der Region einzuführen. Es stellt ein wunderbares Beispiel dar, wie weit man mit einer echten regionalen Initiative kommen kann. Es schützt fünf Welterbestätten. Leider erkennt das Welterbe-Übereinkommen bisher nicht an, dass auch Gebiete jenseits nationaler Territorien geschützt werden müssen. So käme also ein Ort wie der Costa Rica Dome genaugenommen nicht in Frage, solange er sich auf Hoher See befindet. Was wir also vorgeschlagen haben ist dass wir entweder das Welterbe-Übereinkommen anpassen müssen, so dass es den universellen Schutz dieser Welterbestätten vorantreiben kann, oder wir müssen den Namen ändern und es "Halbe-Welt-erbe-Übereinkommen" nennen. Aber wir wissen auch, dass Arten wie diese Meeresschildkröten nicht in der Eastern Tropical Pacific Seascape bleiben. Sie wandern zu einem großen südpazifischen Wirbel, wo sie den Großteil ihres Lebens verbringen und sich oft wie hier verhaken oder als Beifang enden.
Was ich also vorschlagen möchte ist den Maßstab höher anzusetzen. Wir müssen lokal arbeiten, aber auch ganze Seebecken übergreifend. Wir haben die Werkzeuge und die Technologie für eine weiter angelegte, ganze Seebecken umfassende Initiative. Wir haben vom Projekt zum Markieren pazifischer Raubfische gehört, eines von 17 Projekten des Census of Marine Life. Es hat uns Daten wie diese gebracht, von winzigkleinen, verußten Sturmtauchern, die im gesamten Seebecken zuhause sind. Sie fliegen 65.000 km in weniger als einem Jahr. Wir haben also die Werkzeuge und Schätze des Census of Marine Life. Und dessen bestes Jahr wird diesen Oktober gestartet. Sie dürfen also auf weitere Informationen gespannt sein. Was ich so aufregend finde, ist dass Census of Marine Life viel mehr als das Markieren pazifischer Raubfische macht, sie haben auch die kaum erforschte mittleren Meeresschicht untersucht, in der Wesen wie diese fliegende Seegurke gefunden wurden. Und zum Glück konnten wir, die IUCN, uns mit Census of Marine Life zusammentun, und mit vielen ihrer Forscher um diese Informationen für Politiker aufzubereiten. Wir haben jetzt die Unterstützung der Regierungen. Wir haben die Informationen in wissenschaftlichen Workshops erläutert. Und das aufregende ist, dass wir ausreichende Informationen haben um den Schutz einiger dieser bedeutenden Hoffnungsfleckchen voranzutreiben. Und wenn wir sagen "Ja, wir brauchen mehr. Es muss weiter gehen."
Dann mögen Sie einwenden: Wenn diese Meeresgebiete geschützt werden, oder vernünftige Regelungen für Hochseefischerei eingeführt, wie sollen diese durchgesetzt werden? Das führt mich zu meiner zweiten Leidenschaft neben Meereswissenschaft, nämlich Weltraumtechnologie. Ich wollte Astronautin werden, also habe ich immer verfolgt mit welchen Geräten man die Erde aus dem All betrachtet kann -- und wir haben schon von unglaublichen Geräte gehört, mit denen man markierte Arten verfolgen kann über ihre gesamte Lebensdauer hinweg, im offenen Meer. Wir können auch Fischereifahrzeuge markieren und verfolgen. Viele haben schon Transponder an Bord mit denen wir herausfinden können, wo sie sind und sogar was sie tun. Aber bisher haben noch nicht alle Schiffe welche. Es ist gar nicht mal besonders kompliziert neue Gesetze zu schaffen, die anordnen, dass, wenn man das Privileg hat, unsere Ressourcen auf Hoher See zu nutzen, dass dann jemand wissen muss wo man ist und was man tut.
Das bringt mich zu meiner zentralen Botschaft für Sie: Wir können die Tragödie des Allgemeinguts abwenden. Wir können den Kollisionskurs stoppen auf dem sich 50% des Planeten -- die Hohe See -- befindet. Aber wir müssen im großen Maßstab denken. Wir müssen global denken. Wir müssen ändern, wie wir mit diesen Ressourcen umgehen. Wir müssen ein neues Paradigma von Vorsicht und Respekt schaffen. Und dabei müssen wir gleichzeitig lokal denken, dass ist das wundervolle an Sylvia's Hoffnungsfleckchen-Wunsch -- wir können ein Spotlight auf viele dieser bisher unbekannten Gebiete richten und Menschen an den Tisch holen -- wenn man so will -- die Teil dieser Gemeinschaft werden können die ein wahres Interesse an ihrer zukünftigen Verwaltung hat. Und drittens müssen wir uns mit meeresweiter Regulierung befassen. Unsere Arten sind über ganze Meere verteilt. Viele der Tiefsee-Populationen teilen genetische Veranlagungen über gesamte Seebecken hinweg. Wir müssen verstehen, aber wir müssen auch anfangen, zu regulieren und zu schützen. Und um das zu tun müssen wir Regulierungssysteme für Seebecken. Das heißt, wir haben regionale Regelwerke innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen, aber wir müssen diese vergrößern, ihre Kapazität erweitern so wie im Südlichen Ozean, wo es eine zweigleisige Organisation für Fischerei- und Schutzinteressen gibt.
Und nun möchte ich meinen großen Dank aussprechen an Sylvia Earle für ihren Wunsch, der uns hilft, der Hohen See ein Gesicht zu geben und der Tiefsee jenseits nationaler Territorien. Er hilft uns, eine unglaubliche Gruppe talentierter Menschen zusammenzubringen um die Probleme zu lösen und zu durchdringen die der Regulierung und der vernünftigen Nutzung dieses Gebiets im Weg stehen, das früher mal so weit entfernt war.
Ich hoffe, ich habe Ihnen mit dieser Reise zu einer neuen Perspektive auf die Hohe See verholfen, eine, in der sie auch unsere Heimat ist, und für die wir zusammenarbeiten müssen wenn wir eine nachhaltige Zukunft der Meere für uns alle wollen.
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Kristina Gjerde erforscht das Recht der Hohen See -- jene 64 Prozent unserer Ozeane, die nicht durch nationale Gesetze geschützt sind. Großartige Bilder zeigen die verborgenen Welten, die Gjerde und andere Rechtsexperten durch kluge Politikgestaltung und eine gesunde Portion PR vor Schleppnetzen und Müllverklappung zu schützen versuchen.
Kristina Gjerde is an expert on the law of the high seas -- the vast areas of the sea and seabed that exist beyond any national jurisdiction. These places belong to the world; Gjerde's work helps the world work together to protect them. Full bio »
Translated into German by Judith Funke
Reviewed by Alex Boos
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18:19 Posted: May 2010
Views 408,106 | Comments 277
18:16 Posted: Feb 2009
Views 491,045 | Comments 142
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