Ich studiere Ameisen and zwar weil ich gerne darüber nachdenke, wie Organisationen funktionieren. Und im Speziellen, wie die einfachen Teile von Organisationen interagieren und das Verhalten der ganzen Organisation formen. Ameisenkolonien sind ein gutes Beispiel einer solchen Organisation und es gibt viele andere. Das Internet ist eines. Es gibt viele solche Systeme in der Biologie -- Gehirne, Zellen, sich entwickelnde Embryos.
Es gibt circa 10'000 Ameisenarten. Sie leben alle in Kolonien, die aus einer oder einigen wenigen Königinnen und allen anderen Ameisen, welche unfruchtbare Arbeiterinnen sind, bestehen. Alle Ameisenkolonien haben eines gemeinsam: Keine zentrale Kontrolle. Niemand sagt irgendjemandem, was tun. Die Königin legt einfach Eier. Es gibt kein Management. Keine Ameise steuert das Verhalten irgendeiner anderen Ameise. Und ich versuche herauszufinden, wie das funktioniert. Ich habe die letzten 20 Jahre mit einer Population von samenfressenden Ameisen in Südost-Arizona gearbeitet.
Hier ist mein Untersuchungsgebiet. Dies ist wirklich eine Fotografie von Ameisen und der Hase ist nur zufällig auch darin. Diese Ameisen werden Ernteameisen genannt, weil sie Pflanzensamen essen. Dies hier ist ein Nest einer reifen Kolonie und das ist der Nesteingang. Und sie suchen ihr Futter in bis zu circa 20 Meter Entfernung. Sie packen Pflanzensamen und bringen sie zurück zum Nest und lagern sie ein. Jedes Jahr gehe ich zu meinem Untersuchungsgebiet und mache eine Karte davon. Das das ist eine Strasse und das Gebiet ist nicht sehr gross, die kurze Seite ist ungefähr 250 Meter, die andere etwa 400 Meter. Jede Kolonie hat einen Namen bzw. eine Nummer, welche auf einen Stein gemalt ist. Ich gehe jedes Jahr hin und schaue nach den Kolonien, die das Jahr davor lebendig waren, und finde heraus, welche ausgestorben sind, und erfasse neue Kolonien auf der Karte. Dadurch weiss ich auch, wie alt die Kolonien sind. Und daher konnte ich untersuchen, wie sich ihr Verhalten verändert, wenn eine Kolonie altert und wächst.
Ich möchte Ihnen den Lebenszyklus einer Kolonie etwas näher bringen. Ameisen machen nie mehr Ameisen, sondern Kolonien machen mehr Kolonien. Und sie tun das jedes Jahr, indem sie reproduktionsfähige Ameisen -- das sind jene mit Flügeln -- auf einen Paarungsflug schicken. Also jedes Jahr, genau am selben Tag - und es ist ein Rätsel wie das genau geschieht -- sendet jede Kolonie eine jungfräuliche, beflügelte Ameise und die Männchen aus. Diese fliegen zusammen an einen Platz und paaren sich. Dieses Bild zeigt eine kürzlich noch jungfräuliche Konigin. Das sind ihre Flügel. Und sie ist dabei sich mit diesem Männchen zu paaren, während das Männchen oben darauf wartet, auch zum Zug zu kommen. Die Königinnen paaren sich oft mehr als einmal. Danach sterben alle Männchen, das war's für sie.
Und dann fliegen die befruchteten Königinnen irgendwohin, verlieren ihre Flügel, graben ein Loch, gehen hinein und beginnen, Eier zu legen. Sie werden 15 bis 20 Jahre leben und dabei Eier legen, die sie mit den Spermien von jenem Paarungsflug befruchten. Die Königin gräbt sich also in die Erde. Sie legt Eier, sie füttert die Larven -- Ameisen schlüpfen aus Eiern und werden dann zu Larven. Sie füttert die Larven, indem sie Fett aus ihren Fettreserven hervorwürgt. Dann, sobald die ersten Ameisen schlüpfen, sind sie Larven, dann Puppen, dann werden sie zu erwachsenen Ameisen. Sie gehen aus dem Bau, sie sammeln Essen, sie bauen am Nest und die Königin kommt nie mehr heraus.
Dies hier ist eine einjährige Kolonie -- die Nummer 536. Das ist der Eingang zum Bau, da liegt ein Stift für das Grössenverhältnis. Das ist eine Kolonie, welche von einer Königin im vorhergehenden Sommer gegründet worden ist. Das ist eine dreijährige Kolonie. Da ist der Nesteingang und ein Stift als Referenz. Sie machen eine Art Abfallhaufen -- dabei handelt es sich vor allem um Hüllen der Samen, die sie essen. Das ist eine fünfjährige Kolonie. Da ist der Nesteingang und ein Stift als Referenz. Das ist etwa die maximale Grösse, circa ein Meter Durchmesser. Und diese Abbildung hier zeigt, wie die Grösse der Kolonie und die Anzahl Arbeiterameisen sich ändert -- hier sind es ungefähr 10'000 Arbeiterameisen -- in Abhängigkeit des Alters der Kolonie, in Jahren. Es beginnt mit 0 Ameisen, nur mit der Königin, und die Kolonie wächst dann zu einer Grösse von circa 10'000 bis 12'000 Ameisen, wenn die Kolonie fünf Jahre alt ist. Und sie bleibt bei dieser Grösse, bis die Königin im Alter von circa 15 bis 20 Jahren stirbt und es niemanden mehr gibt, der neue Ameisen erzeugen kann. Der Zeitpunkt, da die Kolonie diese stabile Grösse erreicht, ist der Zeitpunkt, wenn die Kolonie beginnt, sich fortzupflanzen. Das heisst, sie senden geflügelte Königinnen und Männchen auf den jährlichen Paarungsflug. Ich weiss, wie sich die Koloniegrösse mit dem Alter der Kolonie verändert, weil ich Kolonien bekannten Alters ausgegraben und alle Ameisen gezählt habe. Das ist nicht der Teil meiner Forschung, der mir am meisten Spass macht, aber es ist interessant.
Die Frage, die ich mir angesichts dieser Ameisen stelle, ist, was ich Aufgabenzuteilung nenne. Das ist nicht nur, wie die Kolonie organisiert ist, sondern auch wie sie ändert, was sie tut? Wie kann die Kolonie die Anzeil Arbeiterameisen, die eine bestimmte Aufgabe ausführen, anpassen, wenn sich die Bedingungen verändern? Verschiedene Dinge stossen einer Ameisenkolonie zu. Wenn es im Sommer regnet, überflutet das die Wüste. Der Bau wird stark beschädigt und zusätzliche Ameisen werden benötigt, um die Schäden zu reparieren. Wenn zusätzliche Nahrung verfügbar ist -- und das weiss jeder von uns bezüglich Picknicks -- dann werden zusätzliche Ameisen aufgeboten, um Essen zu sammeln. Obwohl niemand irgendjemandem sagt, was zu tun ist, wie kann es die Kolonie schaffen, die Anzahl Arbeiter für jede Aufgabe anzupassen? Das ist der Prozess, den ich Aufgabenzuteilung nenne.
Bei den Ernteameisen unterteile ich die Aufgaben der Ameisen, die ich ausserhalb des Baus sehe in diese vier Kategorien: eine Ameise, die Nahrung sucht, wenn sie draussen auf Nahrungssuche ist oder Nahrung zurück zum Nest bringt. Die Patrouilleure -- das da soll eine Lupe darstellen -- sind eine interessante Gruppe. Sie gehen früh morgens nach draussen, bevor die erste Gruppe auf Nahrungssuche geht. Irgendwie wählen sie die Richtung, in welche die Nahrungssuchenden später gehen werden, und dadurch, dass sie zurückkommen, es zurück schaffen, teilen sie den Nahrungssuchenden mit, dass es sicher ist, nach draussen zu gehen. Dann gibt es die Nestbauer, welche im Bau arbeiten. Der Bau sieht wirklich aus wie Bill Lishmans Haus. Da drin sind Kammern, die Ameisen kleiden die Wände der Kammern mit feuchtem Erdreich aus und jenes trocknet und bildet eine Art Lehmoberfläche. Es sieht sehr ähnlich aus wie die Höhlensiedlungen der Hopi, die auch in dieser Gegend wohnen. Die Nestbauer verrichten diese Arbeiten im Nest und kommen dann nach draussen mit kleinen Stückchen trockenen Bodens zwischen ihren Zangen. Die Nestbauer kommen also nach draussen mit ihrer kleinen Ladung Sand, deponieren diese, drehen um und gehen wieder hinein. Und schliesslich versehen die Müllmänner-Ameisen den Abfall mit einer Art territorialer Chemikalie. Die Müllmänner sammeln den Abfall in einem Haufen. Am einen Tag ist dieser hier und dann am nächsten Tag verschieben sie ihn nach da und danach verschieben sie ihn wieder zurück. Das ist, was die Müllmänner-Ameisen tun. Diese vier Gruppen sind nur die Ameisen, die ausserhalb des Baus sichtbar sind. Das sind nur circa 25% aller Ameisen der Kolonie, und sie sind die ältesten Ameisen.
Eine Ameise beginnt ihr Leben irgendwo nahe bei der Königin. Wenn wir ein Nest ausgraben, sehen wir dass sie ungefähr so tief wie breit sind, also etwa einen Meter tief für grosse, alte Nester. Und es gibt einen langen Tunnel mit einer Kammer am Ende. Dort finden wir üblicherweise die Königin nach 8 Stunden Schuften mit der Spitzhacke. Ich glaube nicht, dass sich diese Kammer so entwickelt hat wegen mir und meinem Bagger und meinen Studenten mit Spitzhacken, sondern wegen Überschwemmungen. Dann ist es von Vorteil, wenn die Kolonie tief gründet. Es gibt also ein ansehnliches Netzwerk von Kammern. Die Königin ist irgendwo da drin und legt Eier. Da sind die Larven und sie essen das meiste des Futters. Das trifft auf die meisten Ameisenarten zu -- die Ameisen, die Sie umhergehen sehen, essen nicht viel. Sie bringen die Nahrung zurück zum Bau und verfüttern sie den Larven. Wenn die Nahrungssucher mit Essen in den Bau kommen, legen sie es einfach in die obere Kammer. Dann kommen andere Ameisen von unten nach oben, packen die Nahrung, bringen sie nach unten, schälen die Samen und stapeln sie. Die Nestbauer arbeiten überall im Nest. Seltsamerweise und interessanterweise sieht es so aus, als ob ungefähr die Hälfte der Ameisenkolonie einfach nichts tut. Obwohl es in der Bibel in etwa heisst: "Schau die Ameise an, du Faulpelz", kann man sich jene Ameisen als eine Art Reserve vorstellen. Das heisst, wenn etwas passiert -- und ich habe noch nie so etwas passieren gesehen, aber ich arbeite ja auch erste seit 20 Jahren auf diesem Gebiet -- wenn etwas passieren würde, könnten sie alle herauskommen, wenn sie gebraucht würden. Aber tatsächlich hängen sie meistens einfach herum da drin.
Und ich glaube, das ist eine sehr interessante Frage: Wie ist eine solche Kolonie organisiert, dass es eine Funktion gibt für Reserve-Ameisen, die nichts tun? Sie stehen als eine Art Puffer zwischen den Ameisen, wie tief im Nest arbeiten, und jenen, die draussen arbeiten. Wenn man Ameisen, die draussen arbeiten, markiert und später eine Kolonie ausgräbt, findet man diese nie tief im Innern. Was passiert ist folgendes: Junge Ameisen, die im Nest arbeiten, werden irgendwie dieser Reserve zugeschlagen und später werden sie für Arbeiten draussen rekrutiert. Wenn sie erst einmal zu den draussen arbeitenden Ameisen gehören, gehen sie nie mehr zurück in die Tiefe. Ameisen - die meisten Ameisen - auch diese, sehen nicht sehr gut. Sie haben Augen, sie können zwischen hell und dunkel unterscheiden, aber sie funktionieren primär über ihren Geruchssinn. So, nur um nochmals nachdrücklich zu zeigen, dass das, was Sie wahrscheinlich über Ameisenköniginnen geglaubt haben, nicht wahr ist: Sogar wenn die Königin die Intelligenz hätte, chemische Signale durch das Netzwerk von Kammern zu senden und so allen Ameisen draussen zu sagen, was sie tun sollen, ist es unmöglich, dass solche Nachrichten zeitig genug ankommen würden, um die wechselnde Arbeitsteilung von Arbeiterameisen zu ermöglichen, die wir ausserhalb des Nests sehen. Das ist ein Umstand, weswegen wir wissen, dass die Königin nicht das Verhalten der Kolonie steuert.
Als ich begann, über Aufgabenzuteilung zu forschen, war meine erste Frage also: "Was ist die Beziehung zwischen den Ameisen mit unterschiedlichen Aufgaben? Kommt es für die Futtersucher darauf an, was die Nestarbeiter tun? Kommt es für die Müllmänner-Ameisen darauf an, was die Patroulleure tun?" Ich arbeitete im Kontext der Ansicht, dass jede Ameise irgendwie ihrer Aufgabe von Geburt weg verpflichtet ist und ziemlich unabhängig von den anderen diese erledigt, immer bewusst ihrer Rolle am "Fliessbands". Stattdessen wollte ich fragen: "Wie sind unterschiedliche Aufgabengruppen voneinander abhängig?"
Ich habe also Experimente durchgeführt, bei denen ich ein Detail geändert habe. Beispielsweise habe ich mehr Arbeit für die Nestbauer geschaffen indem ich früh am Morgen, wenn die Nestbauer aktiv sind, einen Haufen Zahnstocher nahe des Nesteingangs deponiert habe. So sieht es circa 20 Minuten später aus. Und so etwa 40 Minuten später. Die Nestbauer nehmen einfach alle Zahnstocher und bringen sie zum äusseren Rand des Nesthügels und deponieren sie dort. Was ich wissen wollte, war: "Okay, hier haben wir eine Situation, wo zusätzliche Nestbauer rekrutiert werden. Hat das irgendeine Auswirkung auf die anderen Arbeiter, die andere Aufgaben haben?" Dann haben wir alle Experimente mit markierten Ameisen wiederholt. Hier sehen Sie einige blaue Nestbau-Ameisen. Vor kurzem wurden wir noch cleverer und wir haben ein Drei-Farben-System entwickelt. Damit können wir die Ameisen individuell markieren, so dass wir wissen, welche welche ist. Wir haben begonnen mit Farbe für Modellflugzeuge und dann sind wir auf diese wundervollen kleinen japanischen Stifte gestossen, sie funktionieren wirklich gut. So, zusammenfassend: Es zeigt sich, dass unterschiedliche Aufgaben tatsächlich interdependent sind. Wenn ich also die Anzahl Ameisen mit einer Aufgabe ändere, ändert sich auch die Anzahl Ameisen mit anderen Aufgaben. Wenn ich zum Beispiel ein Chaos veranstalte, müssen die Nestbauer aufräumen und ich sehe weniger Ameisen auf Nahrungssuche. Dieser Zusammenhang existiert für alle paarweisen Kombinationen von Aufgaben.
Das zweite Resultat, das viele Leute überrascht hat, war, dass Ameisen tatsächlich zwischen Aufgaben wechseln. Eine Ameise erledigt nicht ihr ganzes Leben lang dieselbe Aufgabe. Wenn ich beispielsweise zusätzliche Nahrung bereitstellen, stoppen die Müllmänner-Ameisen ihre Arbeit und gehen die Nahrung holen, sie werden zu Nahrungssuchern. Die Nestbauer werden zu Nahrungssuchern. Die Patroulleure werden zu Nahrungssuchern. Aber nicht jeder Wechsel ist möglich. Und hier sehen Sie, wie's funktioniert: Wie ich eben gesagt habe, wenn es mehr Nahrung gibt, werden die Patroulleure, die Müllmänner, die Nestbauer alle zu Nahrungssuchern. When es mehr Patroullien-Arbeit gibt - ich habe beispielsweise eine Störung verursacht und so mehr Patroullien nötig gemacht - wechseln die Nestbauer zum Patroullieren. Aber wenn mehr Nestarbeit nötig wird - beispielsweise wenn ich einen Haufen Zahnstocher verteile - wird keine zusätzliche Ameise zurück zum Nestbau wechseln. Stattdessen müssen sie Nestbauer aus dem Innern des Nests aufbieten. Nahrungssuche wirkt also quasi als Senke und die Ameisen im Innern des Nests wirken als Quelle. Schliesslich sieht es so aus, wie wenn jede Ameise von Moment zu Moment entscheidet, ob sie aktiv sein soll oder nicht.
Wenn beispielsweise mehr Nestarbeit zu verrichten ist, werden die Nahrungssuchenden nicht aushelfden. Ich weiss, dass sie das nicht tun. Die Nahrungssuchenden entscheiden aber irgendwie, nicht herauszukommen. Und das war das faszinierendste Resultat: Die Aufgabenzuteilung. Der Prozess ändert mit dem Alter der Kolonie und zwar wie folgt: Wenn ich diese Experimente mit älteren Kolonien - fünf oder mehr Jahre alt - durchführe, sind sie die Resultate viel konsistenter zwischen Versuchen und viel mehr homöostatisch. Je schlimmer die Umstände werden, je mehr ich sie belästige, desto mehr verhalten sie sich wie ungestörte Kolonien. Aber die jungen, kleinen Kolonien - die zwei Jahre alten Kolonien mit nur 2'000 Ameisen - sind viel variabler. Und die erstaunliche Sache daran ist, dass eine Ameise nur ein Jahr lebt. Es könnte dieses Jahr sein oder jenes Jahr. Die Ameisen in den alten Kolonien, die stabiler scheinen, sind also kein bisschen älter als die Ameisen in den jungen Kolonien. Es liegt also nicht an der Erfahrung der älteren, weiseren Ameisen. Stattdessen liegt es irgendwie an der Organisation, etwas ändert, während die Kolonie älter wird. Und die offensichtliche Sache, die sich ändert, ist ihre Grösse.
Seit ich dieses Resultat gehabt habe, habe ich also viel Zeit damit verbracht, zu versuchen herauszufinden, was für Entscheidungsregeln - sehr einfache, lokale, möglicherweise olfaktorische, chemische Regeln - könnte eine Ameisenkolonie benutzen (da keine einzelne Ameise die globale Situation überblicken kann), so dass die Resultate, die ich sehe, herauskommen würden, diese vorhersagbare Dynamik bezüglich der Aufgabenteilung. Und sie müssen sich ändern, wenn die Kolonie wächst. Ich habe herausgefunden, dass Ameisen ein Netzwerk von Antennenkontakten benutzen. Jeder, der schon Ameisen beobachtet hat, hat schon gesehen, wie sie ihre Antennen gegenseitig berühren. Sie riechen mit ihren Antennen. Wenn eine Ameise die andere berührt, riecht sie sie, und sie kann zum Beispiel sagen, ob die andere Ameise eine Nestgenossin ist, denn Ameisen bedecken sich durch gegenseitige Körperpflege mit einer Fettschicht, die einen koloniespezifischen Duft trägt. Und wir lernen heute, dass Ameisen das Muster von Antennenkontakten, also die Frequenz, mit der sie Ameisen mit anderen Aufgaben antreffen, benutzen, um zu entscheiden was sie tun sollen. Also ist die Nachricht, die sie übermitteln nicht irgendeine Nachricht sondern das Muster. Das Muster selbst ist die Nachricht. Lassen Sie mich etwas mehr dazu erzählen.
Aber zuerst wundern Sie sich vielleicht: Wie weiss eine Ameise, dass sie selbst zum Beispiel ein Nahrungssucher ist. Und ich erwarte, einen anderen Nahrungssucher so und so oft anzutreffen. Aber wenn ich stattdessen eine grösser Anzahl von Nestbauern antreffe, gehe ich eher nicht Nahrung suchen. Die Ameise muss also den Unterschied zwischen einem Nahrungssucher und einem Nestbauer kennen. Wir haben herausgefunden, dass in dieser Spezies - und wahrscheinlich auch bei anderen - die Hydrokarbone, also die Fettschicht auf den Ameisen, sich zwischen verschiedenen Arbeitern unterscheidet. Und wir haben Experimente durchgeführt, die zeigen, dass je länger eine Ameise sich draussen aufhält, desto mehr sich die einfache Hydrokarbone auf ihrer Oberfläche sich verändern. Dadurch riechen die Ameisen dadurch unterschiedlich, dass sie unterschiedliche Arbeiten ausführen. Und sie können diesen aufgabenspezifischen Geruch der kutikulären Hydrokarbone irgendwie beim kurzen Antennenkontakt nutzen, um mitzuverfolgen, mit welcher Frequenz sie Ameisen mit gewissen Aufgaben treffen. Und erst kürzlich konnten wir das beweisen, indem wir Hydrokarbonextrakt auf kleine Glasperlen gegeben haben und diese sanft mit dem richtigen Rhythmus in den Nesteingang fallengelassen haben. Es zeigte sich, dass die Ameisen auf den richtigen Rhythmus des Kontakts mit solchen Glassperlen reagieren wie sie auf den Kontakt mit echten Ameisen reagieren würden.
Ich möchte Ihnen nun einen kurzen Film zeigen - zu Beginn werden sie einen Nesteingang sehen. Die Idee ist, dass Ameisen aus dem Nest kommen und in das Nest zurückkehren. Sie sind hinausgegangen um unterschiedliche Aufgaben zu erledigen. Und die Rate, mit der sie sich beim Hinein- und Hinausgehen am Nesteingang treffen, bestimmt oder beinflusst die Entscheidung jeder Ameise, ob sie hinausgehen soll und welche Aufgabe sie erledigen soll. Diese Aufnahme ist durch ein faseroptisches Mikroskop unten im Nest. Zu beginn sehen sie die Ameisen, wie sie sich ein wenig mit dem Mikroskop beschäftigen. Aber die Idee ist, dass die Ameisen dort drin sind und jede Ameise erfährt einen gewissen Strom von Ameisen, die vorüberziehen. Ein Strom von Kontakten mit anderen Ameisen. Und das Muster dieser Interaktionen bestimmt, ob die Ameise wieder herauskommt und was sie dabei tut. Sie können das auch an den Ameisen ausserhalb des Nesteingangs beobachten. Jede Ameise, die zurückkommt, berührt andere Ameisen. Und die drinnen wartenden Ameisen, die sich entscheiden müssen hinauszugehen oder nicht, berühren die Ameisen die hereinkommen.
Interessant an diesem System finde ich, dass es ungeordnet ist. Es ist variabel und chaotisch, und zwar besonders auf zwei Arten: Erstens: die Erfahrung der Ameise - jeder Ameise - kann nicht sehr vorhersagbar sein. Denn die Rate, mit der Ameisen zurückkommen, hängt von vielen kleinen Dingen ab, die einer Ameise draussen bei der Arbeit zustossen können. Und zweitens: Die Fähigkeit einer Ameise zur Analyse des Musters muss ziemlich grob sein, denn Ameisen können nicht anspruchsvoll zählen. Wir versuchen also mittels Simulation, Modellierung und Experimenten der Art auf die Spur zu kommen, wie diese beiden Quellen von Unsicherheit zusammen das vorhersagbare Verhalten von Ameisenkolonien bewirken.
Aber Achtung, ich sage nicht, dass diese Art von etwas zufälligem Muster von Interaktionen eine Fabrik produziert, die mit der Präzision und Effizienz eines Uhrwerks funktioniert. Tatsächlich möchten Sie - wenn Sie mal Ameisen beobachten - ihnen gerne helfen, denn sie scheinen nie etwas genauso zu tun, wie Sie denken, dass sie es tun sollten. Es ist also nicht so, dass aus diesen Interaktionen Perfektion entsteht. Aber es funktioniert ziemlich gut. Ameisen leben seit einigen hundert Millionen Jahren auf der Erde. Sie decken die gesamte Erde ab, ausser der Antarktis. Etwas, das sie tun, ist eindeutig erfolgreich genug, dass dieses zufällige Muster von Kontakten, dieses Aggregat, etwas produziert, was es den Ameisen erlaubt, noch viel mehr Ameisen zu machen. Und eines der Dinge, die wir untersuchen, ist, wie natürliche Selektion involviert sein könnte bei der Gestaltung dieses Interaktionsmusters, dieses Netzwerks von Interaktionsmustern, und vielleicht die Effizienz der Futtersuche von Ameisenkolonien fördert.
Ich will, dass sie sich an eine Sache erinnern: Diese Interaktionsmuster sind etwas, von dem sie erwarten würden, dass es eng mit der Grösse der Kolonie verknüpft ist. Die einfachste Idee ist, dass eine Ameise - egal ob in einer kleinen Kolonie oder in einer grossen Kolonie - dieselbe Regel benutzt, nämlich: "Ich erwarte, alle drei Sekunden einen anderen Nahrungssucher zu treffen." Aber in einer kleinen Kolonie wird die Ameise eher weniger Nahrungssuchende treffen, einfach weil es weniger gibt. Das also ist die Art von Regel, die - wenn die Ameisenkolonie älter und grösser wird - in unterschiedlichem Verhalten einer alten und einer kleinen, jungen Kolonie resultieren wird.
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Mit einem staubigen Bagger, einer Handvoll japanischer Filzstifte und einigen Studenten gräbt Deborah Gordon in the Wüste von Arizona Ameisenkolonien aus, dabei sucht sie nach entscheidenden Hinweisen zum Verständnis komplexer Systeme.
Over the course of years spent sucking insects from their nests, color-coding their abdomens with paint pens, and monitoring the movements of individual ants within colonies, Deborah Gordon has made surprising discoveries about the evolution of complex systems. Full bio »
Translated into German by Ralph Straumann
Reviewed by Alex Boos
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22:35 Posted: Apr 2007
Views 522,541 | Comments 84
16:25 Posted: Apr 2007
Views 572,310 | Comments 47
17:25 Posted: Apr 2007
Views 1,040,627 | Comments 297
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