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Guten Morgen. Ich denke, dass ich als mürrischer Osteuropäer ins Spiel gebracht wurde, um den Pessimisten heute Morgen zu geben. Also haben Sie Nachsicht mit mir. Nun, ich komme aus der ehemaligen sowjetischen Republik Weißrussland, die, wie manche von Ihnen vielleicht wissen, nicht gerade eine Oase der liberalen Demokratie ist. Deshalb hat es mich schon immer fasziniert, wie Technologie tatsächlich eine umformende und öffnende Wirkung auf autoritäre Gesellschaften wie die unsere haben kann.
Ich habe also mein Studium abgeschlossen und, da ich einen gewissen Idealismus verspürte, entschied ich mich, der NRO beizutreten, die in der Tat neue Medien dafür nutzte, um Demokratie und eine Medienreform in großen Teilen der ehemaligen Sowjetunion voranzubringen. Überraschenderweise jedoch entdeckte ich, dass Diktaturen nicht so leicht zerbröckeln. In der Tat haben einige von ihnen allen Zweifeln widerstanden und einige sind sogar noch repressiver geworden.
In diesem Moment war von meinem Idealismus nichts mehr übrig und ich entschied mich, meinen Job bei der NRO zu kündigen, um dann wiederum zu erforschen, wie das Internet hinderlich für die Demokratisierung sein kann. Ich kann Ihnen an dieser Stelle sagen, dass das nie eine sehr beliebte Meinung war. Und sie ist wahrscheinlich noch nicht sehr beliebt bei einigen von Ihnen, die hier im Publikum sitzen. Sie war nie sonderlich beliebt bei vielen politischen Führern, vor allem nicht bei jeden in den Vereinigten Staaten, die irgendwie dachten, dass die neuen Medien das erreichen könnten, was mit Waffen nicht möglich war. Das heißt, Demokratie in Krisengebieten voranzubringen, wo alles andere schon versucht wurde und fehlschlug. Und ich denke, dass mittlerweile im Jahr 2009 diese Nachricht auch endlich in Großbritannien angekommen ist. Also sollte ich wohl Gordon Brown auch zu dieser Liste hinzufügen.
Dem zugrunde liegt jedoch eine Diskussion über die Versorgung, welche diese Debatte größtenteils angetrieben hat. Oder? Wenn Sie also ganz genau hinsehen, dann werden Sie tatsächlich erkennen, dass es bei vielerlei hier um Ökonomie geht. Die Cyber-Utopisten sagen, dass ähnlich wie Faxgeräte und Xerox-Fotokopierer in den 80er Jahren, Blogs und soziale Netzwerke die Protest-Ökonomie radikal verändert haben. So dass die Menschen unweigerlich rebellieren würden. Vereinfacht gesagt war die Annahme bislang, dass wenn man Menschen ein genügend großes Maß an Verbindungsfähigkeit gibt, wenn man ihnen genug Geräte dafür zur Verfügung stellt, dass Demokratie unweigerlich darauf folgen wird.
Und um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe dieser Argumentation nie so richtig Glauben geschenkt, teilweise weil ich es nie sonst erlebt habe dass drei amerikanische Präsidenten sich in einer anderen Sache in der Vergangenheit jemals einig waren. (Gelächter) Aber, wissen Sie, sogar darüber hinaus, wenn Sie an über die dem zugrunde liegende Logik nachdenken, dann ist das etwas, das ich iPod-Liberalismus nenne. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder einzelne Iraner oder Chinese, der zufällig einen iPod hat und ihn liebt, auch die liberale Demokratie lieben wird. Und nochmal, ich denke, dass das ziemlich falsch ist.
Aber ich denke, dass ein viel größeres Problem damit darin liegt, dass diese Logik -- dass wir iPods und nicht Bomben abwerfen sollten -- ich meine, es würde einen tollen Titel abgeben für Thomas Friedmans neues Buch. (Gelächter) Aber das ist selten ein gutes Zeichen. Oder? Das größere Problem mit dieser Logik ist also, dass sie eine Verwechslung der beabsichtigten mit den tatsächlichen Nutzungsweisen der Technologie darstellt. Für all jene unter Ihnen, die denken, dass die neuen Medien des Internet uns irgendwie dabei helfen könnten, Völkermord zu verhindern, sollten einfach einmal einen Blick nach Ruanda werfen. Wo es in den 90er Jahren tatsächlich zwei Radiosender waren, die an erster Stelle dafür verantwortlich waren, einen Großteil des ethnischen Hasses überhaupt geschürt zu haben.
Aber sogar darüber hinaus, wenn wir uns wieder dem Internet zuwenden, was man in der Tat beobachten kann, ist dass bestimmte Regierungen die Nutzung des Cyberspace meistern zum Zweck der Propaganda. Nicht wahr? Und sie errichten damit ein Konstrukt, das ich das Spinternet nenne. Die Kombination von Spin auf der einen Seite und dem Internet auf der anderen. Regierungen von Russland über China bis Iran also stellen tatsächlich Blogger ein, trainieren und zahlen sie dafür, dass die Ideologie-konforme Kommentare hinterlassen und viele ideologisch motivierte Blog-Posts erstellen, um auf heikle politische Probleme zu reagieren. Nicht wahr?
Sie fragen sich also vielleicht, warum sie das tun? Warum beschäftigen sie sich mit dem Cyberspace? Nun, meine Theorie ist, dass das geschieht, weil die Zensur tatsächlich weniger effektiv an vielen dieser Orte ist als man denkt. In dem Moment, in dem man etwas Kritisches in einem Blog veröffentlicht, auch wenn Sie es schaffen, das sofort zu sperren, wird es trotzdem auf unzähligen anderen Blogs zirkulieren. Je mehr Sie es also blockieren, desto mehr regt es die Menschen an, diese Zensur wiederum zu umgehen und so dieses Katz-und-Maus-Spiel zu gewinnen. Der einzige Weg um diese Nachricht zu kontrollieren ist also, wiederum zu versuchen, sie zu verdrehen und jemanden, der etwas Kritisches geschrieben hat, zu beschuldigen, dass er zum Beispiel ein CIA-Agent ist.
Und nochmal, das passiert ziemlich häufig. Nur um Ihnen eine Idee davon zu geben, wie es beispielsweise in China funktioniert. Es gab einen großen Fall im Februar 2009 namens "Entkomme der Katze". Und für all jene unter Ihnen, die davon nichts wussten, fasse ich ihn nur kurz zusammen. Was also passiert ist, ist dass ein 24 Jahre alter Mann, ein Chinese, unter Arrest im Gefängnis starb. Und die Polizeit sagte, dass es passiert ist, weil er Verstecken gespielt hat, was in der chinesischen Umgangssprache "Enkomme der Katze" bedeutet, mit anderen Insassen spielte und sich den Kopf an einer Wand anschlug. Das war keine Erklärung, die bei vielen chinesischen Bloggern Anklang fand.
Also haben sie sofort damit begonnen, viele kritische Kommentare zu posten. In der Tat gab es auf QQ.com, einer bekannten chinesischen Website, 35.000 Kommentare innerhalb von Stunden zu diesem Fall. Aber dann hat die Obrigkeit einen sehr cleveren Schachzug getätigt. Anstatt zu versuchen, diese Kommentare zu beseitigen, sind sie statt dessen an dieser Blogger herangetreten. Und sie haben in etwa gesagt: "Seht mal, Leute. Wir möchten, dass ihr Netzbürger Nachforschungen anstellt." Daraufhin haben sich 500 Menschen beworben und vier von ihnen wurden ausgewählt, um die besagte Einrichtung zu besuchen und sie also zu besichtigen, um dann darüber zu bloggen. Innerhalb von Tagen war der ganze Vorfall vergessen, was niemals geschehen wäre, wenn sie einfach nur versucht hätten, die Inhalte zu blockieren. Die Menschen hätten wochenlang weiter darüber gesprochen.
Und das deckt sich übrigens mit einer anderen interessanten Theorie, bei der es darum geht, was in autoritären Staaten geschieht und in deren Cyberspace. Das ist, was Forscher der Politikwissenschaften eine autoritäre Deliberation nennen. Und das geschieht, wenn Regierungen die Hand nach ihren Kritikern ausstrecken und sie online miteinander in Verbindung treten lassen. Wir neigen dazu, zu denken, dass das irgendwie diesen Diktaturen schaden wird, aber in vielen Fällen stärkt es sie nur. Und Sie fragen sich vielleicht warum. Ich werden Ihnen einfach eine sehr kurze Liste an Gründen geben, warum autoritäre Deliberation in der Tat die Diktatoren unterstützen kann.
Und zunächst ist es ganz einfach. Viele von ihnen handeln in einem kompletten Vakuum von Informationen. Sie haben nicht wirklich die Daten, die sie brauchen, um aufkeimende Gefahren für die Herrschaft zu identifizieren. Die Menschen also zu ermutigen, online zu gehen und Informationen und Daten auszutauschen, auf Blogs und in Wikis, ist genial, weil sonst Funktionäre niederen Ranges und Bürokraten damit fortfahren werden, zu verbergen, was in diesem Land tatsächlich vorgeht, nicht wahr? Aus dieser Perspektive also, Blogs und Wikis zu haben, die Wissen produzieren, das ist genial.
Zweitens, die Öffentlichkeit in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen, das ist auch genial, weil es einem dabei hilft, die Schuld zu teilen an den politischen Entscheidungen, die am Ende fehlschlagen. Weil sie sagen können: "Nun schaut, wir haben euch gefragt, wir haben euch um Rat gebeten, ihr habt dafür abgestimmt. Ihr habt es auf die Startseite eurer Blogs gesetzt. Na super. Ihr seid es also, die die Schuld tragen."
Und letzten Endes, die Absicht hinter jedem Bestreben der autoritären Deliberation ist es normalerweise, die Legitimität des Regimes zu vergrößern, sowohl Zuhause als auch im Ausland. Also Menschen in alle möglichen Arten von öffentlichen Foren einzuladen, dafür zu sorgen, dass sie am Entscheidungsprozess teilhaben, das ist in der Tat genial. Denn was dann passiert, das ist dass Sie auf diese Initiative dann hinweisen können und sagen können: "Nun, wir haben eine Demokratie. Wir haben ein Forum."
Nur um Ihnen ein Beispiel zu geben, eine der russischen Regionen beispielsweise bezieht ihre Bürger nun ein in die Planung der Strategie bis ins Jahr 2020. Nicht wahr? So dass sie online gehen können und Ideen dazu beisteuern können, wie die Region im Jahr 2020 aussehen könnte. Ich meine, jeder, der einmal in Russland war, der weiß, dass es in Russland nicht einmal eine Planung für den nächsten Monat gab. Jetzt also Bürger mit einzubeziehen in die Planung bis 2020 wird nicht unbedingt irgendetwas daran ändern. Weil es immer noch die Diktatoren sind, welche die Agenda kontrollieren.
Um Ihnen nur ein Beispiel aus dem Iran zu geben. Wir alle haben von der Twitter-Revolution gehört, die dort vor sich gegangen ist. Aber wenn Sie genau genug hinsehen, dann werden Sie tatsächlich sehen, dass viele dieser Netzwerke und Blogs und Twitter und Facebook tatsächlich funktionsfähig waren. Sie mögen langsamer gewesen sein, aber die Aktivisten konnten immer noch darauf zugreifen und man kann in der Tat argumentieren, dass darauf Zugriff zu haben tatsächlich genial ist für viele autoritäre Staaten. Und es ist genial aus dem einfachen Grund, weil sie so die Open Source-Intelligenz erfassen können.
In der Vergangenheit hätte es Wochen, wenn nicht Monate gedauert, zu erkennen, wie iranische Aktivisten miteinander verbunden sind. Mittlerweile weiß man, wie sie mit einander in Kontakt stehen, indem man sich ihre Facebook-Seite ansieht. Ich meine, es war gang und gebe beim KGB, und nicht nur beim KGB, zu foltern, nur um an diese Daten heranzukommen. Jetzt ist das alles online verfügbar. (Gelächter)
Aber ich denke, der größte konzeptuelle Fallstrick, über den Cyber-Utopisten gestolpert sind, ist wenn es um die Digital Natives geht, um Menschen, die online groß geworden sind. Wir hören oft von Cyber-Aktivismus, wie Menschen immer aktiver werden wegen des Internet. Wir hören nur selten beispielsweise vom Cyber-Hedonismus, wie die Menschen passiv werden. Warum? Weil sie irgendwie annehmen, dass das Internet der Katalysator der Veränderungen sein wird, der junge Menschen auf die Straßen treiben wird, während es tatsächlich das neue Opium für die Massen sein könnte, welches ebendiese Menschen an ihre Zimmer fesselt, wo sie Pornografie herunterladen. Das ist keine Option, die nachhaltig berücksichtigt wird.
Für jeden digitalen Abtrünnigen also, der in den Straßen von Teheran protestiert, könnte es genauso zwei digitale Gefangene geben, die währenddessen nur in der Welt von World of WarCraft rebellieren. Und das ist realistisch. Und daran ist nichts falsch, weil das Internet viele dieser jungen Menschen in hohem Maße bestärkt hat. Und es spielt eine ganz andere soziale Rolle für sie.
Wenn Sie sich einige der Umfragen ansehen, wie junge Menschen tatsächlich vom Internet profitieren, dann werden Sie sehen, dass die Anzahl der Teenager, zum Beispiel in China, für die das Internet tatsächlich ihr Sexualleben bereichert, dreimal größer ist als in den Vereinigten Staaten. Es spielt also eine soziale Rolle, jedoch muss das nicht unbedingt zu politischem Engagement führen.
Ich neige also dazu, es so zu sehen, dass es eine Hierarchie der Cyber-Bedürfnisse in diesem Raum gibt. Ein totaler Abklatsch von Abraham Maslow. Aber hier dreht es sich darum, dass wenn wir das abgelegene russische Dorf online kriegen, dass das, was die Menschen ins Internet ziehen wird, nicht die Berichte der Human Rights Watch sein wird. Das wird die Pornografie sein, Sex and the City, oder vielleicht lustige Videos von Katzen anzusehen. Das ist also etwas, das man anerkennen muss.
Und was sollen wir dagegen tun? Nun, ich sage, dass wir damit aufhören sollten, über die Anzahl von iPods pro Kopf nachzudenken und anfangen sollten, über Möglichkeiten nachzudenken, wie wir klugen Köpfen mehr Macht geben können, Dissidenten, NROs und dann den Mitgliedern der Zivilgesellschaft. Weil sogar bei dem, das bis jetzt geschehen ist, mit dem Spinternet und der autoritären Deliberation, die große Wahrscheinlichkeit besteht, dass diese Stimmen nicht gehört werden. Ich denke also, dass wir von einigen unserer utopischen Annahmen Abstand nehmen sollten und tatsächlich anfangen sollten, zu handeln. Vielen Dank. (Applaus)
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TED Fellow und Journalist Evgeny Morozov stellt infrage, was er "iPod-Liberalismus" nennt -- die Annahme, dass technische Innovation immer Freiheit, Demokratie fördert -- und das mit abschreckenden Beispielen, die zeigen, wie das Internet Gewaltregimen dabei hilft, Gegenstimmen zu unterdrücken.
Evgeny Morozov wants to know how the Internet has changed the conduct of global affairs, because it certainly has ... but perhaps not in all the ways we think. Full bio »
Translated into German by Simone Lackerbauer
Reviewed by Alex Boos
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[People] somehow assume that the Internet is going to be the catalyst of change that will push young people into the streets, while in fact it may actually be the new opium for the masses which will keep the same people in their rooms downloading pornography.” (Evgeny Morozov)
15:48 Posted: Jun 2009
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