Es ist kaum zu glauben, dass noch nicht einmal ein Jahr seit dem außergewöhnlichen Moment vergangen ist, an dem die Finanzwirtschaft und das Kreditwesen, die unsere Wirtschaft vorantreiben, einfroren. Ein gewaltiger Herz-Kreislauf-Stillstand. Die Auswirkung, oder vielleicht die Quittung, für jahrelange Herrschaft von Blutsaugern wie Bernie Madoff, den wir vorhin gesehen haben. Missbrauch von Steroiden, Saufgelage und dergleichen. Und es ist erst ein paar Monate her, dass Regierungen enorme Summen investiert haben, um zu versuchen, das ganze System über Wasser zu halten. Und nun befinden wir uns in einer sehr seltsamen Grauzone, in der niemand so genau weiß, was denn nun funktioniert hat, und was nicht. Wir haben keine klaren Roadmaps, keinen Kompass, der uns den Weg zeigt. Wir wissen nicht mehr, welchen Experten wir Glauben schenken sollen.
Ich werde versuchen, ein paar Aspekte von dem herauszustellen, was meiner Meinung nach die Kehrseite der Krise ist, wonach wir Ausschau halten sollten, und wie wir uns die Krise sogar zu Nutze machen können. Es gibt eine Definition von Führung, die lautet: "Führung ist die Fähigkeit, die kleinstmögliche Krise zum größtmöglichen Effekt zu nutzen." Ich möchte darüber sprechen, wie wir sicherstellen können, dass die Krise, die keineswegs eine kleine ist, wirklich vollständig ausgeschöpft wird.
Ich möchte anfangen, indem ich ein bisschen über meine eigene Lebensgeschichte erzähle. Ich habe einen sehr konfusen Hintergrund, was mich vielleicht zur richtigen Person für konfuse Zeiten macht. Ich habe einen Doktortitel in Telekommunikation, wie Sie sehen können. Für eine kurze Zeit ließ ich mich von ihm hier zum buddhistischen Mönch ausbilden. Ich war Beamter, und ich war auch für das politische Programm von diesem hier verantwortlich.
Aber das, worüber ich sprechen möchte, beginnt in dieser Stadt, an dieser Universität, zur Zeit meines Studiums. Und genau wie heute war es ein wunderschöner Ort voller Bälle und Boote und schöner Menschen, von denen viele sich folgenden Ausspruch Ronald Reagans zu Herzen nahmen, der besagt, dass "auch wenn man sagt, dass harte Arbeit noch keinem geschadet hat, warum das Risiko eingehen?"
Aber als ich hier war, befanden sich viele Teenager im gleichen Alter wie ich in einer ganz anderen Situation: Sie gingen zu einer Zeit von der Schule ab, als die Jugendarbeitslosigkeit rasant anstieg, und sie sich im Hinblick auf ihre beruflichen Perspektiven im Prinzip in einer Sackgasse wiederfanden. Und statt meine Zeit in Booten zu verbringen, verbrachte ich sie mit diesen Jugendlichen. Und das waren Leute, denen es weder an Intelligenz, Anstand oder Energie fehlte, die aber dennoch keine Hoffnung, keine Arbeit und keine Perspektive hatten. Und wenn Menschen die Möglichkeit sich nützlich zu machen verwehrt wird, dann halten sie sich auch bald selbst für nutzlos. Und obwohl das positive Auswirkungen auf die damalige Musik-Industrie hatte, war es für nichts anderes gut. Seit damals frage ich mich immer wieder, warum der Kapitalismus in manchen Dingen so unglaublich effizient ist, aber so ineffizient in anderen, warum er in mancherlei Hinsicht so innovativ ist und in anderer überhaupt nicht.
Nun, seitdem haben wir eine Zeit des außerordentlichen wirtschaftlichen Aufschwungs erlebt, den längsten Aufschwung in der Geschichte dieses Landes. Noch nie dagewesenes Vermögen und Wohlstand, aber dieses Wachstum hat nicht immer das gebracht, was wir gebraucht haben. H. L. Mencken hat einmal gesagt: "für jedes komplizierte Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch." Zwar sage ich nicht, dass Wachstum etwas Falsches ist, aber es ist doch bemerkenswert, dass während der Jahre des Aufschwungs vieles trotzdem nicht besser wurde. Der Anteil derer, die unter Depressionen litten, stieg kontinuierlich an, quer durch die westliche Welt. Wenn man sich Amerika ansieht, dann erhöhte sich dort der Anteil der Amerikaner, die niemandem hatten, mit dem sie über wichtige Dinge sprechen konnten, von einem Zehntel auf ein Viertel. Wir pendelten immer weitere Strecken zur Arbeit, aber, wie Sie an dieser Grafik sehen können, sinkt die Wahrscheinlichkeit zufrieden zu sein, je weiter der Weg. Und es wurde immer klarer, dass wirtschaftliches Wachstum nicht automatisch auch Wachstum im sozialen oder menschlichen Bereich bedeutet.
Jetzt sind wir wieder an einem Punkt, an dem eine weitere Welle von jungen Leuten auf einen harten Arbeitsmarkt trifft. Am Ende dieses Jahres wird es hier eine Million arbeitsloser junger Menschen geben, jeden Tag verlieren Tausende in Amerika ihre Arbeit. Wir müssen alles tun, was in unserer Macht steht, um ihnen zu helfen, aber ich denke, wir müssen auch eine tiefergehende Frage stellen, nämlich die, ob wir die Krise nutzen, um voran zu kommen, um eine andere Art der Wirtschaft zu schaffen, die den Bedürfnissen der Menschen besser gerecht wird, und ob wir zu einer besseren Balance zwischen Wirtschaft und Gesellschaft kommen können.
Und ich denke, eine Sache, die wir aus der Geschichte lernen können, ist, dass sich auch in einer noch so tiefen Krise Chancen ergeben können. Sie bringen Ideen vom Rand der Gesellschaft in deren Mitte. Häufig führen sie zur Beschleunigung dringend benötigter Reformen. Und wie wir in den 30er Jahren gesehen haben, hat die Große Depression auch den Weg geebnet für das Bretton-Woods-System, das Konzept des Wohlfahrtstaats und so weiter. Und ich denke, dass wir im Moment um uns herum einige junge Triebe einer ganz anderen Form der Wirtschaft und des Kapitalismus beobachten, die noch weiter wachsen könnten. Man kann es im alltäglichen Leben beobachten. In schwierigen Zeiten müssen Menschen sich selbst helfen, und überall auf der Welt - ob in Oxford, Omaha oder Omsk - lässt sich ein explosionsartiger Anstieg städtischer Landwirtschaft beobachten: Menschen, die Land übernehmen, die Hausdächer erobern, die Frachtkähne in provisorische Landwirtschaftsfläche verwandeln.
Und ich bin ein sehr kleiner Teil davon. Ich habe 60.000 von diesen Dingern in meinem Garten. Ein paar davon. Das hier ist Attila die Henne. Und ich bin ein sehr kleiner Teil einer sehr großen Bewegung, bei der es für manche Menschen ums Überleben geht, bei der es aber auch um Werte geht, um eine andere Art der Wirtschaft, wo sich nicht alles so sehr um Konsum und Geld dreht, sondern um Dinge, die uns etwas bedeuten. Und außerdem kann man überall die Ausbreitung von Zeitbanken und Parallelwährungen beobachten, Menschen, die clevere Technologien verwenden, um all die Ressourcen zu verbinden, die vom Markt frei gemacht wurden - Menschen, Gebäude, Land - um sie denjenigen zukommen zu lassen, die sie am dringendsten benötigen.
Ich glaube, eine ganz ähnliche Geschichte trifft auf Regierungen zu. Es ist wieder einmal Ronald Reagan, dem wir die zwei lustigsten Sätze der englischen Sprache verdanken: "Ich komme von der Regierung. Und ich bin hier, um zu helfen." Aber ich glaube, als sich die Regierungen letztes Jahr dann doch eingeschaltet haben, waren die Leute recht froh, dass sie da waren und etwas unternahmen. Aber nun, ein paar Monate später, wie gut Politiker auch immer darin sein mögen, "in den sauren Apfel zu beißen ohne die Miene zu verziehen", wie es einmal jemand ausdrückte, ihre Unsicherheit können sie dennoch nicht verbergen. Denn es ist bereits klar, wieviel von der enormen Summe, die sie in die Wirtschaft investiert haben, tatsächlich dazu verwendet wurde, die Vergangenheit zu reparieren, den Banken und Automobilunternehmen aus der Patsche zu helfen, statt uns auf die Zukunft vorzubereiten. Wieviel von diesem Geld wird für Beton und das Ankurbeln des Konsums ausgegeben, statt dass es in die Lösung der wirklich tiefgehenden Probleme, um die wir uns kümmern müssen, investiert wird.
Und wenn die Menschen überall über diese unglaublichen Summen nachdenken, die von unserem Geld und dem unserer Kinder aufgebracht werden, fragen sie, jetzt, in der Mitte dieser Krise: Wir sollten dieses Geld doch wohl vielmehr mit größerer Weitsicht einsetzen, um den Wechsel zu einer umweltbewussten Wirtschaft zu beschleunigen, um uns auf eine immer ältere Gesellschaft vorzubereiten, um uns um einige der Ungleichheiten zu kümmern, die Länder wie dieses und die Vereinigten Staaten verunstalten, statt das Geld einfach an die üblichen Verdächtigen zu verteilen?! Wir sollten das Geld doch wohl viel eher Unternehmern geben, der Zivilgesellschaft, Menschen, die in der Lage sind, Neues zu schaffen, nicht den großen Firmen mit ihren guten Beziehungen und den großen, schwerfälligen Regierungsprogrammen?! Und, nach alldem, wie der große chinesische Weise Lao Tzu sagte: "Ein großes Land zu regieren ist wie einen kleinen Fisch zu kochen. Man sollte es nicht übertreiben."
Und ich glaube, dass mehr und mehr Menschen sich auch fragen: Warum den Konsum anheizen, statt die Art des Konsums zu ändern? So wie der Bürgermeister von São Paulo, der Werbetafeln verboten hat, oder wie viele Städte, zum Beispiel San Francisco, die eine Infrastruktur für Elektroautos aufgebaut haben. Man kann Anzeichen eines ähnlichen Phänomens in der Geschäftswelt beobachten. Manche, ich glaube, manche der Banker scheinen nichts gelernt und nichts vergessen zu haben. Aber fragen Sie sich: Was werden wohl die größten Wirtschaftssektoren in 10, 20, 30 Jahren sein? Es werden nicht die sein, die immer um Zuschüsse betteln, wie die Autoindustrie und die Raumfahrt und so weiter.
Der bei weitem größte Sektor wird der Gesundheitsbereich sein, der jetzt bereits 18 Prozent der amerikanischen Wirtschaft ausmacht, und dem ein Wachstum auf bis zu 30, sogar 40 Prozent vorausgesagt wird. Altenpflege und Kinderbetreuung sind jetzt schon größere Arbeitgeber als die Automobilindustrie. Bildung macht sechs, sieben, acht Prozent der Wirtschaft aus und befindet sich in ständigem Wachstum. Umweltdienstleistungen, Energiedienstleistungen, die vielen grünen Jobs, sie alle deuten auf eine ganz andere Art der Wirtschaft, in der es nicht nur um Produkte geht, sondern die verteilte Netzwerke einsetzt. Vor allem aber baut diese Wirtschaftsordnung auf Fürsorge, auf Beziehungen auf, darauf, was Menschen für andere Menschen tun, oftmals eins zu eins, statt einfach nur Produkte zu verkaufen.
Und ich denke, die Herausforderung, die Zivilgesellschaft, Regierungen und Geschäftswelt verbindet, ist einerseits eine ganz simple, andererseits eine ziemlich schwierige. Wir wissen, dass sich unsere Gesellschaften radikal verändern müssen. Wir wissen, dass wir nicht dahin zurückkehren können, wo wir vor der Krise waren. Aber wir wissen auch, dass wir nur durch Experimentieren herausfinden können, wie genau man eine CO2-arme Stadt betreibt, wie man für eine viel ältere Bevölkerung sorgt, wie man mit Drogenabhängigkeit umgeht, und so weiter.
Und genau das ist das Problem. In der wissenschaftlichen Forschung werden natürlich systematische Experimente durchgeführt. Unsere Gesellschaften investieren systematisch zwei, drei, vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts, um systematisch in neue Entdeckungen, in die Wissenschaft, in Technologien, zu investieren, um die Pipeline der genialen Erfindungen anzuheizen, die Versammlungen wie diese hier erhellen. Nicht, dass unsere Forscher heute unbedingt soviel klüger sind, als es die vor hundert Jahren waren. Vielleicht sind sie es ja, aber vor allem haben sie eine ganze Menge mehr Unterstützung, als es jemals zuvor der Fall war. Was aber erstaunlich ist, ist die Tatsache, dass es in der heutigen Gesellschaft fast keine vergleichbare Investition, kein systematisches Experiement in den Bereichen gibt, in denen der Kapitalismus nicht besonders gut ist, wie Mitleid, Mitgefühl, Beziehungen oder Pflege.
Nun, ich habe das auch nicht wirklich verstanden, bis ich diesen Typ getroffen habe, einen damals 80-jährigen, leicht chaotischen Mann, der sich von Tomatensuppe ernährte und Bügeln für völlig überbewertet hielt. Er hatte dabei geholfen, Großbritanniens Nachkriegsinstitutionen zu gestalten, den Wohlfahrtsstaat, die Wirtschaft, hatte sich danach aber als eine Art sozialer Unternehmer neu erfunden und wurde der Erfinder vieler, vieler verschiedener Organisationen. Manche davon sind berühmt, so wie die Open University, die 110.000 Studenten hat, die University of the Third Age, in der nahezu eine halbe Million älterer Menschen andere ältere Menschen unterrichten; und so komische Dinge wie Autowerkstätten zum Selber-Schrauben, wie Sprachprodukte und Schulen für soziale Unternehmer. Am Ende seines Lebens verkaufte er Unternehmen an Kapitalisten, die bereit waren, ein riskoreiches Projekt zu starten.
Er glaubte daran, dass man selbst ein Problem angehen sollte, statt andere zum Handeln aufzufordern, und er lebte lange genug, um zu sehen, wie eine solch große Anzahl seiner Ideen erst verspottet und dann zum Erfolg wurden, dass er sagte, man solle "nein" immer als Frage, nicht als Antwort. Und sein Leben war ein einziges systematisches Experiment auf der Suche nach besseren Antworten auf soziale Probleme, die nicht das Resultat von Theorie, sondern von Experimenten waren, und zwar mit Hilfe der Menschen, die sich mit sozialen Problemen am besten auskannten, was im Normalfall eben die Leute waren, die mit diesen Problemen leben mussten. Und es war seine Überzeugung, dass, weil wir gemeinsam mit anderen leben und uns die Welt mit ihnen teilen, wir auch unsere Veränderungen mit anderen durchführen müssen, nicht für sie, nicht an ihnen vorbei, und so fort.
Nun, was er getan hat, hatte früher keinen Namen, aber ich glaube, es ist dabei, sich ziemlich schnell zu etablieren. Es ist das, was wir in der Organisation tun, die nach ihm bennant wurde, in der wir versuchen, neue Projekte zu erfinden, zu schaffen, in Gang zu setzen, ob es nun Schulen, Internetfirmen, Gesundheitsorganisationen oder andere Dinge sind. Und wir sind Teil einer rasant wachsenden globalen Bewegung, in der Institutionen an gesellschaftlicher Innovation arbeiten und dabei Ideen aus den Bereichen Design, Technologie oder der Organisation von Kommunen einsetzen, um die Anfänge einer Welt der Zukunft zu entwickeln – aber durch praktische Anwendung und Demonstration, nicht durch Theorien. Und sie verbreiten sich von Korea nach Brasilien, von Indien bis in die USA und über ganz Europa. Und sie bekommen neuen Antrieb durch die Krise, durch die Notwendigkeit, bessere Antworten auf Arbeitslosigkeit, den Zusammenbruch von Kommunen etc. zu finden.
Einige dieser Ideen sind ungewöhnlich. Dies sind sogenannte Klage-Chöre. Leute treffen sich und singen über die Dinge, die sie wirklich beschäftigen. (Gelächter) Andere sind deutlich pragmatischer angelegt: Gesundheitsberater, Lernpaten, Job Clubs. Wieder andere sind ziemlich strukturell, etwa Anleihen, die eine Wirkung im sozialen Bereich haben: man sammelt Gelder, die investiert werden, um Jugendliche von Kriminalität fernzuhalten, oder um alten Menschen zu helfen, gesund zu bleiben und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Die Rückzahlung bemisst sich am Erfolg der Projekte, in die man investiert hat.
Nun, die Idee hinter alldem entwickelt sich meiner Ansicht nach zusehends zur allgemeinen öffentlichen Meinung und zu einem Teil unserer Reaktion auf die Krise, der berücksichtigt, dass man auf Innovation setzen muss, um sozialen und technologischen Fortschritt zu erreichen. Dieses Jahres wurden hierzulande beträchtliche Mittel für Innovationen im Gesundheitswesen bereitgestellt, ebenso wie für ein Innovationslabor für den öffentlichen Dienst. In ganz Nordeuropa haben viele Regierungen mittlerweile eigene Innovationslabore eingerichtet. Und erst vor ein paar Monaten hat Präsident Obama die 'Abteilung für Soziale Innovation' im Weißen Haus eingerichtet.
Und die Menschen beginnen sich jetzt die folgende Frage zu stellen: So wie wir zwei, drei, vier Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts, unserer Wirtschaft, in Forschung und Entwicklung investieren, könnten wir doch auch, sagen wir mal, ein Prozent der Staatsausgaben in soziale Innovation investieren, in Altenpflege, neue Arten der Bildung, neue Unterstützungsangebote für behinderte Menschen? Vielleicht würden wir ähnliche Produktivitätszuwächse in der Gesellschaft wie in der Wirtschaft und in der Technologie verzeichnen.
Und so wie die großen Herausforderungen vor ein oder zwei Generationen solche wie die Mondlandung waren, so sind möglicherweise die Herausforderungen, denen wir uns heute stellen sollten, solche wie die Beseitigung der Mangelernährung von Kindern und der Unterbindung des Schwarzhandels. Oder, noch relevanter für Amerika oder Europa: warum setzen wir uns nicht das Ziel, eine Milliarde zusätzlicher Lebensjahre für die heutige Bevölkerung zu schaffen. Das sind alles Ziele, die man innerhalb von zehn Jahren erreichen könnte. Das geht aber nur durch grundlegendes und systematisches Experimentieren, nicht nur was Technologien betrifft, sondern auch was Lebensführung und Kultur, politische Strategien und Institutionen betrifft.
Nun, zum Schluss werde ich noch etwas dazu sagen, was das alles meiner Meinung nach für den Kapitalismus bedeutet. Ich glaube, dass diese ganze Bewegung, die sich von den Rändern der Gesellschaft her entwickelt, ziemlich klein bleiben wird. In keinster Weise vergleichbar mit den Mitteln von Institutionen und Unternehmen wie CERN oder DARPA, IBM oder Dupont. Was diese Bewegung uns allerdings sagt, ist, dass der Kapitalismus sozialer werden wird. Er ist bereits durchzogen von sozialen Netzwerken. Er wird zunehmend in soziale Investments und soziale Pflege einbezogen werden und in Industriezweige, wo Wert durch das Engagement für andere erzeugt wird, nicht nur durch das, was man ihnen verkauft, und wo Wert durch Beziehungen, nicht nur durch Konsum, entsteht. Aber interessanterweise impliziert das auch eine Zukunft, in der sich die Gesellschaft ein paar Kniffe vom Kapitalismus abschaut, nämlich wie man die DNA unaufhörlich andauernder Innovation in die Gesellschaft integriert, indem man Dinge ausprobiert und dann diejenigen, die funktionieren, ausbaut und normiert.
Ich glaube, diese Zukunft wird viele Leute überraschen. In den letzten Jahren haben viele intelligente Menschen angenommen, der Kapitalismus habe prinzipiell gewonnen. Die Geschichte war zu Ende, und die Gesellschaft würde zwangsläufig eine nachgeordnete Rolle hinter der Wirtschaft spielen. Aber es ist mir aufgefallen, dass Menschen heute oft ganz ähnlich über den Kapitalismus sprechen, wie vor 200 Jahren über die Monarchie gesprochen wurde, kurz nach der Französischen Revolution und der Wiedereinführung der Monarchie in Frankreich.
Damals sagte man, dass die Monarchie alles beherrsche, weil sie ihre Wurzeln in der menschlichen Natur habe. Menschen seien von Natur aus ehrerbietig. Wir bräuchten Hierarchien. Genauso wie die begeisterten Anhänger eines ungezügelten Kapitalismus heute sagen, dass er in der menschlichen Natur angelegt sei, nur nennt man es heute Individualismus, Wissbegierde, und so weiter. Dann vertrieb die Monarchie ihren große Herausforderin, die Massendemokratie, die als gut gemeintes, aber zum Scheitern verurteiltes Experiment betrachtet wurde, genauso, wie der Kapitalismus den Sozialismus vertrieben hat. Sogar Fidel Castro sagt heute, dass das Einzige, was schlimmer ist, als vom multinationalen Kapitalismus ausgebeutet zu werden, ist, nicht vom multinationalen Kapitalismus ausgebeutet zu werden. Und während damals die Monarchien, Paläste und Festungen das Gesicht jeder Stadt bestimmten und den Anschein von Dauer und Zuversicht verbreiteten, so sind es heute die glänzenden Türme der Banken, die jede große Stadt dominieren.
Ich sage nicht, dass die Massen kurz davor wären, auf die Barrikaden zu gehen und jeden Investment-Banker am nächsten Laternenmast aufzuknüpfen - so verführerisch dieser Gedanke auch sein mag. Aber ich glaube wohl, dass wir am Rand einer Ära stehen, in der, wie es mit der Monarchie und interessanterweise, auch mit dem Militär passiert ist, die zentrale Stellung des Kapitals an ihrem Ende angelangt ist. Er wird stetig weiter an die Seiten, an die Ränder der Gesellschaft gedrängt werden, wird sich vom Meister zum Diener verwandeln, zum Diener einer produktiven Wirtschaft und menschlicher Bedürfnisse.
Und wenn das passiert, werden wir uns an etwas sehr Einfaches und Offensichtliches über den Kapitalismus erinnern: nämlich, dass er - entgegen der Meinung von Wirtschaftslehrbüchern - kein unabhängiges System ist. Er ist auf andere Systeme angewiesen, auf die Ökologie, die Familie, auf Gemeinschaft, und wenn diese nicht genährt werden, leider der Kapitalismus mit ihnen. Und unsere menschliche Natur ist nicht nur selbstbezogen, sondern auch mitfühlend. Sie ist nicht nur kompetitiv, sondern auch fürsorglich. Weil die Krise so ernst ist, glaube ich, dass für uns der Moment der Entscheidung gekommen ist.
Die Krise wird so gut wie sicher noch ernster werden. Am Ende dieses Jahres wird sie noch schlimmer sein als heute, und vermutlich auch in einem Jahr noch. Aber jetzt stehen wir vor einem dieser seltenen Momente, an dem wir entscheiden müssen, ob wir nur frenetisch weiterstrampeln, um dahin zurückzukehren, wo wir vor einem oder zwei Jahren waren, und zurückkehren zu einer sehr beschränkten Idee über den Sinn und Zweck der Wirtschaft - oder ob dies der Moment ist, den Sprung nach vorn zu wagen, neu zu starten, und einige der Dinge zu tun, die wir sowieso schon hätten tun sollen. Danke.
You can share this video by copying this HTML to your clipboard and pasting into your blog or web page. This video will play with subtitles.
You either have JavaScript turned off or have an old version of the Adobe Flash Player. To view this rating widget you
need to get the latest Flash player.
If your browser allows only "trusted sites" to execute Javascript, you should add the "googleapis.com" domain to your whitelist to allow our Flash detection to work properly.
Got an idea, question, or debate inspired by this talk? Start a TED Conversation.
Inmitten des Neustarts der Weltwirtschaft stellt Geoff Mulgan folgende Frage: Wie wäre es, wenn wir, anstatt Gelder zur Rettung von alten, dem Untergang geweihten Industrien bereitzustellen, finanzielle Anreize zur Unterstützung von neuen, sozial verantwortungsvoll handelnden Unternehmen schaffen würden -- und so die Welt ein kleines bisschen besser machen würden?
Geoff Mulgan is director of the Young Foundation, a center for social innovation, social enterprise and public policy that pioneers ideas in fields such as aging, education and poverty reduction. He’s the founder of the think-tank Demos, and the author of "The Art of Public Strategy." Full bio »
Translated into German by Janina Ziesche
Reviewed by Christoph F. Rehrmann
Comments? Please email the translators above.
18:23 Posted: Aug 2007
Views 324,757 | Comments 90
Just follow the guidelines outlined under our Creative Commons license.
This comment will be attributed to . Not ? Sign Out.