In der Regel starren Kunst und Wissenschaft einander über eine Kluft von gegenseitigem Unverständnis an. Die Verwirrung ist groß, wenn sich die Zwei begegnen. Kunst sieht die Welt durch den Geist, Emotionen, manchmal auch das Unbewusste und natürlich Ästhetik. Die Wissenschaft sieht die Welt durch den Verstand, quantitativ, Dinge die gemessen und beschrieben werden können, aber sie gibt der Kunst einen Rahmen für Wissen und Erkenntnis.
In der Studie "Extreme Ice Survey" bringen wir diese beiden Teile menschlichen Verstehens zusammen, Kunst und Wissenschaft verschmelzen, so können wir die Natur und unsere Verbindung mit ihr besser verstehen. Als leidenschaftlicher und professioneller Fotograf der Natur bin ich davon überzeugt, dass Fotografie, Video und Film gewaltige Kraft haben, um unsere Sicht auf die Natur und uns selbst in Verbindung mit ihr zu zeigen und zu formen.
In diesem Projekt sind wir natürlich speziell an Eis interessiert. Mich faszinieren seine Schönheit, seine Wandlungsfähigkeit, seine Formbarkeit, und die fantastischen Gebilde in die es sich selbst schnitzt. Diese ersten Bilder sind von Grönland. Die Sache mit dem Eis ist folgende: Es bringt die globale Verbrennung fossiler Rohstoffe ans Licht. Hier sehen, hören und fühlen wir den Klimawandel in Aktion.
Klimawandel ist in den meisten Köpfen eine abstrakte Sache. Ob man daran glaubt, hängt vom eigenen Eindruck ab, ob es mehr oder weniger regnet, ob es kälter oder wärmer wird. Oder man fragt, was uns Computermodelle sagen können. Aber das alles ist egal. In der arktischen und alpinen Umwelt, im Eis ist der Klimawandel gegenwärtig und greifbar. Die Veränderungen sind real. Sie sind sichtbar. Man kann sie fotografieren und messen.
95 Prozent der Gletscher weltweit schrumpfen. Außerhalb der Antarktis schrumpfen weltweit 95% der Gletscher, weil sich Niederschläge und Temperaturen ändern. Darüber gibt keine wissenschaftliche Debatte. Es wurde beobachtet und gemessen, die Daten lassen keinen Zweifel. Die Ironie und Tragik unserer Zeit ist, ein großer Teil der Gesellschaft denkt, die Wissenschaft würde darüber noch streiten. Die Wissenschaft streitet darüber nicht. In diesen Bildern sehen wir Eis von riesigen Gletschern und Eisdecken, Hunderte von Tausenden von Jahren alt, die Eisberg für Eisberg auseinander brechen und die Anhebung des Meeresspiegels verursachen.
All das habe ich in meiner 30-jährigen Karriere gesehen und war immer noch Skeptiker, bis vor etwa 10 Jahren, weil ich dachte, die Theorie würde auf Computermodellen beruhen. Ich hatte nicht erkannt, dass es auf handfesten Messungen über das Paläoklima - das Urklima - basierte, wie es in Eisschichten und Sedimenten der Tiefsee und anderen Gewässern, in Jahresringen von Bäumen und ähnlichem aufgezeichnet wurde.
Als mir klar wurde, dass Klimawandel real und kein Modell ist entschloss ich ein Projekt zu machen mit dem Versuch den Klimawandel fotografisch zu beweisen. Das führte mich zu diesem Projekt. Bei einem Auftrag von "National Geopraphic", konventionell, Einzelbild, Standfotografie, hatte ich an einem verrückten Tag - nach dem Auftrag - die Idee in Zeitraffer zu fotografieren. Ein oder zwei Kameras auf ein Stativ beim Gletscher aufstellen und alle 15 Minuten auslösen, oder jede Stunde, und so die Entwicklung der Landschaft über die Zeit beobachten.
Aus dem Plan von ein paar Kameras wurde nach drei Wochen ein Plan mit 25 Zeitraffer-Kameras. Diese Kameras zu entwerfen, zu bauen und vor Ort aufzustellen, waren die härtesten 6 Monate meiner Karriere. Sie werden mit Solarzellen betrieben. Ein Akku speichert den Strom. Ein Computer steuert die Kamera. Sie stehen auf Felsen beim Gletscher, also auf einer festen Position, und sie beobachten die Evolution der Landschaft. Wir hatten gerade einige Kameras auf der Eisdecke von Grönland. Wir haben dafür extra Löcher ins Eis gebohrt, tief unter das Schmelzniveau. Die Kameras waren die letzten 1½ Monate dort. Eine ist immer noch vor Ort. Die Kameras machen stündlich ein Bild, oder alle ½ Stunde, alle 15 Minuten, alle fünf Minuten.
Hier ist in Zeitraffer, wie eine Zeitrafferkamera zusammengebaut wird. (Lachen) Ich war von jeder Schraube und Unterlegscheibe in den Dingern besessen. Während dem monatelangen Bau dieser Einheiten verbrachte ich die Hälfte der Zeit im Baumarkt.
Wir arbeiten in den meisten vergletscherten Regionen der nördlichen Hemisphäre. Unsere Zeitrafferkameras sind in Alaska, den Rockies, Grönland und Island. Manche Orte in Britisch-Kolumbien, den Alpen und Bolivien besuchen wir nur jährlich.
Es ist ein großes Vorhaben. Ich stehe heute als Repräsentant für mein ganzes Team vor Ihnen. Viele Leute arbeiten zurzeit daran. Momentan haben wir 33 Kameras im Einsatz. In der letzten ½ Stunde haben 33 Kameras überall in der nördlichen Hemisphäre Bilder gemacht und festgehalten was dort passiert. Es war eine unglaubliche Menge an Arbeit. Wir waren 2½ Jahre im Einsatz, und wir haben noch mal 2½ Jahre vor uns.
Und das ist nur die Hälfte. Die andere Hälfte ist es, das alles der Welt zu zeigen. Forscher haben ähnliche Daten über die Jahre gesammelt, viel davon bleibt innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. So wie auch viele Projekte innerhalb der künstlerischen Gemeinschaft bleiben, und ich fühle eine Verantwortung, durch Zusammenkünfte wie TED und unser Verhältnis zu Obama und dem Weißen Haus, dem Senat und Senator John Kerry, um mit diesen Bildern auch größtmöglichen Einfluss auf die Politik auszuüben. Wir haben Filme gedreht, Bücher geschrieben, etc. Google hat uns netterweise auf Google Earth eine Seite eingerichtet. Wir müssen von diesen Ereignissen berichten, denn sie sind ein unmittelbarer Beweis für den Klimawandel.
Etwas Wissenschaft, bevor wir uns dem Visuellen widmen. Wenn jeder in den Industrieländern dieses Schaubild verstehen und verinnerlichen würde, dann gäbe es keine Diskussion über den Klimawandel. Das ist alles was zählt. Der Rest ist nur Propaganda und Lärm. Das Entscheidende: Eine Bilanz über 400.000 Jahre. Dieser Verlauf ist ein Rückblick, mittlerweile reicht er fast eine Million Jahre zurück. Und mehrere Dinge sind wichtig.
Temperatur und CO2 in der Atmosphäre wandern synchron miteinander hoch und runter. Sie sehen das an der orangen und blauen Linie. Die Natur hat einen Anstieg von CO2 bis auf 280 ppm zugelassen. Das ist der natürliche Kreislauf. Es steigt auf 280, dann fällt es wieder. Die Gründe sind jetzt nicht wichtig. Aber 280 ppm ist die Grenze. Oben rechts sieht man: wir sind jetzt bei 385 ppm. Weit außerhalb der normalen, natürlichen Schwankungen. Die Erde hat Fieber. In den vergangenen 100 Jahren ist die Temperatur der Erde um 0,75 Grad Celsius angestiegen, und sie wird weiter ansteigen, weil wir weiter fossile Brennstoffe in die Atmosphäre schleudern. Mit einer Rate von etwa 2½ ppm jedes Jahr. Es ist ein erbarmungsloser, stetiger Anstieg.
Wir müssen das umkehren. Das ist der Kernpunkt. Ich hoffe eines Tages den Times Square in New York und viele weitere Plätze damit zu plakatieren. So, jetzt geht es ab in die Welt des Eises.
Wir sind nun am Columbia-Gletscher in Alaska. Hier sieht man die sogenannte Abbruchwand. Das hat eine Kamera über mehrere Monate aufgenommen. Der Gletscher kommt von rechts und stürzt ins Meer, die Kamera belichtet stündlich. Im Hintergrund sieht man ihn hoch und runter tanzen, wie ein Jojo. Das bedeutet, der Gletscher schwimmt und er ist instabil. Gleich sehen Sie die Folgen des Schwimmens. Um einen Sinn für die Größenverhältnisse zu geben, die Abbruchwand ist hier etwa 100 Meter hoch. Das sind 32 Stockwerke. Das ist keine kleine Klippe, sondern ein Hochhaus. Die Abbruchwand ist da wo sichtbares Eis abbricht, in Wirklichkeit reicht sie mehr als einen Kilometer unter die Wasseroberfläche. Die Wand ist also über einen Kilometer hoch vom Meeresboden aus, wenn sie auf Grund sitzt, oder aber sie schwimmt.
Das hat der Columbia-Gletscher im Süden von Alaska gemacht. Dieses Bild habe ich im Juni vor 3 Jahren aus der Luft gemacht. Diese Luftaufnahme ist aus diesem Jahr. Das ist der Rückzug des Gletschers. Der Hauptfluss des Gletschers kommt von rechts, die Abbruchwand wandert rapide Stromaufwärts. In ein paar Wochen werden wir wieder vor Ort sein, und wir erwarten einen Rückzug um wieder knapp einen Kilometer, aber wenn ich dort ankomme und der Rückzug ist 8 Kilometer, wäre ich kein bisschen überrascht.
Es ist sehr schwer, den Maßstab dieser Orte zu begreifen. Man muss bedenken, die Landschaft in Alaska und Grönland ist gigantisch, das sind keine gewohnten Umgebungen. So wie sich die Gletscher zurückziehen werden sie auch flacher, als ob man die Luft heraus lässt. So entstehen Strukturen in der Landschaft. Zur Verdeutlichung, der Pfeil in der Mitte des Bildes zeigt auf einen Gebirgskamm. Es gibt eine sichtbare Linie in der Landschaft, durch den Gletscherschliff oben zu sehen. Das würde normalerweise kein anständiger Fotograf tun, ein Foto so zu verschandeln, stimmt’s? Doch manchmal muss das sein, um die Dimensionen darzustellen. Die Absenkung des Gletschers seit 1984 ist größer als der Eiffelturm, größer als das Empire State Building.
Die Menge an Eis in diesen Tälern hat sich dadurch gewaltig verringert. Diese Veränderungen passieren immer schneller. Sie bleiben nicht konstant. Gerade beim Meereis überholt die Realität viele Vorhersagen der letzten Jahre. Entweder beschleunigen die Prozesse, oder die Vorhersagen waren von Anfang an zu niedrig. Jedenfalls finden sehr große Veränderungen vor unseren Augen statt.
Noch eine Aufnahme des Columbia. Man sieht die Entwicklung: Juni, Mai, dann Oktober. Nun starten wir den Zeitraffer. Diese Kamera hat stündlich ausgelöst. Geologische Prozesse in Aktion. Und jeder sagt: nun, wachsen sie im Winter nicht wieder an? Nein! Er hat sich auch im Winter zurückgebildet, der Gletscher ist krank. Dann endlich fängt er sich wieder und wächst.
Diese Bilder kann man immer und immer wieder anschauen, denn von Ihnen geht eine seltsame bizarre Faszination aus. Sachen, die man normalerweise nicht sieht, werden lebendig. Hier bei TED bringen wir Unsichtbares ans Licht, denn Sehen heißt Verstehen. Das ist der Sinn unserer Kameras. Diese Bilder machen das Verborgene sichtbar. Riesige Gletscherspalten öffnen sich. Große Inseln aus Eis brechen ab, und jetzt passen Sie auf. Frühling dieses Jahr: ein riesiger Abbruch. Der Verlust von all dem Eis passierte innerhalb von einem Monat.
Da hat es vor drei Jahren angefangen, weit links ab, und da waren wir vor ein paar Monaten, als wir das letzte Mal nach Alaska sind. Um ein Gefühl für die Größe von diesem Rückzug zu bekommen, haben wir noch mal ein Foto verschandelt, mit britischen Bussen. 295 Doppeldeckerbusse aneinander gereiht, so groß war der Rückzug. Ganz schön weit.
Weiter nach Island. Einer meiner liebsten Gletscher, der Sólheimajökull. Hier sieht man, wie sich der Gletscher zurück zieht, wie sich der Fluss entwickelt und wie der Gletscher absackt. Ohne Zeitraffer könnte man das nicht sehen. Es passiert im Verborgenen. Man könnte sein ganzes Leben dort sein und das hier niemals sehen, aber die Kamera hält es fest.
Jetzt drehen wir die Zeit zurück. Mehrere Jahre, so hat es angefangen. So sah es dann vor ein paar Monaten aus.
Weiter nach Grönland. Je kleiner die Eismasse, umso schneller reagiert sie auf den Klimawandel. Es dauerte eine Weile, bis Grönland anfing auf den Klimawandel des letzten Jahrhunderts zu reagieren. Vor etwa 20 Jahren ging es dann richtig los. Die Temperatur dort ist enorm angestiegen.
Eine gewaltige Landschaft nur aus Eis. All diese Farben sind Eis, es ist bis zu drei Kilometer dick, eine riesige Kuppel, die vom Ozean kommt und in der Mitte ansteigt. Es gibt in Grönland einen Gletscher, der mehr Eis in die Ozeane schüttet als alle Gletscher der nördlichen Hemisphäre zusammen: den Ilulissat-Gletscher.
Einige Kameras stehen an der Südseite des Ilulissat und beobachten den dramatischen Rückzug der Abbruchkante. So sieht das über zwei Jahre hinweg aus. Der Hubschrauber dient als Maßstab und wird schnell in den Schatten gestellt. Die Wand ist über 7 Kilometer breit, und in diesem Bild sieht man davon nur etwa 2½ Kilometer. Stellen Sie sich vor, wie groß das ist und wie viel aufgetürmtes Eis hier ankommt. Das Hinterland Grönlands ist zur Rechten und es fließt in den Altantik zur Linken. Eisberge, vielfach größer als dieses Gebäude, prasseln ins Meer.
Diese Bilder sind gerade ein paar Wochen alt, man sieht gigantische Eisberge vom Gletscher abbrechen. Ich zeige gleich eines davon.
Dieser Gletscher hat seine Fließgeschwindigkeit in 15 Jahren verdoppelt. Nun wandert er mit fast 40 Meter pro Tag, und schüttet all sein Eis ins Meer. Es tendiert zu einem 3-Tages-Rhythmus, aber im Schnitt fast 40 Meter pro Tag, doppelt so schnell wie vor 20 Jahren.
Unser Team hat den größten Abbruch beobachtet, der jemals auf Film aufgenommen wurde. Wir hatten neun Kameras in Betrieb. Das hier haben mehrere Kameras gesehen. Eine 120 Meter hohe Wand aus Eis bricht ab. Riesige Eisberge schlagen Purzelbäume. Okay, wie groß war das? Schwer zu verdeutlichen. Also wieder ein Bildchen. Die Abbruchkante wandert 1,6 km in 75 Minuten an dieser 4,8 Kilometer breiten Gletscherwand. Der Block war ein Kilometer hoch und verglichen mit der Tower-Bridge in London etwa 20 Brücken breit. Oder eine amerikanische Referenz, steckt man das US-Kapitol 3.000 mal in diesen Block, wäre das äquivalent zur Größe des Eisbergs. Und all das in nur 75 Minuten.
Ich habe lang über den Klimawandel nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir kein Problem mit der Wirtschaft, Technologie oder Politik haben. Wir haben ein Problem der Wahrnehmung. Politik, Wirtschaft und Technologie sind ernste Themen, aber diese können wir bewältigen. Da bin ich mir sicher. Aber wir haben ein Problem der Wahrnehmung, viele kapieren es einfach nicht. Sie sind ein auserlesenes Publikum. Sie kapieren es. Viele politische Führungskräfte großer Nationen verstehen es zum Glück mittlerweile auch. Aber wir müssen noch viele Menschen an unsere Seite bringen. Und hier denke ich, dass Organisationen wie TED und unsere Studie "Extreme Ice Survey" einen positiven Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben können. Die Zeit ist reif.
Wir sind am Rande einer Krise. Noch gibt es eine Chance die größte Herausforderung unserer Zeit zu bewältigen. Dies ist ein Aufruf, um das Richtige zu tun, für uns und unsere Zukunft. Ich hoffe wir haben die Weisheit, dass die Engel unseres besseren Wesens sich der Situation gewachsen zeigen, und tun was getan werden muss.
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Fotograf James Balog stellt neue Bilder der "Extreme Ice Survey" vor, ein Netzwerk aus Zeitraffer-Kameras, die den alarmierenden Gletscherschwund aufzeichnen, bislang einer der anschaulichsten Beweise für den Klimawandel.
James Balog's latest work, the Extreme Ice Survey, captures the twisting, soaring forms of threatened wild ice. Full bio »
Translated into German by Martin Hornung
Reviewed by Alex Boos
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18:03 Posted: Oct 2006
Views 281,773 | Comments 48
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